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Der Glaube half ihr, zu verzeihen

„Ich hab die Deutschen gehasst“: Bluma Weiß überlebte mehrere KZs

HAMELN. Es war wenige Tage vor ihrem elften Geburtstag, als Bluma Weiß und ihre Familie in Hamburg auf Anordnung von SS-Führer Heinrich Himmler mit etwa 2340 weiteren Sinti und Roma aus Nord- und Westdeutschland in das „Generalgouvernement“, das besetzte Polen, deportiert wurden. Im Dewezet-Interview spricht sie erstmals öffentlich über ihre Erfahrungen in der NS-Zeit.

veröffentlicht am 31.08.2017 um 18:18 Uhr
aktualisiert am 02.09.2017 um 12:55 Uhr

Bluma Weiß in ihrem Wohnzimmer. Foto: pk
Philipp Killmann

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Philipp Killmann Reporter zur Autorenseite

Familie Weiß ist in Hameln ein Begriff. Fast jeder hat von ihr gehört. Fast jeder hat eine Meinung über sie. Häufig ist sie negativ – selbst wenn es keinerlei Berührungspunkte mit der Sinti-Familie gibt. In der Serie „Familie Weiß“ beleuchtet die Dewezet Geschichte und Gegenwart der Hamelner Sinti, stellt Vorurteile auf den Prüfstand und lässt die Angehörigen dieser staatlich anerkannten nationalen Minderheit zu Wort kommen.

Der Vater, drei Geschwister und viele andere Verwandte von Bluma Weiß wurden in Konzentrationslagern getötet. Erst der Glaube machte es der Mutter von sechs Kindern irgendwann möglich, ihren Hass auf die Deutschen abzulegen. Bis heute fällt es der 88-jährigen Sintezza schwer, über die Nazizeit zu sprechen. Dem Interview mit der Dewezet stimmt die überzeugte Christin nur unter der Bedingung zu, dass ihr Pastor, Falk Münzing vom Freien Evangelischen Zentrum, bei dem Gespräch mit dabei ist. Es ist das erste Mal, dass Bluma Weiß ihre Verfolgungsgeschichte mit der Öffentlichkeit teilt.

Frau Weiß, Sie sind ursprünglich aus Hamburg, richtig?

2 Bilder
Diese Aufnahme von Bluma Weiß entstand im Juni 1964 bei einem Besuch der Dewezet im Wohnwagenlager der Familie Weiß im Rettigs Grund. Nur wenige Wochen zuvor hatte Bluma Weiß zu ihrem Glauben gefunden. Foto: Archiv

Bluma Weiß: Ja. Wir haben in Hamburg-Harburg gewohnt, im Wohnwagen auf einem großen Platz. Meine Eltern, meine zwei Brüder, meine Schwester und ich. Wir Sinti waren da eine große Gruppe.

Haben Sie noch Erinnerungen an Ihre Kindheit in Hamburg?

Ja, an die Schulzeit. Den Namen vergesse ich nicht: Heinemann hieß der. Ein Lehrer. Der hat uns verprügelt nach allen Regeln der Kunst.

War das eine Schulklasse mit Deutschen zusammen?

Nein. Das war eine Klasse extra für uns Sinti. Wir waren alle in einer Klasse, Kleine und Große.

Aber der Lehrer war ein Deutscher?

Der Heinemann, ja. Der hat mich mal mit so einem Rohrstock geschlagen, das war ein richtiger Knüppel. Und da habe ich was am Auge abgekriegt, knallrot und dick war das. Als meine Mutter das sah, ist sie zu ihm gegangen. Der wäre fast aus dem Fenster gesprungen. (lacht) Sie hat ihm gesagt: „So schlagen Sie mein Kind nicht noch einmal!“ Bei einem anderen wäre sie vielleicht gleich weggekommen. Danach sind wir ja auch weggekommen.

Und das ganz plötzlich?

Ja. Das war 1940, auf diesem großen Platz. Da standen überall Wachtposten mit Gewehren, damit keiner abhaut, rings um den ganzen Platz hast du nur Köpfe gesehen. „Raus, raus, raus, alles raus!“, riefen die.

Raus aus Ihren Wohnwagen?

Ja, alle mussten raus. Und da sind wir denn mit dem, was wir anhatten raus, und alles andere blieb stehen.

Wie haben Ihre Eltern oder die anderen Erwachsenen reagiert?

Na ja. Die waren ängstlich ... Die wussten vor lauter Panik überhaupt nicht mehr, was sie machen sollten. Dann sind wir in die Waggons gekommen und dann ab nach Polen … Nee, ist nicht so einfach alles gewesen, aber jetzt ist es vorbei. Aber wenn Sie nicht aufpassen, glauben Sie mir, dann kommt wieder was. Da sind so viele heute, wo du hundertprozentig weißt, das sind sie. Und das wird nicht mehr so lange dauern. Vielleicht erlebe ich es nicht mehr, aber die Kinder.

Wie ging es damals weiter?

Wir sind in so ein Sammellager gekommen. Da sind alle auseinandergerissen und auf Lager verteilt worden. Wir waren in Starachowice, Warschau, Krychow, Bergen-Belsen, Siedlce … Zuerst waren wir in Belzec.

Was haben Sie in den Lagern erlebt?

Ich war so zehn Jahre alt, als ich in so ein Sägewerk kam. Da war auch ein Onkel von mir, der hat ein bisschen auf uns aufgepasst. Wir mussten ja mit diesen langen Brettern und Balken arbeiten. Ich habe mit einem Judenjungen zusammengearbeitet. Zu viert haben wir Kinder diese kleinen Waggons schieben müssen. Und in Polen war es ja sehr kalt, und wir hatten ja nix an den Füßen, und dann auf den Gleisen… Das war so furchtbar. Und wenn du nicht so gekonnt hast, na ja, dann gab’s was. Manche sind gleich nach Auschwitz gekommen. Da sind ja meist die Kinder gleich weggewesen. Die sind eingesammelt worden – und ab in’ Ofen. Bei uns waren die Kinder noch, aber die sind vor Hunger und Durst gestorben. Meine Geschwister sind erschossen worden. Die waren schon größer.

Was ist mit Ihren Geschwistern passiert?

Na ja, meine Geschwister… die waren schon… (Stimme bricht) Drei sind erschossen worden, zwei auf einmal, Berta und Emil. Mein ältester Bruder, Julius, war so 19. Der war im Krankenhaus, also haben sie gesagt. Typhus hatte er. Na, jedenfalls, den haben sie dann auch erschossen. Das war in Siedlce.

Haben Sie das alles gesehen?

Nein. Aber wir haben alles mitgekriegt in dem kleinen Ghetto, wo wir waren, in Siedlce. (Atmet schwer) Da haben wir auf so einer Mauer gestanden, und die haben da so gelegen. Die Mutter, die eine – das vergess‘ ich mein Leben nicht –, die hat ihre zwei Kinder so umschlungen gehabt. Und alle drei wurden erschossen. Da mussten noch welche zusehen. Je mehr sie gequält haben, desto besser war es für die.

Mit „die“ meinen Sie die SS-Leute?

Ja. Na, jedenfalls als Kind ist das schon schwer gewesen, aber für die Eltern war es noch schwerer. Wie meine Mutter gehört hat, dass die Kinder gestorben sind, also erschossen … (atmet tief ein) Die hat nur da gesessen und ihren Kopf gegen die Wand geschlagen. Sie wollte nicht mehr leben. Aber wir waren ja auch noch da. Ich und meine Schwester (Halbschwester; Anm. d. Red.), die war noch klein. Sie ist inzwischen auch gestorben.

Haben Ihre Eltern die KZs überlebt?

Meine Mutter ja. Mein Vater nicht. Der ist mit Emil und Berta erschossen worden. Alle drei. Aber da waren noch mehr. Da war meine Tante mit sieben Kindern, die alle erschossen worden sind, die ganze Familie. Von meinem Vater die Schwester mit einem, die sind auch weg, in eins so erschossen worden. Ich war ja noch sehr jung, das haben die Älteren auch viel vor uns versteckt gehalten, dass wir das nicht so mitkriegen. Es ist eine Zeit gewesen, an die man gar nicht mehr erinnert werden will, denn da kommt das alles wieder so richtig hoch. Und obwohl wir deutsche Zigeuner sind, muss ich ehrlich sagen: Ich hab sie gehasst.

Wen haben Sie gehasst?

(leise) Die Deutschen.

Verständlich.

Für mich jetzt nicht mehr. Aber wir kannten den Herrn Jesus ja auch noch nicht. Gegen Kinder oder alte Leute, wo man gemerkt hat, dass sie gut waren, waren wir ja auch nicht. Aber wir haben es ja immer wieder erlebt. Und es gibt ja auch heute noch einige, bei denen man das merkt, dass die so für Rassenverfolgung sind. Ich merk das sofort. Aber wie ich dann Christin (freikirchliche; Anm. d. Red.) wurde – ich war vorher streng katholisch –, musste ich zu jedem hingehen und mit denen sprechen, was ich vorher überhaupt nicht machen wollte. Ist das nicht sonderbar? Wenn man einen Menschen erst hasst und auf einmal so lieben kann? Jesus hat einen anderen Menschen aus mir gemacht.

Haben Sie mit Ihren Kindern über die Zeit in den Lagern gesprochen?

Wir haben mal von gesprochen, aber die Kinder, die kennen das gar nicht so. Die wissen vieles. Aber von mir… Ich hätte da gar nicht groß reden können, weil, wenn man die Geschwister… Und man stellt sich das so vor. Nee. Da kannst du ja nicht reden, also ich jedenfalls nicht. Und deshalb kann ich auch vor meinen Kindern nicht sprechen. Nicht mal von meinen Eltern.

Schließlich wurden Sie befreit.

Ja, aber wie genau, kann ich gar nicht mehr sagen. Das Lager war irgendwie voll, und die konnten nicht mehr alle „abmähen“ sozusagen. Die sind dann reingekommen, und wir sind irgendwie stiften gegangen und (lacht) wieder nach Deutschland hin. Erst waren wir in den Wäldern in Polen. Weil die haben ja sogar noch die Letzten, die da geflohen sind, verfolgt. Wenn die den Nazis in die Hände fielen, dann wurden sie erschossen, abgeschlachtet praktisch. Gleichzeitig waren wir in Polen selbst plötzlich „Nazis“ – weil wir ja die deutsche Staatsangehörigkeit haben, Juden und Zigeuner. (lacht) Ich war nur noch Haut und Knochen. Das sieht man ja heute manchmal im Fernsehen. Genau so war das. Deshalb seh ich mir das nicht mehr an. Da hast du alles wieder vor dir. Alles.

Wohin sind Sie geflüchtet?

Wir sind dann mit dem August Weiß (Stiefvater. Die Eltern hatten sich früh getrennt; Anm. d. Red.) nach Nordhausen, der hatte da Verwandtschaft. Die Nazis hatten zwar am Anfang die Leute eingesammelt. Aber in Nordhausen waren noch welche, weil die erst in einem zweiten Schub wegsollten, weil der erste voll war. Die wurden zwar noch verfolgt, aber kamen nicht mehr ins Lager. Da kamen dann die Amerikaner. In Nordhausen habe ich auch meinen Mann kennengelernt, Theodor. 16 Jahre und drei Monate war ich, wie ich geheiratet habe. Über meinen Schwiegervater, Heinrich Weiß, sind wir dann nach Hameln gekommen.

Danke für das Gespräch.



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