weather-image
23°

Warum hartgesottene Camper auch im Winter ihren Spaß haben – und Dauercamper nicht mehr weg wollen

„Ich will halt nirgendwo anders leben“

Nur die Harten bleiben auch im Winter in ihrem Garten – der Gartenzwerg jedenfalls ist schon mal so einer, der zu dieser speziellen Liga der Hartgesottenen gehört: Mit roter Zipfelmütze und einladender „Hereinspaziert-Geste“, ein Häuflein Schnee auf Nase und Schoß, postiert das putzig lächelnde Deko-Kerlchen auf der zugeschneiten Rasenfläche vor dem Campingwagen. Und weil aus winterfestem Material, trotzt es dort, wo sich die Gäste anmelden, erfolgreich den Tiefsttemperaturen, die seit Tagen nicht aus dem Frostbereich herausgeklettert sind. Urlauber aus dem Umland steuern den Campingplatz zum Fährhaus an, aber auch für Touristen aus fernen Ländern wie Australien und Neuseeland ist er ein beliebter Anziehungspunkt – an diesem klirrend kalten Januartag allerdings fährt niemand mit seiner mobilen Unterkunft vor. Nichts rührt sich, kein Mensch weit und breit auf dem Areal, wo sich in der warmen Jahreszeit fröhlich die Sommerfrischler tummeln.

veröffentlicht am 04.02.2013 um 00:00 Uhr

270_008_6154698_hin104_0402_1_.jpg

Autor:

Alda Maria Grüter

Wie im Dornröschenschlaf liegt der Campingplatz, der ganzjährig geöffnet hat. Dennoch: Gänzlich verwaist ist er auch im Winter nicht. In einigen Wohnwagen haben sich Campingfreunde der winterfesten Sorte nett eingerichtet.

Selbst bei noch so ungemütlichen Minusgraden denken sie gar nicht daran, den Wohnwagen in die Winterpause zu schicken und selbst in eine komfortable Wohnung umzuziehen: „Na und?“, wird ein Campingplatzbewohner später sagen. „Es war schon mal kälter.“ Es gebe auch Camper, die gar keine andere Unterkunft besitzen, bestätigt Michael Giannakos, seit 15 Jahren Betreiber des Hamelner Campingplatzes am Fährhaus. Bei einem Dauercamper anzuklopfen, wird er erlauben – bei den anderen wird der Hausherr abwinken, und auch dem Fotografieren wird er nach einigen Aufnahmen einen Riegel vorschieben: „Das ist schon mehr als genug“, findet Giannakos, erzählt aber gerne, um was für Leute es sich handelt. „Menschen, die sich der Natur verbunden fühlen.“ Idealisten, die ein mehr oder weniger einfaches Leben am Puls der Natur führen? Nein, nicht nur, räumt Giannakos ein, so mancher sei dabei, der wohl aus finanziellen Gründen seinen Wohnsitz auf den Campingplatz verlegt habe. Schließlich sei die Jahresgebühr für einen Dauerplatz preiswerter als die Miete für eine Wohnung. Ab 750 Euro sei die eigene Parzelle vis-à-vis der Weser zu haben, hinzu kommen die Stromkosten, die nach Verbrauch abgerechnet werden.

Mit mehr als 70 000 Dauerstandplätzen ist Niedersachsen seit Jahren der Spitzenreiter in Deutschland – in keinem anderen Bundesland gebe es so viele Dauerstellplätze, sagt Anton Harms, Präsident des Verbandes der Campingplatz-Unternehmer Niedersachsen e. V. (VCN). „Ein Dauerstellplatz ist ein Standplatz, der fest vermietet ist und am Wochenende und im Urlaub von Feriengästen aufgesucht, also nur vorübergehend bewohnt wird. „Von einer täglichen Nutzung hält Harms nichts. Das dauerhafte Wohnen auf Campingplätzen entspricht nicht dem eigentlichen Sinn und Zweck der Campingkultur.“ Nach der Campingverordnung der Länder ist es sogar untersagt. Indes: Eine eindeutige Regelung gebe es nicht, sagt Harms weiter. Denn auch wenn es baurechtlich nicht zulässig ist – melderechtlich ist es erlaubt, seinen ersten Wohnsitz auf einen Campingplatz zu verlegen. „Es sei denn, der Campingplatzeigentümer hat dies ausgeschlossen.“ Wenn auf einem Campingplatz bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind – zum Beispiel fester Stromanschluss, Toilettenanlagen, Briefkasten, Brandschutz, Trinkwasserversorgung, Abfallbeseitigung – können auf dem Campingplatz eine dauerhafte offizielle Wohnadresse oder sogar der erste Wohnsitz angemeldet werden; die Genehmigung erteilt die Kommune. „Das Ganze steht und fällt mit der Definition des Begriffes Wohnung“, erläutert Hamelns Rathaussprecher Thomas Wahmes. Nach Paragraf 7 des niedersächsischen Meldegesetzes seien Wohnwagen und auch Wohnschiffe nur dann als Wohnung anzusehen, wenn sie nicht oder nur gelegentlich fortbewegt werden. „Ist ein Wohnwagen in diesem Sinne also stationär auf dem Campingplatz, dann kann man sich dort anmelden. Dann spricht melderechtlich gesehen nichts gegen eine dauerhafte Bewohnung.“ Fünf Personen seien mit der Adresse des Campingplatzes, Uferstraße 80, als ersten Wohnsitz registriert, eine Person sei dort mit Nebenwohnung gemeldet.

Schnee schippen gehört im Winter zwangsläufig dazu: Dauercamper Günter Thürmer sorgt auf seiner Parzelle für Sicherheit. Fotos: amg

„Freddy ist nicht mehr hier im Winter, aber da sind Günter, Martin…“ Michael Giannakos zählt sie mit dem Vornamen auf, die Leute, die dort zu Hause sind, wo andere vielleicht gerade einmal jährlich einen erschwinglichen Sommer-Outdoor-Urlaub verbringen. 80 Stellplätze seien vorhanden, davon 15 bis 20 Jahresplätze und 60 Touristenplätze. Einige Camper sind Dauergäste auf dem Campingplatz zum Fährhaus. „Ältere Leute, Alleinlebende“, sagt Michael Giannakos. Günter Thürmer ist einer von ihnen. Seit 24 Jahren ist der Campingplatz sein Domizil. Warum er gerade hier lebe, sogar in den kalten Wintermonaten? Und – abgesehen von seinem vierbeinigen Mitbewohner, dem Pudel-Yorkshire-Terrier-Mischling Filou – auch noch alleine? Kurz und knapp sind seine Antworten. „Was gibt’s da schon zu sagen? Ich fühle mich hier einfach wohl. Sonst wäre ich nicht hier.“ Ein Mann, der nicht viel übrig hat für große Worte. Erst recht nicht für große Wohnungen: „Nee, da kriegt mich keiner rein“, sagt der 73-jährige Rentner. Was anderen wenig erscheint, ist für ihn offensichtlich das genau richtige Maß: 14 Quadratmeter – so groß ist sein kleines Reich. Im kalten Vorzelt, das er vorsorglich vor dem Wintereinbruch noch einmal extra abgestützt hat, stehen Fahrrad, Kühlschrank, Tisch, Gartenstuhl. Neben dem Vorzelt parkt der zugedeckte Roller im Schnee. Schön warm ist es hingegen im Wohnwagen. Sitzecke und Miniküche sind nur zwei Schritte voneinander entfernt. Das Schlafzimmer mit dem großen Bett und dem Schrank – und das erscheint schon fast wie purer Luxus –, das ist sogar durch eine Tür vom Wohn- und Essbereich getrennt. Die Einrichtung, nicht gerade der aktuellste Wohntrend, aber es ist alles da: „Ich vermisse hier nichts“, sagt Günter Thürmer. Kein einziges Mal habe er es bereut, ein Haus aus Stein gegen Wohnwagen mit Vorzelt eingetauscht zu haben. Die Frau, die er damals während der Kur kennengelernt habe, „private Gründe halt“, deutet Thürmer die Situation an, die ihn zum Campingplatzbewohner gemacht hat. Da er schon immer gern mit Rad und Zelt in der freien Natur unterwegs gewesen sei, zog es ihn nach seinem Auszug von zu Hause selbstverständlich auf den Campingplatz, erzählt er weiter. „Ich stehe auf, setze einen Fuß vor die Tür und bin gleich in der Natur. Der Ausblick ist doch toll! Die Ruhe, und ja, mein eigener Herr zu sein, meine Freiheit und Unabhängigkeit zu haben, das gefällt mir.“

Mit 73 Jahren könne man sich auch nicht mehr auf ein anderes Leben umstellen. „Außerdem lernt man auf dem Campingplatz laufend neue Leute, Gleichgesinnte kennen. Wir sind füreinander da, helfen uns gegenseitig.“ Einsamkeit und Langeweile, vor allem im Winter? Günter Thürmer schüttelt den Kopf, lacht: „Ich langweile mich doch nicht!“ Der Schnee vor seiner Tür will geschippt werden, und schließlich macht sich der ehemalige Bauschlosser hin und wieder als ehrenamtlicher Hausmeister auf dem Campinglatz nützlich, führt kleinere Reparaturen durch. Manchmal jobbe er auch – aber nicht, weil das Geld knapp sei, sondern weil die Arbeit ihm Spaß mache: „Eine Mietwohnung könnte ich locker bezahlen, aber ich will einfach nirgendwo anders leben, als hier.“

Unannehmlichkeiten wie beispielsweise jedes Mal den warmen Wohnwagen – auch bei -10 Grad Celsius – verlassen zu müssen, um durch die Kälte zu den Sanitäranlagen zu gelangen, schrecken ihn nicht ab. „Wenn ich duschen will, dann lauf ich rüber. Na und? Es war schon mal kälter.“ Kleine Abstriche, die müsse man schon in Kauf nehmen können, findet Günter Thürmer. Hartgesottene jedenfalls können das.

Mit Camping verbindet man Sommer, Sonne, Urlaub, Geselligkeit – keinesfalls Kälte, Frost und Einsamkeit. Doch hartgesottene Camper lassen sich auch im Winter den Spaß nicht nehmen. Und dann gibt es auch noch die Dauercamper, für die der Campingplatz Wohnort und Heimat ist.

Günter Thürmer in seinem mollig warmen Wohnwagen. Sitzecke und Miniküche liegen dicht beieinander.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2019
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige
    Kommentare
    Kontakt
    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt
    X
    Herzlichen Glückwunsch, Ihr Adblocker funktioniert!

    Wir verstehen, dass Sie nicht hier sind, um Werbung zu sehen.
    Aber Werbe- und Aboeinnahmen sind wichtig für unsere journalistische Arbeit.


    Unterstützen Sie unseren Qualitäts-Journalismus, indem Sie Ihren Adblocker deaktivieren
    oder sich mit einem gültigem Digital-Abo anmelden.

    Sie haben ein Digital-Abo? Hier anmelden!

    Noch kein Digital-Abo?