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Verseuchtes Wasser, tödliche Minen und Traurigkeit – und Hilfe aus dem Weserbergland

Im Tal der Tränen

Dort, wo das Wasser seine ganze zerstörerische Kraft entfalten konnte, haben Naturgewalten Orte der Verwüstung geschaffen: Straßen sind fortgespült, Hänge abgerutscht und tiefe Krater entstanden. Baumstämme, die von den Fluten der Bosna mitgerissen wurden, haben sich vor Häusern zu Bergen aufgetürmt. Es ist ein Gemisch aus Ästen, Müll, Schlamm und Geröll, das die Stadt Maglaj bedeckt. Der Geruch, der über dem Bosna-Tal hängt, lässt sich schwer beschreiben: süßlich, stechend, feucht, irgendwie unbestimmt. Unser Fahrer Nedjo Vuckovic (63) schließt rasch die Fenster des Führerhauses. Er spüre ein Kratzen im Hals, sagt er. Viele Menschen tragen Atemmasken – sie haben Angst vor Seuchen, weil unzählige Haus- und Nutztiere ertrunken sind. In den Medien wird vor Typhus, Hepatitis und sogar vor Milzbrand gewarnt.

veröffentlicht am 31.05.2014 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 29.05.2017 um 17:28 Uhr

Ulrich Behmann

Autor

Chefreporter zur Autorenseite

Wir sind unterwegs nach Doboj in Bosnien-Herzegowina. Bis 1995 verlief hier die Frontlinie. Dass zwischen Maglaj und Doboj immer noch viele Minen im Boden stecken, war bekannt, wo sie ungefähr versteckt wurden, auch. Aber jetzt sind sie fortgespült worden. Die tödliche Gefahr kann unter jedem Zweig lauern – oder in dem pechschwarzen Schlamm stecken, der seit dem Hochwasser weite Flächen der Region bedeckt.

Vor Doboj stauen sich die Lastwagen. Die Straße ist seit dem Jahrhundert-Unwetter gesperrt. Wir müssen einen Umweg fahren. Der 16 Meter lange Sattelzug, der im Auftrag der Hilfsorganisation Interhelp mehr als 28 Tonnen Hilfsgüter ins Katastrophengebiet bringt, legt den Weg in Schrittgeschwindigkeit zurück. Die von den Fluten aufgerissene Asphaltstraße ist nur notdürftig mit Schotter geflickt worden. Zwölf Räder, fünf Achsen, 580 PS – unser Lastzug wiegt fast 50 Tonnen. Der Polizist, der uns kontrolliert, drückt ein Auge zu. Die Magnetschilder mit der Aufschrift „Im Einsatz für Interhelp“ sorgen für freie Fahrt. Neben uns fließt der Fluss, der vor zwei Wochen innerhalb weniger Stunden sein Bett verlassen, Menschen in den Tod gerissen und Häuser zum Einsturz gebracht hat. „Der Pegel steigt wieder“, sagt Nedjo Vuckovic und betätigt die Scheibenwischer. Es hat angefangen, zu regnen. Über den Bergen ist immer wieder Wetterleuchten zu sehen. Kein gutes Zeichen. „Der Balkan kommt nicht zur Ruhe. Hochwasser in Serbien und Bosnien, Erdbeben in Mazedonien und Ernteschäden durch Hagelschlag in Kroatien. Was kommt da noch“, fragt sich Emaida Avdic (46), die seit Mitte der 1990er Jahre in Hameln wohnt und in Doboj geboren wurde. Die Krankenschwester, die alle nur Maja nennen, ist ehrenamtlich für Interhelp tätig. Heute wird sie ihre kranken Eltern nach zwei Jahren wiedersehen.

Wir fahren an zerschossenen Wohnblöcken und ausgebrannten Häusern vorbei – stumme Zeugen eines Krieges zwischen den Volksgruppen, der vor zwei Jahrzehnten viele Tausend Opfer gefordert hat. Noch heute wirkt einiges nach, mutet manches fremd an. Da ist zum Beispiel die Republika Srpska, eine Art Staat im Staat. Sie hat einen eigenen Präsidenten, gehört zwar zur Föderation von Bosnien-Herzegowina, wurde beim Friedensabkommen von Dayton allerdings als Entität, also als etwas, das besteht, anerkannt. In manchen Köpfen gibt es immer noch Mauern und Vorurteile. Katholiken, Orthodoxe und Muslime leben zwar friedlich, aber nicht immer spannungsfrei, zusammen. Für Außenstehende hat es den Anschein, als wohne jeder auf seiner „Insel“.

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Mit einem Leichenwagen werden die Hilfsgüter direkt zu den Notleidenden gefahren. Die ehrenamtlichen Interhelp-Mitglieder Emaida Avdic und Ulrich Behmann beladen das Fahrzeug.

Fahrer Nedjo Vuckovic erzählt vom Krieg, von Gräueltaten und von dem Schicksal seines Sohnes Tihomir. Der heute 42-Jährige wurde als junger Mann in Vukovar von Granatsplittern verstümmelt. Eine Schulter ist zerfetzt, er hat beide Beine verloren, sitzt im Rollstuhl. Die Augen des Vaters füllen sich mit Tränen, wenn er an ihn denkt.

Es ist spät in der Nacht, als der Interhelp-Hilfsgütertransport auf einen bewachten Lagerhof am Rande der Stadt rollt. Die Polizei hat eine Ausgangssperre verhängt, weil es Plünderungen gegeben hat. Majas Mutter ist im Ehrenamt Präsidentin der bosnischen Hilfsorganisation Merhamet, die die Hamelner Interhelper logistisch unterstützt. Faketa Avdic (68) und ihrem Mann Mustafa (77) ist es gelungen, einen Gabelstapler zu organisieren. Im Scheinwerferlicht eines Autos werden bis weit nach Mitternacht Wurstkonserven, Milch, Zucker, Salz, Sonnenblumenöl, Trinkwasser, Kekse, Gummihandschuhe, Waschpulver, Vitaminpräparate sowie Hygiene- und Reinigungsmittel abgeladen. Mehr als 28 Tonnen Hilfe von Mensch zu Mensch, von Hamelnern in Sarajevo zu Sonderpreisen eingekauft – mit Spenden aus dem Weserbergland.

Am nächsten Tag packen fleißige Hände Lebensmittel-Pakete für Flutopfer, die obdachlos geworden sind und nun bei Verwandten oder Bekannten hausen. Leitungswasser gibt es zwar wieder, aber man kann es nicht trinken. „Die Behörden sagen, man solle nach dem Händewaschen die Haut mit einem Desinfektionsmittel besprühen“, erzählt die Krankenschwester aus Hameln und schüttelt mit dem Kopf. „Wozu soll das Wasser dann überhaupt gut sein?“

Wir beladen den einzigen Lieferwagen, den Merhamet im Katastrophengebiet auftreiben konnte: Ein Bestatter hat uns seinen Leichenwagen zur Verfügung gestellt. Es ist schon skurril: Ausgerechnet ein Leichenwagen trägt dazu bei, dass hungernde Menschen überleben. Nun fährt auch dieser Transporter im Auftrag von Interhelp. Die Flutopfer, die vor der Verteilstelle an der König-Alexander-Straße Schlange stehen, sind in Not. Und glücklich, dass Hilfe aus Deutschland angekommen ist. Auf Deutsch sagen einige: „Danke, vielen Dank.“

Eine von ihnen ist Slavka Marcovic (60). Sie hat alles verloren, als die Flut in ihre Wohnung in der ersten Etage strömte. Gemeinsam mit ihren Töchtern (28 und 30) flüchtete sie im Treppenhaus nach oben. Zwei Tage waren die Frauen auf sich alleine gestellt. Dann wurden sie mit einem Schlauchboot in Sicherheit gebracht. „Ohne die Hilfe aus Deutschland würden wir verhungern“, sagt die Frau.

Durch Wohnungen, Tankstellen, Fabriken, Banken und Postämter ist vor wenigen Tagen ein Gemisch aus Wasser, Benzin, Öl und Fäkalien geflossen. Alles, was nicht höher als vier Meter hoch liegt, ist zerstört worden. „Deshalb gibt es derzeit auch keine Rente“, erzählt Petra Cvijanovic (50). Sie und ihr Mann, ein Rentner, müssen für sich, ihre drei Töchter und ein Enkelkind sorgen. „Bekämen wir die humanitäre Hilfe nicht, wüssten wir nicht, was wir tun sollten“, sagt die Frau. Die über 1000 Flutopfer, die täglich bei Merhamet um Hilfsgüter bitten, sind Interhelp sehr dankbar. „Gott möge Euch schützen“, sagt eine alte Frau. „Ihr seid unsere Retter.“

Interhelp (www.interhelp.info) ist weiter auf Geldspenden angewiesen, weil nach Möglichkeit zeitnah ein weiterer Hilfstransport nach Doboj rollen soll.

Spendenkonten: Sparkasse Weserbergland IBAN: DE602545 0110 0000 020313, BIC: NOLADE21SWB; Volksbank Hameln-Stadthagen IBAN: DE 4925462160 0700 7000 00, BIC: GENODEF1HMP.

Sie wissen nicht, wie es weitergehen soll: Die Flut hat ihnen alles genommen. Die Menschen in den bosnischen Katastrophengebieten haben Hunger und Durst – sie sind auf Hilfe angewiesen. Ein erster Interhelp-Sattelzug mit mehr als 28 Tonnen Nahrungs- und Desinfektionsmitteln an Bord hat die Opfer des Jahrhundert-Hochwassers erreicht. Ein weiterer soll folgen.



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