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„Ich bin dem Spender unendlich dankbar“

Nach Angaben der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) haben im vergangenen Jahr 1296 Menschen nach ihrem Tod Organe gespendet. Das klingt viel, doch führt man sich vor Augen, dass 2010 allein in Deutschland etwa 850 000 Menschen gestorben sind, relativiert sich dieser Eindruck sofort. Dann kommt man nämlich auf einen Spender-Anteil von gerade einmal 0,15 Prozent – und das ist viel zu wenig, denn allein in Deutschland stehen 12 000 Menschen auf der Warteliste für ein Organ.

veröffentlicht am 08.02.2011 um 18:35 Uhr

Vor rund sieben Monaten bekam Hubert Knicker ein neues Herz.

Autor:

Jessica Rodenbeck

Auch Hubert Knicker gehörte bis Sommer letzten Jahres zu denen, die warten mussten. Der heute 52-Jährige hatte bereits vor 15 Jahren das erste Mal Herzprobleme. „Ich konnte auf der Arbeit von einer Minute auf die andere nicht einmal mehr die Treppe hochsteigen. Ich war absolut kraftlos“, erinnert sich der gelernte Krankenpfleger. Am nächsten Morgen ging er zum Hausarzt, welcher ihn zum Internisten schickte, von dort wurde er ins Krankenhaus Bad Oeynhausen überwiesen. Die Diagnose für den Vater eines Sohnes war niederschmetternd: Wasser in der Lunge, stark vergrößertes Herz, Leistungsfähigkeit des Herzens stark herabgesetzt.

Hubert Knicker selbst begriff damals nicht, wie krank er wirklich war und die Ärzte wollten ihn auch nicht beunruhigen. Seiner Frau Karin hingegen schenkten sie reinen Wein ein. „Die Ärzte sagten mir, dass ich damit rechnen solle, dass mein Mann noch etwa vier Wochen zu leben hat.“ Karin Knicker behielt diese Hiobsbotschaft für sich und baute ihren Mann auf. Und tatsächlich schlugen die Medikamente an. Nach zehn Wochen konnte Knicker das Krankenhaus als Frührentner verlassen. Sport treiben war ihm nicht mehr möglich, selbst eine Wasserkiste durfte er nicht mehr heben, doch er lebte.

Schon damals sagten die Ärzte ihm, dass eine Transplantation irgendwann die letzte Möglichkeit sein könnte.

Ein solcher Organspendeausweis kann im Ernstfall einem anderen Menschen das Leben retten.  Fotos: jaj
  • Ein solcher Organspendeausweis kann im Ernstfall einem anderen Menschen das Leben retten. Fotos: jaj

Viele Jahre, in denen er sich an die Einschränkungen gewöhnte, ging es ihm den Umständen entsprechend gut, bis 2003 der nächste Rückschlag kam. Hubert Knicker mähte mit seinem Aufsitzrasenmäher den Rasen, als ihm auf einmal schwarz vor Augen wurde. Als er aus seiner Ohnmacht aufwachte, robbte er auf Händen und Knien in den ersten Stock zu seiner Frau, welche den Arzt rief. „Als die Notärzte das EKG angeschlossen haben, habe ich sofort gesehen, dass er Kammerflimmern hat“, erinnert sich Karin Knicker, die selbst Krankenschwester ist. „Das ist das Problem daran, wenn man Ahnung hat. Man weiß sofort, was los ist.“

Eine Stunde lang probierten die Ärzte Hubert Knicker zu stabilisieren, bevor sie ihn ins Krankenhaus brachten. Nachts hatte er erneut Kammerflimmern, woraufhin er ins Herzzentrum gebracht wurde.

„Mir wurde ein Herzschrittmacher mit eingebautem Defibrillator eingesetzt“, erklärt Knicker. Wenn das Herz wieder anfing, zu flimmern, bekam Knicker einen Stromschlag. „Und die Schläge waren heftig. Die ersten Male bin ich sofort bewusstlos geworden.“ Mehrere Jahre lebte er mit diesem Herzschrittmacher, erst 2007 bekam er einen neuen. „Und dann ging es rapide bergab.“ Hubert Knicker fühlte sich immer schlechter. Er konnte kaum noch Treppen steigen, hatte Schlafstörungen und war ständig kaputt. Doch kein Arzt glaubte ihm – denn die Werte waren in Ordnung.

„Das war die schlimmste Zeit überhaupt“, sagt Knicker heute. Die Ärzte diagnostizierten wegen der unveränderten Werte eine Depression und Knicker fühlte sich weiter schlecht. Irgendwann glaubte selbst seine Frau Karin den Ärzten. „Und das ist etwas, das ich mir heute noch nicht verziehen habe.“ Hubert Knicker reagierte auf seine eigene Art auf das Unverständnis und den Unglauben der Mediziner. Er gab sich auf. „Ich habe den lieben Gott häufig darum gebeten, mich einfach sterben zu lassen. Ich konnte nicht mehr, hatte einfach keine Kraft mehr.“

Schließlich überwies ihn sein Hausarzt doch an das Herzzentrum und der Kardiologe dort erkannte sofort, dass Hubert Knicker nicht depressiv war, sondern schwer Herzkrank. Er überwies ihn auf die Transplantationsstation, doch Knickers Zustand war zu schlecht für eine Transplantation. Seine Lungengefäße waren stark vergrößert, dadurch war der Lungendruck so groß, dass das neue Herz die Versorgung nicht geschafft hätte. Ihm blieb nur noch ein Kunstherz. Am 9. Mai 2008 wurde es ihm eingepflanzt. Fortan trug er sein Herz in einer etwa 5 Kilogramm schweren Tasche mit sich herum.

„Natürlich gab es Einschränkungen“, sagt Knicker. Um das Blut flüssig genug zu halten, musste er fünf bis sechs Liter täglich trinken, beim Autofahren lag die Tasche auf dem Beifahrersitz. „Am meisten hat mir jedoch die Badewanne gefehlt.“ Doch trotz der Einschränkungen hat er die Jahre mit dem Kunstherz genossen. „Es waren zwei spektakuläre Jahre, aber es waren zwei Jahre, die man mir geschenkt hat.“

Am 9. Mai 2010, auf den Tag genau zwei Jahre, nachdem Hubert Knicker sein Kunstherz bekommen hatte, war die Ruhe auf einmal vorbei. Er war mit seiner Frau, seinem Sohn und seiner Schwiegertochter auf einem Spargelhof bei Bremen essen, um sein Kunstherz-Jubiläum zu feiern“, erinnert er sich. Auf einmal gab die Maschine einen Alarmton aus und forderte ihn auf, sich sofort mit dem Klinikum in Verbindung zu setzen. „Alarme gab es häufiger, doch dieser war anders“, sagt er. Dieses mal meldete das Gerät einen Pumpenfehler, die Funktionalität war nicht mehr gewährleistet. Knicker sollte so schnell wie möglich ins Herzzentrum Bad Oeynhausen fahren.

„Man weiß ja, dass die Transplantation irgendwann ansteht, aber wenn es dann wirklich so weit ist, denkt man ,lasst mich doch noch kurz essen‘ oder ,kann ich nicht erst noch in den Urlaub fahren?‘“, beschreibt er die Gedanken, die ihm in dieser Situation durch den Kopf gingen.

Im Herzzentrum Bad Oeynhausen wurde Hubert Knicker sofort auf die „HU-Transplantationsliste“ gesetzt. „HU“ steht für „High urgency“ und bedeutet übersetzt „sehr dringlich“. Hubert Knicker wurde damit in die höchste Dringlichkeitsstufe eingeordnet, die es gibt. Patienten, die HU gesetzt sind, erhalten bevorzugt ein verfügbares Spenderherz, doch auch sie müssen nach Angabe des Herzzentrums durchschnittlich 96 Tage auf ein passendes Organ warten.

Der Spender eines Herzens darf in Alter, Gewicht und Größe nur rund 15 Prozent vom Empfänger abweichen, damit sichergestellt ist, dass das Herz seine neue Aufgabe auch bewältigen kann. Bei Hubert Knicker dauerte es elf Wochen, bis solch ein Spender gefunden war. Elf Wochen, in denen er als „High Urgency“ Patient das Klinikgelände nicht verlassen durfte – und das, obwohl er nur wenige Minuten Fußweg entfernt wohnte. Elf Wochen in denen er andere Patienten kennenlernte, die ebenso wie er auf ein Spenderherz warteten. Für einige von ihnen wurde ein passendes Herz gefunden, und sie überstanden die OP problemlos. Andere bekamen zwar ein neues Herz, überlebten aber nicht und für einige wurde die Wartezeit zu lang, ihnen konnte nicht mehr rechtzeitig geholfen werden. „Das war wirklich eine schwere Zeit“, sagt Knicker. Irgendwann habe er einfach aufgehört, über das Schicksal seiner Leidensgenossen nachzudenken. Nicht weil es ihm egal war, sondern weil er es in seiner eigenen Situation einfach nicht ertrug.

Schließlich war es so weit, die OP stand kurz bevor. Der 24. Juli 2010 sollte zu Knickers zweitem Geburtstag werden. „Ich habe in einem Aufwachraum gelegen und minütlich auf die Uhr geschaut“, erzählt der 52-Jährige. Seine Familie und zwei Lieblings-Krankenschwestern waren bei ihm. „Für mich war es der letzte Weg“, erklärt er. „Ich wusste, dass mir in wenigen Minuten das Herz entfernt würde. Das bedeutete für mich, dass ich erst einmal sterbe, selbst wenn das neue Herz dann funktioniert.“ Und so verabschiedete sich Hubert Knicker von seinen Angehörigen und dem Narkosearzt. „Ich sag dann mal Tschüss.“

Irgendwann wachte er auf der Intensivstation wieder auf. „Die Schwestern kamen zu mir, und baten mich, meinem Mann zu bestätigen, dass er ein neues Herz bekommen hat“, sagt seine Ehefrau. „Er wollte es einfach nicht glauben.“ Doch es war so, die Operation war gut verlaufen.

„Ich bin dem Spender oder der Spenderin unendlich dankbar“, sagt Hubert Knicker heute. „Ich weiß, wie schwer es ist, sich zu einer Spende zu entscheiden.“ Auch er selbst hat erst im Verlauf seiner Krankheit begonnen, sich mit dem Tod und Organspende auseinanderzusetzen. „Dabei ist es so wichtig, sich frühzeitig Gedanken darüber zu machen und nicht erst, wenn man selbst in der Situation ist“, appelliert er heute. Es kann so schnell zu spät sein.

Hubert Knicker hat Glück gehabt, für ihn wurde rechtzeitig ein Spenderherz gefunden. Doch allein im Herzzentrum Bad Oeynhausen warten zurzeit immer noch 268 Patienten auf ein passendes Herz. Ihre Chancen, rechtzeitig ein Organ zu bekommen, steigen dabei mit jedem Menschen, der sich intensiv mit der Möglichkeit einer Organspende befasst.

Der Wille zu einer Organspende kann ganz einfach erklärt werden, indem ein Organspendeausweis ausgefüllt wird. Auf ihm muss ankreuzt werden, ob alle Organe gespendet werden sollen, oder ob bestimmte von einer Spende ausgenommen sind. Der Organspendeausweis sollte möglichst immer mitgeführt werden, damit der eigene Wille im Unglücksfall auch wirklich berücksichtigt werden kann. Bei Menschen, die keinen Organspendeausweis haben, treffen die Angehörigen die Entscheidung für oder gegen eine Spende.

Organspendeausweise sind in Apotheken erhältlich, können aber auch im Internet, beispielsweise auf der Seite der Deutschen Stiftung Organspende unter www.dso.de heruntergeladen werden.

Leben schenken – das ist es, was der Inhaber eines Organspendeausweises bereit ist zu tun. Einem Kranken und seiner Familie die Möglichkeit geben, noch einmal neu anzufangen, wenn das eigene Leben vorbei ist. Hubert Knicker gehört zu denen, denen dieses größte aller Geschenke gemacht worden ist. Er bekam vor sieben Monaten ein neues Herz.



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