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Wie Minderheiten zum Feindbild werden

„Ich bin gar nicht so, wie sie dachten“ - Über Vorurteile gegenüber Sinti

HAMELN. Die Vorurteile gegenüber Sinti sitzen tief. Wie ein roter Faden ziehen sie sich durch die Jahrhunderte bis in die Gegenwart. Negative wie positive. Von der Musik, die „den Zigeunern im Blut“ liege, über „den Wanderzigeuner“ bis zu dem wohl am meisten verbreiteten Klischee von „den Zigeunern“, die die Wäsche von der Leine oder gar Kinder klauen. Die Vorurteile scheinen sich hartnäckig zu halten. In Hameln vor allem gegenüber der Familie Weiß.

veröffentlicht am 29.08.2017 um 16:51 Uhr

Schlagzeilen der Dewezet zum Thema Sinti in Hameln aus den vergangenen 60 Jahren. Grafik: Dana
Philipp Killmann

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Philipp Killmann Reporter zur Autorenseite

Familie Weiß ist in Hameln ein Begriff. Fast jeder hat von ihr gehört. Fast jeder hat eine Meinung über sie. Häufig ist sie negativ – selbst wenn es keinerlei Berührungspunkte mit der Sinti-Familie gibt. In der Serie „Familie Weiß“ beleuchtet die Dewezet Geschichte und Gegenwart der Hamelner Sinti, stellt Vorurteile auf den Prüfstand und lässt die Angehörigen dieser staatlich anerkannten nationalen Minderheit zu Wort kommen.

Durch Presse, Literatur, Filme und Musik („Drei Zigeuner fand ich einmal“) werden Stereotype über Sinti reproduziert und in den Köpfen verankert. „Eine Außenseiterrolle mussten sie immer spielen, definiert wurden sie als Nomaden, als Fremde, konnotiert mit Kriminalität und Gefahr“, schreibt der Historiker und Vorurteilsforscher Wolfgang Benz in seinem Buch „Sinti und Roma: Die unerwünschte Minderheit“ (2014). Das war und ist in Hameln nicht anders als in anderen Städten.

Die Weiß’, heißt es oft, seien kriminell, gewalttätig, zögen einen über den Tisch. So weit – so falsch. Zum einen gibt es „die“ Familie Weiß nicht. Zum anderen handelt es sich dabei um typische Vorurteile gegenüber allen Sinti. Genauso wie es sie gegenüber „den“ Juden oder „den“ Muslimen gibt. „Derartige Verallgemeinerungen sind bestenfalls ein Witz und schlimmstenfalls ein Todesurteil“, schreibt Autor Michael Krausnick in seinem Buch „Die Zigeuner sind da“ (1981). Es gibt nur einzelne Angehörige der Familie, der Sippe Weiß. Für eine negative Erfahrung mit einer Einzelperson, dürfen andere, schon allein juristisch, nicht in Sippenhaft genommen werden. Doch genau das macht ein Vorurteil aus. Aus Einzelerfahrungen oder auch nur Gerüchten werden pauschalisierende Urteile. Vorurteile.

Bei Vorurteilen, schreibt Benz, handele es sich eben nicht um einen Reflex der Mehrheit auf Charaktereigenschaften oder Handlungen der jeweiligen Minderheit, „sondern um die Konstruktion eines Feindbildes, das mit der Realität wenig oder nichts zu tun hat. Die Mehrheit hat bestimmte Interessen, Ängste, Wünsche und Abneigungen, die auf ,die Juden‘ oder ,die Muslime‘ oder beliebige andere Gruppen wie Sinti und Roma projiziert werden“. Der Sinn bestehe darin, durch Ausgrenzung der Minderheit das Gemeinschaftsgefühl der Mehrheit zu stärken. „Das ist am schwierigsten zu verstehen, dass nicht die Opfer der Ausgrenzung schuld an ihrem Schicksal sind, dass nicht ,der Jude‘ oder ,der Sinto‘ schuld ist, wenn man ihn nicht mag, dass vielmehr die Gesellschaft Interesse daran hat, ihn nicht zu mögen“, so Benz.

Verallgemeinerungen sind bestenfalls ein Witz und schlimmstenfalls ein Todesurteil.

Michael Krausnick, Autor

Von vornherein nicht gemocht zu werden, ist etwas, das die geschätzt 300 Hamelner Sinti nur allzu gut kennen. Von klein auf werden sie mit Vorurteilen konfrontiert. Auf den schlechten Ruf der Familie Weiß angesprochen, führen einige Angehörige diesen – von den allgemeinen Vorbehalten gegenüber Sinti einmal abgesehen – auf ein paar wenige „schwarze Schafe“ unter ihnen zurück, welche die gesamte Sippe in Verruf gebracht hätten. „Bei uns gibt es, so wie bei allen anderen, auch schlechte Menschen“, sagt etwa der Hamelner Sinto Horst Rosenberg (57) von der „Niedersächsischen Beratungsstelle für Sinti und Roma“. „Bei uns ist es nur so, dass, wenn einer kriminell ist, alle über einen Kamm geschert werden.“ Prozentual gesehen würden deutsche Sinti nicht häufiger kriminell als Deutsche.

Folglich nehmen Sinti auch bei der Polizei Hameln „keine Sonderstellung“ ein, wie Jens Kozik, Leiter des Zentralen Kriminaldienstes, auf Anfrage mitteilt. Sie stünden weder „im besonderen Fokus der Polizei“ noch unterlägen sie einer „speziellen Beobachtung“.

Tatsächlich dürften die Vergehen einiger weniger den schlechten Ruf der Familie Weiß in Hameln ohnehin kaum so nachhaltig geprägt haben. Ein Blick zurück in die Geschichte verdeutlicht, dass die Familie in Hameln von Anfang an Ausgrenzung und Diskriminierung ausgesetzt war. Die Stadt selbst hatte es den Weiß’ von dem Zeitpunkt ihrer Ankunft 1954 an nicht leicht gemacht (wir berichteten). Aber auch von der Zivilbevölkerung erfuhren sie von Anfang an Ablehnung.

1957, als Familie Weiß noch in Wohnwagen an der Ohrschen Landstraße lebte, wollten deutsche Eltern die Einschulung von drei Sinti-Kindern an der Schule in Wangelist verhindern. Die Vorstellung, ihre Kinder, müssten sich mit Sinti die Schulbank teilen, gefiel ihnen nicht. In diesem Fall erhielten die Sinti sogar Rückendeckung im Rat. Wie die Dewezet damals berichtete, sagte Senator Dr. Lothar Ganser (CDU) in einer Sitzung: „Die vergangenen Jahre hätten uns doch eine nachdrückliche Lehre erteilt, dass niemand wegen seiner rassischen oder religiösen Zugehörigkeit verfolgt werden dürfe, und es sei bedenklich, so etwas überhaupt zu diskutieren.“

Gut 30 Jahre später hatte ein Kind der Familie Weiß an der Grundschule Wangelist trotzdem wieder mit Ausgrenzung und Diskriminierung zu kämpfen. „Ich war in der Schule immer viel allein“, erinnert sich Andreas Weiß (36). „Die anderen Kinder nannten mich ,Schwarzkohl‘, ,Zigeuner‘ oder ,Schnitzelfresser‘. Sie haben mich halt spüren lassen, dass ich anders bin.“ Sein einziger Freund in der Schule war ein Junge, der ebenfalls schwarze Haare hatte. Ein Kurde.

Aber irgendwann konnte er nicht mehr. „Ich war in der Schule und fing an zu weinen“, erzählt Weiß. „Dem Lehrer sagte ich, ich hätte Bauchschmerzen. Da gab er mir einen Vitaminbonbon.“ Doch ändern tat sich nichts. Irgendwann warf der Junge seine Schulsachen zuhause in den Holzkohleofen. Er besuchte die Schule bis zur vierten Klasse.

An einem weiteren Beispiel wird deutlich, dass allein die Ankündigung der Anwesenheit von Sinti ausreichte, um auf Ablehnung zu stoßen. 1963, als die Stadt einen Ausweichort für den nur schmerzlich geduldeten Wohnwagenplatz der Sinti am Rettigs Grund suchte und ein Gelände des britischen Militärs am Düth in Erwägung zog, folgte der Widerstand der Anwohner auf dem Fuße. Sie reichten bei der Stadt eine Liste mit 52 Unterschriften von Haushalten in Rohrsen ein, mit der sie gegen die angedachte Ansiedlung der Familie Weiß am Düth protestierten.

Wenn Sinti früher „auf Geschäft fuhren“, also mit Wohnwagen ihrem Reisegewerbe nachgingen, stießen sie mitunter auf blanken Hass, der sich teilweise sogar in Gewalt entlud. „Es gibt Gruppen, die die Sinti nicht mögen und sie dann beleidigen, beschimpfen oder nachts angreifen“, sagt Karl Felscher, der ehemalige Pastor der Sinti-Missionsgemeinde in Wehrbergen. Zeuge solcher Angriffe wurde er auf Fahrten, die er in den 80er Jahren mit Angehörigen der Familie Weiß unternahm.

Willkürliche Polizeirazzien machten den Sinti das Leben außerdem schwer, bestätigt Pastor Gerhard Heinzmann, der bereits in den späten 60er Jahren mit Hamelner Sinti auf Zeltmission ging. „Da wurden wir von der Polizei umzingelt und weggejagt“, sagt er. „Ich selbst wurde dabei von den Polizisten oft für einen Zigeuner gehalten und angepöbelt.“

Ich selbst wurde von Polizisten oft für einen Zigeuner gehalten und angepöbelt.

Gerhard Heinzmann, Pastor und Missionar

Wie soll Rückhalt in der Bevölkerung für Sinti entstehen, wenn sogar die Behörden und die Staatsgewalt offen und offensiv gegen Sinti vorgehen? So hielt etwa das Bundeskriminalamt (BKA) bis in das Jahr 2001 an der Sondererfassung von Sinti und Roma fest. Damit knüpfte es an „ältere deutsche Polizeitraditionen“ an, „deren radikalste Form die mörderische ,Zigeunerbekämpfung‘ der Nationalsozialisten gebildet hatte“, erklärt Andrej Stephan, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und Mitautor des Buchbands „Schatten der Vergangenheit. Das BKA und seine Gründungsgeneration in der frühen Bundesrepublik“, der Dewezet gegenüber. Ungeachtet der Tatsache, dass kriminelles Verhalten von Sinti und Roma laut Stephan nicht signifikant von dem der Mehrheitsbevölkerung abweicht und obwohl es keine statistischen Auffälligkeiten gab.

„Wenn wir mit dem Wohnwagen kamen, waren die Vorurteile schon da“, erinnert sich Reilo Weiß (69). Campingplatz-Betreiber, die telefonisch noch Stellplätze zugesichert hatten, waren bei Ankunft der als Sinti erkennbaren Gäste plötzlich ausgebucht. Auf Ablehnung stießen Sinti auch, wenn sie öffentliche Plätze anfuhren. Auch da bildete Hameln keine Ausnahme. „Zigeuner-Camp ist unzulässig“ überschrieb die Dewezet 1985 einen Artikel über eine „Zigeunersippe“, die sich auf einem Privatgelände vor der Kolonie „Julius Tönebön“ niedergelassen hatte – mit dem Einverständnis des Eigentümers.

Heute ist es in Hameln vor allem die Wohnungssuche, die Sinti zu schaffen macht. Kaum ein Erwachsener der Familie Weiß, der nicht darüber klagt, keine Wohnung zu finden. Spätestens, wenn die Vermieter mitbekämen, dass sie Sinti seien, sei die Wohnung „plötzlich nicht mehr zu haben“, wie Reilo Weiß sagt. Oftmals reiche schon der Name Weiß aus, um am Telefon eine Absage zu bekommen. Einige Sinti verschleiern deshalb ihre Identität. Ein Sinto, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, gibt sich Deutschen gegenüber vorzugsweise als Inder aus. „Wegen der Vorurteile“, sagt er. „Dabei fühle ich mich als Sinto und als Deutscher.“ Diese Vorurteile bekommen Kinder der Familie Weiß schon in der Schule zu spüren. „Wir haben keinen guten Ruf“, sagt seine Tochter, die ebenfalls unerkannt bleiben möchte, „aber dann lernen sie mich kennen und merken, ich bin gar nicht so, wie sie dachten.“



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