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„Ich liebe Bienen und ich liebe Ameisen“

Wenn der alte Imker Ewald Homburg (82) durch den Wald wandert und an einem Ameisenhaufen vorbei kommt, dann ergreift er nicht die Flucht, wie viele es tun, die Angst haben, dass ihnen die Tierchen in die Hosenbeine krabbeln. Er nähert sich und legt dann seine Hand sanft oben auf das Nest. „Das ist wie ein Gruß“, sagt er. „Die Ameisen beißen nicht, sie verspritzen nur ein bisschen Ameisensäure. Ab und zu will ich einfach mal wieder diesen leicht säuerlichen Duft riechen.“ Ewald Homburg war jahrzehntelang Oberförster in Haste und ist immer noch ein engagierter Bienenvater. „Ich liebe die Bienen und ich liebe die Ameisen“, sagt er. „Sie sind eng miteinander verwandt, und wer mit Bienen zu tun hat, dem sind auch die Ameisen nicht fremd.“

veröffentlicht am 10.05.2011 um 00:00 Uhr

Ameisen sind faszinierende Tiere – und haben mit den Bienen viel gemeinsam. Stana – Fotolia

Autor:

Cornelia Kurth

Das mag im ersten Moment verwunderlich erscheinen. Zwar gehören beide Insektenarten zu den Hautflüglern, die komplexe soziale Gemeinschaften bilden. Doch während die Bienen friedliche Haustiere sind, die pflanzlichen Nektar sammeln und ihren Besitzer mit ihrem Honig versorgen, treten die Waldameisen als unabhängiges, kriegerisches Wildvolk auf, immer auf der Jagd nach eiweißhaltiger Beute, darunter auch andere Insekten. Wieso haben denn Bienen und Ameisen ernsthaft etwas miteinander zu tun?

„O, da gibt es so einige Bereiche“, so Ewald Homburg. „Die Ameisensäure zum Beispiel, sie tut nicht nur Menschen mit Rheuma gut – eine Bekannte von mir steckt regelmäßig ihre schmerzende Hand in einen Ameisenhaufen – sondern sie rettet oft genug den Bienen das Leben.“ Diese Säure, die die Ameisen abspritzen, um sich gegen Angreifer zu verteidigen, bildet ein natürliches Insektizid gegen die Varroa-Milbe, diesen aus Asien eingeschleppten Bienenschmarotzer, der sich in den Bienenstöcken breit macht und, wenn man nichts dagegen tut, ganze Völker auslöschen kann.

Auch Bienen bilden Ameisensäure, sie ist Bestandteil des Giftes in ihrem Stachel und immer auch im Honig zu finden. Doch gegen die Milben, die sich fest am Bienenkörper einnisten, können sie mit ihrem Stachel nichts ausrichten. Was die Imker in den Bienenstöcken verdampfen, ist eine zumeist aus Kohlenmonoxid synthetisierte Ameisensäure. Keine Ameise muss dafür sterben, anders als im 17. Jahrhundert, als man begann, den Stoff aus den Körpern toter Ameisen zu destillieren (und dabei feststellte, dass etwa die Hälfte des Körpergewichtes aus dieser säurehaltigen Flüssigkeit besteht).

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Bienen und Ameisen begegnen sich auch ganz konkret, auf Nadelbäumen und einigen Laubbaumarten nämlich, die von Baumläusen besiedelt sind. Beide Insektenarten sind ganz wild auf den „Honigtau“, eine stark zuckerhaltige Lösung, die die Baumläuse so gierig aus Rinden und Blättern saugen, dass sie einen großen Teil gleich wieder ausscheiden.

Leichte Beute für Zucker liebende Insekten könnte man meinen, aber dem ist nicht immer so. In trockener Luft verklebt der Saft so fest auf den Ästen und Blättern, dass er nur mühsam aufgeleckt werden kann. Regnet es aber heftig, dann wird er abgespült und dahin ist die nahrhafte Süßigkeit.

Ameisen haben einen Weg gefunden, um sich ihre Honigtauvorräte zu sichern: Sie „melken“ die Baumläuse und halten sie sich quasi wie Honigtau-Kühe, die sie dafür auch gegen Fressfeinde wie zum Beispiel den Marienkäfer verteidigen, eine perfekte Symbiose. Förster sind zwar von den Läusen nicht gerade begeistert, schädigen sie doch den Baumbestand und können junge Triebe sogar abtöten. Doch sind Ameisen solch nützliche Schädlingsvertilger im Wald, dass man ihnen den Honigtau gönnt und sogar die Wirtsbäume in der Nähe der Nester besonders schützt, damit sie nicht beim nächsten Baumschlag umgehauen werden.

Die Bienen wissen nichts vom Läusemelken. So müssen die klimatischen Bedingungen schon recht günstig sein, damit sie reichlich Honigtau in ihren Stock schleppen und daraus den ganz besonderen „Waldhonig“ produzieren können. Der muss, damit er sich so nennen darf, aus mindestens 50 Prozent Honigtau bestehen. Die Hobbyimkerin Gundula Piehl aus Sülbeck, die kürzlich als Vorsitzende des Imkervereines von Obernkirchen eine Exkursion an den Deister organisierte, hin zu riesengroßen Ameisenhaufen in der Nähe läusebesetzter Bäume, hatte in zwölf Jahren Imkerei nur zweimal echten Waldhonig vorzuweisen.

„Die meisten Leute fürchten sich etwa vor diesem besonders dunklen, leicht kristallisieren Honig“, meint sie. „Er schmeckt ganz anders als Blütenhonig, sehr würzig, malzig, einfach ungewöhnlich. Manche denken, dass er etwas Unheimliches hat, da er doch aus den ’Ausscheidungen‘ von Baumläusen besteht.“ Sie lacht: „Das ist aber Unsinn! Honigtau ist genau so Nektar wie der Blumennektar, nur dass er von Bäumen stammt. Beides sind Siebröhrensäfte, mit dem Unterschied, dass die Bienen an den Saft der Bäume nicht aus eigener Kraft herankommen.“

Wer es nun bedenklich findet, dass der Honigtau, bevor er von den Bienen aufgenommen wird, bereits einmal durch den Körper der Baumläuse wanderte (allerdings ohne den Magen-Darm-Trakt zu passieren), der müsste auch überhaupt auf Honig verzichten. Honig kann nur entstehen, weil die Bienen ihn in ihrem „Honigmagen“ mit Enzymen und Fermenten anreichern und dabei immer wieder neu ausscheiden und aufnehmen, da er in diesem aufwendigen Prozess außerdem getrocknet wird. Honig, der mehr als 18 Prozent Wasser enthält, würde anfangen zu gären.

Die Imkerin will aber gar nicht so eingehend über den Waldhonig sprechen. Sie ist, wie viele ihrer Kollegen, die ebenfalls mit Eberhard Homburg und dem Hannoveraner Ameisenexperten Gerhard Fuhrig an der Expedition zu Ameisennestern im Wald teilnahmen, einfach nur fasziniert vom Volk der Waldameisen. „Genau wie die Bienen tragen die Ameisen zur Pflanzenartenvielfalt bei“, betont sie. „Bienen verrichten 80 Prozent der Bestäubungsarbeit, Ameisen verbreiten die unterschiedlichsten Samen im Wald. Sie sind nämlich interessiert am eiweißhaltigen Anhang der Samen. Haben sie den abgefressen, lassen sie den Samen irgendwo liegen, wo er dann aufgehen kann.“

Mit Staunen, ja Ehrfurcht standen die Imker vor bis zu mannshohen Ameisennestern, wohl wissend, dass der Bau unter der Erde noch einmal so groß ist. Eine Million Ameisen leben in solchen Bauten, die Tiere stehen unter strengem Naturschutz. „Zum Glück sind sie aber nicht wirklich gefährdet“, meint Ewald Homburg. „Die Waldwirtschaft braucht die Ameisen. Soll in der Nähe eines großen Nestes ein Holzeinschlag vorgenommen werden, dann siedelt man es um.“ Das ist gar nicht so kompliziert. Man sucht dafür einen halbschattigen Platz in der Nähe von Nadelbäumen und einen Baumstumpf, sammelt die Ameisen mit der Schaufel in eine Tonne und kippt sie dann einfach am neuen Wohnort aus. Wichtig ist nur, dass einige der rund 1000 Königinnen dabei sind. Die kann man besonders gut im Frühjahr erkennen, wenn sie von der Sonne an die Oberfläche gelockt werden und dort Energie und Vitamine für die Zeit des großen Eierlegens tanken.

Früher schützte man die Nester oft mit einem Netz, weil es so schien, als würden Spechte, Dachse oder Igel auf der Suche nach ihrer Lieblingsspeise die Baue zu sehr verwüsten. „Aber die Natur regelt solche Sache ja meistens selbst am besten“, erklärt Ewald Homburg. „Was nach brutaler Zerstörung aussieht, ist für das Nest durchaus nützlich.

Die Ameisen müssen dann nämlich neuen Kompost eintragen, der die nötige Wärme für das Innenleben produziert. Schon mancher Bau ging unter, weil der Kompost ’tot‘ war und die Tiere unterkühlten.“

Auch Spaziergänger sind nur in den seltensten Fällen eine Gefahr für das Ameisennest. Selbst wenn jemand mutwillig mit dem Stock an einem Bau herumstochert, kann er ihm damit doch nicht ernstlich schaden und wird sowieso bald vor dem aufgeschreckten Krabbelvolk fliehen, das sich mutig auf den Angreifer stürzt. Gift wird im Wald nicht eingesetzt, Insektizide und Pestizide aus der Landwirtschaft dringen nicht bis ins Innere vor.

Die Bienen haben es auch hier schwerer. Sie sind Umweltgiften aus der Landwirtschaft viel stärker ausgesetzt, haben außerdem unter der Verknappung der Pflanzenvielfalt zu leiden: Nur wenn sie ihren Honig nicht nur aus Raps und anderen Monokulturen gewinnen, können sie genug Widerstandskräfte gegen Infektionen aufbauen. Wenn sie Honigtau finden, dann gibt es einen Reichtum an Fruchtzucker und daneben auch noch Vitamine, Fermente und andere Stoffe, die ihnen gut tun.

„Wo viele Ameisennester sind, werden auch die Bienen fündig“, so Gundula Piehl. „Auch deshalb freue ich mich immer, wenn ich so eine Ansiedlung von Nestern entdecke.“

Ameisen und Bienen leben gut organisiert in großen Völkern, doch haben diese Insekten noch viele weitere Gemeinsamkeiten. Und nicht nur Imker und Forstleute sind von dieser Wunderwelt der Natur fasziniert …

Faszinierende Welt der Ameisen: Heimische Imker während ihrer Exkursion.

Foto: pr.



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