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In der Königsklasse der Denkmalpflege

Nach fast 20 Jahren in Sachsen-Anhalt haben sich die Schaumburger Architekten Wolfgang Hein und Heinfried Stuve durch innovative Ideen an die Spitze gearbeitet: Jetzt sanieren sie das von Walter Gropius entworfene Dessauer Bauhaus – die Wiege der modernen Architektur. Es ist ein Millionen-Projekt, bei dem auf vieles Rücksicht genommen werden muss, denn nicht nur die Unesco möchte bei diesem Unternehmen ein gewichtiges Wort mitreden.

veröffentlicht am 07.02.2011 um 18:53 Uhr
aktualisiert am 24.01.2019 um 14:15 Uhr

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Wer den Heiligen Gral der Architektur des 20. Jahrhunderts sucht, muss sich nach Sachsen-Anhalt begeben. Genauer gesagt, nach Dessau. Dort findet sich das steinerne Monument, das die Architekturgeschichte zweiteilt; in ein davor und ein danach. Es ist das Bauhaus, das am 4. Dezember 1926 eingeweiht wurde. Es war vom Gründer Walter Gropius als eine Arbeitsgemeinschaft gedacht, in der die Unterscheidung zwischen Künstler und Handwerker aufgehoben werden sollte. Durch ihr Schaffen wollten die Mitarbeiter des Bauhauses gesellschaftliche Unterschiede beseitigen und zum Verständnis zwischen den Völkern beitragen.

Das Bauhaus gehört heute zum Unesco-Weltkulturerbe, besonders der vollständig verglaste Werkstattflügel zur Straßenseite beeindruckt noch heute. Als Wolfgang Hein und Heinfried Stuve vom Obernkirchener Architekturbüro die Gesamtbetreuung und damit den Auftrag erhielten, diese Wiege der Moderne zu sanieren, bedeutete dies konkret, sechs verschiedene Objekte zur energetischen Sanierung zu leiten. Weit über 100 000 Euro an Heizkosten fielen per anno an, vor allem 2000 Quadratmeter einfach (!) verglaste Fenster- und Fassadenfläche sorgten für ein finanzielles Loch mit ganz tiefem Boden. Alles sollte auf den neuesten Stand der Technik gebracht werden, den Haken formulierte die Denkmalpflege dann so: „Die Fassade packt ihr aber nicht an.“ Im Vergleich dazu schien die Quadratur des Kreises plötzlich eine lösbare Angelegenheit für architektonische Anfänger. Doch Hein und Stuve, die von sich einmal behauptet haben, immer noch eine Idee zu haben, wenn ihre Konkurrenten die sprichwörtliche Flinte ins Korn warfen, nahmen die Herausforderung an: Die Chance, in der Königsklasse der modernen Denkmalpflege zu arbeiten, bietet sich nicht jeden Tag.

Wer verstehen möchte, warum ein regionales Architekturbüro die Leitung eines Projektes erhält, für das ein Gesamtvolumen von 3,5 Millionen Euro bereitsteht, muss die Uhr um gut 20 Jahre zurückdrehen. Die Mauer fiel, die DDR und der real existierende und niemals funktionierende Sozialismus wurden auf dem Schrottplatz der Geschichte entsorgt, der Landkreis Schaumburg knüpfte erste zarte Kontakte zum Landkreis Köthen in der östlichen Mitte des Bundeslandes Sachsen-Anhalt. Auch Stuve und Hein eröffneten 1992 in Köthen ein zweites Büro. Bis Ende der neunziger Jahre folgte Auftrag auf Auftrag, mehrfach konnten die beiden Architekten sanierte Objekte übergeben, in denen sie ihre Firmenphilosophie umsetzten: alte Denkmalschutzelemente werden mit neuen so kombiniert, dass etwas eigenständig Neues entsteht.

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Heinfried Stuve.

Die Liste ihrer Sanierungen ist lang und erzählt vom Aufstieg eines Architektenduos aus der regionalen Liga in höhere Klassen: Das Philanthropinum in Dessau, das nach der politischen Wende saniert und zum Gymnasium umgebaut wurde und heute Platz für mehr als 1000 Schüler und über 100 Lehrer bietet, Hospitalkapelle Prettin, Burg Klöden, die Sanierung der Schlossbrücke Köthen, Masterplan Schloß Köthen, das Konservatorium Georg Friedrich Händel, die Musikschule „Johann Sebastian Bach“ in Köthen, der Elbpavillon und das größtenteils aus dem 12. Jahrhundert stammende ehemalige Zisterzienser-Kloster Pforta bei Naumburg, das heute eine der renommiertesten deutschen Internatsschulen beherbergt. Hein und Stuve bewiesen Talent und Geschick, sie bauten Schulen und Sporthallen, freuten sich über Folgeaufträge und fanden sich bald in der Denkmalpflege im neuen Bundesland wieder, die dort allerdings nach gänzlich anderen Gesichtspunkten arbeitet: „Der Substanzerhalt steht im Vordergrund“, erklärt Heinfried Stuve, „jede alte Dachpfanne ist wieder zu nehmen, neue Zutaten dürfen nur sehr, sehr vorsichtig verwendet werden“. Das kann zuweilen dauern: Die Landesschule Pforta sanierten sie seit einem Jahrzehnt abschnittsweise mit, ehe sie Ende Oktober 2010 als Internat übergeben werden konnte.

Für das Bauhaus in Dessau haben Stuve und Hein dann pfiffige Lösungen gefunden, die den Geist der neuen Zeit atmen und die Historie nicht antasten, geschweige denn unterdrücken. In moderner Art wird das alte Gropius-Motto, nach dem die Form der Funktionalität zu folgen hat, aufgegriffen. 1800 Quadratmeter Ballonseide bilden nun die neuen Vorhänge im Bauhaus (dort gab es immer Vorhänge), wie mit einer Miniatur-Steppdecke, so formuliert es Stuve, kann jetzt die Helligkeit und damit auch die Temperatur eingestellt werden. Denn die Bauhaus-Architektur war stets eine strenge Herrscherin, die ihre Bewohner zwang, sich ihr und den Jahreszeiten zu unterwerfen: Im Winter war es kalt in den Gebäuden, im Sommer viel zu heiß. Um 30 bis 40 Prozent werden durch die Seidenlösung die Heizkosten reduziert, so rechnet Stuve vor. Weitere sieben Prozent werden durch intelligente WLAN-Lösungen eingespart und durch eine steuerbare Heizung, die den Nutzern angepasst ist: Sie schaltet sich ab, wenn der Mitarbeiter etwa um 17 Uhr das Büro verlässt, und fährt wieder an, wenn er um 19 Uhr zurückkehrt, um letzte Arbeiten zu erledigen.

Gegen den Widerstand der Unesco, erzählen Hein und Stuve, habe man eine weitere Neuerung durchgesetzt. Auf dem rund 1000 Quadratmeter großen Dach des Gebäudes wird eine Photovoltaikanlage installiert. Ein Vorschlag, den die Unesco ähnlich schätzte wie der Hund die Katze oder der Teufel das Weihwasser. Die Architekten setzten sich durch; die Anlage wird waagerecht aufgebaut und so weit von den Rändern entfernt, dass sie von unten nicht zu sehen ist – „eine Innovation“, sagt Stuve, die nur auffällt, wenn sich der Betrachter dem Bauhaus aus der Luft nähert. Einspareffekt: rund 15 bis 18 Prozent; auch, weil Einnahmen durch die Einspeisung erzielt werden können.

Bundesminister, Landesminister, Architekturbüros, Bauhausbeauftragte, die schreibende Zunft und das immer wieder drehende und damit weite Teile der Baustellen lahmlegende Fernsehen: Stuve und Hein haben als Gesamtleiter zuweilen das Gefühl, als jongliere jeder mit fünf verschiedenen Bällen – und das natürlich mit verbundenen Augen, damit es nicht ganz so einfach ist.

Dass die Luft in der Champions League der modernen Denkmalpflege zuweilen rau und dünn sein kann, das haben sie bei ihrem zweiten und ebenfalls mit gut 3,5 Millionen Gesamtvolumen ausgestatteten Projekt gemerkt: die „Reparatur des Meisterhausensembles“. Die Meisterhaus-Siedlung in Dessau war in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts leuchtend weiß im typischen Bauhausstil nach Entwürfen von Gropius errichtet worden. In den Häusern wohnten die vom Weimarer Bauhaus nach Dessau übergesiedelten Künstler, unter ihnen auch Wassily Kandinsky, Paul Klee und Laszlo Moholy-Nagy.

Die Geschichte um den Wiederaufbau der zerstörten Häuser ist eine recht junge, aber eine, die voll ist von Streit und entnervten Aufgaben. Den ersten – offenen – Wettbewerb hatte 2008 ein noch junges Zürcher Büro gewonnen, das ein Jahr später – entnervt von den Zumutungen der Bauherren und der Weltkulturerbe-Berater – das Handtuch warf. Im zweiten Wettbewerb, zu dem nur noch sechs Büros mit einschlägigen Erfahrungen eingeladen wurden, gewann ein Berliner Büro.

Stuve und Hein haben die Gesamtleitung bei dieser Reparatur, dieser Rekonstruktion, dieser zeitgenössischen Umsetzung des historisch Gegebenen – und die Fachwelt wird ihnen dabei zuschauen. Denn es ist eine heikle Aufgabe. Das Haus Gropius ist zwar nicht mehr, es ist zerstört, es ist bis auf Teile des Kellers weg. Aber obwohl es physisch abwesend ist, sei es trotzdem noch da, so wie die Stimme der Eltern in der Erinnerung der Kinder gespeichert sei, so sei das Gropius-Haus Teil des kollektiven Gedächtnisses der ganzen Menschheit, formuliert es Stuve. Diese „Hülle für die Erinnerung“, wie es Ira Mazzoni in der Süddeutschen umschrieb, soll die Kubatur, also die äußere Form, sowie die Größe und Position der Fenster wiederholen, aber dennoch als völlig neues Gebäude zu erkennen sein.

Wer Stuve und Hein in ihrem Büro gegenüber sitzt und zu verstehen sucht, wie Architektur zu Beginn des 21. Jahrhunderts auf den Gebäudetrümmern einer untergegangenen Epoche neu geschrieben oder zumindest anders, nämlich weiter, definiert werden kann, der spürt auch den Hauch der Architekturgeschichte. Für Stuve und Hein nichts neues, sie haben im Barock gearbeitet, in der Renaissance, im Klassizismus. Und dabei stets neue Wege gefunden.

Vielleicht muss man ja nur immer eine Idee mehr haben.



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