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In der Natur ticken die Uhren anders

Die Faszination besonders der jungen Besucher ist Hartmut Brepohl gewiss, wenn er ihnen eine Zeitreise durch 15 Millionen Jahre Erdgeschichte in nicht einmal einer Minute ankündigt. Gut 50 Sekunden dauert nämlich die Fahrt mit dem Aufzug abwärts zur Schillat-Höhle. Durch die Scheibe des Fahrstuhls sehen die Teilnehmer der Führung die Gesteinsschichten: vom Beginn der oberen Sedimente, die in der Jurazeit das Meer vor 160 Millionen Jahren im Süntel abgelagert hat, bis 50 Meter tiefer der graue Kalkstein Korallenoolith im Steinbruch bestimmend ist. „Einen Fahrstuhl haben wir nicht“, sagt der Höhlenführer. „Das ist eine Zeitmaschine.“

veröffentlicht am 19.04.2011 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 13:05 Uhr

Christian Branahl

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Reporter / Newsdesk zur Autorenseite

Bei Brepohl schwingen Ehrfurcht und Begeisterung gleichermaßen mit, wenn er mit Zahlen hantiert. Auf einer Zeittafel erklärt er die Kapitel zur 4,6 Milliarden Jahre alten Geschichte des Blauen Planeten. Die Entwicklung des Menschen nimmt dabei den kleinsten Teil ein. „Er ist nur ein winziger Augenblick der Erdgeschichte“, meint er. „Es sind Dimensionen, die unseren Horizont übersteigen.“

Sein Steckenpferd sind die Zeiten, in denen an den Homo sapiens noch lange nicht zu denken war, das Land von einem Meer bedeckt war. Der 64-Jährige zeigt auf einen großen Felsen, der davon zeugt. Versteinerte Wellenriffel sind darauf zu sehen – wohl 150 Millionen Jahre alt. Noch älter datieren die Seeigelstacheln oder die Turmschnecken, die er gefunden hat.

Seit 1975 sammelt Brepohl, der sich schon immer für Geologie interessiert hat, Mineralien und Fossilien. Der frühere Sprengmeister und Betriebsleiter des Steinbruchs Segelhorst, der sein ganzes Leben im Süntel verbrachte, hat sich den Urzeiten verschrieben. „Schon als Kind war ich in Steinbrüchen unterwegs – das war unser Spielplatz“, erzählt er. Steinbrüche als Passion. „Mein Leben, mein Beruf, mein Hobby.“

Sein Wissen gibt der Entdecker der Schillat-Höhle, die seit 2004 touristisch erschlossen ist und seitdem knapp 200 000 Besucher zählte, weiter: Wie in der Jura-Zeit vor etwa 200 Millionen bis 155 Millionen Jahren ein flaches Meer die Region bedeckte oder der Süntel sich vor 150 Millionen Jahren als eine Lagune mit Palmen, Farnen, Ginkgos und Schachtelhalmen präsentierte. Hellhörig lauschen die Kinder, wenn er von den einst hier lebenden Dinosauriern erzählt – Brepohl hat sogar Knochen der Urtiere dort gefunden.

Wenn Dr. Peter Stöver über Zeit spricht, dann stößt der Bad Pyrmonter Astronom in andere Größenordnungen vor – in die Unendlichkeit des Universums. Der 81-Jährige listet Vergleiche auf, die für ihn die „Faszination des kaum Vorstellbaren ausmachen“. Acht Minuten und 19 Sekunden benötigt das Licht, um von der Sonne die Erde zu erreichen. „Schon das ist eine riesige Entfernung“, sagt er, um gleich die Messlatte von einer Lichtminute, die knapp 18 Millionen Kilometern entspricht, ins scheinbar Unermessliche zu erhöhen.

Das Sonnensystem mit einem Radius von sechs Lichtstunden ist Teil der Milchstraße, auch Galaxis genannt, mit einem Durchmesser von 100 000 Lichtjahren. Das Verhältnis macht Stöver mit einem Bild deutlich, das er bei seinen immer noch regelmäßigen Vorträgen in der Region heranzieht: Wenn die Milchstraße der Größe der Schweiz entsprechen würde, dann hätte das Sonnensystem den Umfang eines Staubkorns von einem einhundertstel Millimeter. „Und es gibt 200 Milliarden Galaxien“, legt er nach.

Nachdem Stöver als Zehnjähriger das erste Mal bei einem Kurgast in Bad Pyrmont 1940 durch dessen Spiegelteleskop die Saturnringe und den Jupiter mit den atmosphärischen Streifen erblickt hatte, ließ ihn die Astronomie nicht mehr los. „Schon die Zahl eine Milliarde übersteigt die Vorstellungskraft vieler Menschen“, weiß er. Die Größe des Universums, nach heutigem Wissen vor 13,8 Milliarden Jahren entstanden, gehe aber ins Unermessliche. „Was ist der Mensch in diesen Dimensionen?“, fragt der Bad Pyrmonter und gesteht ein, gerade im hohen Alter, in dem die Zeit subjektiv schneller vergehe, immer mehr fast philosophische Besonderheiten in diesen Verhältnissen zu sehen.

Gerade einmal 10 000 Jahre ist es her, dass die Menschen sesshaft wurden, Ackerbau und Viehzucht betrieben. Heute gerät für viele fast in Vergessenheit, von dem zu leben, was die Natur zu den jeweiligen Jahreszeiten zu bieten hat. Obst und Gemüse gibt es von Januar bis Dezember, gezogen in Gewächshäusern oder importiert aus anderen Ländern. Die industrielle Nahrungsmittelproduktion verfeinert das System der Turbomast, um Schweine und Hühner schneller zur Schlachtreife zu bringen. Kaum welken die Frühlingsblüher im Garten, gibt es lange vor der Zeit Sonnenblumen in den Geschäften. Alles hat seine Zeit – das macht sich Friedel Dieckmann aus Gellersen auf seinem Hof zum Grundsatz.

Statt Milchwirtschaft zu betreiben, hält er nun 24 Charolais-Rinder. „Sie werden nicht mit Gewalt gemästet“, sagt er über die Muttertiere und Jungrinder, die von April bis Anfang November auf der Weide stehen. Dennoch rechnen sich die reinen Fleischrinder für Dieckmann – sie sind bei Gourmets wegen der Qualität sehr begehrt. Auch Bioland-Bäcker Henning Pettig aus Grupenhagen drückt bewusst auf die Bremse. Statt beim Sauerteig für die Brote aufs Tempo zu setzen, nimmt er sich bei der klassischen Dreistufenführung 24 Stunden Zeit. Die Vorteile: weniger Hefe, höhere Qualität und längere Haltbarkeit. Der umwelt- und gesundheitsbewusste Verbraucher dankt’s.

Beim Lebensmittel Wasser ist noch mehr Geduld gefragt, wenn es nicht nur Durstlöscher sein soll. 80 000 Flaschen stündlich füllt die Bad Pyrmonter Mineral- und Heilquellen GmbH & Co. OHG mit Wasser ab, das aus verschiedenen Quellen der Kurstadt in 60 bis 100 Meter Tiefe stammt. Eigentlich Regenwasser.

Aber es kann 50 bis 100 Jahre dauern, bis es durch die verschiedenen Gesteinsschichten sickert und sich auf dem Weg in die Tiefen des Erdinneren mit Mineralien anreichert, wie Laborleiterin Anke Esche erklärt.

In langen Zeiträumen denken die Landesforsten – mit weitreichenden Entscheidungen, wie Christian Weigel, Leiter des Forstamtes Oldendorf, sagt. „Im Gegensatz zur Landwirtschaft haben wir keine Möglichkeit, ein Fehlurteil zu revidieren – was wir pflanzen, steht für mindestens 80 Jahre, Eichen brauchen sogar 200 Jahre und mehr“, erzählt er. Die Entscheidungen für bestimmte Baumarten gründeten auf Optimismus, da ja niemand wisse, was künftige Generationen damit anfangen wollten. Ähnlich wie bei der Ernte der Bäume in heutiger Zeit: Für die Menschen, die sie vor vielen Jahrzehnten gepflanzt hätten, wäre es nicht vorstellbar gewesen, dass die Bäume in dünne Scheiben für die Möbelindustrie geschnitten würden, so Weigel.

Dass die Menschen heute den Wald als Erholungsgebiet nutzen, verdanken sie ihren Vorfahren. Vor 200 Jahren begannen sie ein gewaltiges Aufforstungswerk, weil Holznot herrschte, nachdem die Wälder durch Raubbau verwüstet worden waren. Die Natur benötigt ihre Zeit, und Umweltsünden verzeiht sie höchstens mit langer Verzögerung.

1989 beschloss die UNO das weltweite Verbot von Treibgasen, den FCKW, die für die Zerstörung der Ozonschicht verantwortlich gemacht werden. Doch: Forscher gehen davon aus, dass es noch Jahrzehnte dauern wird, bis sich in der Ozonschicht wieder ein stabiles Gleichgewicht einstellt.

Oder der Klimawandel: Selbst wenn der Ausstoß von Kohlendioxid radikal reduziert wird, lässt sich eine Erderwärmung nicht verhindern, höchstens abmildern. Angesichts der Atomkatastrophe in Japan drängen den Deutschen im Augenblick andere Gefahren ins Bewusstsein: die des Atommülls aus den Reaktoren wie in Grohnde. Das hochgiftige, radioaktive Plutonium, das auch in Fukushima freigesetzt wird, hat eine Halbwertszeit von 24 000 Jahren – so lange dauert es, bis die Hälfte der Atomkerne zerfällt und die Gefährlichkeit entsprechend reduziert ist.

In der Natur herrschen bisweilen halt andere Zeiträume als in der Geschichte der Menschheit. Vor 24 000 Jahren waren weite Teile der Erde mit Eis bedeckt, der Neandertaler kurz zuvor ausgestorben. Hartmut Brepohl erklärt in der Schillat-Höhle die Malereien, die nach dem Vorbild der berühmten Wandbilder im südfranzösischen Lascaux entstanden sind. An ihrem Originalfundort sind die Motive wie Stier, Mammut und Wildpferd vor schätzungsweise 12 000 bis 30 000 Jahren von Jägern gemalt worden.

Die Naturuhr tickt anders. Der Höhlenführer zeigt die Tropfsteine. Kohlensäurehaltiges Wasser tropft von der Decke.

Um drei bis fünf Millimeter zu wachsen, benötigen die Stalaktiten und Stalagmiten in der Schillat-Höhle etwa hundert Jahre, wie Brepohl erläutert. Der Experte zeigt auf einen 50 Zentimeter hohen Stalagmiten, um die Bedächtigkeit des steten Tropfens zu dokumentieren: Erst nach 10 000 Jahren hatte der Tropfstein diese Größe erreicht.

Besucher blicken weiter auf einen Steinbruch, der als Rohstofflieferant in Betrieb ist. Längst sind es nicht mehr die Massen, die abgebaut werden – bis zu 11 000 Tonnen täglich waren es zu Boomzeiten. Für Hartmut Brepohl gehört das zum Leben dazu.

Raubbau? Das war für den früheren Sprengmeister und Betriebsleiter nie ein Begriff für den Bereich Segelhorst und Rohden. „Wir benötigen doch die Rohstoffe“, sagt er – aber nicht um jeden Preis. Als das nahe dem Hohenstein gelegene Dachtelfeld für den Gesteinsabbau ins Gespräch kam, sprach er sich dagegen aus.

Aus dem Fenster neben dem Fahrstuhl zur Schillat-Höhle beobachtet er nun, wie ein zur Jahrtausendwende stillgelegter Bereich des Steinbruchs sich wandelt. Als Sukzession umschreiben Ökologen den Zustand, dass die Umwelt sich selbst überlassen bleibt und sich entwickeln kann.

Erste Pflanzen haben sich angesiedelt, ebenso Amphibien, manchmal beobachtet der Höhlenführer den Uhu. Hartmut Brepohl: „Die Natur erobert sich den Steinbruch zurück.“

Wer die schnelllebige Zeit beklagt, sollte den Blick lieber auf die Natur richten. Höhlenforscher Hartmut Brepohl erlebt die geologische Geschichte in Jahrmillionen. Dass im Universum Lichtjahre eine kleine Einheit bilden, fasziniert Astronom Peter Stöver. Alles hat seine Zeit, wie viele weitere Beispiele zeigen.



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