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In den Wäldern der Wölfe und Stechmücken

Der Eiertunnel, der am Schweriner See unter Eisenbahngleise hindurchführt, ist so eng, dass die Packtaschen unserer Pferde an den Wänden entlangscheuern. Man nennt ihn so, weil die Tunnelöffnung so aussieht – wie ein Ei eben. Er ist so niedrig, dass Pablo und Chico besser nicht die Köpfe heben sollten. Die Alternative? Umdrehen und eine neue Strecke suchen. Wenn diese Nummer schief geht, sehe ich uns schon als Meldung in der Bildzeitung enden. Wahnsinn: Pferde trampeln Reiter in Eisenbahntunnel tot!

veröffentlicht am 20.10.2011 um 00:00 Uhr

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Der Eiertunnel war eine Empfehlung von Matthias, Ex-Fallschirmjäger, Ex-NVA-Aufklärer: „Da kürzt Ihr ab.” Wir wollen nämlich zur Roten Flöte. Nein, das ist kein Bordell, sondern ein Zuchtstall für Oldenburger. Das sind Pferde. Der Ort steht sogar auf der Landkarte.

Bevor wir uns in den Sattel schwingen, spendiert uns Matthias noch seinen fingerzerquetschenden Händedruck und streicht sich über den kahlen Schädel, als ich ihm verrate, dass ich auf der anderen Seite der Grenze, bei der Bundeswehr gedient habe. Etwa zur gleichen Zeit. „Dann hatten wir ja Glück, grinst er, „dass wir nicht aufeinander schießen mussten“. Der Mann hat Humor.

Es sind erstaunliche Karrieren, von denen Ost-Überlebenskünstler wie Matthias erzählen: Barbara hat als gelernte Restauratorin für eine Präsidentengattin eine Vase zusammengepuzzelt, Geschenk des russischen Zaren an Wilhelm II. Barbara kann es immer noch nicht fassen, dass die einzige Bemerkung der Präsidentengattin damals war, als sie die Millionen Euro teure Antiquität abgeliefert hat: „Stellen sie das Ding mal da in die Ecke, mal sehen, wo ich noch Platz habe“. Das Ding! Barbara ist noch heute empört.

2 Bilder

Barbara hält auf ihrem Gutshof in Bendelin Hühner und wäscht die Wäsche von Wanderreitern, die bei ihr übernachten, und vermietet an Wochenenden den Saal auf ihrem Hof. An Philosophen aus Berlin zum Beispiel, die bei Barbaras Apfelkuchen über Heidegger und Sartres „geschlossene Gesellschaft“ sinnieren.

Ilona hat in der DDR Straßen gebaut und war Chefin über viele Maschinen und viele Menschen. Sie ist zum Einkaufen mal eben nach Berlin geflogen – VIP-Klasse versteht sich. Als die Mauer fiel, war sie 50 – zu alt für einen neuen Job. Jetzt zäunt sie die Wiese vor ihrem Haus im Wald bei Redefin für vorbeikommende Wanderreiter ein – als Nachtquartier für die Pferde. Im ersten Stock hat sie eine Ferienwohnung ausgebaut – wir sind die dritten Gäste in diesem Jahr. Es ist September.

Wir schreiben das Jahr 20 nach der Wende. Wer sechs Wochen lang und fast 600 Kilometer weit zu Pferd durch den Osten trabt, auf schmalen Pfaden durch endlose Wälder, weit ab von Touristenzentren und großen Städten, dringt vor bis in die Wohnstuben, ob er will oder nicht.

Wer abends müde, vom Regen durchnässt und hungrig aus dem Sattel fällt, ist eben kein Tourist im üblichen Sinne. Dafür riechen wir längst nicht mehr gut genug.

Der Pferdeschweiß in unseren Jeans und Hemden, das überbrückt mentale Distanz. Unsere Pferde sowieso. Und dann ist da noch ein Aspekt: Wir sind da und auch wieder nicht, weil wir am nächsten Morgen verschwunden sind. Wir hören zu und sind daher die ideale Projektionsfläche für Erinnerungen, Ängste, Wünsche. Und davon haben die Ostler eine ganze Menge.

Das Abendessen am Tisch unserer Gastgeber ist kulinarischer Höhepunkt des Tages, einfach deshalb, weil Gaststätten in dieser Gegend so rar sind wie ein Sechser im Lotto.

Trifft man doch auf eine, ist das Angebot verlässlich: Schweineschnitzel. In allen Variationen. Dazu Bratkartoffel. Als Sattmacher. Das ist in Ordnung. Das können sie. Es ist kein Schlaraffenland für Vegetarier. Das flache Land im Osten leert sich. Man kann es nicht ignorieren.

Wir reiten durch Straßendörfer, in denen noch fünf Familien wohnen. Verständlich, dass sich hier jeder einen Hund hält. Kläffer, die schwanzwedelnd am Zaun herumturnen, Köter, die mit gefletschten Zähnen nach uns geifern. Okay, denen hätte ich Pfefferspray anzubieten, sollten sie es über den Zaun schaffen. So begleitet uns Hundegebell fünf Wochen lang. Ich träume nachts noch heute davon.

Was sind schon zwanzig Jahre? Es gibt sie immer noch, die Straßenzüge im DDR-Einheitsgrau oder dieser undefinierbaren Farbe, die an Bahnhofstoiletten erinnert.

An vielen Gemäuern ein Schild: Zu verkaufen. Von Immobilienmaklern mit Galgenhumor. Wer will schon hierherziehen, wo der nächste Arbeitsplatz zwei Autostunden entfernt liegt. Mindestens.

An den Dorfrändern glotzen die leeren Stallluken der LPG-Ruinen auf uns einsame Satteltramps. Daneben Gerümpel, Ackergeräte in Brennnesselwäldern. Ein Endzeitszenario wie im Kino. Wir warten immer darauf, dass gleich ein Kamerateam um die Ecke biegt und der Regisseur in sein Megafon brüllt: Schnitt. Es kommt aber keins. Wo es auf der Landkarte mehr blaue als schwarze Linien gibt, ist Wasserland, also Mückenland. Wir machen uns bald nicht mehr die Mühe, die Blutsauger zu vertreiben. Chancenlos. Manchmal reitet man wie in einer Wolke. Die Pferde drehen am Rad.

Auf einem Campingplatz kaufen wir eine Sprühdose Autan. Für 8,95 Euro! Die Stechmücken haben sich schlapp gelacht. Dann gibt es noch den Hirschlauskäfer, die Special Forces unter den Insekten. Nur zwischen Fingernägeln zu knacken. Ein Vampir, der unsere Pferde zu einer Rodeoeinlage veranlasst, wenn er zubeißt.

Wasser ist überall. In den Wäldern, auf Wegen, in Kanälen, in Gräben, auf den Wiesen. Eine lächerliche Strecke von zwanzig Kilometer Luftlinie wächst sich an manchen Tagen zu einem Sieben-Stunden-Ritt aus, weil das Grabenlabyrinth zu einem Zickzackkurs zwingt.

Der Osten ist kein Trip für Anfänger. Ohne Balken auf dem Display, ohne Empfang, wird das Handy ein Stück nutzloses Plastik. Notruf? Wir könnten ja pfeifen im Wald.

Karten entpuppen sich als Rätselaufgaben. Wo ein Weg sein soll, beginnt undurchdringliches Gestrüpp. Oder es tun sich Passagen auf, die keine Karte kennt. Manchmal weiß nur noch das GPS, wo wir uns gerade befinden. Wolfsspuren lassen ahnen, wie weit an manchen Orten die Zivilisation schon entrückt ist.

Weitritte sind etwas anderes, als einmal den heimischen Reitstall zu umrunden. Pablo und Chico haben das schnell begriffen und ihre Emotionen auf Sparmodus heruntergefahren. Flatternde Planen, ein Rehrudel, das aus dem Wald prescht, das Schaukeln der Havelfähre, Bulldozer am Wegesrand, vorbeibretternde Lastzüge auf Landstraßen, all das, was Rösser in Panik versetzen kann, ruft meist nur noch ein kurzes Ohrwackeln hervor. Wozu unnütz Energie verschwenden? Und wir? Wir tun es unseren Pferden gleich. Das Faszinierende an einem Weitwanderritt ist, dass die meiste Zeit eigentlich nichts passiert. Wären da nicht die Unterbrechungen am Abend. Das Ankommen im Quartier.

In den Wäldern ist es still, so still, dass man die Stille hört. Wir begegnen an manchen Tagen in den sechs bis sieben Stunden Reitzeit keinem einzigen Menschen. Und weil der Wald schweigt, schweigen wir auch. Es ist, als habe jemand die Zeit angehalten. Mal ehrlich, was gibt es auch schon groß zu sehen: Bäume. Wetter? Egal. Hauptsache weiter!

Pferde haben ihren eigenen Rhythmus im Schritt, Trab und Galopp. Dem man sich anpassen muss, will man es stundenlang im Sattel aushalten.

Dann kommt der Moment, da ist unendlich weit weg, das, was wir gemeinhin Alltag nennen. Es kommt einem vor, als wäre man auf einem anderen Planeten unterwegs.

20 Jahre Wiedervereinigung. Anlass für zwei Wanderreiter aus Hohenrode, Hans und Petra Weimann, in fünf Wochen fast 600 Kilometer durch den Osten zu reiten, auf einem Zickzackkurs von der Ostsee gen Süden.

Ein Quartier im Wald? Da müssen Gastwirte erfinderisch sein (links). Endlose Wälder, viel Wasser und Wildnis hat der Osten noch Wanderern und Wanderreitern zu bieten (rechts).



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