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Vierteilige Serie – heute: Einsatz als Archivar in Hämelschenburg und als Archäologin in Bevern

Jobs im Schloss: Wenn Geschichte zur Leidenschaft wird

HÄMELSCHENBURG. Während andere sich mit Mitte 60 zur Ruhe setzen und sich entweder langweilen oder ihre Welt völlig auf den Kopf stellen, hat Burkhart von Reden ganz anderes im Sinn. Der 75-Jährige ist der Archivar des Schlosses Hämelschenburg und er möchte dieses besondere Ehrenamt ausführen, so lange es nur geht.

veröffentlicht am 18.07.2018 um 15:46 Uhr
aktualisiert am 19.07.2018 um 15:20 Uhr

Archivar Burkhart von Reden fand auf Schloss Hämelschenburg alte Kochrezepte. Foto: Schloss Hämelschenburg

Autor:

Birte Vogel
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Schlösser hatten einst ganze Scharen von Bediensteten. Die sorgten nicht nur dafür, dass die adligen Herrschaften in trockenen, warmen und aufgeräumten Gemächern residieren konnten. Sie trugen auch entscheidend zum Erhalt dieser einzigartigen Bauten bei. Doch wie sieht die Arbeit auf dem Schloss im 21. Jahrhundert aus? Haben Industrialisierung und Digitalisierung daran entscheidend etwas geändert? Wie wird ein Schloss heute geführt? Wer arbeitet dort, und welche Aufgaben haben diese Menschen heute? Wir haben dafür einmal hinter die Kulissen geschaut: Zum ersten Mal geben Menschen von sieben sehr unterschiedlichen Schlössern einen exklusiven Einblick in ihre Arbeitsplätze und darin, was das Arbeiten auf einem Schloss für sie bedeutet. Heute: Archivar Burkhart von Reden auf Schloss Hämelschenburg und Jana Hamid, Archäologin auf dem Weserrenaissance Schloss Bevern.

Während andere sich mit Mitte 60 zur Ruhe setzen und sich entweder langweilen oder ihre Welt völlig auf den Kopf stellen, hat Burkhart von Reden ganz anderes im Sinn. Der 75-Jährige ist der Archivar des Schlosses Hämelschenburg und er möchte dieses besondere Ehrenamt ausführen, so lange es nur geht.

Der Historiker und Buchhändler kennt das Rittergut seit seiner Kindheit. Hier verbrachte er viele Ferien und spielte zusammen mit dem heutigen Schlossherrn, Lippold von Klencke. Dank seiner Herkunft und einer sehr engagierten Deutschlehrerin hatte er schon immer ein großes Interesse an Archiven. Doch reichte das Geld seiner Eltern nach dem Krieg nicht für ein Archivstudium. Als er dann Germanistik, Geschichte und historische Hilfswissenschaften studierte, wurde ihm dennoch alles beigebracht, was man über Archive wissen musste.

Schmuckstück: Das Schloss Hämelschenburg. Foto: Schloss Hämelschenburg
  • Schmuckstück: Das Schloss Hämelschenburg. Foto: Schloss Hämelschenburg
Foto: Schloss Bevern
  • Foto: Schloss Bevern
Archäologin Jana Hamid an ihrem Arbeitsplatz im Schloss Bevern: Seit 2018 untersucht sie Fundstücke aus der Region und dokumentiert sie. Foto: Schloss Bevern
  • Archäologin Jana Hamid an ihrem Arbeitsplatz im Schloss Bevern: Seit 2018 untersucht sie Fundstücke aus der Region und dokumentiert sie. Foto: Schloss Bevern

Lippolds Mutter, Viktoria von Klencke, fragte ihn 1973, „ob ich nicht einmal hauptamtlich die Schlossbibliothek katalogisieren und das Archiv auf Vordermann bringen könnte“, erzählt von Reden. „Damals waren Aktenbündel übereinandergestapelt und irgendwie in Fächer gestopft. Durch einen Brand 1544 und mehrere Umbauten des Schlosses war hier alles durcheinandergekommen. Manches war auch feucht geworden und schimmelte.“

Durch einen Brand 1544 und mehrere Umbauten des Schlosses war hier alles durcheinandergekommen.

Burkhart von Reden, Archivar Schloss Hämelschenburg

Er stürzte sich mit Freuden in diese Arbeit. Zunächst musste er sämtliche Akten sichten und dann ordnen, was gar nicht so einfach war, wie er sagt: „Es gab viele individuelle Schreibstile, manche Chronisten hatten eine regelrechte Klaue!“ Doch ihm kam zugute, dass er während seines Studiums beim stellvertretenden Direktor des Staatsarchivs Wolfenbüttel alte Schriften lesen gelernt hatte. Viele Akten von Hämelschenburg sind dem Brand im Mittelalter zum Opfer gefallen, andere während der Plünderungen im Siebenjährigen Krieg verschwunden. Und manche Generation interessierte sich nicht groß für die Geschichte des Hauses und warf weg, was bei einem Wasserschaden aufgeweicht war. Doch von Reden lässt sich davon nicht unterkriegen: „Es ist eine ausgesprochen faszinierende und erfreuliche Tätigkeit. Ich kann den Schlossherrn mit Daten und Fakten für seine Vorträge versorgen oder die Schlossführungen mit interessanten Anekdoten anreichern. Manche Räuberpistole kann ich sogar anhand der Akten widerlegen“, so der Archivar. „Selbst bei Unklarheiten über Wegeführung oder -Instandhaltung kann ich aufgrund der Akten nachweisen, wo die Zuständigkeiten liegen oder der Denkmalbehörde über vergangene Vorkommnisse Auskunft geben. Und Funde von alten Kochrezepten führten zur Herausgabe eines Hämelschenburger Kochbuches für den Museumsshop.“ So ist sein Beruf kein verstaubter, sondern einer von hoher Relevanz für das Heute. Besonders wichtig war ihm persönlich eine Erkenntnis: „Die alten Briefe und Aufzeichnungen zeigen mir, dass es den Menschen damals sehr viel schlechter ging als uns. Wir jammern heute auf einem sehr hohen Niveau.“ Und weil von Reden weiterhin dabei ist, die alten Akten zu ordnen und zu erhalten, werden auch die nachfolgenden Generationen noch vieles über die Geschichte und für ihr Leben lernen können.

Geschichte ist auch Jana Hamids Leidenschaft. Sie studierte vorderasiatische Archäologie und stand kurz vor dem Abschluss ihrer Magistra, als Bomben nicht nur ihre Heimatstadt, das syrische Aleppo, sondern auch ihre Universität trafen und viele ihrer Freunde ums Leben kamen. Jana Hamid war die letzte aus ihrer Familie, die noch in der Stadt ausharrte. Doch dann musste sie alles hinter sich lassen, was ihr noch etwas bedeutet hatte.

In meinem Beruf in einem so alten Gemäuer mit so schönen Fassaden jetzt mit Funden aus alter Zeit arbeiten zu dürfen, ist perfekt.

Jana Hamid, Archäologin Schloss Bevern

Deutschland hatte ihr schon früh imponiert, sagt sie: „Es ist ein Wunder, wie die Menschen hier nach dem Krieg ihr Land wieder so erfolgreich aufgebaut haben.“ Und als ihre Flucht schließlich in Holzminden ein Ende fand, lernte sie in kürzester Zeit nicht nur die deutsche Sprache, sondern stieg so schnell wie nur möglich wieder ein in ihr Fachgebiet, die Archäologie. Auf dem Weserrenaissance Schloss Bevern fand sie einen neuen Ankerpunkt. „Ich fühle mich hier sehr, sehr wohl. Und dass ich auch noch als Archäologin arbeiten kann, ist einfach toll.“ Nach einem Freiwilligen Sozialen Jahr in der Kreisarchäologie des Landkreises Holzminden hat die 28-Jährige Anfang 2018 eine freigewordene Stelle übernehmen können. Dass sie noch dazu auf einem Schloss arbeitet, beglückt sie: „Dieses Schloss hat so viel erlebt. In meinem Beruf in einem so alten Gemäuer mit so schönen Fassaden jetzt mit Funden aus alter Zeit arbeiten zu dürfen, ist perfekt. Ich fühle mich im Schloss richtig zu Hause und komme jeden Tag wieder total gerne hierher.“ Doch Hamid ist auch viel unterwegs, denn ihr Job ist es nun, fernab ihrer ursprünglichen Heimat, die Geschichte des Landkreises zu finden und aufzuarbeiten. Momentan gräbt sie mitten in Holzminden mit einer Gruppe ehrenamtlicher Helfer Funde aus dem 17. und 18. Jahrhundert aus, bevor dort etwas Neues gebaut wird. „Die Vergangenheit ist Teil der Identität eines Volkes“, sagt sie „Ohne die zu kennen, kann man doch nicht leben. Wenn ich hier nicht grabe, dann geht dieser Teil unserer Geschichte und unserer Kultur für immer verloren. Dann wird niemand mehr wissen, was hier einmal geschah und was wir heute daraus lernen können.“

Ja, sie sagt „wir“ und „unsere Geschichte und Kultur“. Denn Jana Hamid ist angekommen. „Es ist nicht immer leicht als Frau in der Archäologie, aber wir sind hier ein tolles Team, im Schloss und bei der Grabung.“ Und auch wenn der Traum, ihre Magistra noch machen zu können, nicht ausgeträumt ist, will sie auf jeden Fall in der Kreisarchäologie und im Schloss bleiben. Noch einmal neu anzufangen, noch ein Zuhause aufzugeben, erst recht ein so schönes – das kann und will sie sich gar nicht vorstellen.



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