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Hofcafés – wenn Landwirte Wirte werden

Jahrelang hat man Kühe gemolken, Schweine gefüttert, Ställe ausgemistet, Äcker bestellt – und dann bewirtet man Gäste im eigenen Café“, sagt Doris Volker. „Das ist eine völlig neue Aufgabe, in die man erst einmal hineinwachsen muss.“ Vom Bauern zum Gastwirt – ein Job-Wechsel, für den sich viele Landwirte aus wirtschaftlichen Gründen entscheiden. Der 56-Jährigen sei er in kurzer Zeit ganz gut gelungen: „Es passt gut, wie es zurzeit läuft“, sagt sie. Dabei ist es gerade einmal eineinhalb Jahre her, dass sie die Stall-Kluft gegen die blütenweiße Schürze eintauschte und gemeinsam mit ihrer Tochter Stefanie, 33, in Nettelrede das Hofcafé Volker eröffnete. Dass dort, wo heute 60 Gäste an rustikalen Tischen Platz nehmen, einst zehn Schweinebuchten standen, lässt sich nach dem aufwendigen Umbau des Stalls nicht einmal mehr erahnen.

veröffentlicht am 05.08.2011 um 19:29 Uhr

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Autor:

Alda Maria Grüter

Die Einrichtung im Bauernhof-Stil ist antik. Dennoch: Modern sei der Betrieb und mit allem Drum und Dran, was zu einer professionell geführten Gastronomie gehört, betont Doris Volker. Mutter und Tochter hatten den richtigen Riecher mit Kaffee, selbstgebackenem Kuchen und Torten, mit Bauernhof-Eis aus natürlichen Zutaten, mit deftiger Brotzeit und Wurst aus eigener Herstellung: Der Erfolg gibt ihnen recht. Nennenswerte saisonale Schwankungen hätten sie zum Glück kaum: „Wir haben ganzjährig von Donnerstag bis Sonntag, ab September auch am Mittwoch geöffnet und kontinuierlich Gäste im Haus. Über ein schlecht laufendes Geschäft können wir nicht klagen.“

Gewiss sei dieses dritte Standbein der Volkers notwendig gewesen. „Nachdem die Tierzucht aufgegeben wurde, standen die Stallgebäude leer, mussten aber trotzdem in Schuss gehalten werden, was immer mit hohen Kosten verbunden war.“ Damals habe festgestanden: „So geht das nicht weiter – es muss etwas passieren.“ Heute besitzen die Volkers von einst rund 85 Hektar Ackerfläche in Nettelrede nur noch einen kleinen Teil. Die Bewirtschaftung überlassen sie anderen.

Zuvor war schon einmal „etwas passiert“: „Wir hätten den Hof in Nettelrede erweitern müssen, um rentabel zu arbeiten.“ Allerdings war vor gut 20 Jahren der Boden hierzulande teuer. Also kaufte Walter Volker 1989 in Ostdeutschland einen Hof mit 360 Hektar Land. Vater und Sohn Kai fassten dort Fuß mit einer Schweinezucht, außerdem mit Getreide-, Rüben- und Maisanbau. Doris Volker arbeitet einen Teil der Woche „drüben“. Montags, dienstags und mittwochs legt sie insgesamt mehr als 300 Kilometer zurück – zwischen dem Dorf am Deister und dem Betrieb in Badeleben in Sachsen-Anhalt, wo sie sich um die Büroarbeiten kümmert. Und, wenn Not am Mann ist, packt sie auch mal beim Verladen der Schweine mit an. Den Rest der Woche arbeitet sie im Hofcafé in Nettelrede.

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Die pendelnde Bäuerin und Gastwirtin – gewiss ein nicht alltägliches Modell. Dass sich Landwirte mit Bauernhofcafés eine zusätzliche Erwerbsquelle schaffen, ist hingegen nichts Exotisches mehr: „Bauernhofcafés gehören inzwischen zum etablierten Angebot landwirtschaftlicher Unternehmen und sind auch im Agrarland Niedersachsen nicht mehr wegzudenken“, sagt Sabine Hoppe von der Landwirtschaftskammer Niedersachsen. Rund 200 landwirtschaftliche Betriebe haben sich landesweit mit dem Einstieg in die Bauernhofgastronomie ein weiteres Standbein geschaffen.

Landwirte profitieren dabei von einem generellen Trend: dem Wunsch der Menschen nach Regionalität und Freiluft-Leben. Untersuchungen haben ergeben, dass ein Gast eine Strecke von gut 50 Kilometern nicht scheut, wenn sie ihn zu einem ansprechenden Hofcafé führt. Ob nun Café oder ein anderer Geschäftszweig wie etwa ein Ferienhof – dieser „Nebenerwerb“ löse in vielen Fällen die landwirtschaftliche Tätigkeit komplett ab, entwickele sich zur Haupteinnahmequelle, sagt Hoppe weiter. Wie viele Neu-Unternehmer allerdings wieder aufgeben, darüber könne sie keine verlässliche Aussage machen. Dennoch: Auch wenn die Bauernhofgastronomie ein hart umkämpfter Bereich sei – im südlichen Niedersachsen stärker als an der Küste –, Hofcafés können sich lohnen. Die Gäste von heute seien ziemlich verwöhnt, wollen besten Service und erwarten einfach etwas Besonderes. Und genau da können Bauernhofcafés mitunter punkten.

Die Idee „Sanddorn vom Süntel“ ist dafür ein Beispiel: Die stachelige Pflanze mit den vitaminreichen Früchten, die sonst auf Dünen am Meer wächst, gedeiht bereits seit elf Jahren in Flegessen auf einer Fläche von mittlerweile einem Hektar. Sanddorn zum Selbstpflücken, dazu einige Sanddorn-Produkte verkauft Inse Brandes ab Hof. 2006 öffneten die Sanddornstuben am Süntel (Hofcafé und Wanderscheune) ihre Türen. Vom Brot über Konfitüre bis zum Saft: in allem Selbstgemachten steckt auch Sanddorn. Ein Versuchsballon sei das Projekt von Anfang an nicht gewesen, sagt die Inhaberin. Gezielt habe sie sich diese Nische ausgesucht. Und sie war überzeugt, dass es funktioniert: Erdbeeren, Himbeeren, Spargel – das werde überall angeboten, aber eine Sanddorn-Plantage gebe es weit und breit nicht. Dass die Landwirtin aus Ostfriesland sich damit ein Stück alte Heimat ins Sünteldorf holte, war da ein schöner Nebeneffekt. Natürlich sei es eine wirtschaftliche Entscheidung gewesen, sich mit dem Hofcafé ein weiteres Standbein zu schaffen zu dem 175-Hektar-Betrieb, den Ehemann Dr. Albrecht Brandes führt. Das Konzept ging auf.

Das Angebot macht es aber nicht allein: Ohne Know-how und Engagement geht es nicht. Denn für Bauernhofcafés gelten dieselben Rahmenbedingungen wie für alle Betriebe. „Nur wenn die Angebote im umgebauten Kuhstall mit denen anderer Gastronomen mithalten können, rechnet sich der Nebenerwerb“, sagt Sabine Hoppe. Hilfestellung geben die Landwirtschaftskammer und der Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga).

„Wir sind relativ schnell ins Geschäft gekommen, die Nachfrage steigt stetig an, durch Mundpropaganda, aber auch aufgrund gezielter Werbemaßnahmen“, sagt Sonja Helbing von Hannes Hofcafé. Sie ist nicht etwa Landwirtin – Hofcafés locken auch Existenzgründer aus völlig anderen Berufszweigen an.

Die Management-Assistentin ist hauptberuflich beim Institut für Solarenergieforschung in Ohr tätig. Im August 2009 hat sie sich gemeinsam mit Frank Abel, 42, Straßenwärter beim Straßenbauamt des Landkreises Hameln-Pyrmont, den Traum vom eigenen Café in dörflicher Idylle erfüllt: „Ein eigenes Café wollte ich schon immer haben. Für mich war klar, dass ich es unbedingt hier aufbauen wollte – ich bin Tünderanerin und meinem Heimatort sehr verbunden!“ Als Sonja Helbing mit dem Leistungssport (Olympischer Zweikampf, Gewichtheben) aufhörte, kam die Chance zu einer selbstständigen Tätigkeit wie gerufen, sagt die 31-Jährige. Die Landwirtschaft auf „Zeddies Hof“ wurde sowieso schon vor langer Zeit aufgegeben: Der 1818 von Friedrich Zeddies erbaute und betriebene Hof, stand schon 1896 zum Verkauf. Der Guts- und Ziegeleibesitzer Julius Tönebön erwarb das Gehöft. 1981 wurde das Grundstück der Tönebön-Stiftung angegliedert, von 1981 bis 1982 ließ die Hamelner Wohnungsbaugesellschaft (HWG) Seniorenwohnungen entstehen. In der Scheune, wo zuvor ein Museum für Gerätschaften aus der Landwirtschaft untergebracht war, ist seit zwei Jahren Hannes Hofcafé zu Hause. „Hannes“ heißt übrigens das Maskottchen der HWG, von der Sonja Helbing die Räumlichkeiten pachtet.

Bei dem Umbau der Scheune hat Helbing bewusst auf jegliche Finanzspritzen verzichtet, „um unabhängig zu bleiben und ohne Einschränkungen die eigenen Ideen zu verwirklichen“, erklärt die Teilzeit-Unternehmerin. Geld bei der Bank aufzunehmen, sei zwar unumgänglich gewesen, aber nur soviel, dass „einem der Kredit keinen Strick um den Hals dreht“. Finanziell betrachtet sei das Café zurzeit kaum mehr als ein Hobby und von großen Gewinnen entfernt. Ihr persönliches Ziel ist, den Schwerpunkt ihrer Arbeit auf das Café zu legen.

Manchmal kommt der Anstoß zum eigenen Hofcafé aber auch von den Kunden selbst. So war es bei der Familie Eggelmann im Obernkirchener Ortsteil Gelldorf. Hier richtete die Familie vor mehr als zehn Jahren zusätzlich zum landwirtschaftlichen Betrieb ein Blumenfeld ein. „Und irgendwann sagten die Kunden, dass sie nach dem Blumen-Pflücken auch gerne einen Kaffee trinken würden“, erinnert sich Hannelore Eggelmann. Zunächst wurde dann nur die alte Diele des Bauernhofs in ein Café umgewandelt. „Wir hatten damals nicht einmal eine Heizung. Es sollte ja nur ein Angebot für die Sommermonate sein.“ Doch die Nachfrage war unerwartet groß. So wurde erst eine Heizung eingebaut und schließlich der komplette alte Kuhstall in zusätzliche Caféräume umgewandelt.

„Häufig lassen sich Neueinsteiger von rechtlichen Hürden, angefangen von der Baugenehmigung bis zur Konzessionsgewährung, abschrecken“, erläutert Sabine Hoppe. Der Einstieg in die Bauernhofgastronomie bedeute allerdings mehr als die Überwindung von gesetzlichen Hürden. So müssen die finanziellen Mittel, entsprechende fachliche und persönliche Fähigkeiten und Erfahrung vorhanden sein, um ein Bauernhofcafé erfolgreich zu führen.

Was behördliche und finanzielle Angelegenheiten anbelangt, hat auch die Familie Volker ihre Erfahrung gemacht: Der Weg von der Idee bis zur Umsetzung des Vorhabens und schließlich zur Etablierung des Cafés habe zweieinhalb Jahre gedauert und sei nicht immer einfach gewesen: Anträge auf Fördermittel wurden allesamt abgelehnt, sodass der Umbau der Stallungen selbst finanziert werden musste. „Die behördlichen Auflagen waren schon enorm und haben uns einiges erschwert“, sagt Stefanie Volker. „Aber wir haben es geschafft.“

Ackerbau, Viehwirtschaft, Gastwirtschaft: Mit einem Bauernhofcafé hat sich inzwischen so manche Bauernfamilie in der Region ein neues Standbein geschaffen. Mit ländlichem Charme und einem Angebot, das nicht in jedem x-beliebigen Café zu haben ist, locken sie Gäste noch aus dem weiten Umland.

Keine Bauern: Frank Abel und Sonja Helbing von Hannes Hofcafé.

Inse Brandes brachte den Sanddorn nach Flegessen.

Vom Feld ins Café: Doris Volker (re.) und Tochter Stefanie betreiben seit eineinhalb Jahren das Hofcafé Volker in Nettelrede.

Fotos: amg



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