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Hokuspokus oder Heilmethode: Schmerzen sollen verschwinden, Raucher abstinent werden und Schüler besser

Hypnose – was steckt dahinter?

Liest man, was Anbieter von Hypnosetherapien an Dienstleistungen anzubieten haben, dann könnte man meinen, der Stein der Weisen für Medizin und Psychologie sei längst entdeckt: Schmerzen und Allergien verschwinden, Ängste aller Art lösen sich auf, Raucher werfen die Zigarette für immer weg, und Menschen mit Übergewicht beginnen eine vernünftige Ernährungsweise. Wer sich so richtig wohl in seiner Haut fühlen will, brauchte sich anscheinend nur in die Hände eines Hypnotiseurs zu begeben und alles wäre gut. „Da ist durchaus was Wahres dran“, meint Brigitte Stotzka, die in Hameln als „Hypnose-Coach“ arbeitet. „Nur darf man nicht übersehen, dass dabei die eigentlichen Heilkräfte vom Hypnotisierten selbst ausgehen.“

veröffentlicht am 30.01.2013 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 24.01.2019 um 14:16 Uhr

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Ebenso wie ihre Kollegin Astrid Ladage aus Hessisch Oldendorf wirbt sie unter anderem damit, dass Raucher, die ihr Laster ablegen wollen, fast immer bereits nach einer einzigen Sitzung von ihrer Sucht befreit seien und auch ein Jahr später nicht wieder zum Glimmstängel gegriffen hätten. „Das ist keine Zauberei“, so Brigitte Stotzka. „Vor der eigentlichen Hypnose erfrage ich, vor welchem Hintergrund und in welchen Situationen das Rauchen für den Klienten bedeutsam ist, und ich spreche mit ihm darüber, warum er aufhören will und was ihn an dieser Vorstellung glücklich macht. In den Suggestionstexten während der hypnotischen Trance knüpfe ich an diese positiven Dinge an. Das reicht in den allermeisten Fällen, um den Schalter umzulegen.“

Astrid Ladage, die diesen Vorgang auf ähnliche Weise beschreibt, betont, dass es dabei selbstverständlich auf den festen Willen des Hypnotisanden ankäme. Wünsche jemand eine Hypnose, der sagt, seine Frau habe ihn geschickt, weil sie will, dass er endlich zum Nichtraucher wird, dann beginne sie gar nicht erst mit der Therapie. „Man kann in der Hypnose niemanden gegen seinen Willen beeinflussen und ihm quasi eine Lebensweise aufzwingen, mit der er gar nicht einverstanden ist. Der Wille zur Veränderung muss da sein – und das ist er meistens auch, denn sonst würden die Leute gar nicht erst meine Unterstützung suchen.“

Wesentlich aufwändiger zu erreichen sei es zum Beispiel, dass der Wunsch, sein Körpergewicht zu reduzieren, tatsächlich in die Realität umgesetzt werde. Auch in solchen Fällen würden Vorgespräche geführt, in denen sich herauskristallisiere, wofür das leidenschaftliche Essen ein Ersatz sei, etwa für vermisste Liebe oder fehlende Anerkennung, zur Bewältigung von Stresssituationen oder schlichtweg, um der Langeweile zu entgehen. „Es geht darum, herauszufinden, was jemand wirklich will, dann haben wir den positiven Ansatzpunkt für die hypnotische Suggestion“, erklärt sie.

Während es allerdings in Bezug auf das Rauchen ausreiche, einen intensiv erlebten Schlusspunkt zu setzen, verlange das Abnehmen eine weitergehende Umstellung im Alltagsleben. „Vom Rauchen kann man sich wirklich verabschieden, vom Essen aber nicht“, sagt auch Birgit Stotzka. „Mit dem Essen wird man jeden Tag neu konfrontiert, da muss man dann nachlegen und durch weitere Sitzungen den Willen zur Lebensänderung stärken, wieder, indem man versucht, den unbewussten Gründen für die ,Fresssucht‘ auf die Spur zu kommen. In der Hypnose ist das kritische Bewusstsein weitgehend ausgeschaltet, man nähert sich dem Unbewussten an und entdeckt dann oft die wahren Ursachen für ein problematisches Verhalten. Erst dann besteht die Chance zur Änderung.“

Sie bringt das etwas anders gelagerte Beispiel einer Frau an, die unter einer Obstallergie litt. In der hypnotischen Trance versetzte sich diese Frau zurück in eine verdrängte Vergangenheit, und in einem sorgsam geführten Frage- und Antwortspiel stellte sich heraus, dass die Allergie, trotz aller schweren körperlichen Symptome, eine erfundene war, vor vielen Jahren dafür eingesetzt, um auf diese Weise Aufmerksamkeit und Mitgefühl auf sich zu lenken. „Nur im Zustand der Trance konnte die Frau sich dem damaligen Geschehen ohne Angst und Peinlichkeitsgefühl stellen. Als das geschafft war, gab es keinen Grund mehr, an der Allergie weiterhin festzuhalten.“

Überhaupt gehe es bei der Hypnose meistens darum, aus eingefahrenen Mustern auszubrechen und damit das eigene Selbstbild zum Positiven hin zu verändern.

Sie arbeite oftmals auch mit Kindern, sagt Astrid Ladage. Fast immer stünden da Schulängste und ein angeknackstes Selbstbewusstsein im Mittelpunkt. Ein kleines Mädchen hatte zwei Fünfen in Mathearbeiten geschrieben und nun schreckliche Angst vor der nächsten Arbeit. „Da half es bereits, während der Hypnose die Einschätzung ,Ich kann einfach kein Mathe‘ durch suggestive Sätze zu verwandeln in ein ,Ich kann es eben doch!‘.“

Nicht viel anders sei es bei einem neunjährigen Jungen unter ihren Klienten gewesen, der in der Schule gemobbt wurde und sich rundherum schwach und ängstlich fühlte. Er wollte, wie sich herausstellte, stark wie ein Tiger sein, und genau das war auch das Thema während der hypnotischen Trance: „Ich bin ein tigerstarkes Kind!“, diese Erkenntnis konnte den Jungen erreichen, sobald das selbstkritische Bewusstsein mal eine Weile schweigen musste.

Immer noch ist es für die Wissenschaft ein Rätsel, wie solche Suggestionen gelingen können (dass sie es oftmals tun, daran besteht hingegen kein Zweifel). Nur etwa zehn Prozent aller Menschen sind gar nicht oder erst nach vielen Versuchen hypnotisierbar, die allermeisten aber erreichen problemlos eine mittelgradige Hypnosetiefe, darüber besteht ein weitgehender wissenschaftlicher Konsens. Gerade die mittlere Hypnosetiefe, in der noch ein kleiner Anteil des bewussten Ichs bestehen bleibt, eignet sich besonders gut für solche therapeutischen Ansätze, in denen Hypnotiseur und Hypnotisand während der Trance Gespräche führen.

Brigitte Stotzka und Astrid Ladage arbeiten, wie viele andere auch, nach dem Konzept des amerikanischen Psychiaters und Psychotherapeuten Milton Erickson (1901-1980), der als Pionier der modernen Hypnosetherapie gilt. Anders als frühere Hypnotiseure, seien sie nun Ärzte oder „Künstler“ gewesen, und anders, als es meistens bei den oft spektakulären heutigen Showhypnosen der Fall ist, rekrutiert der Ansatz von Milton Erickson auf die Aktivierung von Selbstheilungskräften, die in jedem Menschen vorhanden seien und wachgerufen werden müssten, damit sie ihre Wirkung entfalten.

Tatsächlich seien diese Kräfte bei vielen Menschen so stark, dass ein Arzt sie hypnotisieren und dann völlig ohne Betäubung operieren könnte (was auch regelmäßig so gemacht wurde, bevor die Narkose diese Art der Sedierung ablöste).

Auch Brigitte Stotzka machte die Erfahrung, dass man eigene Ressourcen zur Schmerzbekämpfung aktivieren kann. Unter der Hypnose wurde bei ihr ein chronischer Schmerz im Arm ausgeschaltet, was dann dazu führte, dass sie die nötige Gymnastik machen konnte, damit gefährliche Kalkablagerungen sich endlich lösten. „Da wurde mir ganz konkret bewusst, dass Schmerzen recht eigentlich im Kopf entstehen. In meinem Fall half es, das Schmerzgedächtnis zu löschen, um mir zu helfen.“

Nun sind aber Hypnose-Anbieter wie die beiden Frauen aus Hameln und Hessisch Oldendorf weder Mediziner noch Diplom-Psychologen. Sie dürfen und wollen diesen Anspruch auch nicht gar nicht erheben. Astrid Ladage war „Mentaltrainerin“, bevor sie ihre Hypnoseausbildung absolvierte, Brigitte Stotzka arbeite in einer Hamelner Behörde, bis sie sich als zertifizierter „Hypnose-Coach“ vor drei Jahren mit ihrer Praxis selbstständig machte.

Trotzdem können auch sie sich auf die Feststellung des Wissenschaftlichen Beirates Psychotherapie berufen, der im Jahr 2006 im Deutschen Ärzteblatt verkündete, dass die Hypnosetherapie bei Erwachsenen unter anderem für die psychischen und sozialen Aspekte bei somatischen Krankheiten und für die Lösung von Suchtproblemen wissenschaftlich anerkannt sei. Eine in dieser Verkündigung zitierte Studie von Professor Dirk Revenstorf (Uni Tübingen) belegt, dass fast die Hälfte der untersuchten Raucher, die ihrer Sucht unter Hypnose abschworen, auch noch nach einem Jahr abstinent geblieben waren.

Das Hypnotisieren funktioniert übrigens nicht nur bei einem Gegenüber, man kann sich mit einigem Geschick auch selbst in die hypnotische Trance versetzen, eine sehr nützliche Fähigkeit, wie Astrid Ladage und Brigitte Stotzka bestätigen. „Morgens trinke ich nicht als erstes einen Kaffee, sondern ich sage mir: ,Dies wird ein wunderbarer Tag!‘“, so Brigitte Stotzka. „Meistens wird es das dann auch.“

Schwingende Pendel, selbst erklärte Magier und wahnwitzige Bühnenshows: In vielen Fällen wird die Hypnose mit reichlich Hokuspokus verbunden. Inzwischen ist Hypnose als Therapie bei einigen Krankheiten sogar wissenschaftlich anerkannt. Was ist dran an der Wirksamkeit einer heilenden Trance?



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