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Streit der Interessen: Wer braucht wann welchen Wasserstand in der Weser?

Kampf um jeden Zentimeter

Wenn der Kiesschubverband Wellen ans Weserufer schiebt, Passagiere auf einem Fahrgastschiff fröhlich zum Ufer winken, drücken Touristen schon mal auf den Auslöser ihrer Kamera. Eine Idylle. Eine Idylle, die trügt. Denn hinter den Kulissen wird bedingt durch den Klimawandel, die immer trockeneren Sommer inzwischen um jeden Zentimeter Wasserstand in der Oberweser gekämpft.

veröffentlicht am 27.05.2014 um 00:00 Uhr

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Auf der Oberweser bahnt sich unterschwellig ein Streit „Fahrgastschifffahrt kontra Frachtschifffahrt“ an, seit es sich abzeichnet, dass die Zahl der Fahrten von Frachtschiffen auf der Oberweser deutlich ansteigen könnte. Mit der Folge, dass häufiger als bisher aus der Edertalsperre für die Frachtschiffe, die unter anderem Maschinen transportieren, eine „Welle“ angefordert wird – wie im vergangenen Jahr bei einer Anlieferung für die Papierfabrik in Alfeld oder jüngst für ein Ersatzteil für das Atomkraftwerk Grohnde. Wasser aus der Edertalsperre, das der Fahrgastschifffahrt nach einem regenarmen Sommer am Ende der Saison fehlt und die Schiffe der „Flotte Weser“ in Hameln damit im wahrsten Sinne des Wortes auf dem Trockenen sitzen könnten.

Eine Situation, an der Politik wie Ministerien nicht ganz unbeteiligt sind. Denn weil Straßen und Brücken immer maroder werden, sind viele Strecken inzwischen für Schwertransporte über 200 Tonnen gesperrt. Das bedeutet, Unternehmen an der Oberweser, die große und schwere Maschinenteile transportieren müssen, weichen auf das Wasser aus. Dr. Rolf-Jürgen Foellmer, Vorsitzender der Interessengemeinschaft Oberweser: „Durch diese Beschränkungen auf der Straße ist die Oberweser für Spezial- und Massengüter wieder interessant geworden“. Doch da diese Unternehmen keine eigenen Frachtschiffe haben, werden die unter anderem in Polen gechartert. Keine Flachgänger, deshalb wird, steht eine Fahrt an, eine „Welle“ mehr Wasser aus der Odertalsperre angefordert, wenn der Wasserstand nicht ausreicht.

Auf der anderen Seite ist die Oberweser als Wassertransportweg herabgestuft worden, das bedeutet, der Bund investiert nicht mehr in die Infrastruktur. Das zu ändern, dafür kämpft die Interessengemeinschaft, die möchte, dass die Oberweser wieder als Schifffahrtsweg eingestuft wird. Das wäre die Kategorie C in der Klassifizierung der Wasserstraßen. Zurzeit ist die Oberweser lediglich eine „sonstige Wasserstraße“, die unterste Stufe. Ab Minden, stromabwärts in Richtung Nordsee rangiert der Fluss bis Bremen in der Rubrik „Ergänzungsnetz“, dann folgt die sogenannte „Blechkistenroute“ für Containerschiffe bis Bremerhaven.

Konflikt auf der Weser: Frachtschiffe kontra Fahrgastschiffe. Im Kern geht es um die Frage, wer wann welche Wasserhöhe braucht. Dana

Das Rintelner Unternehmen Ahe Weserkies hat mit seinem neuen flach gehenden Schubverband, der auch bei Niedrigwasser auf der Weser fahren kann, für sich selbst das Problem gelöst, gewissermaßen aus eigener Kraft. Der Schubverband ist Anfang Mai in Dienst gestellt worden. Für den neuen Schubverband sind die 1,20 Meter am Pegel Hann. Münden, das Bewirtschaftungsziel für die Edertalsperre, kein Problem. Die anderen Frachtschiffe brauchen oft bis zu 1,90 Meter. Der neue Schubverband soll zwar in erster Linie für Kiestransporte eingesetzt werden, dafür ist er auch gebaut worden. Aber Weserkies-Geschäftsführer Sascha Wagener kann sich vorstellen, sein neues Schiff auch für bis zu sechs bis zehn Schwerlasttransporte im Jahr zu verchartern. Auf das Wasser gehen vor allem Unternehmen wie die Richter Maschinenbau AG und die Alstom Power Energy Recovery GmbH. Auch VW hat schon die Oberweser als Transportweg genutzt. Steigen die Frachtraten wie prognostiziert weiter an, fürchten die „Flotte Weser“ ebenso wie die Edertalschifffahrt, ins Hintertreffen zu geraten.

Ähnlich die Situation der Flotte Weser in Hameln. Reeder Jörg Menze soll deshalb schon einen Brief an das Verkehrsministerium geschrieben haben mit dem Tenor, die Oberweser brauche ein zweites, flach gehendes Frachtschiff, das auch ohne Welle aus der Edertalsperre fahren kann, damit am Ende der Saison noch genug Wasser für die Fahrgastschifffahrt bleibt. Menze wollte das in einem Telefongespräch so zwar nicht bestätigen, bekannte sich aber zu dem Problem. Er räumte ein, dass er durch die Entwicklung langfristig die Wirtschaftlichkeit der Fahrgastschifffahrt gefährdet sieht.

Als Frage bleibt, wer investiert in ein flach gehendes Schiff? Die Unternehmen, die auf den Wasserweg verladen, sehen sich nicht als Reeder. Dr. Rolf-Jürgen Foellmer hofft deshalb auf öffentliche Zuschüsse, wie sie schon für einen stationären Portalkran in Hann. Münden gewährt werden. Von hier aus soll Schwergut über die Weser an die Großhäfen im Norden verschickt werden. Im April ließ sich Niedersachsen Wirtschaftsminister Olaf Lies sogar persönlich über das Projekt informieren. Bei dem Pressetermin räumte Lies mit Blick auf die Herabstufung der Oberweser ein: Die Zahlen aus der Vergangenheit könne man sicher nicht einfach auf die Zukunft umlegen.

Ahe-Weserkies-Chef Wagener ist nicht so optimistisch, dass sich das Land über den Hann. Mündener Hafen hinaus für ein Frachtschiff engagieren könnte. Ahe Weserkies habe vor dem Bau des neuen Schubverbandes in Brüssel, Berlin wie Hannover nachgefragt, aber kategorisch „Nein“ gehört. „Wir mussten das selbst in die Hand nehmen.“ Weder EU noch Bund oder Land seien bereit gewesen, wenigstens die Forschungsarbeiten für das neue Schiff, den Prototyp zu bezuschussen. Und das, obwohl anlässlich der Expo 2000 ein flach gehendes Frachtschiff als externes Expo-Projekt ein großes Thema war. Allerdings für die Elbe.

Ob Ahe-Weserkies hier einsteigt? Wagener ist skeptisch: „Wir sind keine Reeder.“ Und vor einem weiteren Neubau müsse man erst einmal beobachten, wie sich das Geschäft entwickelt. Denn bisher, so Wagener sei er noch nicht davon überzeugt, dass die Frachtraten auf der Oberweser deutlich über das bisherige Niveau ansteigen.

Reeder Menze in Hameln sieht das ganz pragmantisch so: Gäbe es zumindest ein weiteres flach gehendes Frachtschiff auf der Oberweser, dann „wären wir alle glücklich“.



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