weather-image
15°

Durch Ankäufe und Schenkungen erweitert

Jede Menge alte Bücher: Die Geschichte der Hamelner Stiftsbibliothek

15319 Bände umfasst die Hamelner Stiftsbibliothek. Seit 1945 sind diese Bestände, gesammelt seit Ende des 15. Jahrhunderts, der Stadtbücherei angeschlossen und werden nicht weiter ausgebaut. Wir werfen einen Blick in die Geschichte der sogenannten „Rats- und Gymnasialbibliothek“.

veröffentlicht am 27.01.2017 um 16:19 Uhr

Bücher aus der Stiftsbibliothek (Stadtbücherei Hameln). Foto: Hans Regenauer

Autor:

Viktor Meissner
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der DEWEZET? Dann melden Sie sich hier mit Ihren DEWEZET -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

Bei den Recherchen zur Geschichte der sogenannten „Rats- und Gymnasialbibliothek“ zeigte sich, dass nur wenige Quellen vorhanden sind, wie auch schon Gerhard Krätsch, damaliger Leiter der Stadtbücherei, in einem Aufsatz feststellte (Jahrbuch des Museumsvereins 1991, S. 22ff). Unklarheit herrscht auch über die einzelnen Begriffe: Stiftsbibliothek, Ministerialbibliothek, Schulbibliothek. Fakt ist lediglich, dass die heutige Bibliothek aus mehreren Büchereien und Buchgeschenken entstanden ist.

Nach aktueller Quellenlage scheint es wohl eine Stiftsbibliothek unter der Obhut des Stiftes St. Bonifatius gegeben zu haben. Diese war sicherlich älter als die von Sprenger (Geschichte der Stadt Hameln 1925) erwähnte Ministeralbibliothek, von der er berichtet, dass sie vor der Reformation „Bibliothek der Vikare“ genannt wurde und die Ende des 15. Jahrhunderts gegründet worden sei. Es ist nämlich unwahrscheinlich, dass es vor diesem Zeitpunkt keinerlei Bücher, weder im Stift noch in der 1133 gegründeten Schule gegeben haben soll.

Das christliche Mittelalter war eine mündlich geprägte Welt. Die Schrift wurde als Fortführung der Sprache verstanden und erst im Hochmittelalter zum Alltagsgut. Unter anderem nutzte man die Schrift, um Gewohnheitsrechte in volkstümlicher Sprache aufzuzeichnen, wie dies z.B. mit dem Sachsenspiegel des Eike von Repgow geschah, einem mittelalterlichen Rechtsbuch, das über Jahrhunderte bis auf unsere Zeit die Rechtsprechung prägte.

2 Bilder
Münsterkirche und Lateinschule von Südosten gesehen – Aquarell von Wendelstaedt um 1820/25 (Sammlung Friedrich-Karl Bauer)

Klöster waren in jener Zeit die wissenschaftlichen Zentren in der ansonsten ländlich geprägten Welt. Hier entstanden in den Skriptorien, den Schreibstuben, in teilweise jahrelanger Handarbeit Abschriften meist religiösen Inhaltes, aber auch Profanwerke. Kurios dabei war, dass der Kopierer nicht unbedingt des Schreibens kundig sein musste, sondern akribisch genau die einzelnen Buchstaben einfach abmalte.

Karl der Große hatte 789 bestimmt, dass an allen Klöstern und Bischofssitzen eine Schule einzurichten sei. Diese Klosterschulen blieben für lange Zeit die einzigen Bildungsanstalten und ließen ab dem 9. Jahrhundert zunehmend auch solche Schüler zu, die kein geistliches Amt anstrebten. Daneben entstanden in den Städten Stiftsschulen; die sogenannten Lateinschulen bezeichneten im engeren Sinne alle Einrichtungen der höheren Bildung, da Latein die „lingua franca“ (wörtlich: fränkische Sprache – allgemeine Verkehrssprache wie heutzutage das Englische) der Wissenschaft war. Ab dem 11. Jahrhundert verloren die Klosterschulen an Bedeutung, da sie sich gegen die Verweltlichung und gegen Außenkontakte sträubten.

Einrichtung der Hamelner Schule

Die Hamelner Stiftsschule ist 1133 gegründet worden, so berichtet es Sprenger in seiner 1826 erschienenen Geschichte der Stadt Hameln; wie er weiter vermerkt, wird aber anfangs wohl nicht viel mehr als Latein und notdürftiges Schreiben und Lesen gelehrt worden sein.

Der Erfolg der Schule wuchs aber und bereits 1284 wird ein Magister scholarum erwähnt. Als Lehrkräfte betätigten sich die Vikarien (= theologische Hilfskräfte / Stellvertreter), von denen der oberste den Titel „Rector“ erhielt.

Anfangs hatte der Rat der damals noch jungen Stadt für Schriftsachen einen Mönch verpflichten müssen, da niemand des Schreibens kundig war. Das änderte sich aber und schon bald konnte der Magistrat einen Schreiber aus den eigenen Reihen wählen und war nicht mehr auf die Hilfe des Stiftes angewiesen.

1487 gerieten Stift und Magistrat über das Schulreglement in Streit; der Magistrat versuchte die Leitung der Schule an sich zu ziehen, was zwar auch für kurze Zeit gelang, aber bald übernahm das Stift wieder die Hoheit und verpflichtete umherziehende Schulmeister zum Unterricht. Sprenger vermerkt bitter, dass dadurch die Ausbildungsqualität sank und die Muttersprache Deutsch immer mehr vernachlässigt wurde, da man Latein für ungleich wichtiger hielt.

Mit dem Beginn der Reformation in Hameln besetzte der Hamelner Bürgermeister Moller die Lehrerstellen mit Protestanten und entfernte gleichzeitig die katholischen Vikare aus den Lehrstühlen.

Das Schulgebäude

Wann der Kreuzgang an der Münsterkirche gebaut wurde, bleibt im Dunkel der Geschichte; es wird wohl um 1300–1350 gewesen sein. In einem Stiftsbuch ist lediglich angegeben, dass er 1433 geweißt und 1699 repariert worden ist, bis dann schließlich am 8. August 1760 zugunsten der Festung mit dem Abbruch begonnen wurde. Das Material fand Verwendung beim Festungsbau und das Stiftskapitel erhielt 140 Reichstaler als Entschädigung.

Durch den Kreuzgang gelangte man zum alten Klostergebäude, in dem später nach Auszug der Vikare der Schlafsaal für die Schüler und die Stiftsschule eingerichtet wurden. Dieses später als „Lateinschule oder Stiftsschule“ bekannt gewordene Haus muss ziemlich zeitgleich mit dem Bau des Kreuzganges errichtet worden sein. Es wurde zwischen 1846 und 1852 abgebrochen, an seiner Stelle entstand das 1850 eingeweihte Gymnasium am Münsterwall. Mittlerweile steht auch das „alte Gymnasium“ am Münsterwall nicht mehr, dort erhebt sich die heutige Frauenfachschule.

Die Bibliothek

Am 23. Mai 1488 verkauft die Stadt Hameln dem Stift Hameln ein Haus bei dem Kirchhof gelegen, zum Einrichten einer Bibliothek, die Geistlichen und Laien zum Zweck des Studiums zugänglich sein soll. (Stadtarchiv Hameln – Best. 250 Nr. 334)

Kurz danach muss schon eine Bibliothek bestanden haben, denn Sprenger berichtet: Die Bibliothek der geistlichen Ministerien (= Gesamtvertretung der Pfarrerschaft, entstanden im Zuge der Reformation – vor der Reformation Vicarien genannt) entstand Ende des 15. Jahrhunderts. Über ihren Ursprung berichtet das Buch Fratris Astexani collectio de casibus liber IX im 2. Teil: „Im Jahre 1492 hat Otto Wyge, Geistlicher der Mindener Diözese, diesen zweiten Teil des Buches von Astexanus (Bibelübersetzung in niederdeutsch – Franziskaner Johannes Astexanus?) an die neue Bücherei der Vikare übergeben, die gestiftet wurde zur dauerhaften Erinnerung an Otto Wyge, seine Eltern Hinrich und Lucke Wyge und alle seine Vorfahren. Dies bezeuge ich mit meiner eigenen Hand (Unterschrift).“ (Anno Domini MCCCCXCII istam secundam partem Astexani dedit Otto Wyge clericus mindensis dioeceseos de oppido quern Hamelen oriundus prope Weseram, capellanus in lub (Lübke?) ad novam librariam vicariorum in Hamelen pro perpetuis memoriis fundatam per ipsos vicarious proavi ejusdem Dm. Ottonis et suorum parentum Hinrich Wyge et Lucke uxoris suae et omnium progenitorum suorum, siquidem protestor manu mea propria.)

Heinrich Spanuth stellt in seiner „Geschichte der Stadt Hameln“ fest, dass „das mittelalterliche Hameln beileibe kein Feind der Wissenschaft gewesen sei“, denn er berichtet weiter, dass die Stadt am 8. April 1523 ein Haus nebst Keller und Hof zum Einrichten einer Bibliothek an das Stift verkauft hat und zwar „by dem kerckhove uppe dem orde by dem slinge na der Weserbrugge beleggen“. In der Urkunde wird ausdrücklich erwähnt, dass besagte Bibliothek den Geistlichen und Laien der Stadt zum Zweck des Studiums zugänglich sein soll; auch der Preis wird genannt: „um 40 rheinische Gulden, darunter 22 Goldgulden. (Meinardus-Fink – Urkundenbuch II, Nr. 702) Als das Stift das „augsburgische Bekenntnis“ (= Bekenntnis der lutherischen Reichsstände zu ihrem Glauben) annahm, gingen viele Kanoniker weg, die ihren alten Glauben behalten wollten und nahmen dabei Bücher mit, so dass nur wenige aus dem Erstbestand zurückblieben. Der Buchbestand der Ministerialbibliothek vermehrte sich weiter, als der Superintendent Johann Bock 1598 seine Buchsammlung und 50 Reichstaler der Bibliothek vermachte. Von den jährlichen Zinsen in Höhe von 2,5 Rthl. sollten neue Werke angeschafft werden (Vermächtnis Magister Bock vom Dienstag, Ostern 1598 = 27. März 1598)

Um 1745 machte man sich Gedanken zur Einrichtung einer Bibliothek: „1. woher die erforderl. Kosten zu nehmen, 2. wie die Einrichtung zu machen, daß man auch in folgenden Zeiten wegen der Erhaltung gesichert sey, 3. an welchem Orte sie fügl. stehen könne.“

Es sollten aber noch annähernd 20 Jahre vergehen, ehe wirklich etwas geschah. Die Bücher waren laut Meissel in der Sakristei, später wohl (Sprenger) in der Kapelle St. Elisabeth in der Münsterkirche untergebracht und 1751 katalogisiert worden. Aufgrund von Feuchtigkeit hatten viele derartige Schäden erlitten, dass man beschloss, sie in der gerade wieder hergestellten benachbarten Lateinschule unterzubringen, was am 22. November 1764 auch geschah. Die Bibliothek blieb jedoch weitgehend ungenutzt, bis der Stiftssenior Marquard die Bücherei ordnete und das Interesse der Städter daran dadurch wecken konnte, die Bibliothek mittwochs und sonnabends zu öffnen und auch Ausleihen vorzunehmen.

Die darauf erfolgenden Buchgeschenke und die kursierenden Flugblätter vermehrten den Bestand weiter. Schul- und Stiftsbibliothek waren nun eins geworden. Um 1800 wurde der Bestand neu geordnet und blieb der Bürgerschaft weiterhin per Ausleihe zugänglich.

Als das Schulgebäude 1806 geräumt werden musste, erlitten viele Bücher bei den überhasteten Umzügen Schäden oder gingen verloren; zuerst kamen sie in das Haus des Kantors, später in die Predigerwohnung in der Emmernstraße. Schließlich kamen sie wieder in die Schule zurück, wo seit 1822 Sprenger selbst eine Neuordnung vornahm, unterstützt durch den Rektor Froböse und (den Apotheker?) Westrumb und 1827 ein Gesamtkatalog erstellt wurde, wobei man alle drei Bibliotheken – Stift, Ministerial und Schule – unter Verzicht bisheriger Eigentumsrechte vereinige. 1867 konnte der Bestand durch Ankäufe und Schenkungen um 900 Bände auf 2316 Bücher erweitert werden. Zusätzlich vermachten der „Allgemeine und der Historische Leseverein“ der Bibliothek weitere 600 Bücher aus den Bereichen Geschichte, Biografie und Reisebeschreibung und aus einem im Stadtarchiv aufbewahrten Schreiben vom 29. November 1910 geht hervor, dass die Bibliothek seit 1872 mit der Gymnasialbibliothek vereinigt ist.

Im 2. Weltkrieg wurde die Bibliothek aus Sicherheitsgründen in den Keller der Schule verlegt. Leider hat der Bestand durch Aussonderungen und die während der NS-Zeit stattgefundenen Papiersammlungen großen Schaden genommen, zusätzlich durch Diebstähle nach Kriegsende.

Im November 1945 schließlich wurde die Bibliothek auf Anordnung der britischen Militärbehörde der Stadtbücherei angeschlossen, zu der sie noch heute gehört. Sie umfasst mittlerweile 15319 Bände und wird nicht weiter ausgebaut.


Quellen: Sprenger, Friedrich; Geschichte der Stadt Hameln, Hameln 1825 / Spanuth, Heinrich; Geschichte der Stadt Hameln, Hameln 1963 / Krätsch, Gerhard; Jahrbuch des Museumsvereins Hameln, 1991 / Meissel, Friedrich; Beschreibung und kurze Geschichte der Stadt Hameln, Hameln 1899 / Stadtarchiv Hameln; Verschiedene Akten.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2019
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige
    Kommentare
    Kontakt
    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt
    X
    Herzlichen Glückwunsch, Ihr Adblocker funktioniert!

    Wir verstehen, dass Sie nicht hier sind, um Werbung zu sehen.
    Aber Werbe- und Aboeinnahmen sind wichtig für unsere journalistische Arbeit.


    Unterstützen Sie unseren Qualitäts-Journalismus, indem Sie Ihren Adblocker deaktivieren
    oder sich mit einem gültigem Digital-Abo anmelden.

    Sie haben ein Digital-Abo? Hier anmelden!

    Noch kein Digital-Abo?