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Serie zur Jugendanstalt: Teil 5

Immer mehr psychisch auffällige Gefangene im Knast

Seit November 2017 hat die Jugendanstalt Hameln eine Vollzugspsychiatrie. Sie wurde notwendig, weil der Umgang mit psychisch auffälligen jungen Männern sich zunehmend schwieriger gestaltete. Ihre Zahl, so der Eindruck vor Ort, steigt seit 2010 kontinuierlich. Adäquate Unterbringungsmöglichkeiten, Erziehung und Förderung existierten für diese jungen Gefangenen bis vor einem guten Jahr nicht. Die Mehrzahl landete in der Sicherheitsabteilung. 2013 benannte die damalige Justizministerin Antje Niewisch-Lennartz die defizitäre psychiatrische Versorgung als eines der drängendsten Probleme in Niedersachsen – insbesondere des Jugendvollzugs Hameln.

veröffentlicht am 07.08.2018 um 16:36 Uhr
aktualisiert am 14.08.2018 um 17:40 Uhr

Gemeinsames Mittagessen: Uwe Meinecke, Leitender Psychiater der JA, und Insassen auf Station. Foto: Dana
Dorothee Balzereit

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Dorothee Balzereit Reporterin / ViaSaga zur Autorenseite
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Gut geht es Monir G. (Name von der Redaktion geändert) auch vor seinem Besuch in Hamburg nicht. Er hat oft Kopfschmerzen. Sie rühren von einer Kopfverletzung während der Flucht. Die Vollzugsbediensteten sind verunsichert, weil er oft weint oder scheinbar verzweifelt auf dem Boden seines Haftraumes liegt. Der junge Mann aus Afrika, der außer seinem afrikanischen Dialekt ein recht gutes Französisch und ein bisschen Deutsch spricht, ist nach eigenen Angaben seit zwei Jahren in Deutschland und jetzt 18 Jahre alt. Als er von der Altersbestimmung in Hamburg zurückkommt, wirkt er psychotisch. Er sieht wilde Tiere, berichtet von drei Menschen, die ihn schlagen wollten und bedrohten. Er fängt an, mit dem Kopf gegen die Wand zu schlagen, sich Kleidungsstücke um den Hals zu legen und diese zuzuziehen. Er muss mehrfach fixiert werden, dissoziiert über Minuten und kauert in Embryonalstellung auf dem Boden.

Das Beispiel ist nicht alltäglich, doch es zeigt anschaulich die Probleme, die Inhaftierte mit schweren psychischen Störungen der JA bereiten können, beschreibt Elke Schaffrath, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie in der JA Hameln, die Situation. Probleme, die im Herbst 2012 dazu geführt haben, dass die JA eine Fachtagung zum Thema psychisch gestörte Gefangene ausrichtete.

Ein Anstaltsarzt und ein Jugendpsychiater, der stundenweise in der JA tätig war, hatten darauf aufmerksam gemacht, dass von einer hohen Zahl diagnostisch nicht erkannter und nicht adäquat behandelter psychischer Erkrankungen unter den Inhaftierten auszugehen sei.

Auf dem Boden eine Gummimatte, eine Toilette, Fenster nach draußen und zum Überwachungsraum: So sieht die moderne „Gummizelle“ in der neuen Psychiatrie aus. Foto: dana
  • Auf dem Boden eine Gummimatte, eine Toilette, Fenster nach draußen und zum Überwachungsraum: So sieht die moderne „Gummizelle“ in der neuen Psychiatrie aus. Foto: dana

In der Regel landeten diese Betroffenen vor der Einrichtung der Psychiatrie in der JA in der Sicherheitsabteilung. Ein Patient mit ADHS – die Krankheit bildet ein Schwerpunktthema in der JA – wartete dort über Monate freiwillig auf die Eröffnung der Abteilung.

Man muss diese Arbeit lieben und aushalten können.

Wolfgang Kuhlmann, Leiter der Jugendanstalt

Nirgendwo sonst kam er klar, das hatte er selbst erkannt. Das größte Problem: seine Impulsivität. Mithilfe entsprechender Medikamente lässt die Impulsivität nach, er kann sich besser konzentrieren. Begleitend beginnt er ein Sozialtraining, später erfolgt eine Entlassungsvorbereitung mit Anbahnung von Schulmaßnahmen und betreutem Wohnen aus der psychiatrischen Abteilung heraus.

Auch unter der Gabe von Methylphenidat, also Ritalin, gebe es keine Wunderheilung, schränkt Elke Schaffrath ein, „die biografischen Narben sitzen tief“. Doch immerhin könne so die Voraussetzung für soziales Lernen hergestellt werden.

Schaffrath kam im Herbst 2016 nach Hameln. Ihr Studienkollege Uwe Meinecke, Leitender Psychiater in der JA, hatte sie geholt. Meinecke ist ein überaus erfahrener Therapeut, der seit über 30 Jahren in der Forensik, also im Strafvollzug, tätig ist. Zusammen füllen Schaffrath und er eineinhalb Stellen in der JA aus.

Dass die beiden gekommen sind, empfindet Anstaltsleiter Wolfgang Kuhlmann als „einen Sechser im Lotto“. Denn das sei die größte Hürde für das neue Konzept gewesen: Psychiater zu finden, die den Job machen wollen. „Man muss diese Arbeit lieben und aushalten können.“

Neben den beiden Psychiatern beinhaltet die Personaloffensive für ganz Niedersachsen, die in der JA einen Schwerpunkt hat, die Weiterbildung von Justizbediensteten zu Psychiatriefachpflegern. Diese Mitarbeiter, die alle ausgebildete Kranken- oder Altenpfleger sind, eine zweijährige Ausbildung zum Justizvollzugsfachwirt absolvierten, haben eine zweijährige Zusatzausbildung an der Psychiatrieakademie Königslutter erworben. Von insgesamt zehn Psychiatriefachpflegern, die der niedersächsische Justizvollzug ausbilden ließ, arbeiten drei in der JA Hameln.

Dazu sind in der Abteilung 12 Mitarbeiter des allgemeinen Vollzugsdienstes eingesetzt (drei verfügen über eine Ausbildung in Gesundheits- und Krankenpflege), dazu kommen ein Physiotherapeut und eine Ergotherapeutin.

Der Umgang mit psychisch kranken Gefangenen wird von den Bediensteten als der am stärksten gesundheitlich belastende Faktor erlebt

Untergebracht ist das Team im Haus 5, der ehemaligen Sozialtherapie, wo die Erkrankten in drei therapeutischen Wohngruppen leben. Es gibt einen Gruppenraum in beruhigenden Grüntönen, gestaltet nach einem psychologisch ausgeklügelten Farbkonzept. Auch die Physio- und Ergotherapieräume wirken einladend. Aber es gibt auch zwei kameraüberwachte Hafträume, zwei Doppelhafträume und das, was der Volksmund „Gummizelle“ nennt. Allerdings wartet dieser besonders gesicherte Haftraum mit einem imposanten Blick nach draußen auf. Sogar einen Fernseher gibt es. Der hängt jedoch hinter einer großen Scheibe.

Auf der anderen Seite sitzen diejenigen, die den psychisch Kranken im Blick haben müssen. Das ist nicht immer einfach für die Bediensteten.

Gekostet hat die Einrichtung der psychiatrischen Abteilung das Land 1,9 Millionen Euro. Dass es nicht nur für die Betroffenen gut angelegtes Geld ist, spiegelt eine Mitarbeiter-Befragung des nordrhein-westfälischen Justizministeriums aus dem Jahr 2008 wider: Sie besagt, dass der Umgang mit psychisch kranken und verhaltensauffälligen Gefangenen von den Bediensteten als der am stärksten gesundheitlich belastende Faktor erlebt wird. Sie sind für die Vielzahl der selbstverletzenden, suizidalen, impulsiven, bizarren und aggressiven Verhaltensweisen nicht ausgebildet und zum Teil überfordert.

Bei psychisch erkrankten Straffälligen kommt es häufiger zu Sicherheitsverfügungen, werden mehr Disziplinarverfahren verhängt, gibt es mehr Meldungen über Regelverletzungen, sie werden häufiger Täter und Opfer von gewalttätigen Handlungen in Haft und sie gelten deutlich häufiger als suizidal, das belegt eine Untersuchung der Uni Braunschweig in der JA.

Bleibt die Frage: Wo kommt sie her, diese hohe Zahl an psychisch Erkrankten? Ist sie einfach ein Spiegel einer Gesellschaft, die psychisch kontinuierlich instabiler wird? Das sei schwer zu beurteilen, sagt Wolfgang Kuhlmann. Belegt sei aber, dass psychisch Kranke eher rückfällig werden.

Eine Gruppe, die oft psychiatrischer Hilfe bedarf, bilden Geflüchtete. Auf die oftmals mit in den Knast gebrachten posttraumatischen Belastungsstörungen sind die Bediensteten nicht vorbereitet. Doch die Gruppe bilde in dem sich verändernden Gefüge aber nur einen Baustein. Das Team in der JA ist mit vielfältigen Diagnosen konfrontiert. Fast alle jungen Männer kommen aus schwierigen sozialen Verhältnissen, sind bindungsgestört, hatten traumatisierende Erfahrungen.

Und Monir G.? Er ist aufgrund seines Alters in die psychiatrische Abteilung der JVA Sehnde verlegt worden. Zum Hauptverhandlungstermin wurde er freigesprochen. In der JA klingelte trotzdem das Telefon: Die betreuenden Sozialarbeiter wussten nicht, wie sie mit dem jungen Mann umgehen sollen.

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