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Jeden Dritten versetzt das Bohren in Panik

Archäologische Forschungen haben ergeben: Schon vor rund 9000 Jahren wurde in der Zahnmedizin gebohrt. Damals allerdings noch per Hand. Vor 135 Jahren, am 26. Januar 1875, erhielt der Amerikaner George Green das Patent auf den ersten elektrischen Bohrer. Patienten der damaligen Zeit fürchteten sich in den darauffolgenden Jahren aber nicht so sehr vor dem Bohren selbst, obwohl die Größe des Geräts schon furchterregend gewesen sein soll, sondern vor allem vor den von der elektrischen Bohrmaschine ausgehenden Stromschlägen, die sowohl Patient als auch Zahnarzt häufig erhielten. Nicht zuletzt wegen dieser unerwünschten Nebenwirkungen war der so genannte Tretbohrer, der ähnlich wie eine Nähmaschine funktionierte, dann viele Jahrzehnte lang der Standard. Erst in den 1960er Jahren setzte sich der elektrische Bohrer in den Zahnarztpraxen endgültig durch.

veröffentlicht am 28.02.2011 um 15:55 Uhr
aktualisiert am 28.02.2011 um 17:11 Uhr

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Die technologische Entwicklung der letzten 50 Jahre hat auch die Möglichkeiten und Arbeitsweisen der Zahnärzte nachhaltig beeinflusst. Im Kern jedoch, so die Experten, gelte der Bohrer bei einer Kariesbehandlung immer noch als die klassische Behandlungsform und sei unter bestimmten Voraussetzungen unverzichtbar. Allerdings müsse man hinsichtlich der Behandlung die Stadien unterscheiden, wie weit fortgeschritten die Karies sei, so die Fachleute. Alternative Behandlungsformen, wie zum Beispiel der Laser, hätten bei der Kariesbehandlung ihre Grenzen.

Die Hamelner Zahnärztin Dr. Maike Krause nennt Vorteile der Kariesbehandlung mit einem Laser: „Zunächst kann man bei der Laserbehandlung auf eine Betäubung verzichten, denn sie ist wesentlich schmerzärmer als das Bohren, zudem bleibt das typische Bohrerrütteln aus.“ Aber nicht bei jeder Karies komme der Laser in Betracht. „Metall und große Füllungen lassen sich mit dem Laser zum Beispiel nicht behandeln.“ Zur Verfügung stünden unterschiedliche Laser, deren Einsatzmöglichkeiten immer weiterentwickelt werden. Es gibt aber auch Fachärzte, die betonen, dass die Kariesbehandlung mit dem Laser keineswegs schmerzfrei sei.

Es ist aber nicht nur die Angst vor dem Bohrer, die den Zahnärzten jeden Tag in ihren Praxen begegnet, wie Dr. Rainard Scheele feststellt: „Einige Patienten haben auch Angst vor der Betäubungsspritze, und bei wieder anderen ist die Angst gänzlich indifferent.“ Studien zufolge hat jeder dritte Deutsche Angst vorm Zahnarzt, und bei jedem zehnten nimmt diese Angst sogar panische Züge an. Während Krause es in ihrer Praxis relativ häufig mit Dentophobikern zu tun hat, sind es in Scheeles Behandlungsräumen eher wenige. Dieses uneinheitliche Bild sei unter anderem dem Umstand geschuldet, dass die Leistungsangebote der Zahnärzte unterschiedlich seien und die Behandlungsschwerpunkte individuell gesteckt würden. Zahnärzte, die zum Beispiel Behandlungen mit Vollnarkose anböten, würden wesentlich häufiger von Dentophobikern aufgesucht als solche, die keine Vollnarkose im Leistungskatalog hätten.

Auch der in Bad Münder praktizierende Zahnarzt Olav von Scheidt verfügt über einen Laser, setzt diesen aber nicht zu Kariesbehandlungen ein. „Bei Wurzelbehandlungen, Paradontitis und in der Chirurgie nutze ich den Laser, aber bei Karies ist aus meiner Sicht das konventionelle Verfahren, also das Bohren, das effektivste.“ Aber der Laser – da ist sich der Dentist sicher – werde in der Zukunft in der Zahnmedizin als Unterstützung der herkömmlichen Behandlungsmethoden zunehmend an Bedeutung gewinnen.

In den vergangenen Jahren tauchten immer wieder Meldungen in den Medien auf, die jeden Dentophobiker aufhorchen ließen: Kariesbehandlung ohne Bohren sei möglich. Bohren ohne Bohren – geht das? Ja, meinen die befragten Zahnärzte, das geht, aber… Alle Zahnärzte betonen dieses „aber“ mit Nachdruck, denn die Gefahr, dass alle Kariespatienten mit ausgeprägter Angst vorm Zahnarzt glaubten, von dieser Behandlungsmöglichkeit profitieren zu können, ist groß.

Denn infrage kommen für diese Behandlung nur Patienten mit einer beginnenden oder leichten Karies. Scheele: „Es handelt sich bei diesem Verfahren um die sogenannte Kariesinfiltration, bei dem die betroffenen Stellen zunächst mit einem Gel vorbehandelt werden.“ Danach könne ein flüssiger Kunststoff durch den porösen Zahnschmelz dringen und schließlich mit einer Lampe ausgehärtet werden. So werde der Zahn quasi von innen stabilisiert. „Wenn sich dieses noch relativ junge Verfahren in den nächsten Jahren bewährt, dann ist das nicht nur für die ängstlichen Patienten ein Gewinn, sondern auch für alle anderen, weil wir so nämlich in diesen Fällen von einer Eröffnung des Zahns absehen können“, meint von Scheidt.

Abgesehen von der noch relativ geringen Zahl von Zahnärzten, die dieses Verfahren in ihren Praxen anbieten, wird für die meisten Kariespatienten das schrille Kreischen der Kariesfräse daher unausweichlich sein. Denn eines beobachten die Experten immer wieder: Die Angst vorm Zahnarzt sei bei vielen Betroffenen so groß, dass sie Termine platzen ließen und erst dann vorstellig würden, wenn der Schmerz zu groß werde. Dann allerdings könne man in der Regel aber nicht mehr von einer beginnenden Karies sprechen.

Vor einigen Jahren schien ein anderes aus Schweden stammendes Verfahren die Kariesbehandlung ohne Bohren möglich zu machen. Bei dieser Behandlung wird dem Patienten eine Substanz auf die von Karies befallen Stellen aufgetragen. Nach einer kurzen Einwirkzeit kann der Zahnarzt die Kariesschicht nach und nach auskratzen. Bereits zur Jahrtausendwende mehrten sich allerdings kritische Stimmen. Namhafte Professoren, wie zum Beispiel der in Kiel lehrende Hans-Karl Albers, äußerten Bedenken: „Ob es mit diesem Verfahren gelingt, tatsächlich sämtliche erkrankte Substanz säuberlich vom intakten Zahnbein zu trennen, ist nicht garantiert“, so Albers. Zudem: Um eine korrekte Füllung einsetzen zu können, müsse man nach einer solchen Behandlung die Ränder des behandelten Zahns glatt schleifen, sodass bei dieser Behandlung auf einen Bohrer nicht verzichtet werden könne.

Unabhängig davon, wie groß die Angst eines Patienten vor dem Zahnarzt und der notwendigen Behandlung ist: Die Entscheidung, welches Verfahren zum Einsatz kommt, hängt vor allem vom Stadium der Karies ab. Je früher ein Kariesbefall entdeckt werde, desto größer sind die Alternativen für den Patienten. Alle Zahnärzte sind sich der Ängste ihrer Patienten bewusst, können aber diese Ängste nur abbauen, wenn der Patient zu einem Termin erscheint oder zumindest mit den Fachleuten ins Gespräch kommt.

Scheele: „Ich kann als Zahnarzt dem Patienten eine Behandlung empfehlen, die Entscheidung trifft er aber selbst, und auch bei der Behandlung selbst kommt es für mich immer darauf an, den Patienten die Behandlung so angenehm wie möglich zu gestalten.“ Wenn ein auf dem Stuhl liegender Patient beispielsweise die Hand hebe, dann höre er unverzüglich mit der Behandlung auf. Jedoch: „Ich kann einem Patienten nur eine Behandlung aus fachlicher Sicht empfehlen und ihm Angebote machen. Wenn er eine andere Behandlung wünscht, dann kann ich diesem Wunsch nur entsprechen, wenn ich die Behandlung aus zahnärztlicher Sicht vertreten kann.“

Die Zahnärzte setzen deswegen auf Information sowie eine individuelle und umfangreiche Beratung. Vor allem auch hinsichtlich der Kosten, die durch eine Behandlung entstehen können, denn weder die Kariesbehandlung mit dem Laser noch die Kariesinfiltration sind Kassenleistungen, sodass der Patient bei diesen Methoden selbst zur Kasse gebeten wird. Bei dem Großteil der Laserbehandlung entstehen Kosten zwischen 25 bis 150 Euro pro Behandlung, bei der Kariesinfiltration sind es rund 100 Euro pro Behandlung.

Doch wie die Angst vorm Zahnarzt generell abgebaut werden kann, lässt sich so einfach nicht beantworten. Wer sich beispielsweise an das Geräusch eines Bohrers erst gewöhnen möchte, der kann sich auf dem medizinischen Internetportal www.doccheck.com den Bohrer als Klingelton fürs Handy herunterladen. Einige Psychotherapeuten haben sich zudem auf Phobien spezialisiert, doch auch sie betonen, dass ein einfühlsamer Zahnarzt Sorge dafür tragen könne, dass Ängste gar nicht erst wachsen.

Neben der Angst vor Spinnen und anderen Tieren sowie der Flug- und Platzangst gehört die Angst vorm Zahnarzt, die Dentophobie, zu einer der häufigsten Phobien in Deutschland. Die Ursachen für diese Angst eines Menschen sind vielfältig, zahlreichen Dentophobikern jedoch ist eines gemein: Das Geräusch des Bohrers flößt ihnen Angst ein.



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