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Im Knast gibt es viel Zeit zum Nachdenken

Philipp Greinart (Name von der Redaktion geändert) ist nicht zum ersten Mal „Gast“ in Hameln. „Das ist meine zweite Haftstrafe“, gibt er zu. Seit 2009 „sitzt“ er vornehmlich wegen Körperverletzungsdelikten bis voraussichtlich Januar 2013 hinter Gittern. Der heute 20-Jährige wurde mit 14 das erste Mal straffällig und verbüßte bereits von 2007 bis 2009 eine Haftstrafe wegen Sachbeschädigung und Körperverletzung. „Ich hatte mir damals den Wagen meiner Mutter genommen und bin damit unter Alkoholeinfluss auf die Gegenfahrbahn gekommen.“ Dabei sei es zu einem Zusammenstoß mit einem anderen Auto gekommen, deren Fahrer schwer verletzt wurde. Nach seiner Entlassung und der anschließenden achtwöchigen Alkohol-Therapie verbrachte er 48 Tage in Freiheit, bevor er wieder in Untersuchungshaft landete. „Als ich damals endlich in Freiheit war, da hatte ich schon den Plan, mein Leben zu ändern. Hat aber nicht so gut funktioniert“, gibt er zerknirscht zu. Bereits in der Arrestzelle der Polizeistation habe er für sich persönlich einen neuen Plan entworfen, einen, der sich deutlich von allen vorherigen Plänen unterscheiden sollte.

veröffentlicht am 11.05.2011 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 11.05.2011 um 09:35 Uhr

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Heute nimmt Greinart freiwillig an einer Sozialtherapie teil, die neben seiner Berufsausbildung zum Tischler einen Großteil seiner Zeit einnimmt. Dabei seien es gar nicht einmal die großen, bedeutsamen Veränderungen in seinem Leben wie zum Beispiel die Therapie, die Ausbildung oder der regelmäßige Sport, die sein Zeitempfinden nachdrücklich beeinflussten, sondern eher die stillen Momente im Knastalltag. Ein solcher besonderer Moment sei das morgendliche Aufstehen. „Früher bin ich immer möglichst lange im Bett geblieben, bevor ich zur Schule musste“, erinnert er sich. Für Frühstück und Morgenhygiene sei häufig kaum Zeit geblieben. Wenn in diesen Tagen aber der Wecker bereits um 6 Uhr klingelt, dann steht Greinart auf und widmet sich genau den Dingen, die er früher vernachlässigt hat. In der Jugendanstalt aber verlässt man sich beim Aufstehen nicht nur auf die Wecker der Insassen, wie Greinart anfügt: „Jeden Morgen gibt es hier die sogenannte ‚Lebendkontrolle‘, bei der ein Bediensteter mich anspricht und solange wartet, bis ich antworte.“ Er selbst sei zwar in der Regel bereits wach, wenn die „Lebendkontrolle“ stattfinde, aber es sei durchaus möglich, dass ein Bediensteter einen Inhaftierten wecken müsse. Die Zeit zwischen Aufstehen und Aufbruch zum Werkstattbereich beträgt eine Stunde. „Diese Stunde am Morgen ist mir total wichtig geworden“, erklärt der junge Straftäter. Neben der üblichen Morgentoilette sei es vor allem der Frühstückskaffee, dem er eine ganz besondere Aufmerksamkeit schenkt. Später am Tag zeigt er uns in seiner Zelle den Wasserkocher. „Also der Kaffee am Morgen, den genieße ich nicht nur, bereits die Zubereitung ist für mich eine Art Ritual geworden. Diese morgendliche Kaffeeaktion zelebriere ich.“

Zwar beginnt die Arbeit erst gegen halb acht, dennoch sind die Inhaftierten, die in den anstaltseigenen Werkstätten beschäftigt sind oder eine Ausbildung machen, bemüht pünktlich zu sein. „Das Tor zu den Werkstätten ist nur ein paar Minuten geöffnet. Wer da nicht pünktlich ist, kommt nicht mehr rein, und das hat sofort Konsequenzen zur Folge.“ Zum Beispiel wird nach einem versäumten Arbeitstag infolge des Zuspätkommens der Fernseher aus der Zelle des Inhaftierten entfernt. Eine Konsequenz, die Greinart auf keinen Fall erleben möchte. „Der Fernseher läuft bei mir relativ häufig“, sagt er. Vor allem Reportagen, Nachrichten und Sendungen über Autos sehe er sich an. Über Frühstücks- und Mittagspause bis hin zum Feierabend gegen halb vier sind Unterschiede zum Berufsalltag in Freiheit nicht festzustellen. Allerdings: „Um welche Uhrzeit ich den Werkstattbereich verlasse, also wann ich Feierabend habe, das richtet sich danach, wie schnell und reibungslos die Inhaftierten durch die Schleuse kommen.“ Manchmal sei er bereits gegen 3 Uhr auf dem Weg zu seiner Zelle, es könne aber auch schon einmal 4 Uhr werden.

Die Nachmittage sind für den Inhaftierten mit unterschiedlichen Pflichtveranstaltungen gefüllt. „Einmal in der Woche nehme ich im Rahmen der Sozialtherapie an einer Gruppensitzung teil, an einem anderen Tag mache ich Sport.“ Zu den täglichen Routinen der Inhaftierten gehört darüber hinaus die Reinigung der Gemeinschaftsräume. Als er gefragt wird, ob und wann er sich Zeit nimmt, über sich und seine Straftaten nachzudenken, überlegt der 20-Jährige eine Weile. „Natürlich gibt es kaum einen Tag, an dem ich nicht nachdenke, aber über mich habe ich sehr intensiv im Rahmen eines ‚Naikan‘-Projektes nachgedacht.“

Tag für Tag wird abgestrichen: Im Kalender notiert er, wie viel er von der Haftstrafe bereits verbüßt hat.

Naikan, das ist eine fernöstliche Meditationstechnik, die in den letzten Jahren im Strafvollzug immer häufiger zum Einsatz kommt. Greinart erklärt: „Eine Woche verbringst du deine Zeit nur mit Nachdenken und zwar immer über drei Fragen: Was hat ein Mensch, zum Beispiel meine Mutter, in einem bestimmten Zeitabschnitt für mich getan? Was habe ich für sie in diesem Zeitraum getan? Und welche Schwierigkeiten habe ich ihr in diesem Zeitraum bereitet?“ Nach einer vorher festgelegten Zeit, so der Jugendliche weiter, berichte man einem Projektbegleiter, über was man nachgedacht hätte und widme sich dann der nächsten Etappe, zum Beispiel einem anderen Zeitraum mit der gleichen Person oder einer ganz anderen Person in einem anderen Zeitraum. „So geht das eine Woche lang, völlig abgeschieden, allein und ohne andere Einflüsse, wie etwa Fernseher, Veranstaltungen oder Mitgefangene. Am Ende war ich total überrascht, an wie viel Positives ich mich erinnert habe. Auf jeden Fall ist mir in dieser Zeit vieles klar geworden, und ich habe mich entschieden, meinen eingeschlagenen Weg fortzusetzen.“ Dieser Weg, so stellt er mit Entschiedenheit fest, werde ihn auf jeden Fall weg von seinem ehemaligen Umfeld führen, weg von den „Freunden“, hin zu einem Ort irgendwo in Niedersachsen, an dem er als Tischler dann ein ganz normales und vor allem straffreies Leben führen will.

Bleibt die Frage nach den Opfern seiner Straftaten. „Ja, ich habe mir gerade während meiner aktuellen Haftstrafe Zeit dafür genommen, über meine Taten und die anderen beteiligten Personen nachzudenken. Die damals am Unfall beteiligte Person tut mir aufrichtig leid, und ich habe mich bei ihr bereits entschuldigt.“ Über die Ursache für seine aktuelle Haftstrafe schweigt sich der junge Mann weitgehend aus. „An der Situation war außer mir mehr als eine Person beteiligt, und ich hatte in den letzten Jahren viel Zeit darüber nachzudenken.“ Mehr sagt er nicht. Seine Augen aber würden wohl, wenn sie es könnten, den Satz: „Zeit heilt nicht alle Wunden“ formulieren.

Wie viel Zeit er noch in der Jugendanstalt verbringen muss, darüber führt der Inhaftierte Buch, und zwar nicht mit Strichen an der Wand, wie das häufig in alten Spielfilmen gezeigt wird, sondern in einem kleinen Taschenkalender, in dem er die Tage abhakt, die er von seiner langen Haftstrafe hinter sich hat. „Die Wände mit Strichen beschmieren, finde ich erstens nicht schön, und zweitens wäre das Sachbeschädigung – und das kommt für mich nicht in Frage.“

Richtiggehend froh ist Greinart darüber, dass er parallel zu seiner aktuellen Haftstrafe eine Sozialtherapie macht: „Mir ist es total wichtig geworden, was ich mit meiner Zeit anfange, und das soll auch nach meiner Entlassung so bleiben.“ Gerade die Angebote der Sozialtherapie und die Möglichkeit, eine Ausbildung zu machen, seien für ihn die ersten Schritte, ein neues Leben in Freiheit zu beginnen – und dann nicht nur für 48 Tage, wie er mit einem Lächeln hinzufügt.

„Die Stunde am Morgen ist mir total wichtig geworden“:

Es sind die stillen Momente im Knastalltag wie das morgendliche Kaffeekochen, die der junge Häftling genießt.

Fotos: roh



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