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Zahlreiche Angebote im Nordwesten / Weserradweg gehört zu beliebtesten Radfernwegen

In die Pedale getreten: Radtourismus boomt

Der Spur der Wölfe folgen? Mit dem Rennrad den Harz bezwingen? Oder doch lieber als Geo-Cacher durch die Stadt rollen? Die Angebote für Radurlauber im Nordwesten werden immer bunter.

veröffentlicht am 08.07.2017 um 08:00 Uhr
aktualisiert am 08.07.2017 um 13:27 Uhr

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Ein paar Heidschnucken heben ihre Köpfe und blicken den Radlern neugierig hinterher. Die wuscheligen Landschaftspfleger gehören zu den Hinguckern der Lüneburger Heide. Und die profitiert wie andere Regionen im Nordwesten von der steigenden Lust am Freizeitradeln.

„Der Radtourismus erlebt einen kompletten Boom“, sagt Christine Brandt vom Cuxland-Tourismus. Allein 2016 machten 5,2 Millionen Deutsche Urlaub mit dem Drahtesel, 16 Prozent mehr als im Vorjahr. Außerdem unternahmen die Bundesbürger rund 150 Millionen Tagesausflüge. Das geht aus der aktuellen Radreiseanalyse des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs (ADFC) hervor.

Um die Radfahrer anzulocken, setzen viele Regionen auf Qualität und Service. So installierte der Landkreis Diepholz im März 2016 seine erste „Lufttankstelle“. „Mittlerweile haben wir 16 Pumpen aufgestellt, 5 kommen noch dazu“, sagt der Projektinitiator Hans-Heinrich Kellner. „Das wird gut angenommen, auch die Einheimischen nutzen das viel.“

Idylle pur findet man beim Radeln an der Weser (hier bei Hajen) vor. Foto: Dana/Archiv

Hier sind viele Rennradfahrer unterwegs, der Harz ist schon lange kein Geheimtipp mehr.

Christin Faust, Sprecherin des Harzer Tourismusverband (HTV)

Die Tourismusverbände Mittelweser und Aller-Leine-Tal gingen im Vorjahr mit der „Wolfstour“ an den Start. Der 90 Kilometer lange Rundkurs soll die Rückkehr des Wolfs „sachlich beleuchten“. Er führt unter anderem zum Wolfcenter Dörverden und durch das einstige Jagdrevier des 1948 erlegten Wolfes „Würger von Lichtenmoor“. Die Tour kommt gut an. „Der Flyer wird sehr oft nachgefragt“, sagt Christa Krumwiede von der Region Aller-Leine-Tal. Das gelte auch für die über ein Teilstück laufende, geführte Tour „Rotkäppchen packt aus“.

Der Harzer Tourismusverband (HTV) hat in dieser Saison seinen „Rennrad-Guide“ frisch aufgelegt, inklusive einer neuen Tour rund um Bad Grund. „Hier sind viele Rennradfahrer unterwegs, der Harz ist schon lange kein Geheimtipp mehr“, sagt HTV-Sprecherin Christin Faust.

Im Harz und im Naturpark Solling-Vogler sind vor allem Mountainbiker unterwegs. „Der Solling ist ein viel sanfteres Mittelgebirge als der Harz, mit langen Anstiegen und sanften Abfahrten“, sagt Ranger Tore Straubhaar. Dort verlaufen 11 der 15 MTB-Touren. „Der Vogler ist dramatischer. Da geht es von der Weser gleich 460 Meter rauf.“ Straubhaar beobachtet in seinem Revier zunehmend E-Mountainbiker.

Auch die Städte sehen Potenzial im Zweirad. „Radfahren ist für uns ein großes Thema“, sagt Bettina Koch vom Oldenburg-Tourismus. 2016 sei das Stadtführungsangebot ausgebaut worden. „Die öffentlichen Führungen sind zu 90 Prozent ausgebucht“, bilanziert Koch. „Die Nachfrage nach geführten Touren steigt“, bestätigt auch Jens Joost-Krüger von der Wirtschaftsförderung des Landes Bremen. Deshalb würden die Gästeführer nun auch speziell für das Format geschult.

Ende Mai startet in Oldenburg das neue Geo-Caching-Projekt „Klimaschätze“. Radler können per Smartphone oder ausleihbarem GPS-Gerät acht im Stadtgebiet verteilte interaktive Cashes zu Themen wie erneuerbare Energie oder nachhaltigem Lebensstil aufspüren.

Der 515 Kilometer lange Weserradweg gehört laut Radreiseanalyse zu den beliebtesten Radfernwegen Deutschlands. Im März wurde er als Vier-Sterne-Qualitätsradroute ausgezeichnet. Der Radweg habe die „Qualitätsoffensive“ nötig gehabt, so Petra Wegener vom Weserbergland-Tourismus.

Dass Radler wert auf Qualität legen, zeigt die ADFC-Radreiseregion Uelzen. Seit der Zertifizierung im vergangenen Frühjahr habe die Nachfrage deutlich angezogen, so Sprecher Peter Gerlach. „Wir haben deutlich mehr Radkarten verkauft und 80 Prozent der Prospektanforderungen sind zum Thema Rad.“ Teilweise seien in der Saison 2016 sogar die Radunterkünfte knapp geworden.

Im Tourismusverband Osnabrücker Land wurde 2015 im Rahmen des „Masterplans Rad“ das 2700 Kilometer lange Radwegenetz komplett überarbeitet. „Die Wege wurden bereinigt, wir müssen nicht an jeder Milchkanne vorbeifahren“, sagt die Geschäftsführerin Petra Rosenbach. Populär sind dort beispielsweise die Harse-Ems-Tour oder die Gartentraum-Tour.

Im Landkreis Vechta entstehen derzeit 150 „Knotenpunkte“. „Die Schilder stehen zukünftig an Kreuzungen von Radwegen. Damit können sich Radler einfach orientieren, kurzentschlossen ihre Route ändern und sich anhand der Knotenpunkt-Nummern fürs nächste Ziel entscheiden“, sagt Kreissprecher Jochen Steinkamp. Zudem gebe es 15 teilweise komplett neu ausgeschilderte Themen-Routen wie die Burgen-Tour oder die Seen-Tour. Im Cuxland werden derzeit die regionalen Routen überarbeitet. „Die Radien haben sich erweitert, auch durch die Pedelecs“, sagt Brandt.

Der Weser-Radweg zählt mit 7,95 Millionen Gesamt-Wertschöpfung zu einem wichtigen Renditebringer für die Regionen entlang des Radwegs: Das ist das Ergebnis der Radverkehrsanalyse 2015, die bei den ersten Weser-Radweg Infotagen in Hameln (19. April), Nienburg (20. April) und Brake (21. April) von der Weser-Radweg Infozentrale c/o Weserbergland Tourismus e.V., der Firma Radschlag – Büro für Tourismus und Radverkehr sowie der TourismusMarketing Niedersachsen GmbH präsentiert wurden.

Bereits im Jahr 2012 begannen die ersten Erhebungen im Rahmen einer Radverkehrsanalyse für den Weser-Radweg auf einem insgesamt 250 Kilometer langen Abschnitt zwischen Oedelsheim und Nienburg mit Messungen an vier Querschnitten beidseits der Weser.

Durchgeführt wurde diese Radverkehrsanalyse – ein Gemeinschaftsprojekt der niedersächsischen Landkreise Hameln-Pyrmont, Holzminden, Schaumburg, Northeim und Nienburg im Rahmen der Qualitätsoffensive Weser-Radweg – von der Firma Radschlag – Büro für Tourismus und Radverkehr. Seitdem werden mit kontinuierlichen Radverkehrsmessungen sowie Befragungen von Radfahrern an den Standorten Daten erhoben.

Die Radfahrer geben dem Weser-Radweg dabei bei den Befragungen gute Noten: Alle Nutzergruppen – sowohl Tagesausflügler, Regioradler als auch Radwanderer – bewerten den Gesamteindruck der von ihnen befahrenen Strecke (Wegebeschaffenheit, Ausschilderung etc.) zu 96 Prozent mit gut bis sehr gut, und auch die Weiterempfehlung des Weser-Radwegs liegt bei den Radwanderern bei einem Wert von 95 Prozent.

Und noch ein Ergebnis hat die Befragung gezeigt: Radwanderer – das heißt die Radfahrer, die den Radweg als Streckenradler über mehrere Etappen fahren – nennen häufig Bremen als Start oder Ziel ihrer Radreise; nur ein geringer Teil der Radwanderer fährt auch den Abschnitt zwischen Bremen und Cuxhaven. In Zahlen heißt das: Rund 27 000 Radwanderer pro Jahr sind auf dem rund 380 Kilometer langen Abschnitt bis Bremen unterwegs; zwischen Bremen und Cuxhaven sind es nur noch rund 12 000. In diesem Bereich sind die Anteile der Tagestouristen und im Bereich Cuxhaven vermutlich auch der Anteil der Regioradler deutlich höher. Die Auswertungen ergaben auch, dass durchschnittlich rund 200 000 Tagestouristen pro Jahr direkt auf dem Weser-Radweg unterwegs sind – grob hochgerechnet sind das insgesamt rund 227 000 Radfahrer pro Jahr, die den Weg touristisch nutzen!

Wirtschaftsfaktor Weser-Radweg


Die Berechnung der Wertschöpfung errechnet sich aus den jährlichen Ausgaben der Radwanderer und Tagestouristen, die auf dem Weser-Radweg unterwegs sind. Die Gesamt-Wertschöpfung durch Radwanderer beträgt 6,5 Millionen Euro pro Jahr; die der Tagestouristen liegt bei 1,45 Millionen Euro – insgesamt also eine Gesamt-Wertschöpfung von 7,95 Millionen Euro pro Jahr. „Wir freuen uns, dass wir mit den zusätzlichen Messstandorten und Befragungen nun auch detaillierte Ergebnisse für den gesamten Weser-Radweg haben“, erklärt Petra Wegener, Geschäftsführerin der Weser-Radweg Infozentrale c/o Weserbergland Tourismus e.V., „mit den vorliegenden Daten können wir unser strategisches Marketing zur Vermarktung des aktuell zweitbeliebtesten Radfernwegs in Deutschland noch effizienter einsetzen und Gäste für den Weg begeistern“.



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