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Ihre Abzeichen haben sie stets im Gepäck

Das Dienstzimmer von Kriminalhauptkommissar Jörg Stuchlik im Polizeikommissariat Rinteln könnte glatt Teil eines Museums sein: Jeder freie Platz an den Wänden ist von großen Bilderrahmen in Beschlag genommen, mit unzähligen kleinen Bildchen darin, die sich beim näheren Hinsehen als Stoffabzeichen entpuppen, als Polizeiabzeichen, wie sie auf dem Ärmel der Uniform getragen werden. So bunt und vielfältig allerdings sind die meisten dieser „Patches“, dass sie eher an Wappen von Pfadfindern oder Motorradclubs erinnern. „Nun, die deutschen Polizeiabzeichen sind ja eher nüchtern gestaltet“, sagt Jörg Stuchlik mit einem Schmunzeln. „Richtig interessant wird es, wenn man in der ganzen Welt nach solchen Abzeichen sucht.“

veröffentlicht am 26.01.2012 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 24.01.2019 um 15:01 Uhr

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Cornelia Kurth Reporterin zur Autorenseite

Er und sein Kollege Polizeihauptkommissar Manfred Schütte sind beide Sammler von Polizeiabzeichen. Auch Manfred Schüttes Fundstücke schmücken das Kommissariat, kaum ein Flur oder Treppenaufgang, wo sich nicht einer seiner reich bestückten und sorgfältig beschrifteten Wappen-Rahmen findet. „Wie gut, dass ich sie hier aufhängen kann“, sagt er. „Meine Frau hat mir schon längst die gelbe Karte gezeigt und genug von meinen Sammlerstücken im Haus.“ Dabei kann man sich an vielen der kunstvoll entworfenen Stücke durchaus erfreuen, gestickte Szenerien von Adlern, die übers Gebirge segeln, Indianern, die pfeiferauchend vor dem Zelt hocken, einem Bären, der sich dem Lagerfeuer nähert. Diese phantasievollen Patches stammen größtenteils aus Amerika. Während nämlich in Deutschland jedes Bundesland ein einheitliches Zeichen für alle Polizisten vergibt – in Niedersachsen bäumt sich das weiße Pferd darauf auf – kann in den USA praktisch jede Stadt ihr eigenes Polizeiwappen vergeben. Dort sind Polizisten keine Staatsbeamten mit all den dazugehörigen Rechten und Pflichten, sondern einfach städtische Angestellte oder solche eines Distriktes, die ohne viele Umstände eingestellt und wieder entlassen werden können.

„Bei uns handelt es sich um Hoheitsabzeichen, die bundes- und landeseinheitlich vorgegeben sind“, so Jörg Stuchlik. „In Amerika aber drücken die Abzeichen in vielen Fällen ein besonderes Zusammengehörigkeitsgefühl der jeweiligen Polizisten aus, sie geben den einzelnen Polizeiwachen eine Identität.“ Er zeigt auf ein Wappen aus der amerikanischen Gemeinde „Schaumburg“ in Illinois. Darauf sieht man eine Burg zwischen Hügeln. „Könnte glatt unsere Schaumburg sein“, meint Stuchlik. „Aber solche individuellen Abzeichen kommen nicht in Frage. Unsere offiziellen Abzeichen dienen in erster Linie der einheitlichen Erkennbarkeit von Amtsträgern. Wir tragen alle das weiße Niedersachsenpferd.“

Es gibt allerdings Ausnahmen, und auch von diesen hat Stuchlik einige vorzuweisen: Abzeichen beispielsweise, die rund um Einheiten der Polizei entstanden, die besondere Aufgaben übernehmen. Als er noch in der Polizeiinspektion Göttingen arbeitete, gehörte er zu so einer Sondereinheit mit einem Wappen, das gut und gerne das Logo einer Rocker-Truppe darstellen könnte: Ein schwarzes Dreieck, ausgefüllt mit einem in grellen, rot-orange-feuerfarben leuchtenden Wolfsgesicht. „Irgendjemand aus der Einheit hat das Wappen mal vor vielen Jahren entworfen, und ich muss sagen, es gefällt mir sehr. Es bedeutet: Meine Truppe, mein Team und ich habe es damals mit Stolz getragen.“

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Diese speziellen Abzeichen sind so was wie ein Teamzeichen. Man trägt sie nicht offen an der Uniform, die ja ganz bestimmten Kriterien genügen muss. Sie werden ausschließlich bei internen oder privaten Veranstaltungen getragen oder als begehrtes Tauschobjekt unter Polizisten eingesetzt. So bekommen andere oft gar nichts von den Abzeichen mit.

Fragt man in Hameln oder in Nienburg nach, wo von Göttingen aus die Einheiten der Diensthundführer stationiert sind, weiß niemand, ob die ein eigenes Abzeichen besitzen. Das Thema ist ein bisschen heikel, könnten solche Abzeichen doch den Verdacht erwecken, es hielten sich einige für etwas Besonderes, gar Besseres. „Darauf achtet hier keiner“, heißt es jedenfalls aus Hameln, und in Nienburg, wo die Diensthundführereinheit die überhaupt einzige Sondereinheit im Schaumburger Land darstellt, zuckt man auch nur mit den Schultern.

Jörg Stuchlik aber besitzt sicher 20 solcher besonderen Wappen, eines schöner als das andere. Wie hat er das nur geschafft? Wie konnten beide Beamte ihre großen Sammlungen ergattern?

Man kommt ja schon an die normalen Länderabzeichen nicht ohne weiteres heran. Könnte man sie einfach so irgendwo einkaufen, es bestünde wohl wenig Reiz darin, sie zu sammeln. Zu jeder Uniform gehört ein Stoffabzeichen. Hat ein Hemd ausgedient, ist das robuste Wappen aber noch lange nicht hinüber. Wer es abtrennt und aufhebt, hat schon mal ein Tauschobjekt. „Man könnte manche Abzeichen auch bei Ebay ersteigern“, sagt Manfred Schütte. „Jeder darf sie anbieten und auch kaufen, nur natürlich nicht in der Öffentlichkeit tragen, das ist bei Hoheitszeichen verboten. Aber wir als Polizisten haben ja unsere eigenen Möglichkeiten, um an Abzeichen zu kommen.“

IPA – das ist das Stichwort, die „International Police Assoziation“, eine Vereinigung von Polizisten aus der ganzen Welt, die mit ihrem Ethos von Brüderlichkeit, Friedlichkeit und Freundschaft ohne Ansehen von Herkunft, Rasse, Geschlecht, Religion und Dienstgrad nun tatsächlich an eine Pfadfindergemeinschaft denken lässt. Wer der IPA beitritt – sie hat immerhin 57 000 Mitglieder allein in eutschland und weltweit um die 400 000 – der genießt nicht nur Gastfreundschaft und Unterstützung überall da, wo er sich anderen IPA-Mitgliedern zu erkennen gibt, sondern verfügt über einen exklusiven Kreis von Tauschpartnern, bei allem, was man rund um den Polizistenberuf sammeln kann – besonders bei den Abzeichen.

Während man deutsche Patches gut über Kontakte tauschen kann, die durch die „International Police Assoziation“ unter anderem auch übers Internet entstehen, über Twitter, Facebook und einem IPA-internen Forum, öffnet einem die IPA-Mitgliedschaft international in 61 Staaten der Welt die Türen der Polizeidienststellen. Natürlich besitzt auch die IPA ein eigenes Wappen, dazu eine Auto-Vignette.

Viel schöner aber ist, dass ein IPAler auf Weltreise sofort und mit Freuden zum Abzeichentausch eingeladen wird. Ob England, Spanien, Schweden, Italien oder die USA, überall, wo die beiden Polizisten unterwegs waren, gaben sie die begehrten deutschen Abzeichen her (natürlich führen sie immer welche in ihrem Gepäck mit) und sammelten bunte Aufnäher als Gegengabe ein. „Dadurch sind schon viele nette Bekanntschaften entstanden“, sagt Manfred Schütte. „Wem das Sammeln Spaß macht, der will die Abzeichen über solche persönlichen Kontakte bekommen. Klar, es gibt längst Fälschungen aus Fernost. Bekomme ich aber ein Wappen direkt in die Hand oder schreibe eine Dienststelle an und schlage einen Tausch vor, dann weiß ich, was ich habe.“

Erst im 20. Jahrhundert wurden die vorher in Amerika üblichen Sheriffsterne oder die in Europa getragenen wappenähnliche Metallanstecker der Polizei durch Stoffabzeichen ersetzt. Die waren preisgünstiger herzustellen und konnten bei handfesten Auseinandersetzungen mit Kriminellen weder abgerissen werden noch jemanden verletzen. Die Stoffabzeichen auf bundesdeutschen Uniformen aus den 50er Jahren – Manfred Schütte besitzt eine davon, neben anderen historischen Stücken wie Helmen, Schlagstöcken und Pfeifen – sie sehen oft immer noch aus wie ein Metallstück, ein vielstrahliger silbergrauer Stern. Damals waren die Uniformen von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich gestaltet. Zu Schüttes Sammlerstück gehört sogar noch ein Tschako aus Leder, ein Helm, dessen Form an eine militärische Pickelhaube erinnert.

Viele Polizeibeamten haben Freude daran, Abzeichen und andere polizeitypische Stücke zu sammeln. „Wir nehmen das ja gar nicht so ernst“, meint Manfred Schütte. „Das Sammeln und Tauschen ist eben auch ein guter Aufhänger, um erste Kontakte zu ausländischen Kollegen zu knüpfen.“ Jörg Stuchlik sieht es ähnlich: „Für mich sind die International Police Association und die Freude am Abzeichentausch eng miteinander verbunden. Beides dient dem Austausch und der Verständigung über Grenzen hinweg. Man fühlt sich mit unterschiedlichsten Menschen aus der ganzen Welt verbunden. Das ist doch eine gute Methode, die vielschichtigen Kulturen und die individuelle Polizeiarbeit auf ganz persönliche Weise kennenzulernen.“

Auch Polizisten haben Sammelleidenschaften. Es liegt ganz nahe, Abzeichen zu sammeln, die Uniformen in aller Welt schmücken. Doch nicht immer dürfen die Wappen und Symbole öffentlich getragen werden. Seltene Abzeichen sind begehrt – um sie zu ergattern, sind Kontakte in aller Welt erforderlich.

Früher und heute: Polizist Manfred Schütte trägt eine aktuelle Uniform (l.) und eine aus den 50er Jahren.

Um dieses Abzeichen aus den USA zu bekommen, sind gute Kontakte erforderlich.



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