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Serie zur Jugendanstalt: Teil 1

JA Hameln: Massive Herausforderungen im Jugendknast

Resozialisieren statt Wegsperren – mit diesem hehren Ziel startete die Jugendanstalt vor 40 Jahren. Nach der offiziellen Einweihung im Juni 1980 galt die JA zunächst als Vorzeigeknast. Im Laufe der Zeit musste man von vielen idealistischen Konzepten Abschied nehmen, denn die Herausforderungen waren und sind massiv. Die Dewezet schaut in einer Serie auf Vergangenheit und Gegenwart.

veröffentlicht am 02.08.2018 um 17:48 Uhr
aktualisiert am 07.08.2018 um 18:49 Uhr

Bereits 1978 wurden drei Häuser der JA bezogen. foto: Dana
Dorothee Balzereit

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Dorothee Balzereit Reporterin / ViaSaga zur Autorenseite
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Wolfgang Kuhlmann schaut aus dem Fenster. Auf Kiesteiche, Felder, Wälder. Friedliche Provinz. Drinnen, in der Jugendanstalt, ist es oft weniger friedlich. „Die Herrschaft über Gewalttäter zu behalten, ist ein schweres Geschäft“, sagt der Leiter der JA. Seit 20 Jahren arbeitet der Psychologe, Erzieher und Sozialtherapeut in der JA, seit 2015 als Leiter.

Die Eindämmung von Gewalt ist gegenwärtig ein großes, wenn nicht das größte Thema in der JA. Immer wieder geht es darum, Lücken zu schließen, engmaschiger zu kontrollieren. Und das, obwohl die Zahl der jugendlichen Straftäter insgesamt zurückgeht. Von 569 Haftplätzen sind derzeit 349 belegt.

Gerade hat ein Aufsichtsteam des Justizministeriums seinen viertägigen Besuch beendet, Kuhlmann ist noch im Anzug. Auf der Checkliste standen auch die Sorgen und Nöte, die Gefangene und Bedienstete haben. Die JA hat gute Noten bekommen.

Wolfgang Kuhlmann, Leiter der JA
  • Wolfgang Kuhlmann, Leiter der JA
Aus der Vogelperspektive sieht man die besondere Aufteilung der JA gut. Foto: JA Hameln
  • Aus der Vogelperspektive sieht man die besondere Aufteilung der JA gut. Foto: JA Hameln
Zur Einweihung der JA kam Uwe Seeler. Foto: JA Hameln
  • Zur Einweihung der JA kam Uwe Seeler. Foto: JA Hameln
Dr. Gerhard Bulczak im Gespräch mit Insassen. Foto: JA Hameln
  • Dr. Gerhard Bulczak im Gespräch mit Insassen. Foto: JA Hameln
Eröffnung der Jugendanstalt 1980 mit Bundespräsident Karl Carstens. Foto: JA Hameln
  • Eröffnung der Jugendanstalt 1980 mit Bundespräsident Karl Carstens. Foto: JA Hameln
Wegen der vielen Ausbrüche: Karikatur 1982 in der Dewezet.
  • Wegen der vielen Ausbrüche: Karikatur 1982 in der Dewezet.
Wolfgang Kuhlmann, Leiter der JA
Aus der Vogelperspektive sieht man die besondere Aufteilung der JA gut. Foto: JA Hameln
Zur Einweihung der JA kam Uwe Seeler. Foto: JA Hameln
Dr. Gerhard Bulczak im Gespräch mit Insassen. Foto: JA Hameln
Eröffnung der Jugendanstalt 1980 mit Bundespräsident Karl Carstens. Foto: JA Hameln
Wegen der vielen Ausbrüche: Karikatur 1982 in der Dewezet.

Von manchen Idealen ihres Geburtshelfers, des Juristen Dr. Gerhard Bulzcak, ist die Einrichtung für straffällig gewordene Jugendliche und junge Männer indes weit entfernt. Europas modernste Jugendstrafanstalt, wie der Bau zwischen Hameln und Tündern Ende der 70er Jahre beworben wurde, ist lange von der Realität eingeholt worden. Die Zeiten, in denen die Anlage nur von einem Wallgraben, einem Zaun und einer Dornröschenhecke umgeben war, sind lange vorbei.

Vorbei ist auch der Traum von einem idealistischen Erziehungskonzept, dass jungen Straftätern viel Freiheit auf begrenztem Raum geben wollte. An die Vorstellungen von Gerhard Bulczak erinnert auf den ersten Blick nur noch die architektonisch ungewöhnliche Anlage: Gebäude, in denen die Insassen in Wohngruppen leben (sollen), sind angeordnet wie ein kleines Dorf, ein Park, Ausbildungsstätten, Therapiestätten, Schule, ein Sportplatz. Alles sollte dem Leben draußen ähnlich sein, Normalität suggerieren. Resozialisieren statt nur wegsperren war das Credo von Bulzcak. So gut sollte die JA sein, dass die Gefangenen freiwillig bleiben, erinnert sich Kuhlmann.

Doch die Sicherheitsmängel erweisen sich als Nachteil. Bis die neue Außensicherung Ende der 1990er installiert ist, zählt die JA 499 Ausbrüche. In einer Karikatur spricht die Dewezet 1982 von „Fluchtbetrieb“, die Bevölkerung steht dem Konzept misstrauisch gegenüber. Zur grundsätzlichen Skepsis kommen alsbald praktische Probleme. Die zehn Leute pro Schicht und Haus mit 62 Haftplätzen, die im ursprünglichen Konzept vorgesehen sind, werden von Anfang an nicht bewilligt. Anfang 2000 sind es pro Schicht und Haus drei. „Heute sind wir froh, wenn wir fünf Vollzugsbeamte in der Früh- und Spätschicht einsetzen können,“ sagt Kuhlmann.

Eine noch größere Herausforderung als der Bau, der heute keine Chance auf Realisierung hätte, sind die gesellschaftlichen Herausforderungen, die in der JA wie unter einem Brennglas sichtbar werden. Anfang der 90er sitzen viele junge Männer aus Südosteuropa in der JA ein, viele Rumänen sind darunter, Moldawier und Albaner. Es wird voller, von Überbelegung ist die Rede.

Heute sind wir froh, wenn wir fünf Vollzugsbeamte in der Früh- und Spätschicht einsetzen können.

Wolfgang Kuhlmann, Leiter der JA

Eine Welle der Gewalt schwappt Ende der 90er aus einer anderen Richtung in den Knast. Russische Spätaussiedler sind stark repräsentiert und versuchen, den Betrieb in einer bis dahin unbekannten Weise zu beeinflussen. Es kommt zu systematischer Gruppenbildung mit knallharten Hierarchien. Sie hat bei den Vorbildern der jungen Insassen, russischen Gefangenen im Erwachsenenvollzug, eine lange Tradition. 2001 stammen von 700 Häftlingen 100 aus der früheren Sowjetunion.

Zum 25. Jubiläum im Jahr 2005 spricht die damalige Leitende Psychologiedirektorin, Christiane Jesse, Klartext: „Die Öffnung der Grenzen nach Osten, über die wir uns persönlich alle sehr gefreut haben, hat gezeigt, dass Versäumnisse bei der Integration von Migrantinnen und Migranten in der Jugendanstalt zu kaum lösbaren Problemen führen.“

Die sogenannten „Russen“ sind äußerst aggressiv, arbeiten mit Druck und Erpressung. Strafe und eigene Gerichtsbarkeit gehören zum Alltag, ebenso Heroin. Um die Jahrtausendwende steigt der Suchtmittelmissbrauch enorm: Fast 80 Prozent nehmen Drogen aller Art.

Die Folgen der Grenzöffnung hätten sich verwachsen, sagt Kuhlmann. Eine andere Klientel hat sich in den Vordergrund geschoben. Unorganisierter, aber unberechenbarer und psychisch auffälliger. „Die Veränderung ist seit ungefähr 2010 deutlich spürbar“, sagt der Leiter. Das Verhalten der Inhaftierten sei zunehmend aggressiver, irrationaler und auch suizidaler. Offene Gewalt untereinander oder gegen Bedienstete sei in den letzten drei bis vier Jahre gestiegen. Ergebnis einer landesweiten Fachtagung zum Thema ist die eigene psychiatrische Abteilung, die im November 2017 in einem Gebäudekomplex der JA untergebracht wurde.

Besonders betroffen sind Menschen mit Migrationshintergrund. 66 Prozent betrug ihr Anteil 2017. Kuhlmann räumt ein: „Probleme bereiten Menschen aus manchen muslimisch geprägten Ländern.“ Dass sich die Entwicklung mit den Flüchtlingen verstärkt hat, liege auf der Hand. Auf die Frage, ob das deutsche Justizsystem zu lasch reagiere, meint der Psychologe: „Sie reagiert mit den gebotenen Mitteln, aber nicht jeder lässt sich davon ausreichend beeindrucken.“ Straffälliges Verhalten bei den Geflüchteten habe allerdings oft viel mit ihrem Weg zu tun, bei dem alles riskiert werde, um ans Ziel zu kommen, Gesetzesbrüche und traumatische Erfahrungen inklusive. Drohende Abschiebung gehe nicht selten mit Selbstverletzung einher. Die Gewalt gegen sich und andere sei auch hier oft impulsiv, unberechenbar. „Das hat viel damit zu tun, ob ich aus einer gewaltaffinen Gesellschaft, beziehungsweise Sozialisation komme“, sagt Kuhlmann.

Und wie steuert die JA gegen? Mit Schulkursen, in denen neben Deutsch verstärkt so etwas wie Gesellschaftskunde unterrichtet wird, sprich: wo vermittelt werden soll, dass auch in Deutschland Gesetze gelten. Einführungsveranstaltungen gibt es bereits in den U-Haftabteilungen. Davon hat die JA inzwischen zwei: für die Jüngeren bis 18 Jahre und für die Erwachsenen von 21 bis 23 Jahre. Letztere wurde im September 2016 aufgemacht, um die rappelvollen Haftanstalten für Erwachsene zu entlasten. Entsprechend den Belegungsprognosen war man auf Rückgang gepolt. „Das hat sich gedreht“, sagt Kuhlmann.

An dieser Stelle kommt wieder der Jurist Bulczak ins Spiel, der zwar mit einem eigenen Jugendstrafvollzugsgesetz auf Bundesebene scheiterte, dessen Methoden dennoch ihre Spuren im Vollzug hinterließen. „Seine Ideen Ende der 70er Jahre waren so wegweisend, dass sie heute wiederentdeckt werden“, sagt Kuhlmann. „Er war ein Visionär, hat an das Gute im Menschen geglaubt.“

Bis heute kommen Fernsehteams und Gäste aus aller Welt in der JA, um zu sehen, wie man in Tündern arbeitet. Was zeigt, dass eine Menge hängengeblieben ist. Dass das Engagement von Dr. Gerhard Bulczak, der im Februar 2017 verstarb, nicht umsonst war.



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