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Der ehemalige niederländische Widerstandskämpfer Piet Mathijssen beantwortet Fragen Hamelner Schüler

„Ich hasse die Deutschen nicht“

Nein, ich hasse die Deutschen nicht.“ Der 91-jährige Niederländer Piet Mathijssen beantwortet die Frage eines Schülers in einem Hörsaal im Albert-Einstein-Gymnasium ohne zu zögern und erklärt auch gleich, wie es trotz seiner Vergangenheit mit Todesurteil und einem schrecklichen Aufenthalt im Zuchthaus von Hameln dazu kommen konnte, dass er schon lange wieder ein gutes Verhältnis zu den Menschen in seinem Nachbarland hat. „Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs hatte ich bald Kontakt zu jungen Deutschen“, berichtet er, „die haben mir meinen Hass genommen.“

veröffentlicht am 16.09.2013 um 00:00 Uhr

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Autor:

Wolfhard F. Truchseß

Piet Mathijssen ist erst zum zweiten Mal in Hameln. Sein erster Aufenthalt führte ihn in die Weserstadt, weil seine Nichte Astrid van Unen auf den Gedanken gekommen ist, gemeinsam mit ihm und seiner Enkeltochter Mare einen Film über seine Geschichte zu drehen, der die Stationen zeigen sollte, die Piet Mathijssen durchlief, nachdem er am 23. Oktober 1943 von den Deutschen in seiner Heimatstadt im niederländischen Roosendaal verhaftet und wenig später zum Tode verurteilt worden war. Gemeinsam mit Freunden aus seiner Pfadfindergruppe und Mitschülern aus dem Gymnasium hatte er als junger Widerstandskämpfer deutsche Truppen ausgespäht und die Informationen nach England weitergeleitet. „Wie sind die Deutschen auf Sie gekommen?“, will ein Schüler wissen. „Wir sind von einem Maulwurf verraten worden, der bei uns eingeschleust worden war, und nach und nach alle verhaftet worden.“ Als er im Film seiner Enkelin Mare den Abschiedsbrief vorliest, den er den Eltern aus dem Gefängnis nach der Verkündung des Urteils geschrieben hatte, packen den alten Herrn die Tränen. „Verzeiht mir all den Kummer, den ich Euch bereitet habe“, heißt es in dem Brief. „Das war der schwerste Augenblick in meinem Leben.“ Mit seinen gerade mal 21 Jahren sei er „völlig fertig“ gewesen. „Wir konnten nicht in Berufung gehen. Das Urteil stand fest. Ich fühlte mich von Gott und allen verlassen.“ Und doch habe er daran geglaubt, dass Gott ihm beistehen werde. „Und Gott wollte, dass ich Opa werde“, sagt er seiner Enkelin im Film.

Ein halbes Jahr halten die Deutschen ihn in Roosendaal gefangen, dann geht es mit einem Transport in Richtung Deutschland. Am Grenzübergang singen er und seine Mitgefangenen noch einmal die niederländische Nationalhymne. Im Gefängnis der Stadt Anrath wird Mathijssen von den anderen Häftlingen mit Einzelhaft isoliert. „An meiner Tür stand NN. Das bedeutete Nacht und Nebel und dass es mich nicht mehr gibt.“ „Nacht und Nebel – die Geschichte meines Opas“ lautet denn auch der Titel des 40-minütigen Films, der, versehen mit deutschen Untertiteln, jetzt erstmals in Hameln vor den AEG-Schülern und später im Haus der Kirche vor 50 Hamelner Bürgern gezeigt wurde.

Mit Klopfzeichen hätten sie sich in dem Gefängnis miteinander verständigt. „Aber woher wussten die anderen, was jeweils ein Zeichen bedeutete?“, fragt einer der Schüler und löst ein gewisses Erstaunen bei Piet Mathijssen aus. „Natürlich aus der Pfadfinderzeit. Das war das Morsealphabet.“ Von Anrath wird der Widerstandskämpfer nach Lüttringhausen verlegt und dort von seinem Freund Buli getrennt, der zur selben Zeit wie er verhaftet worden war. Dann geht es im Herbst 1944 nach Hameln. „Hier war die schlimmste Zeit“, erinnert sich Mathijssen im Film an den Aufenthalt im Zuchthaus. „Die Betten waren verdreckt und das Ungeziefer hat uns geplagt. Jeden Morgen haben wir uns gegenseitig die Flöhe abgesammelt. Manchmal waren es 40 Flöhe an einem Morgen. Es war schrecklich.“

Piet Mathijssen vor Schülern des Albert-Einstein-Gymnasiums: „Junge Deutsche haben mir meinen Hass genommen.“ wft

Im Januar 1945 scheinen die letzten Tage des Niederländers gekommen zu sein. In Wolfenbüttel soll das Todesurteil vollstreckt werden. Der Transporttermin steht bereits fest, wie Bürgermeisterin Ursula Wehrmann bei einem Empfang für Piet Mathijssen und seinen ihn begleitenden Sohn Eugén im Hochzeitshaus in einer tief beeindruckenden Ansprache berichtet. Aber ein Bombenangriff auf den Hamelner Bahnhof, der viele Tote forderte, habe den Transport verhindert. Doch für Mathijssen sollte es die Rettung sein, noch nicht aber das Ende seines Martyriums im Hamelner Zuchthaus, wo er zunächst mit 40 Gefangenen gemeinsam in einem Saal eingepfercht war.

„Ungefähr einen Monat durften die Häftlinge dieses Transports noch ihre eigene Bekleidung tragen“, ergänzt der Historiker Bernhard Gelderblom während des Gesprächs mit den Schülern. „Die Akten der Gefangenen waren bei dem Transport nicht mitgekommen und im Zuchthaus wusste man nicht, mit wem man es da zu tun hatte.“ Aber das änderte sich nach vier Wochen. „Dann mussten wir die Sträflingskleidung tragen und auch arbeiten“, berichtet Mathijssen. „Wir mussten Tüten für Seidenspinnerraupen kleben“, beantwortet er eine weitere Schülerfrage. An Flucht habe er nur einmal während eines der Transporte gedacht. „Eine echte Chance hatten wir aber nicht. Wir wurden immer streng bewacht.“

Als die Amerikaner auf die Weser vorrückten und die Einnahme Hamelns drohte, sollte der letzte Akt des Dramas beginnen. Zu Fuß wurden die rund 400 Häftlinge, die zu diesem Zeitpunkt noch im Zuchthaus eingesperrt waren, ins Außenlager Holzen bei Eschershausen verlegt. Es wurde einer der berüchtigten Todesmärsche. Nur 200 von ihnen überlebten. „Ich war einer von den 200 Überlebenden.“ Zwei von Piet Mathijssens Freunden waren bereits im Zuchthaus an den Folgen von Unterernährung und völlig unzureichender medizinischer Versorgung gestorben. Auf dem Todesmarsch verließen die Kräfte auch seinen Freund Sef van Megen. Erst hätten sie ihn noch getragen. „Aber dann wollte er einfach nicht mehr. Wir mussten ihn zurücklassen.“ Stunden später sei er von einer SS-Streife kaltblütig mit zwei anderen Häftlingen erschossen worden, hat Gelderblom herausgefunden.

Der Aufenthalt im Außenlager sollte nur eine Nacht dauern. „Am Morgen wurde die weiße Fahne gehisst. Die Deutschen ergaben sich den Amerikanern. „Jetzt wusste ich, dass es vorbei war. Die Deutschen konnten uns nichts mehr anhaben. Das war am 8. April 1945 ein unglaublicher Augenblick, an dem wir wieder unsere Hymne gesungen haben.“

Erst im Juni 1945 kehrt Mathijssen nach Hause zurück. Er muss im Krankenhaus erst aufgepäppelt werden. „Ich wog damals weniger als 50 Kilo.“ Dann die Rückkehr und das Wiedersehen mit den Eltern und Geschwistern. „Das war der schönste Moment meines Lebens.“ Den Maulwurf, der die Gruppe verraten hatte, ereilt das Schicksal, das eigentlich für Mathijssen und die anderen Widerstandskämpfer bestimmt war. Er wurde nach niederländischem Kriegsrecht zum Tode verurteilt und hingerichtet.

Tränen fließen nicht nur in dem Film. Als die Vorführung von „Nacht und Nebel“ für die Schüler beendet ist, packt die Erinnerung Mathijssen erneut sehr heftig. Aus roten Augen fließen auch jetzt die Tränen.

Piet Mathijssen hat 1945 die Gefangenschaft im Zuchthaus von Hameln überlebt. Über die Stationen nach seiner Verhaftung im Jahr 1943 ist der Film „Nacht und Nebel – die Geschichte meines Opas“ entstanden. Schülerinnen und Schüler des Hamelner Albert-Einstein-Gymnasiums erlebten jetzt seine deutsche Uraufführung.



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