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„Ich denke hier gern über mein Leben nach“

Das vertraute Zuhause verlassen, so manche lieb gewonnene Gewohnheit ablegen und auf einmal auf andere Menschen angewiesen sein – wie muss das sein, wenn man als älterer Mensch in ein Pflegeheim umzieht? Wir haben eine Seniorin begleitet – im dritten Teil unserer Serie zum Thema „Leben im Alter“.

veröffentlicht am 11.06.2011 um 00:00 Uhr

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Es ist noch gar nicht so lange her, da sah man die alte Frau Erdniß mit ihrem Rollator recht häufig in Rintelns Fußgängerzone spazieren gehen. Wenn sie nicht recht voran kam, dann lag das weniger an einer gewissen Altersschwäche, sondern daran, dass sie ständig gegrüßt und in kleine Plaudereien hineingezogen wurde. Die ehemalige Lehrerin und Tochter eines stadtbekannten Historikers gehört zu diesen Menschen, von denen man meint, sie müssten einfach immer weiter mitten im Leben stehen. Doch wohlweislich hat die alte Dame schon vor über einem Jahrzehnt alles dafür vorbereitet, dass sie irgendwann in ein Pflegeheim einziehen würde. Im November letzten Jahres war es soweit: „Ich kann nicht mehr“, sagte sie dem Pflegedienst. „Jetzt ist Schluss!“

Dorothea Erdniß ist 94 Jahre alt, eine zierliche kleine Frau, der man ihren lebenslang wachen Geist sofort ansieht. Immer war sie eine selbstbestimmte, selbstbewusste Persönlichkeit, die einst in Mecklenburg die Ausbildung zur Lehrerin für landwirtschaftliche Haushaltsführung machte, dann in der Slowakei lebte, schließlich über viele Umwege zurück nach Rinteln kam, wo sie an der Berufsschule unterrichtete und große Freude daran hatte, in der Welt herumzureisen, um anschließend, mit Geschichten und Fotos beladen, Vorträge zu halten, selbst noch im hohen Alter.

Wie eigenartig, dass sie nun in einem kleinen Zimmer sitzt, ihrem einzigen Zimmer im Rintelner Seniorenheim Landgrafenstraße. Sie sitzt immer an ihrem Tisch, mit Blick auf den Balkon und die schönen Blumen darauf.

Für manchen älteren Menschen ist der Umzug ins Pflegeheim auch die Chance, wieder unter Menschen zu kommen. Hier treffen sich einige Bewohner zur Singstunde. Fotos: tol

„Nein, ich bin nicht traurig“, sagt sie. „Ich bin glücklich, dass ich jetzt hier bin, in Sicherheit.“ Wie so viele andere geschwächte alte Menschen auch war sie eines Nachts gestürzt und konnte sich nicht mehr allein erheben. Zwar hatte sie eine Haushaltshilfe engagiert, ihre „Katharina“, die sie in höchsten Tönen lobt und wie von einer Tochter über sie spricht. Auch besaß sie den typischen Notrufknopf, der an einer Kette um ihren Hals hing und mit dem sie dann auch den privaten Pflegedienst herbeirief, dessen Mitarbeiterinnen ihr schon seit Jahren zur Seite standen. Trotzdem war dieser Sturz der Moment, auf den sie insgeheim schon lange gewartet hatte: Der Moment, das Leben zu Hause abzuschließen und sich in die Obhut des Pflegeheims zu begeben.

„Alle Menschen haben davor Angst“, meint Claudia Kuhlmann vom Fachdienst Altenpflege des Landkreises Schaumburg. „Fast alle Angehörigen oder Betroffenen, die in unsere Beratung kommen, zögern den Umzug ins Pflegeheim so lange wie möglich hinaus. Und die meisten machen sich auch erst Gedanken darüber, wenn ihnen keine Alternative mehr bleibt.“ Zusammen mit ihrer Kollegin Silke Priebe ist sie neutrale Ansprechpartnerin für alle Fragen rund um Betreuung und Pflege im Alter. „Wann immer wir die Gelegenheit dazu haben, raten wir, sich früh zu informieren. Dann geht man nicht so angsterfüllt auf die neue Situation zu.“

Es ist nicht leicht, mit anzusehen, wie der eigene Haushalt aufgelöst wird und nur die nötigsten Dinge übrig bleiben, um ein Zimmer im Seniorenheim individuell zu gestalten.

Ist man selbst schon zu schwach dafür, treffen andere die Entscheidungen, ja, mancher kommt nicht mal dazu, sich die Pflegeeinrichtung, in der er bis zu seinem Tod leben wird, selbst auszuwählen. Dorothea Erdniß ist da einen anderen Weg gegangen.

Zunächst verkaufte sie ihr großes Haus und bezog darin eine Zweizimmerwohnung, in der sie von Katharina und dem Pflegedienst betreut wurde. Schon da sortierte sie aus, welche Dinge ihr wichtig waren, welche sie hinter sich lassen konnte.

Das Seniorenheim in der Landgrafenstraße war schon immer ihr Favorit, weil sie dort Freundinnen hatte (die jetzt allerdings schon nicht mehr leben). Seit Langem ist ihr dort alles vertraut, denn sie war eine der ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen, wie sie in vielen Pflegeheimen zum Alltag dazugehören, indem sie Menschen dort besuchen, ihnen vorlesen, an der Kaffeetafel helfen oder Spaziergänge mit ihnen machen.

Dorothea Erdniß kam, um Bildervorträge über ihre Reisen anzubieten, sehr beliebte Veranstaltungen.

Manche Senioren sind körperlich schwach, aber geistig wach; andere wissen kaum noch, wer sie sind und wo sie sich befinden; dritte liegen halb bewusstlos und schwer pflegebedürftig in ihren Betten, oft zusammen mit einem ebenso pflegebedürftigen Mitbewohner. Viele sind insgesamt eigentlich ganz gut auf den Beinen und wollten aber trotzdem lieber in einer Pflegeeinrichtung leben, inmitten von anderen Menschen, statt ganz allein in der eigenen Wohnung.

In guten Altenpflegeheimen gibt es vielfältige Angebote für all die unterschiedlichen Menschen, angefangen beim fröhlichen Zusammensein mit Kaffee und Kuchen, über das tägliche Gedächtnistraining, auch Gehtraining, gemeinsame Ausflüge, Kochen, Basteln bis hin zur „basalen Stimulation“, einem speziellen Anregungsprogramm für Menschen, die sich kaum noch bewegen und sprachlich ausdrücken können.

Die alte Frau Erdniß aber nutzt nichts dergleichen. Sie nimmt noch nicht mal an den gemeinsamen Mahlzeiten teil. Auch ihr Zimmer ist auf eigenen Wunsch eher karg eingerichtet, einige Bilder hängen an der Wand, darunter ein Mitbringsel aus China und Fotos von Eltern und Bruder. Kein einziges Buch besitzt sie mehr (obwohl sie doch so viel in ihrem Leben gelesen hat), auch keinen Fernseher.

„Nein, ich will das alles nicht“, sagt sie. „Ich will nachdenken.“

Selbstverständlich darf sie es so machen, wie es ihr gefällt. Wer in ein Pflegeheim zieht, hat damit nicht seine eigenständige Persönlichkeit aufgegeben. „So viel Selbstbestimmung wie möglich, so viel Pflege wie nötig“, dieses selbst auferlegte Motto des Seniorenheims Landgrafenstraße gilt für alle Pflegeeinrichtungen, die sich modernen Standards verpflichtet fühlen.

Die Tatsache, dass Dorothea Erdniß sich nicht dem Gemeinschaftsleben im Heim anschließt, bedeutet nicht, sie habe keine Beziehungen zu anderen Menschen mehr. Die treue Katharina kommt fast jeden Tag vorbei, Pastor Heiko Buitkamp von Rintelns reformierter Jakobi-Kirchengemeinde vergisst nie, ihr einen Besuch abzustatten, eine junge Freundin macht mit ihr zusammen Musik und überhaupt vergeht kaum ein Tag, dass sie nicht jemanden zu Gast hat.

Das gefällt ihr sehr, auch wenn sie manchmal einfach nur müde, sehr müde ist. „Ich langweile mich nie“, sagt sie. „Ich lasse mein ganzes Leben Revue passieren, ein gutes Leben. Ich denke sehr gern darüber nach.“ Wenn eine der Pflegerinnen sich mit ihr im Rahmen der Biografiearbeit unterhält und alles genau wissen will, könnte sie Material für eine ganze Biografie einsammeln.

Niemand wird in einem guten Pflegeheim unbeachtet einfach sich selber überlassen. Damit es auch dann noch Anlass für Gespräche gibt, wenn das Gedächtnis entschieden nachlässt und damit auch neue Mitarbeiter über Vorlieben und Abneigungen der Bewohner Bescheid wissen, führt man Biografiebögen, in denen Lebensdaten, aber auch Dinge wie zum Beispiel das Lieblingsessen verzeichnet werden.

Solche Informationen spielen besonders bei Demenz- und Alzheimerkranken eine große Rolle. Speziell ausgebildete Fachkräfte sollten im Seniorenheim der Wahl unbedingt eingesetzt sein.

Wer sich nicht vor Ort kundig machen kann oder nicht einfach dem ersten Augenschein trauen will, findet im Internet eine Reihe von Informationsportalen, auf denen der Medizinische Dienst nach bestimmten Regeln Seniorenheime bewertet. Dort ist genau aufgelistet, welche Leistungen eine Pflegeeinrichtung anbietet und wie sie von den Qualitätskontrolleuren bewertet wurden. Natürlich beraten auch Ärzte, Pflegedienste und der Fachdienst Altenpflege, die alle zur strengen Neutralität verpflichtet sind.

„Die Angst ist da und bei den Angehörigen oft auch ein schlechtes Gewissen“, so Claudia Kuhlmann vom Fachdienst. „Doch aus gutem Grund bestärken wir Menschen durchaus darin, die Option Pflegeheim zu nutzen.“ Eine intensive Betreuung lasse sich nicht immer mit dem modernen Familienalltag vereinbaren. Sinnvoller sei es da, stark und ausgeruht die Eltern im Seniorenheim zu besuchen und kleine Unternehmungen mit ihnen zu machen, als sich in der täglichen Pflege aufzureiben.

Dorothea Erdniß wusste genau, was sie wollte. Als sie nach ihrem Sturz im Badezimmer so entschieden sagte: „Jetzt ist es soweit!“, gab es sowohl für ihre in Marburg lebende Nichte als auch für Ärzte und den Pflegedienst kein Rätselraten, was die alte Dame wünsche, kein eilig und in der Not zufällig angesprochenes Pflegeheim. Alles war bestens geplant.

„Das muss auch so sein, vor allem, wenn man alleine lebt“, meint Frau Erdniß. „Ich habe alte Freundinnen, die sich einfach nicht dazu aufraffen können. Denen sage ich das immer wieder: Bereite dich vor!“



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