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„Ich hatte keine Angst vor der Straße“

Da steht er auf dem Marktplatz, Matthias Meirich (55), ein großer Mann mit Mütze, Zottelbart und einer blauen Jacke, auf der „Asphalt“ steht. In der Hand hält er Zeitungen, Ausgaben der Monatszeitschrift „Asphalt“, einem Straßenmagazin, das in Hannover gemacht wird, um von Wohnungslosen verkauft zu werden, die sich damit ein Taschengeld verdienen. Als Meirich vor einigen Monaten plötzlich in Rinteln auftauchte, sahen ihn die meisten Passanten mit erstaunten Blicken an. So einen wie ihn ist man in den kleinen Städten des Landkreises nicht gewohnt. „Nun ja“, sagt er. „Der Verkauf läuft hier trotzdem gar nicht mal so schlecht.“

veröffentlicht am 12.08.2011 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 25.01.2019 um 09:04 Uhr

Matthias Meirich lebte selbst jahrelang auf der Straße: „Mir war alles egal.“ Foto: cok
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Cornelia Kurth Reporterin zur Autorenseite

Tapfer, kann man da nur sagen. Wenn der Straßenverkäufer an einem langen Nachmittag tatsächlich mal zehn Exemplare seiner Zeitung verkauft, dann ist das schon was Besonderes. Manchmal steht er stundenlang herum und kann gerade mal zwei, drei der Magazine loswerden. In Obernkirchen, wo er es ebenfalls versuchte, hatte er überhaupt keinen Erfolg. In Bad Nenndorf geht es einigermaßen, dort kennen sie ihn bereits besser, weil er in der Nähe auf einem Zeltplatz seinen Wohnwagen stehen hat. Außer ihm gibt es nur noch eine andere Verkäuferin im Landkreis Schaumburg, die in Stadthagen ihren festen Stellplatz innehat.

Dabei ist das „Asphalt“-Magazin sicher lesenswert. Es enthält Reportagen und Analysen zu gesellschaftspolitischen und sozialen Themen, porträtiert regelmäßig seine ungewöhnlichen Verkäufer, mischt sich mit Kolumnen in aktuelle Diskussionen ein und wird getragen von einem Team professioneller Journalisten und Sozialarbeiter, die jeden Monat neu 32 Seiten herausbringen. 1,60 Euro kostet ein Exemplar, 80 Cent davon bleiben dem Verkäufer. Die Auflage – sie wird in Hannover und den umliegenden Landkreisen vertrieben – beträgt etwa 25 000 Stück und man geht davon aus, das damit um die 60 000 Leser erreicht werden. „Wenn ich Glück habe, verkaufe ich um die 80 bis 100 Zeitungen im Monat“, sagt Matthias Meirich. „Oft aber ist es viel weniger. Man muss sich eben nach und nach seine Stammkundschaft erobern.“

Vor etwa einem Jahr bewarb er sich in Hannover um eine Stelle als Straßenverkäufer. Wer dazugehören will, muss wissen, was es bedeutet, ohne eine feste Wohnung zu leben, und darf kein höheres Einkommen als den Hartz-IV-Regelsatz beziehen. Außerdem sollte er nicht alkoholkrank sein und keine Scheu davor haben, sich freundlich und aufgeschlossen mit anderen Menschen zu unterhalten.

Seit 1994 erscheint die Straßenzeitung Asphalt – inzwischen mit einer Auflage von 25 000 Exemplaren pro Monat. Foto: Asphalt

Matthias Meirich weiß über das Leben auf der Straße nur zu gut Bescheid. Das erste Mal, dass er den Boden unter den Füßen verlor, war im Jahr 1989. Da hatte er seinen gelernten Beruf als Polsterer und Dekorateur verloren, schlug sich noch eine Weile mit anderen Jobs durch und konnte schließlich seine Miete nicht mehr bezahlen. Eine Zeit lang wohnte er noch bei seiner Freundin, doch als die Beziehung in die Brüche ging, wusste er nicht mehr wohin. „Wenn man kein Geld hat, hat man auch keine Freunde mehr“, sagt er.

Drei Tage schlief er draußen auf einer Parkbank. „Oh – ich lag da eigentlich nur so rum, schlafen konnte ich nicht.“ Auf die Idee, zum Amt zu gehen, kam er damals gar nicht. „Mir war alles egal“, sagt er. „Ich hatte keine Angst vor der Straße. Ich hatte Liebeskummer, das war viel schlimmer, als draußen zu übernachten.“ Anfangs dachte er noch, es würde sich bald alles wieder einrenken; schließlich aber wurden es fast vier Jahre, die er auf der Straße lebte, in denen er durch halb Deutschland trampte, die Obdachlosenunterkünfte in den verschiedensten Städten kennenlernte, sich manchmal sein Tagesgeld abholte (damals noch vom Sozialamt) und ansonsten Straßenmusik mit der Mundharmonika machte.

Schließlich fand er wieder Arbeit in einer großen Firma in Stadthagen, wurde aber vor etwa zehn Jahren bei einer Kündigungswelle entlassen und versuchte es dann als Verkäufer von Gesundheitsbetten. Das lief sogar recht gut; so gut, dass er übermütig wurde, sich verschuldete und nun wieder seine Wohnung verlor. „Man sagt sich nicht einfach: ,So, nun gehst du auf die Straße‘ – es passiert, wenn man nicht aufpasst und sich nicht rechtzeitig Hilfe holt.“

Wie so viele andere Wohnungslose auch geriet er in einen Teufelskreis. Da er als arbeitsfähig galt, kam er in den Hartz-IV-Bezug. Dabei wird die Unterstützung nur dann monatlich gezahlt, wenn man einen festen Wohnsitz und damit eine Meldeadresse vorweisen kann. Eine Wohnung zu finden und zu halten, das ist aber für Menschen, die bereits jahrelang obdachlos waren, durchaus ein Problem. Matthias Meirich zum Beispiel hatte zwischendurch wieder eine Wohnung. Die verließ er freiwillig, weil er glaubte, dass sich dort in seiner Abwesenheit fremde Leute aufhalten würden.

Für einen Hartz-IV-Empfänger bedeutet die Wohnungslosigkeit, dass er seinen Unterhalt persönlich bei den Jobcentern der jeweiligen Landkreise abholen muss. Er bekommt dann jedes Mal ein Dreißigstel des Hartz-IV-Bezugs, also etwa 13 Euro. Fünf Mal pro Monat kann er das in einem Landkreis tun, beim sechsten Mal würde er dazu verpflichtet werden, einen Ein-Euro-Job anzunehmen. Im Landkreis Schaumburg bedeutet das, irgendwie nach Nienstädt zur Schaumburger Beschäftigungs-AG hinzugelangen, um dort als Möbelpacker zu arbeiten.

„In der Realität kommt das aber so gut wie nie vor“, meint Ralf Schütter, Sozialarbeiter in der „Ambulanten Hilfe für wohnungslose Frauen und Männer“ in Stadthagen und zuständig für die Wohnungslosen im Landkreis. „Von ,der Platte‘ aus, eine Arbeit antreten zu sollen, und zu glauben, dass das regelmäßig funktioniert, ist einfach weltfremd.“ Die Jobcenter hätten aber nun mal die Aufgabe, Leute wieder auf den Arbeitsmarkt zu bringen. „Die Folge ist: Die Leute ziehen weiter in den nächsten Landkreis und kommen im neuen Monat wieder bei uns an.“

Genau auf diese Weise schlug sich auch Matthias Meirich jahrelang durch, bis er an einen alten Wohnwagen rankam, den er auf dem Campingplatz bei Bad Nenndorf anmeldete, wodurch er auch wieder über eine Meldeadresse verfügte. Sein Leben ist dadurch ruhiger geworden – gute Voraussetzung dafür, um als Straßenverkäufer für „Asphalt“ zu arbeiten. Man nahm ihn gerne, als er sich bewarb. Anders als in Hannover, wo um die 90 Verkäufer unterwegs sind, oder auch in Hameln, wo immerhin drei Verkäufer manchmal bis zu 500 „Asphalt“-Ausgaben monatlich verkaufen, war der Landkreis Schaumburg chronisch unterbesetzt.

„Dass es in Hameln ganz gut läuft, hat nicht nur mit einer höheren Einwohnerzahl zu tun, sondern auch mit unserem Verkäufer Siggi, der schon seit 16 Jahren, seit der Gründung der Zeitung, dabei ist“, sagt Irmhild Beelzimmer von der ambulanten Hilfe für Wohnungslose. Während Matthias Meirich seine Zeitungen aus Hannover bezieht, können die Hamelner Verkäufer ihre Exemplare direkt in der Krummen Straße einkaufen. „Die Straßenverkäufer müssen im Stadtbild an ihren festen Plätzen präsent sein. Dann baut sich nach und nach eine Stammkundschaft, ein Vertrauen zu der Zeitung auf. Touristen kaufen nur selten. Es müssen eben Beziehungen entstehen zwischen Kunde und Verkäufer.“

Während Siggi in Hameln also durchaus gute Chancen hat, die erlaubten 100 Euro monatlich zum Hartz-IV-Bezug dazuzuverdienen, und er dazu auch nicht herumreisen muss, träumt Matthias Meirich noch von so einem regelmäßigen Zuverdienst. „Ich finanziere mir davon die Fahrten mit meinem kleinen, klapprigen Auto“, sagt er. „Im Grunde bleibt durch das Verkaufen kaum was für mich übrig. Aber – es macht mir großen Spaß. Ich will was tun. Ich kann doch nicht den ganzen Tag nur die Blumen vor meinem Wohnwagen gießen.“

Wenn er nach Hannover fährt, um sich neue Zeitungen einzukaufen, dann muss er das Geld dafür, die 80 Cent pro Stück, parat haben (unverkaufte Exemplare werden dann mit der nächsten Ausgabe verrechnet). Meistens trinkt er noch einen Kaffee mit den Redakteuren, die ihn vielleicht in der nächsten Zeit mal für ein Porträt in der „Asphalt“ ansprechen werden. Jeder dort hat seine eigene Geschichte. „Ich lese diese Porträts sehr gerne“, meint er. „Ich bin ja eher ein Einzelgänger, wie die meisten von uns. Aber der Zeitungsverkauf macht, dass wir alle irgendwie zusammengehören.“

„Asphalt“ hat auch eine Internetseite: „www.asphalt-magazin.de“. Dort erfährt man nicht nur alles über die Geschichte und weitere Aktivitäten des bereits mit Preisen ausgezeichneten Straßenmagazins, man kann sich auch mit Spenden und anderweitigen Unterstützungen am Fortbestehen der Zeitung beteiligen. Interessierte Schulen erhalten über die Redaktion die Möglichkeit, einen der Straßenverkäufer zu einem Besuch im Unterricht einzuladen.

Stundenlang stehen sie in den Fußgängerzonen, in der Hand ein paar Exemplare der Straßenzeitung „Asphalt“. Die Verkäufer waren oder sind oft selbst Obdachlose, sie wissen, wovon die Redakteure der Zeitung aus Hannover schreiben. Matthias Meirich ist einer dieser Verkäufer. Seit einigen Monaten prägt er das Bild von Rintelns Fußgängerzone mit. Unsere Zeitung hat mit ihm gesprochen.



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