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Forscher und Polizei: Handy am Steuer verursacht vermutlich mehr Verkehrsunfälle als Alkohol

„I love you“ – und dann kracht es

Früher Vormittag auf der Rintelner Ostumgehung: Der Ford vor mir überfährt die durchgezogene Mittellinie. Nur für einen kurzen Moment, aber für eine Kollision mit dem Gegenverkehr hätte es gereicht. Zum Glück kam keiner. Betrunken? Um diese Zeit? Unwahrscheinlich.

veröffentlicht am 07.01.2014 um 00:00 Uhr

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Eine junge Frau tippt auf ihrem Handy, dann knallt es. Schreie, Blut, Chaos – ein britisches Schockvideo im Internet zeigt, was passiert, wenn man am Steuer auf das Display statt auf die Straße schaut. Ein brutales Video – die deutschen Varianten zum selben Thema sind da eher zurückhaltend in Szene gesetzt.

Ich klicke mich durch das Presseportal der Polizeiinspektionen Nienburg/Schaumburg und Hameln-Pyrmont/Holzminden:

3. Dezember: In Stadthagen fährt ein junger Mann bei Rotlicht über eine Kreuzung.

9. Dezember: Eine junge Frau kommt nach rechts von der Fahrbahn ab.

12. Dezember: In Nienburg wird eine Fußgängerin angefahren.

19. Dezember: Ein Autofahrer gerät auf der Bundesstraße 1 bei Elze in den Gegenverkehr und stößt mit einem entgegenkommenden Mercedes zusammen.

Auf der A 2 kommt eine Peugeot-Fahrerin von der Fahrbahn ab und überschlägt sich. Das Wetter ist gut, noch nicht einmal allzu viel Verkehr.

Fünf Unfälle mit unklarer Ursache, die zu Spekulationen einladen. Man könnte sagen, es gibt für eine bestimmte Art Unfall ein Muster: Schnurgerade Straße, angemessenes Tempo und dann kommt jemand von der Fahrbahn ab oder gerät in den Gegenverkehr.

Alle großen Autohersteller haben ihre eigene Unfallforschung: VW, Audi, BMW, Mercedes. Unfallforscher von BMW stellten wie ihre Kollegen fest, dass sich rund 43 Prozent der sogenannten Fahrunfälle auf gerader Strecke ereignen. „Das macht die Erklärung der Ursachen schwierig“, sagte BMW-Sprecher Friedbert Holz in einem Interview mit einer Fachzeitschrift: „Es können ruckartige Lenkbewegungen bei hohem Tempo, unangepasste Fahrweise, aber auch Unaufmerksamkeit und Ablenkung sein.“

Ablenkung! Es gibt Unfallforscher, die würden inzwischen Ablenkung durch Muli-Media von Smartphone bis Navi ganz oben auf die Top Ten der Unfallursachen stellen: auf alle Fälle noch vor Alkohol.

Doch wissenschaftlich korrekt beweisen lässt sich das nicht. Er misstraue da allen entsprechenden Statistiken, sagt Siegfried Brockmann, Leiter der Unfallforschung der Versicherer in Berlin in einem Telefongespräch: „Wer gibt nach einem Unfall schon zu, dass er mit dem Smartphone hantiert hat, sich durch die Eingabe einer neuen Adresse im Navi hat ablenken lassen?“

Bei den Polizeiinspektionen wird das als mögliche Unfallursache ohnehin nicht speziell erfasst. Also gibt es dafür keine statistischen Zahlen. Für Trunkenheitsunfälle dagegen schon. Eine Fahne kann man schlecht leugnen. Das Lesen einer SMS schon.

„I love you“ war die letzte SMS-Nachricht eines Mannes, bevor er mit seinem Wagen in eine Pferdekutsche fuhr. Auch das kann man im Internet auf Youtube besichtigen.

Gabriela Mielke, Polizeipressesprecherin in Nienburg, wie ihr Kollege Jörn Schedlitzki in Hameln reduzieren das Phänomen Handy & Co. auf einen Begriff: „Unaufmerksamkeit“.

Jeder kennt das: Im Auto sind viele oft schwer beschäftigt – nur nicht mit dem Autofahren. Es muss nicht immer das Handy sein, das den Blick von der Fahrbahn lenkt. Im Radio einen neuen Sender suchen, telefonieren, Kaffee trinken, ein belegtes Brötchen aus der Tüte fummeln, das man gerade in der Tankstelle gekauft hat. Die Liste ließe sich beliebig verlängern.

Unaufmerksamkeit ist eine Unfallursache, die sich meist nicht beweisen lässt. Bei einem Unfall schauten die Beamten selbstverständlich auch in den Fußraum des Unfallfahrzeugs, schildert Gabriela Mielke. Es sei schon erstaunlich, was sie da manchmal finden: ein Handy, eine Bierflasche, ein Schminktäschchen. Schminken? „Klar“ bestätigt Mielke, „da wird schnell der Lippenstift nachgezogen, dann ein Blick in den Spiegel, ob die Frisur noch richtig sitzt.“

Erfahrung ist noch kein gerichtsfester Beweis

Doch selbst Handy oder Schminkutensilien im Fußraum beweisen im Grunde nichts. Diese Gegenstände könnten ja bei einem Aufprall aus der Handtasche, vom Beifahrersitz gerutscht sein. Zwar spricht die Lebenserfahrung dafür, dass junge Leute nicht vom Handy lassen können, auch nicht am Steuer. Doch Erfahrung ist kein gerichtsfester Beweis.

Selbst wenn ein Beamter auf einem Handy entdecken sollte, dass da gerade eine SMS eingegangen ist, Sekunden, bevor es gekracht hat, ist das interpretationsfähig. Marco Vogt, Rechtsanwalt und Fachanwalt für Verkehrsrecht in Rinteln, erinnert, dass es da schon einer richterlichen Anordnung bedürfe, wollte man die Daten aus dem Handy oder Smartphone auslesen. Eine solche Anordnung werde ein Richter aber kaum ausstellen, wenn jemand bei Rotlicht über eine Ampel oder in den Straßengraben gefahren ist, aber keinen großen Schaden angerichtet oder gar jemand verletzt hat.

Polizeisprecherin Mielke rechnet vor: Wer 60 Stundenkilometer schnell ist, fährt in drei Sekunden 50 Meter weit. Im Blindflug, wenn er da gerade eine SMS aufklickt.

Es gibt zwar Zahlen wie „Smartphone-User verursachen im Schnitt acht Mal so viele Unfälle wie alkoholisierte Autofahrer“ (das hat der Verkehrsclub in Österreich hochgerechnet“), doch Unfallforscher Brockmann bleibt trotzdem skeptisch. Konkrete Zahlen zu diesem Thema seien wissenschaftlich grenzwertig: „Wir wissen es einfach nicht.“

Es ist ja auch kompliziert: Wenn der Satz „Unfall aus ungeklärter Ursache“ in den Polizeiberichten auftaucht, kann man überhöhte Geschwindigkeit, zu geringen Abstand, Alkoholkonsum oder falsches Abbiegen ausschließen. Somit muss der Unfall andere Ursachen haben, die in der Psyche des Autofahrers liegen. Wissenschaftler sprechen vom „human factor“. Den speziell einzugrenzen – schwer machbar. Nur selten sind verunglückte Autofahrer gegenüber der Polizei so gesprächig wie der 29-Jährige, der sich mit seinem Auto auf der Autobahn überschlagen hatte und zugab, durch den Wechsel einer Musik-CD abgelenkt gewesen zu sein.

Menschliche Faktoren gab es schon immer: Übermüdung, der berühmte Sekundenschlaf. Mit der neuen Technik Smartphone ist eben nur ein weiterer hinzugekommen. Die Liste ließe sich auch mit Blick auf den demografischen Wandel erweitern: Beeinträchtigung durch Medikamente. Selbstverständlich steht auf dem Beipackzettel, dass man sich nicht mehr ans Steuer setzen sollte. Aber wer nimmt das schon ernst, wenn er jeden Tag Pillen schlucken muss und sonst eigentlich im Alltag ganz prächtig funktioniert.

Brockmann schildert, es gebe inzwischen sogenannte „Naturalistic Driving“-Studien (NDS). Da wird ein Fahrzeug im Innenraum mit Kameras ausgestattet. Das funktioniere im Prinzip schon, sagt Brockmann: „Irgendwann vergessen sie die Kameras und fahren, wie sie es sonst auch tun“. Das Problem liege woanders: Stellen Sie sich vor, sie haben 100 Testpersonen die drei Monate lang mit den Kameras unterwegs sind. Da kommen 15 Jahre Videomaterial zusammen.

Da scheitere man letztlich an der schieren Masse der Daten, um noch hundertprozentig verlässlich herauszufiltern, was wann warum eine kritische Fahrsituation war und was nicht. Und wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass jemand in den drei Monaten beim SMS-Schreiben einen Unfall baut? Statistisch gegen null.

Trotzdem verfolgen die Forschungsvereinigung Automobiltechnik (FAT) und die Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt) gemeinsam die Vision einer groß angelegten NDS, um bestehende Unfalldatenbanken zu ergänzen und neue Erkenntnisse zur Unfallentstehung zu gewinnen.

Im Gerichtsalltag, bei der Urteilsfindung, spiele die Frage, hat der Unfallverursacher die Vorfahrt eines anderen nicht beachtet, weil er gerade telefoniert hat, keine große Rolle, schildert Rechtsanwalt Vogt. Zwei bis drei Mal habe er in Verhandlungen schon erlebt, dass ein Unfallbeteiligter ausgesagt hat: Ich habe gesehen, der andere hatte das Handy am Ohr. Doch letztlich wiege die Vorfahrtsverletzung, die zum Unfall geführt hat, schwerer als das Telefongespräch am Steuer.

Was ist die Lösung? Noch mehr Technik?

Brockmann nennt ein praktisches Beispiel: Sie fahren mit 220 km/h auf der linken Spur, und ihr Smartphone piept. Stellt sich die Frage: Lesen oder ignorieren? Am sichersten sei zweifellos ignorieren, aber wenn Sie unbedingt wissen wollen, wer sich da gemeldet hat, dann sei es immer noch besser, auf die rechte Spur hinter einen Lkw zu fahren und die „Distronic“ einzuschalten, statt mit 220 km/h weiterzufahren.

Technik hilft nicht beim Schreiben von SMS

„Distronic“ kann bekanntlich neben der Geschwindigkeit auch den Abstand zum vorausfahrenden Fahrzeug einhalten und nimmt je nach Bedarf automatisch Gas weg. Der Pferdefuß: „Distronic“ hat nicht jeder.

Die andere nützliche Technik wie EPS, das zuverlässig eingreift, wenn man zu schnell um die Kurve driftet, hilft nicht, wenn der Mensch am Steuer in diesem Moment damit beschäftigt ist, eine SMS zu lesen.

Entwickelt werde zurzeit von BMW neues Hilfssystem mit Infrarotkamera und Leuchtdioden, das den Blick des Fahrers wieder zurück auf die Straße lenken soll, berichtete das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“. Das System scannt, wohin der Blick des Fahrers gerichtet ist – und orchestriert entsprechend die Fahrsicherheitssysteme des Autos.

Dreht sich etwa die Mutter am Steuer um, weil sie ihrem Kind auf der Rückbank etwas sagen will, läuft ein weißer Lichtpunkt über ein LED-Leuchtband nach vorne. Fast automatisch dreht man den Kopf zurück.

Für eine bessere Lösung hält Brockmann das weitgehend selbstfahrende Auto. Doch wenn diese Technik serienreif sei, werde es sie zunächst nur auf den Autobahnen geben, „beim Stadtverkehr ist das noch in weiter Ferne“.

Sprachsteuerung sei sicherlich hilfreich, da sind sich Experten einig, nur löst das nicht das grundsätzliche Problem, dass Mutter Natur bei der Evolution des Zweibeiners zum „homo automobilis“ Multitasking am Steuer nicht vorgesehen hat. Fahren erfordert nämlich 100 Prozent Aufmerksamkeit, will man sicher unterwegs sein.

Der Rintelner Ingenieur Dr. Norbert Handke von der Landesinitiative Mobilität Niedersachsen hat da eine ganz andere Sicht: „Das Handy im Auto abschalten, das ist die Lösung.“

Schon im ICE sei es nervig, wenn ständig Handys bimmeln. Es gebe im Grunde nur noch ein einziges Refugium, wo man davon verschont bleibt: im Flugzeug. Was beweise, „man kann durchaus eine gewisse Zeit auf die Dauerkommunikation verzichten, ohne dass gleich eine Krise ausbricht“.

SMS lesen am Steuer, mit dem Smartphone hantieren, das ist eine Grauzone in der Unfallstatistik, denn genaue Zahlen dafür gibt es nicht. Die Sammelrubrik dafür heißt: Unaufmerksamkeit. Doch Unfallforscher und Polizei sind

inzwischen überzeugt: Das Handy hat die Alkoholfahne als Risikofaktor

vermutlich schon eingeholt.



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