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Kaltstart: Vom Sofa auf den Sportplatz

Es ist im Grunde ganz einfach: Das Sportabzeichen verlangt nach fünf altersgerechten Prüfungen, die im Laufe eines Kalenderjahres erfüllt werden müssen. Gewählt werden kann aus 14 Sportarten. Aber wie leicht ist es für einen Untrainierten, die höchste sportliche Auszeichnung außerhalb des Wettkampfsports zu erringen? Unser Autor (51 Jahre, 88 Kilo) hat den Selbstversuch gewagt.

veröffentlicht am 18.05.2012 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 29.05.2017 um 17:49 Uhr

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Die Bilanz nach der ersten Stunde auf dem Sportplatz fällt zwiespältig aus: Nach 600 Metern habe ich auf der Gegengeraden eine Nahtod-Erfahrung. Beim 50-Meter-Sprint werde ich von einem Elfjährigen geschlagen. Immerhin wird bei meinen acht Versuchen mit dem Schleuderball niemand verletzt.

Zugegeben: Das ist nicht der eleganteste Einstieg in eine Geschichte; schließlich besagt eine Journalisten-Regel, dass man nicht von sich selbst berichtet. Aber sie soll hier einmal außer Acht gelassen werden, denn schließlich lautet die Frage: Komme ich über das Sportabzeichen wieder zum Sport?

Das jedenfalls hat Michael Sauer behauptet, der es als Sportabzeichenreferent des Kreissportbundes Schaumburg schließlich wissen muss. Mein erster Versuch in Rehren, siehe oben, scheitert schmählich, aber das war nicht anders zu erwarten, auch wenn ich eine Millisekunde lang gehofft habe, ich gehe da hin, sage artig Hallo und lege dann in zehn Minuten meine Prüfungen ab. Erfolgreich, versteht sich.

Hüpfen, Springen, Werfen, aber auch Wandern und Fahrradfahren: Wer das Sportabzeichen ablegen möchte, darf wählen. Die Attraktivität der Traditionsmarke soll zum 100-jährigen Bestehen im Jahr 2013 durch neue Angebote weiter gesteigert werden. Fotos: rnk/pr.

Aber so läuft es nicht, so darf und soll es ja auch nicht laufen, schließlich steht vor dem Erfolg erst einmal die Anstrengung, das Bemühen, das Training. Immerhin, in Rehren sind die Prüfer sehr nett, das wird schon, sagen sie.

Vier Tage später stehe ich am Rand des Schwimmbads in Obernkirchen. Schwimmen ist ein zentraler Bestandteil des Sportabzeichens, im Becken lassen sich später sicherlich mehrere Prüfungen erfolgreich absolvieren. Als Kind und Jugendlicher bin ich gern und viel geschwommen, nach ein paar Bahnen stellt sich ein bekanntes Gefühl ein, wie Beine und Arme und Körper und Kopf zu koordinieren sind. Das gute Gefühl nach 20 Bahnen soll mich durch die nächsten Tage tragen, beschließe ich. Was ich nicht weiß: Ich werde es brauchen, aber dazu später mehr.

Weil seit meinen letzten sportlichen Aktivitäten nicht nur das russische Reich unterging, sondern auch das Internet erfunden wurde, informiere ich mich dort. Am Anfang soll man sich kleine Ziele setzen, lese ich, denn die meisten Sportler nehmen sich einfach zu viel vor, wenn sie das Sofa verlassen und ihre Sportschuhe aus dem Keller holen. Dabei sei es schon ein Erfolg, wenn ich nach Jahrzehnten der sportlichen Abstinenz fünf bis zehn Minuten zügig gehen oder laufen könne. Daher beschließe ich spontan, an der nächsten Wanderung des Kneipp-Vereins Obernkirchen teilzunehmen, die in Deckbergen startet. Die Wanderung findet auf der Dreiburgen-Route statt und ist erst einmal eine glatte Mogelpackung: Die Osterburg gibt es nicht mehr, die Paschenburg ist keine Burg, sondern eine Waldförsterei, nur die Schaumburg existiert noch. Die Wanderung geht über gefühlte 25 Kilometer, in Wahrheit sind es nur sieben, aber es sind deutliche Höhenunterschiede zu überwinden, die mir spürbar zu schaffen machen. Laut rasselt mein Atem nach dem letzten Anstieg.

Am sechsten Tag meines Selbstversuches verbringe ich die Mittagszeit nicht mehr im Dönerladen meines Vertrauens, sondern im Wald: Mehrmals in der Woche kurz ins Schwitzen zu kommen, das bringt mehr, als sich einmal in der Woche für eine halbe oder ganze Stunde beim Joggen abzuhetzen.

„Jeder kann es schaffen. Jedes Jahr.“ So steht es auf der Seite des Kreissportbundes, dort werden auch vier „Richtig-fit“-Regeln für mehr Lebensqualität durch Sport verraten:

1. Mach es regelmäßig.

2. Mach es richtig.

3. Mach es mit Maß.

4. Mach es mit Spaß.

Wichtiger als die Prüfungen, so meint der Kreissportbund, ist die Vorbereitung auf das Sportabzeichen, die sich über einen längeren Zeitraum erstrecken sollte: „Zwei- bis dreimal pro Woche ist besser als ein noch so ausgiebiger Sport allein am Wochenende oder nur im Urlaub. Gemeinsam mit Gleichgesinnten und unter fachkundiger Anleitung ist das Training effektiver, schöner und spannender.“

Training hilft, das merke ich beim Schwimmen. Nachdem ich sechsmal die 1000-Meter-Strecke geübt habe, frage ich am siebten Tag bei der Aufsicht nach: Kann ich hier und jetzt die Prüfung ablegen? Nach der bejahenden Antwort schwimme ich 20 Bahnen und bleibe unter der Zeit von 36 Minuten – bestanden. Supergefühl.

Ein Anruf bei Eugen Kruska. Der Obernkirchener hat 1943 das erste Mal das Sportabzeichen abgelegt, in diesem Jahr will er es zum 56. Mal schaffen, drei Prüfungen hat der 86-Jährige schon erfolgreich abgelegt. „Es ist wie eine Sucht im positiven Sinne“, sagt der Obernkirchener, „und der Beweis, dass man auch als alter Menschen noch etwas zu leisten vermag.“ Kruska geht jeden Tag schwimmen, spielt bei den MTVO-Jedermännern im Tor (oder im Sturm, da kann er mit seiner Erfahrung auch einiges kompensieren) und hat für die 1000 Meter im Schwimmbecken auch 36 Minuten benötigt. Erlaubt sind 57, er hätte zwischendurch noch locker essen gehen können.

Kein Sportabzeichenbericht ohne Zahlen: Seit 1978 wurden vom Kreissportbund 105 104 Urkunden verliehen. Aber die absoluten Zahlen sinken: Waren es 2006 noch 4655 Schaumburger, die die Prüfung ablegten, so fiel sie bis 2010 auf 3699; ein Rückgang, der fast allein bei den Jugendlichen verortet werden konnte. Denn auch die Zahl der beteiligten Schulen sank im gleichen Zeitraum: von 25 auf 21, von 2473 Schülern, die erfolgreich mitmachten, auf 1609. Im letzten Jahr stieg die Zahl der Schulen und der erfolgreichen Jugend-Ableger wieder.

Generell war das Deutsche Sportabzeichen auch 2011 ein Magnet für die Breitensportler. Etwa zwei Millionen Menschen haben sich im Vorjahr den Anforderungen des Fitnessordens gestellt. Knapp die Hälfte hat es geschafft: 891 706-mal wurde es verliehen. So lautet die aktuelle Statistik, die traditionell zum Auftakt der Sportabzeichen-Tour 2012 vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) vorgestellt wurde.

Ein weiterer Anruf, diesmal beim Vorsitzenden des Schaumburger Kreissportbundes, Dieter Fischer: Warum nehmen immer weniger Schulen am Sportabzeichen teil? „Das sag ich Ihnen ganz deutlich“, erklärt Fischer: „Das hängt mit den an den Schulen tätigen Personen zusammen.“ Den Lehrern also? „Den Lehrern, richtig“, bestätigt der Vorsitzende, „es werden immer weniger ausgebildete Sportpädagogen, das macht sich dann in der Zahl der teilnehmenden Schulen bemerkbar.“ Fischer verweist auf die Grundschule in Obernkirchen: Dort gebe es beispielsweise eine Pädagogin, die sich sehr stark im Sport engagiere – und schon sei die Grundschule eine landesweit vorbildliche Sportschulstätte. „Sie meinen Heike Radecke?“ Fischer: „Ja, ich meine Frau Radecke.“

Ein dritter Anruf, er gilt natürlich Heike Radecke. Ja, bestätigt die Grundschullehrerin, das Sportabzeichen macht den Lehrern zusätzliche Arbeit, es ist auch Bürokratie. „Aber wir haben uns dafür entschieden, an unserer Schule diesen Weg zu gehen, weil er gut für die Schüler ist.“

Zurück auf dem Sportplatz. Ich hätte auf den Kreissportbund und seinen Mach-es-richtig-Ratschlag hören sollen, denn am dritten Trainingstag auf dem Rehrener Sportplatz kann ich zwar mit dem Schleuderball fast die erforderliche Weite erreichen, aber in der Euphorie trete ich noch zum 50-Meter-Sprint an – und zerre mir den Oberschenkel. Mehrere Tage humpele ich deprimiert durch die Gegend. Das ist zweifach dämlich: Erstens macht man sich vor dem Lauf warm, das weiß jedes Kind, zweitens kann und will ich in dieser Kategorie ja die Prüfung mit dem Schleuderball schaffen, Sprint ist hier völlig überflüssig. Und dann passiert etwas. Mein langsamer Gang bleibt nicht unbemerkt ich werde angesprochen, ich gebe Auskunft. Und ernte nicht Mitleid, weil ich mich wie ein Sporttrottel benommen habe, sondern Respekt. Erstens, weil ich überhaupt laufe. Damit beweise ich, dass ich fit bin für den Arbeitsmarkt. Wer sich tapfer und diszipliniert auf die neue Lust am Leiden einlässt, der beweist, dass er auch im täglichen Beruf seinen Mann steht, dass er ein selbst kontrollierter Sieger ist, der sich so richtig zu schinden weiß.

Zweitens: Eine Sportverletzung adelt. Und sie adelt doppelt, weil ich sie mir beim Laufen zugezogen habe. Denn man joggt heute nicht mehr, nein, heute läuft man. Joggen, das klingt nach alten Klamotten, nach Schweißband und Schlabber-Shirt. Laufen, das ist modern, das klingt nach etwas, das ist echtes Hightech. Und das kann man auch gerne mal laut in die Tiefe des voll besetzten Raumes hineinsagen: Hey, ich laufe.

Das klingt nach einem Ziel. Nach einem Marathon.

In New York.

Irgendwann jedenfalls.

Bis dahin bleibe ich dem Sport erst einmal treu, denn eins habe ich den vier Wochen mit dem Sportabzeichentraining gelernt: Der Weg ist das Ziel. Und das fühlt sich durchaus gut an.

Ach ja: Nach vier Wochen immer noch 51 Jahre alt, aber jetzt 84 Kilo schwer.



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