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„Hört die Folter auf, ist das schon ein Erfolg“

Über 110 000 Unterstützer engagieren sich in Deutschland mit Amnesty International für den Schutz der Menschenrechte, weltweit sind es 2,8 Millionen. Menschen wie du und ich. Alle zusammen sind eine Bewegung, mit der eine Menge erreicht werden soll: Menschenleben retten, Folterern ins Handwerk pfuschen, Verschwundene wiederfinden, Flüchtlingen Schutz bieten und Diktatoren nicht ungestört walten lassen, so heißen die hehren Ziele der Organisation, die in diesen Tagen 50 Jahre wird und 1977 für ihre Arbeit mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde. Unsere Redaktion begab sich auf Spurensuche.

veröffentlicht am 07.03.2011 um 19:27 Uhr
aktualisiert am 24.01.2019 um 14:15 Uhr

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Der Beginn ist völlig unspektakulär. Rechtsanwalt Peter Benenson liest 1961 in London einen Artikel über zwei Studenten, die in einem Restaurant in Lissabon auf die Freiheit anstoßen. In Portugal ist die Erwähnung des Wortes „Freiheit“ zu dieser Zeit verboten; die beiden Studenten werden festgenommen und zu sieben Jahren Haft verurteilt. Benenson veröffentlicht einen Artikel über diesen und andere Fälle, in dem er die Leser aufruft, sich durch Briefe an die jeweiligen Regierungen für die Freilassung dieser Gefangenen einzusetzen – die Geburtsstunde von Amnesty International (AI), die 1961 noch „Appeal for Amnesty“ heißt.

Noch im gleichen Jahr wurde von den beiden Journalisten Gerd Ruge und Carola Stern die deutsche Gruppe von AI gegründet. Es war nicht der beste Zeitpunkt, denn es war der Höhepunkt des Kalten Krieges. AI setzte sich für Kommunisten und Nicht-Kommunisten gleichermaßen ein. Die Folge: In der DDR hieß es, AI werde vom westlichen Geheimdienst gesteuert, in der Bundesrepublik sah man AI von der Stasi gelenkt.

Irmgard Klingst gehört zu den Gründungsmitgliedern der Bückeburger Gruppe, der Gruppe 1019. Sie erfuhr vor gut vier Jahrzehnten von der AI-Arbeit von einer Bekannten und wollte nicht so recht: Gefangenfreilassung? Das war doch wohl eine Arbeit für Rechtsanwälte und nicht für den einfachen Bürger, oder nicht? Nein, hieß das Gegenargument, das sei eben auch eine Arbeit für den einfachen, für den normalen Menschen.

Irmgard Klingst ließ sich mit ihrem Mann überzeugen. Damals, so erzählt sie, wurden jeder Gruppe drei Gefangene zugeteilt, um die man sich kümmern sollte: einer aus der westlichen Welt, aus der Dritten Welt und einer aus dem Osten. Für den in Russland einsitzenden Gefangenen nahmen sie Kontakt über eine Handelsorganisation auf, schon bald konnten kleine und größere Pakete geschickt werden. Aus der Dritten Welt wurden sie mit dem Fall einer Frau und Mutter beauftragt, die in Paraguay einsaß. Die Kontakte führten so weit, dass eine der Töchter nach Bückeburg kam und in der Residenzstadt ein Jahr lang lebte und eine Ausbildung begann. Der westliche Gefangene entpuppte sich als baskischer Priester, der unter dem spanischen Diktator Francisco Paulino Franco gefangen gehalten wurde. „Damals“, so erzählt Irmgard Klingst, „konnten AI-Gruppen, die einen guten Leumund nachweisen konnten, über das Madrider Ministerium die von ihnen betreuten Gefangenen besuchen. Mein Mann und ich haben das dann jedes Jahr einmal gemacht.“ Ein paar Monate nach dem Tod von Franco kam der Priester dann frei.

Die Erinnerungen und Erzählungen von Irmgard Klingst lassen es erahnen: Es war deutlich mehr Arbeit, als sie sich anfangs gedacht hatte, „aber es war und ist eine gute und erfüllende Arbeit“. Heute sind in Bückeburg noch elf Aktive dabei, es ist, wie überall, schwer, Nachwuchs zu finden. Zwar engagieren sich ab und an ein paar Schüler, aber die verlassen die Stadt, wenn es ans Studium geht.

Zwei Jugendliche engagieren sich in der Hamelner Gruppe, erzählt Sprecherin Heike Lüders-Heider, durchaus mit Elan und neuen Ideen wie etwa „Flashmobs“, spontan über Internet und Handys zusammengerufene Aktionen im öffentlichen Raum zu einem bestimmten Thema. Aber noch gehen die rund zehn Mitglieder der AI-Gruppe 1558 traditionelle Wege: Ausstellungen, Diskussionen in Schulen – etwa über die Todesstrafe – Unterschriftensammlungen und Gespräche: „Es ist oft erstaunlich, was von den Menschen, mit denen wir sprechen, alles nicht gewusst wird“, erklärt die Leiterin und erzählt von den Erfolgen, die zuweilen ein bisschen zwiespältig ausfallen: In Hameln hat man sich stark für einen auf Kuba Inhaftierten eingesetzt, im letzten Jahr kam der Mann frei – und wurde nach Spanien abgeschoben: auf freiem Fuß, aber eben im Ausland.

Überhaupt sei ein Faktor für die häufig beglückende Arbeit für AI der Erfolg: „Wir haben Einfluss, wir können was bewirken, denn die Machthaber wollen vor den Augen der Welt als gut dastehen.“ Natürlich gibt sich auch Heike Lüders-Heider keinen großen Illusionen hin, „es ist nur der Tropfen auf dem heißen Stein“, aber das ist er denn doch erst einmal: ein Tropfen.

Können einzelne Menschen wirklich etwas bewirken? Und ob. Denn öffentlicher Druck sei das wirksamste Mittel, um Menschenrechte zu schützen, heißt es auf der Homepage der Organisation. Oft zähle jede Minute und jede Stimme. Appelle und Briefe zeigen den Verantwortlichen von Menschenrechtsverletzungen, dass ihre Taten gesehen und nicht hingenommen werden. Oftmals könne man so erreichen, dass Gefangene freigelassen, Todesurteile umgewandelt, Drohungen eingestellt, Folter und Misshandlung gestoppt oder unfaire Gerichtsverfahren wieder aufgerollt werden. Rund 40 Prozent der Eilaktionen sind erfolgreich.

„Entwaffnend“ nennt sich ein Landschaftskunstprojekt im Herforder Homberg. Rund um ein Kriegerdenkmal sind Ahornstämme mit friedenspolitischen Texten gestaltet. Der AI-Baumstamm trägt eine Aufschrift aus der Präambel der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, dem Grundlagenwerk für die Arbeit der Gruppe 1644 aus Herford.

Ein Zeichen im öffentlichen Raum nennt es Olaf Diedrich, der bereits seit 1988 für Amnesty arbeitet und in Herford in der Gruppe 1644 tätig ist. Mit Leuten zusammen sein, die ähnlich denken und gemeinsam etwas erreichen wollen, nennt Diedrich als Beweggründe für das Engagement und verweist darauf, dass man nicht immer die Maximalforderung durchsetzen könne, beispielsweise die sofortige Entlassung eines unschuldig Inhaftierten. Schon kleine Schritte seien ein Erfolg: verbesserte Haftbedingungen, ärztliche Betreuung oder das Aufhören der Folter – „wer darunter leidet, wird es schon als Erfolg sehen, wenn er nicht mehr gefoltert wird“.

Und manchmal muss man auch damit leben, dass man nie mehr von einem Betreuten hört. Anfang der 90er Jahre habe man sich um einen Inhaftierten in Algerien bemüht, der dann plötzlich verschwunden war. „Es war schwer, überhaupt Kontakt aufzubauen und die Familie musste auch vorsichtig sein“, sagt Diedrich. Nicht jeder Einsatz hat ein Happy End.

Wer sich auf den Internetseiten in Niedersachsen oder im Ostwestfälischen nach AI-Gruppen umsieht, stellt schnell fest, dass es keineswegs immer einen Ansprechpartner gibt. Oder es gibt einen Ansprechpartner, der den Anfragenden weiter verweist an jemanden, der gar nicht mehr für die Gruppe arbeitet. Olaf Diedrich kennt diese Probleme: „Das ist der Ehrenamtlichkeit geschuldet, da gibt es immer wieder Löcher.“ Am besten, so meint er, sei ein Lehrer, der an seiner Schule durch Vorbild und Einsatz für Amnesty werbe, dann sei der permanente Nachwuchs sicher: „Aber den hat natürlich nicht jede Gruppe.“

Lena Turowski ist stellvertretende Gruppensprecherin der Hochschulgruppe von Amnesty International an der Universität Bielefeld und kann über mangelnden Nachwuchs oder fehlende Mitstreiter nicht klagen: Die Gruppe ist 30 bis 40 Menschen stark, zu den Infoveranstaltungen kommen auch mal 50 Zuhörer. „Wir legen den Fokus aber auch stark auf die Öffentlichkeitsarbeit und die Werbung, nicht so sehr auf das Einsammeln von den Spenden und Gewinnen von Förderern.“

Der Vorteil von Amnesty, liege jenseits des guten Zweckes darin, dass man in einer großen Organisation arbeite, die sehr bekannt und mit einem positiven Bild besetzt sei: „Wir müssen nicht jedes Mal erklären, wofür wir stehen.“ Und natürlich gelte auch der Grundsatz, dass man umso mehr bewegen könne, je größer man sei. Gleich vier Arbeitsgruppen gibt es an der Uni: die Verbesserung der Menschenrechtslage in südlichen Ländern, Sinti und Roma, Menschenrechtsverletzungen an Frauen und Polizeigewalt in Deutschland.

Themenwechsel. Woher weiß Amnesty International eigentlich, dass in Syrien ein Gefangener gefoltert wurde? Dass im Iran ein Jugendlicher hingerichtet werden soll? Dass die USA Terrorverdächtige in Geheimgefängnisse verschleppen? Die Ermittlungsarbeit von Amnesty International leisten 80 sogenannte „Länder-Researcher“ in der internationalen Amnesty-Zentrale in London. Sie sammeln und bewerten Informationen über die Menschenrechtsituation „ihrer“ Region und dokumentieren die Ergebnisse in Berichten.

Dafür sprechen sie mit Opfern von Menschenrechtsverletzungen, ihren Angehörigen, Anwälten und Vertretern von Nichtregierungsorganisationen. Amnesty informiert die Regierungen vorab über die Besuche. Man ist zwar nicht gern gesehen, aber man darf meistens kommen, nur China und Myanmar winken ab: kein Zutritt.

Amnesty prüft den Wahrheitsgehalt und die Zuverlässigkeit des auf Delegationsreisen gesammelten Materials – Zeugenaussagen, Gerichtsakten, medizinische Atteste, Notizen, Bücher und Berichte – mehrfach und kritisch, bevor es in einen Bericht aufgenommen wird. In seinem im Fischer Verlag publizierten Jahresbericht beklagte Amnesty International am 27. Mai 2010 Folter und Misshandlung in mindestens 111 Staaten, unfaire Prozesse in 55 Ländern, Zensur in 96 Ländern. Insgesamt attestierte Amnesty 159 Staaten, die Menschenrechte verletzt zu haben. Mit Blick auf Deutschland kritisierte Amnesty, dass nach wie vor Menschen in Folterstaaten wie Tunesien oder Syrien abgeschoben werden.

Dass die Unmenschlichkeit zuweilen sehr nahe ist, hat in diesen Tagen die taz erzählt. Die Berliner Tageszeitung berichtete über einen Häftling, der seit über 15 Jahren von anderen Inhaftierten in einem Hochsicherheitsgefängnis isoliert wird. Eine Maßnahme, die Monika Frommel als Direktorin des Institutes für Sanktionsrecht und Kriminologie der Universität Kiel laut taz als „einen Fall von Folter“ einstuft. Auch Christian Ströbele, Bundestagsabgeordneter der Grünen, stuft diese Haftbedingungen als „Folter“ ein.

Der Inhaftierte heißt Günther Finneisen, er sitzt in der Justizvollzugsanstalt im niedersächsischen Celle ein.



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