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Menschen mit Demenz sind eine große Herausforderung für das Personal in Krankenhäusern

Im Räderwerk der Kliniken

Wenn ein altersverwirrter Mensch ins Krankenhaus muss, versteht er oft gar nicht, was mit ihm geschieht. Seine Angst und Unruhe wird meistens als Störfaktor wahrgenommen. Erst allmählich setzt sich ein Umdenken für den Umgang mit demenzerkrankten Patienten in den Kliniken durch.

veröffentlicht am 26.04.2016 um 17:31 Uhr
aktualisiert am 12.01.2017 um 22:17 Uhr

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Cornelia Kurth Reporterin zur Autorenseite

Es ist, als würde man in einem fremden Land ausgesetzt. Menschen umringen einen, aber man versteht die Sprache nicht und man weiß nicht, ob sie Freunde oder Feinde sind“ – so umschreibt Petra Böger die Situation verwirrter alter Menschen, die ins Krankenhaus kommen. Petra Böger arbeitet im Hamelner Seniorenpflegeheim Tönebön, sie ist Wohnbereichsleiterin der Wohngruppen mit Menschen, die an Demenz oder Alzheimer erkrankt sind. „Wenn einer von ihnen im Krankenhaus behandelt werden muss, dann ist das für sie ein existenzieller Einschnitt, viel mehr noch als bei anderen Patienten, die einschätzen können, was mit ihnen geschieht“, sagt sie.

Eigentlich müssten die altersverwirrten Patienten in der rätselhaft fremden Umgebung mit all der Hektik ringsum ständig einen vertrauten Menschen an ihrer Seite haben. „Zu einem einfachen Arzttermin können wir die Betroffenen ja begleiten“, sagt Petra Böger. „Aber wir haben natürlich keine Zeit, stundenlang in der Notaufnahme zu warten oder gar Besuche im Krankenhaus zu machen.“ In den Seniorenheimen gibt es schon lange gute Konzepte, wie man sich in die Lage von Menschen hineinversetzt, die das Geschehen in ihrer Umgebung nicht mehr richtig einordnen können. Ein besonders wichtiger Aspekt dabei ist, die oft irrational wirkenden Gefühlsäußerungen ernst zu nehmen und nicht einfach als Störfaktor abzutun. Doch das ist leicht gesagt in einem Umfeld, das nur wenig auf Patienten mit Demenz eingestellt ist.

„Mithilfe ist wichtig“

Wie geht man mit einem Patienten um, der sich nicht untersuchen lassen will, der weint und einfach nur nach Hause möchte, oder der einen verzweifelten Wutanfall bekommt, weil er nicht begreifen kann, warum er an einem fremden Ort unter fremden Menschen in seinem Bett bleiben soll? Wie kann man Patienten helfen, die sich nach einer Operation im sogenannten „Delir“ befinden, einem beinahe psychotischen Zustand, in dem jede Orientierung verloren gegangen ist?

Manche Patienten neigen dazu, wegzulaufen. Foto: dpa

Genau diese Fragen waren im letzten Jahr das Thema einer Netzwerk-Tagung im Sana-Klinikum Hameln-Pyrmont, ausgerichtet vom „Caritas Forum Demenz“ Hannover. „Menschen mit Demenz und die besonderen Bedürfnisse, die sie haben, sind eine große Herausforderung für das Klinikpersonal“, sagt Klinik-Sprecherin Natalie Arnold. „Ohne ein Netzwerk von Helfer ist das kaum zu bewältigen.“ Im Sana-Klinikum sind seit dreißig Jahren die „Grünen Damen“ ehrenamtlich unterwegs, die „guten Feen“ des Krankenhauses, die mit offenem Ohr und Gelassenheit einspringen, wo Pfleger, Krankenschwestern und Ärzte keine Zeit haben. Außerdem gibt es seit Neuestem zwei „Demenz-Coaches“, deren Zusatzausbildung sie zu Ansprechpartnern für alle Fragen rund um demenzerkrankte Patienten machen, für Ärzte und Pflegepersonal ebenso wie auch die jeweiligen Angehörigen. „Ja, die Mithilfe der Angehörigen ist wichtig, damit Patienten mit Demenz nicht unnötig leiden müssen“, erklärt auch Petra Böger. „Wir führen intensive Vorbereitungsgespräche mit ihnen, wenn es um einen bevorstehenden Krankenhausaufenthalt geht.“

Das ist im Rintelner Seniorenheim „Reichsbund freier Schwestern“ nicht anders. „Es gibt da allerdings ein Problem“, so Leiter Ralf Ober: „Meistens stehen Angehörige als Betreuungshelfer gar nicht zur Verfügung.“ Die Mehrzahl der Bewohner sei über 90 Jahre alt und entsprechend alt dann auch schon die Kinder. „Wären die alten Menschen in einen engen Familienzusammenhalt eingebunden, dann würden sie nicht im Seniorenheim leben“, meint er.

Als bei seinem eigenen, schwer an Alzheimer erkrankten, Vater eine Krebserkrankung festgestellt wurde, kam die Familie zu dem Schluss, ihm eine Behandlung im Krankenhaus zu ersparen. „Uns war klar, dass er wütend und verzweifelt sein und nicht im Geringsten verstehen würde, was mit ihm geschieht. Vielleicht hätte er ein paar Wochen länger gelebt – aber unter welchen Bedingungen?“ Wenn Seniorenheimleiter Ralf Ober mit den Angehörigen und Ärzten von demenzerkrankten Bewohnern spricht, geht es immer wieder auch um die Frage, ob es Sinn haben kann, den verwirrten alten Menschen noch eine Krankenhausbehandlung zuzumuten.

Führt an einem Klinikaufenthalt kein Weg vorbei, dann ist der Informationsaustausch zwischen Pflegeheim oder der Familie und der Klinik eigentlich unverzichtbar. „Zum Wohlergehen der Patienten trägt unbedingt bei, wenn die Krankenhäuser über eine Demenz und biografische Besonderheiten Bescheid wissen“, so Ralf Ober, so auch Petra Böger. Dann wird dem Personal vor Ort schneller klar, warum ein Mensch unter Schmerzen zu leiden scheint, sich aber nicht dazu äußert, warum jemand ständig suchend durch die Stationsräume wandert oder warum manche Patienten in Panik ausbrechen, wenn es darum geht, sich auszuziehen. Manche Menschen hätten in ihrer Jugend bei Flucht und Krieg Gewalt und Vergewaltigung erlebt, traumatische Erlebnisse, die bei bestimmten Untersuchungen und Behandlungen wieder hochkommen. „Jeder, der in ein Krankenhaus muss, ist sowieso schon in einem persönlichen Ausnahmezustand“, sagt Nina Bernard als Sprecherin der Krankenhausprojektgesellschaft Schaumburg in Stadthagen. „Bei einem demenziell erkrankten Menschen aber lösen der Wechsel in eine unvertraute Umgebung und die ihm unverständlichen pflegerischen und ärztlichen Eingriffe noch zusätzlich Angst und Stress aus.“ Weil die Anzahl der an Demenz erkrankten Patienten immer weiter zunehmen werde, sollen im neuen „Agaplesion evangelisches Klinikum Schaumburg“ neue Konzepte umgesetzt und neue Räumlichkeiten speziell für demenzerkrankte Menschen geschaffen werden.

Dazu gehören dann zum Beispiel absenkbare Betten, damit diese Patienten nicht tief fallen können oder Türen, die nicht wie eine Tür, durch die man weggehen kann, aussehen, sondern wie ein Bücherregal. Ein „Demenzgarten“ soll entstehen, und ehrenamtliche Mitarbeiter werden zu „Alltagsbegleitern“ ausgebildet.

„Schon jetzt versuchen wir in unseren drei Häusern grundsätzlich, die Angehörigen in den gesamten Behandlungsablauf zu integrieren“, sagt Pflegedirektorin Susanne Sorban. „So bitten wir sie zum Beispiel, dass sie die Essensauswahl vornehmen, damit unsere Patienten Mahlzeiten bekommen, die sie auch wirklich mögen.“

Ein „Störfaktor“ im Krankenhaus-Alltag

Wenn Patienten dazu neigen, wegzulaufen, dann können Angehörige das Personal unterstützen, indem sie zu den dafür kritischen Zeiten vorbeikommen. Das wäre zum Beispiel der Fall, wenn ein Demenzkranker immer um 14 Uhr unruhig wird und losgehen will, weil er um diese Uhrzeit früher mit seinem Hund einen Spaziergang machte. „Aber selbstverständlich schauen wir auch öfter in diese Patientenzimmer und bitten auch Bettnachbarn nach uns zu klingeln, wenn der demente Patient, sein Bett verlässt.“

Das alles sind bis jetzt noch nicht viel mehr als erste Schritte zu einem besseren Umgang mit altersverwirrten Patienten im Krankenhaus. Zu diesem Schluss kommt jedenfalls die Auswertung von Studien, die die Universität Bielefeld in Zusammenarbeit mit der AOK im Jahr 2014 vorlegte. Aus den zahlreichen Gruppendiskussionen mit Pflegetrainern und Pflegepersonal geht hervor, dass die Demenz im Krankenhaus-Alltag ein „Störfaktor“ ist, der sich, auch zum Leidwesen der Pflegenden, mit dem normalen Arbeitsablauf auf den Stationen (noch) nicht vereinbaren lässt. „Die Demenzpatienten sind vorhanden und müssen mitversorgt werden, aber es gibt keinen stationären Spielraum, der eine demenzgerechte Versorgung zulässt“, so heißt es in dem entsprechenden Bericht.

Immerhin, ein Umdenken sei bereits erkennbar – in Krankenhäusern, die ihre Fachkräfte zu demenzspezifischen Weiterbildungen oder Ausbildungen schicken, die allgemein die Mitarbeiter für die Thematik Demenz sensibilisieren oder das Stationsmilieu umgestalten. Das Sana-Klinikum und die Schaumburger Kliniken gehören dazu. In Anbetracht der Tatsache, dass, wie die Deutsche Alzheimergesellschaft es betont, Demenzen zu den häufigsten Erkrankungen des höheren Lebensalters gehören und bereits jetzt etwa anderthalb Millionen Menschen in Deutschland davon betroffen sind, muss das Umdenken zügig voranschreiten. „Die eigentlichen Leidtragenden sind die dementen Menschen“, meint Ralf Ober. „Zu oft gehen sie im Räderwerk des Krankenhaus-Alltages verloren.“



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