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Im Urlaub hielt sie nichts am Boden

Andrea Köster ist mehrfach behindert. Doch sie trotzt ihren Handicaps, liebt Sport und Autofahren. Sie hat Verständnis, wenn Menschen Hemmungen haben, sie anzusprechen. Andererseits ist auch sie nicht ohne Hemmungen gegenüber Nichtbehinderten. Um Andrea Köster geht es im letzten Teil unserer Serie über Menschen mit Behinderungen.

veröffentlicht am 30.08.2011 um 00:00 Uhr

„Die schlimmste Zeit ist die Sommerpause der Bundesliga“, sagt Köster. Sie ist Mitglied bei Borussia Dortmund. Fotos

Autor:

Matthias Rohde

Die 27-jährige Andrea Köster sitzt in ihrem Wohnzimmer und genießt ihren letzten Urlaubstag. Vor wenigen Tagen ist sie von einem 14-tägigen Urlaub in Niederbayern zurückgekehrt. Es war ihr erster seit fünf Jahren, und aus zwei Gründen hat sie sich als Ziel die Gegend um Rosenheim ausgesucht: „Die Landschaft ist dort einfach überwältigend. Dieses fantastische Bergpanorama, das ich beim Gleitschirmfliegen erleben durfte – einfach sensationell. Außerdem fahr’ ich für mein Leben gerne Auto und deswegen habe ich mir eine sehr weite Strecke ausgesucht.“ Gleitschirm? Auto? Köster trotzt fast rebellisch ihren Behinderungen: Ihr fehlt das rechte Bein, in beiden Ohren trägt sie Hörgeräte und ihre linke Hand ist funktionseingeschränkt. Mit einem breiten Grinsen berichtet sie von ihrem Urlaub, ohne dabei auch nur den Hauch eines Zweifels daran zu lassen, dass das alles völlig normal sei. Köster hat feine Antennen für ihre Umwelt, spürt in Windeseile, wem sie was sagen und wie offen sie mit ihren Behinderungen umgehen kann.

Im Alter von vier Jahren diagnostizierten die Ärzte bei der heutigen Bürokauffrau ein Osteosarkom. Dabei handelt es sich um den häufigsten primären bösartigen Knochenkrebstumor. „Weil bei der Diagnose nicht nur das Knie, sondern bereits das gesamte rechte Bein befallen war, musste man es mir abnehmen.“ Nein, Erinnerungen an die Zeit davor habe sie kaum: „Ich kenne das Gefühl, auf zwei Beinen zu laufen, nicht.“

Unvermeidlich war damals die Chemotherapie, aber auch hier traten Komplikationen auf: „Eine Folge der Chemo war, dass ich meine Hörfähigkeit nahezu komplett eingebüßt habe.“ Lediglich ein Rest von etwa 25 Prozent sei ihr geblieben, sodass sie früh das Lippenlesen lernte und mit Hörgeräten am gemeinschaftlichen Leben teilnehmen konnte.

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Eine von vielen sportlichen Aktivitäten: Andrea Köster zählt die Punkte bei einem Boßel-Wettkampf.

Aber damit nicht genug. 1994, im Alter von zehn Jahren, erlitt Köster einen Schlaganfall, auch Gehirnschlag oder Apoplex genannt: „Meine linke Körperseite war vollständig gelähmt“, sagt sie. Aber sie habe wieder gelernt, ihr Bein zu benutzen und auch alle anderen Funktionen hat sie sich zurückerobert. „Bis auf meine linke Hand, die nicht mehr ganz so funktioniert wie vor dem Schlaganfall.“ Später wird sie ganz nebenbei erwähnen, dass sie eigentlich Linkshänderin war und aufgrund des Schlaganfalls gezwungen war, auf die rechte Hand umzulernen.

Mit 18 habe sich ihr gesundheitlicher Allgemeinzustand massiv verschlechtert. Aufgrund eines angeborenen Herzfehlers, den sie bisher vergessen habe zu erwähnen, hätte sie im Alter von fünf Jahren an einer Herzmuskelentzündung laboriert, die eine dauerhafte Herzschwäche zur Folge gehabt hätte, die sie wiederum quasi just zur Volljährigkeit mit starken Erschöpfungszuständen heimgesucht hätte. „Damals stand auch der Vorschlag im Raum mich auf die Warteliste von Euro-Transplant zu setzen, um mir ein neues Herz zu verschaffen“, erinnert sie sich.

Aber mit dem Jahr 2002 verknüpft Köster noch zwei weitere einschneidende Erlebnisse in ihrem Leben: „Erstens habe ich meine Lehre zur Bürokauffrau begonnen und zweitens habe ich mich in dieser Phase intensiv mit der Frage ‚Warum ich?‘ auseinandergesetzt.“ Nein, den Lebensmut habe sie nie verloren, auch damals nicht. Ihre Familie habe immer zu ihr gestanden. Ihre Ernährung habe sie umgestellt, mehr Gemüse und Obst esse sie heute und treibe wesentlich mehr Sport.

Köster ist noch immer beim BHW beschäftigt, wo sie auch ihre Ausbildung absolvierte. Sie darf aufgrund ihrer Behinderung mit dem Auto sogar in die firmeneigene Tiefgarage fahren. „Da parken eigentlich nur die Mitarbeiter der Chefetage“, fügt sie mit einem schelmischen Lächeln hinzu. Im Behindertensport ist sie beim Boßeln aktiv dabei, Mitglied einer Mannschaft und dort zuständig für die Punktezählung und strategische Spielführung, indem sie den Mannschaftskollegen die Punkte per Handzeichen signalisiert. Zweimal pro Woche geht sie ins Fitnessstudio, einmal in der Woche zum Schwimmen und einmal pro Woche zur Physiotherapie.

Sie liebt das Leben auf dem Dorf und gibt zu: „Ich bin kein Stadtmensch, ich mag es lieber etwas beschaulich und ruhiger.“ Zum aktuellen Schlagwort der Inklusion fällt ihr vieles ein. Viele Beispiele, die ihr nachdrücklich gezeigt haben, dass es noch ein langer Weg ist, bis Menschen mit Behinderungen etwas ganz Normales sind. „Ich hab mir eine gehörige Portion Humor und auch Sarkasmus angeeignet, denn ich habe festgestellt, dass es nicht immer einfach ist, wenn Behinderte und Nichtbehinderte, ohne es vorher zu wissen, zusammentreffen.“ Natürlich würden auch fremde Menschen eine ihrer Unterarmstützen aufheben, wenn sie einmal runterfallen sollte, aber dabei habe sie auch oft zu spüren bekommen: „Hier haste deinen Stock wieder und tschüss.“ Kein Wort, kein Blickkontakt, kein freundliches Lächeln. „Auch bei mir gibt es gute und schlechte Tage, keine Frage, aber wenn ich jemandem ganz freundlich in der Stadt ,Hallo‘ sage, dann passiert das schon mal, dass jemand kurz und bündig zurückgrüßt und auf dem Absatz kehrtmacht, wenn er mich anschaut.“

Sie habe wegen solcher Erfahrungen entschieden zurückhaltender Fremden gegenüber zu sein und abzuwarten, wie diese Fremden auf sie zukommen: „Ich kann verstehen, dass einige Menschen Berührungsängste haben, und warte lieber ab, wie die Menschen auf mich reagieren.“ Schon als Kind habe sie sehr deutlich zu spüren bekommen, wie Behinderung ausgrenzen kann, denn einen wirklichen Freundeskreis kann Köster nicht ihr eigen nennen, obschon sie einräumt, dass es einige ihr sehr vertraute Menschen gebe. Aber nicht nur die Menschen ohne Behinderung müssten sich vor den einschließenden, inklusiven Ansprüchen fragen, ob es nicht Zeit für ein Aufeinanderzugehen sei.

„Ich komme ja gerade aus Bayern zurück. Dort habe ich die Erfahrung gemacht, dass man ganz anders mit meiner Behinderung umgeht.“ Offen seien ihr die Menschen begegnet und wesentlich entspannter sei das Miteinander gewesen. Allerdings sei sie ja auch nur als Tourist dort gewesen. Aber: „Ich fahre ja nun gerne Auto und auch gerne viel, aber dass mir jemand so dicht auf die Stoßstange fährt, wie ich das hier bei uns häufig erlebe, das habe ich in Bayern nicht erlebt.“

Auch als sie sich um einen Ausbildungsplatz bewarb, habe sie zahlreiche negative Erfahrungen gemacht: „Bei einigen Arbeitgebern hatte ich das Gefühl: Die haben mich nur zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen, um mich in Augenschein zu nehmen und waren nicht ernsthaft an mir als Mitarbeiterin interessiert.“ Deswegen plädiert Köster auch für einheitliche Schulabschlüsse: „Ein Zeugnis einer besonderen Schule, also zum Beispiel einer Förderschule kann sich meiner Erfahrung nach durchaus negativ auf eine Bewerbung auswirken.“

Dennoch: Für sie ist der erste Schritt hin zu einer inklusiven Gesellschaft mit gemeinsamen Anstrengungen verbunden – auf beiden Seiten: „Wenn jeder einen halben Schritt macht, ist das auch ein ganzer.“

Wenn Andrea Köster Musik hört, tut sie das mit einem Zusatzgerät, das direkt an die Hörgeräte angeschlossen wird. Im Fernsehen verfolgt sie unter anderem Sportsendungen. Fußball, bekennt sie, sei ihre große Leidenschaft und auf die Frage, welchem Vereins sie die Treue geschworen habe, zeigt sie auf ihr T-Shirt: „Borussia Dortmund natürlich.“ Ein Streifzug durch ihr Wohnzimmer offenbart ihre tiefe Leidenschaft für den aktuellen deutschen Fußballmeister: Ein BVB-Ball, ein Poster und über ihrem Schreibtisch eine Urkunde. „Ja, seit diesem Jahr bin ich ordentliches Mitglied des Vereins und kurz nach der Meisterschaft habe ich mir einen Tag freigenommen, um an einer Autogrammstunde in Dortmund teilzunehmen.“ Bereits in der Nacht sei sie losgefahren und erst am späten Abend zurückgekehrt, aber mit einem tollen Erlebnis im Gepäck.

Natürlich gebe es auch gerade auf ihre Behinderungen bezogen immer wieder schlechte Tage in ihrem Leben, aber dessen ungeachtet gibt es für sie eine Leidenszeit der anderen Art: „Die schlimmste Zeit für mich ist die Sommerpause der Bundesliga.“ Sie meint, was sie sagt, zaubert ein herzliches Lachen auf ihr Gesicht und macht damit mehr als den von ihr gewünschten halben Schritt.



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