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„In den Köpfen muss sich etwas ändern“

Nina Schaper leidet an einer Opticus Atrophie. Diese Erkrankung des Sehnervs führt zu einer kontinuierlichen Reduzierung des Gesichtsfeldes. „Früher wurde diese Sehschwäche auch ‚Flintenrohrkrankheit‘ genannt“, erklärt sie mit einem Schmunzeln. Formal gilt die 35-Jährige als blind, obwohl sie noch über einen winzig kleinen Sehrest verfügt. Wenn sie beispielsweise einer anderen Person im Abstand von rund einem Meter gegenübersitzt, dann kann sie rund vier Quadratzentimeter ihres Gegenübers sehen und zwar ganz scharf.

veröffentlicht am 03.08.2011 um 00:00 Uhr

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Nina Schaper hat sich mit ihrer Behinderung arrangiert, verblüfft ihre Umwelt immer wieder, wenn sie zum Beispiel bei einem Empfang ein Tablett mit vollen Sektgläsern ohne weitere Hilfsmittel hoch über ihrem Kopf durch das enge Spalier der Gäste trägt. „Das geht natürlich nur, wenn ich den Raum millimetergenau kenne, denn ansonsten würd’s wohl Glasbruch geben.“ Lebensfreude versprüht die Mitarbeiterin des Hamelner Radiosenders „Radio-Aktiv“ in ihrem ganzen Habitus, redet ohne Umschweife auch über kritische Momente in ihrem Leben und hat insbesondere zu Themen, die Menschen mit Behinderungen betreffen, eine dezidierte Meinung. So zum Beispiel zum aktuellen Topthema für Behinderte: Inklusion. Sie findet es gut, dass nun endlich Ernst gemacht werden soll mit einer kompletten Gleichstellung von Menschen mit und ohne Behinderung. Neben ihrer Tätigkeit als Hörfunkmitarbeiterin arbeitet Nina Schaper auch in der Verwaltung des Kuratoriums zur Förderung der Integration der Menschen mit Behinderung im Landkreis Hameln-Pyrmont und ist zweite Vorsitzende des Kreisbehindertenbeirats. Die gebürtige Hamelnerin hat an der Sertürner-Realschule ihren Realschulabschluss gemacht. Danach aber begann für sie die Zeit der Exklusion, wie man heute wohl sagen würde. Ein Lehrer habe einmal zu ihr gesagt, dass er mit einer solchen Diagnose nicht leben könne. „Für die meisten Menschen ist die Vorstellung, ihre Sehkraft zu verlieren, ein Horrorszenario, das sie sich am liebsten gar nicht vorstellen wollen. Für mich ist das aber Realität, und als Betroffene habe ich natürlich gelernt, mit den Vorbehalten in der Gesellschaft umzugehen.

Damals allerdings waren solche Sätze natürlich nicht gerade förderlich. An einem speziellen Gymnasium in Marburg hat sie ihr Wirtschaftsabitur gemacht und wechselte dann zum Landesbildungszentrum für Blinde (LBZB) nach Hannover. Ein entscheidender Schritt in ihrem Leben. „Ich hatte damals das Gefühl, in eine komplett andere Welt zu kommen. Zuvor hatte ich immer versucht, mich mit den Vorgaben der Umwelt zu arrangieren, habe stets darauf geachtet, keine Sonderbehandlung zu bekommen; und dort in Hannover, das war dann für mich, als komme ich in eine Anstalt.“ „Abgeschlossen, Mauern, versteckt“ sind Vokabeln, die Schaper in diesem Zusammenhang benutzt, wenn sie ihre Zeit in Hannover Revue passieren lässt. „Um den riesengroßen Komplex verlief eine Mauer. Männerbesuche waren nicht erlaubt, selbst mein eigener Vater hatte keinen Zutritt.“ Sie schaudert. Das Schlimmste sei für sie gewesen, ausschließlich mit Blinden zusammenzuleben. „Die Berufsberatung erstreckte sich auf Tätigkeitsfelder, wie Bürstenbinder, Korbflechter oder Telefonist.“ Lebenspraktische Fertigkeiten, wie Bügeln, Schminken und Getränkeeinschenken standen ebenfalls auf der Tagesordnung, wie sie sich erinnert.

Als besonders positiv bewertet Nina Schaper jedoch das Mobilitätstraining. „Für sehbehinderte Menschen ist es wichtig, mobil zu bleiben; deswegen kann ich nur allen raten, ein solches Training zu absolvieren. Aber selbst bei diesen von sehenden Trainern begleiteten Übungen hat Nina Schaper Erfahrungen gemacht, die gelinde gesagt „kurios“ waren: „Während einer Übungseinheit auf dem Hauptbahnhof von Hannover, packte mich ein Mann am Arm und erklärte, dass er mir gerne helfen würde. Als ich höflich dankend mit Hinweis auf mein Training ablehnen wollte, ließ mich der ‚hilfsbereite‘ Mann gar nicht zu Wort kommen und verfrachtete mich an Gleis 14. Hätte meine Trainerin die Situation nicht aus der Ferne beobachtet, dann glaube ich, würde ich heute noch an diesem Gleis auf meine Abholung warten.“

Der Blindenstock – Nina Schapers ständiger Begleiter im Straßenverkehr. Fotos: roh

Dennoch: Die zweijährige Fachschule für Wirtschaft habe sie im LBZB besucht und sich dann später für ein Jurastudium in Hamburg entschieden. „Es gibt typische Studiengänge für Blinde. Jura zum Beispiel, aber auch Betriebswirtschaft.“ Und genau in diesem Studiengang habe sie gewechselt, als sie feststellte, dass Jura ihr nicht liegt. Finanziert hat Nina Schaper ihr Studium durch eine bunte Palette an Jobs. „Ich habe eine Szene-Kneipe geleitet, Ausstellungen organisiert und in einem Call-Center gearbeitet.“ Letzteres gehört ihrer Einschätzung zufolge ebenfalls zu einem gerade von sehbehinderten Menschen gern gewählten Berufszweig. Rund elf Jahre wohnte die sehbehinderte Hamelnerin in der Großstadt. Mittlerweile ist sie wieder in Hameln und lebt in einem Ortsteil der Kreisstadt.

„Wenn ich es mir recht überlege, dann habe ich solange ich denken kann immer versucht, all’ die Dinge zu tun, die auch die nicht sehbehinderten Menschen machen können.“ Natürlich gebe es Ausnahmen, wie zum Beispiel das Autofahren. Hier liegt ihrer Ansicht nach ein großes Betätigungsfeld für die Inklusion, denn die Mobilität von Menschen mit Behinderungen ist eingeschränkt und die Fahrpläne im öffentlichen Nahverkehr haben ihre Tücken. Insgesamt hat Nina Schaper das Gefühl, dass sich vor allem in den Köpfen der Menschen etwas ändern muss, wolle man sich ernsthaft dem Projekt einer „inklusiven“ Gesellschaft nähern. „Mein Eindruck ist, dass es eine gewisse Angst vor Behinderung gibt.“ Behinderte lebten längst noch nicht mitten in der Gesellschaft, sondern häufig an deren Rändern. Deutlich zu spüren bekommen habe sie das, als ihr Arbeitgeber in Hamburg Konkurs machte und sie rund 150 Vorstellungsgespräche mit dem Blindenstock führte. „Eine Sekretärin hat mir dann einmal gesagt, dass ich den Job schon quasi in der Tasche gehabt hätte und fragte mich dann: ‚Hätten Sie nicht den Stock zu Hause lassen können?‘“

Doch selbst wenn sich das Bewusstsein in der Gesellschaft in einigen Jahren verändern sollte, betont Schaper, eine vollständige Inklusion werde auch ihre Grenzen haben. Dass jede Schule jeden Tisch mit einer sogenannten Braille-Zeile, einer Lesehilfe für Sehbehinderte ausrüstet, erscheint ihr unwahrscheinlich, und auch die speziellen Ansprüche an die Wohnsituation von Behinderten könnten sich mit „inklusiven“ Ansprüchen im Ergebnis nicht vollständig vereinbaren lassen. „Ich sehe die Inklusion als große Chance zu Veränderungen – weg von Sondersystemen und Sonderbehandlungen, hin zu mehr Selbstverständlichkeit.“ Wenn es gelänge, Ängste abzubauen, dann sei man einen gehörigen Schritt vorangekommen, meint Nina Schaper. Allerdings: „Auch die Menschen mit Behinderungen müssen Zugeständnisse machen.“ In diesem Zusammenhang spricht Schaper auch das leidige Thema „Kennzeichnungspflicht im Straßenverkehr“ an. „Rein rechtlich müssen sich sehbehinderte Straßenverkehrsteilnehmer kenntlich machen, entweder mit der klassischen gelben Binde mit den drei schwarzen Punkten, einem Blindenhund oder eben dem Blindenstock.“ Diese aus haftungstechnischen Gründen notwendige Regelung führe zu einer für alle erkennbaren Sonderrolle von Sehbehinderten, die aufzulösen auch innerhalb der „inklusiven“ Gesellschaft ein Problem werden könnte.

Dass man bei der Inklusion aber noch ganz am Anfang stehe, zeigten auch einige Beispiele aus der aktuellen integrativen Gesellschaft. „Wenn ich zum Beispiel eine Behörde aufsuche oder ein anderes Gebäude, in dem ich in ein ganz bestimmtes Zimmer muss, dann ist es für Blinde überhaupt nicht hilfreich, die Zimmernummern in riesengroßen Zahlen auszuweisen. Besser und inklusiv wäre es aus meiner Sicht, die Informationen eines Türschildes auch in Blindenschrift auszuweisen. Dann wären die sehbehinderten Menschen nicht gezwungen, sich durchzufragen.“

Sie selber trotzt ihrer kontinuierlich voranschreitenden Krankheit unverdrossen, malt nicht nur weiterhin Bilder, sondern gibt auch ehrenamtlich beim „Sozialdienst katholischer Frauen“ Malunterricht. Sie hat sich in ihrer Kunst in den letzten Jahren entwickelt und kreiert auch – nach dem Besuch bei einer blinden Freundin – taktile Bilder: „Als ich meiner Freundin riet, ihre Wände doch mit einigen Bildern zu schmücken, antwortete sie mir: ‚Wozu? Ich kann die doch gar nicht sehen‘. Das hat mich auf die Idee gebracht meinen Bildern eine dreidimensionale Komponente zu geben, um sie fühlbar zu machen.“ Eines dieser Bilder hängt in einem Aufenthaltsraum bei Radio- Aktiv. „Aber nicht mehr lange“, sagt sie. Es sei aktuell das letzte, das sie noch habe, und das sei just verkauft.

Als Nina Schaper im Alter von 14 Jahren das erste Mal bemerkte, dass mit ihren Augen etwas nicht stimmte, hatte sie noch die Hoffnung, dass es sich um eine behandelbare Sehschwäche handelte. Zwei Jahre später jedoch traf sie die Diagnose der Fachärzte wie ein Schock. Damals teilte man ihr mit, sie müsse mit einer vollständigen Erblindung binnen eines Jahres rechnen. Heute, fast 20 Jahre später, ist ihr immer noch ein kleines „Guckloch“ geblieben.



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