weather-image
19°
×

Das sagenumwobene Raubtier streift wieder durch den Kreis Minden-Lübbecke – rund 170 Jahre, nachdem es in Nordrhein-Westfalen ausgerottet wurde. Bereits vor Wochen wurde ein Tier in Minden gesichtet. Nun gibt es den Beweis.

hi-wiegehts

Minden/Stemwede. Es war gegen sechs Uhr morgens, als das Tier am Mindener Stadtrand im Lichtkegel der Autoscheinwerfer sichtbar wurde. Spitze Schnauze, hoch stehende Ohren, dichtes Fell – ein Wolf? Bei uns in Ostwestfalen?

veröffentlicht am 24.01.2015 um 00:00 Uhr

Autor:

Vor etwa einer Woche dann meldete sich die Autofahrerin bei Förster Markus Uhr vom Regionalforstamt in Petershagen. „Sie hat lange gewartet, sie hatte befürchtet, dass ich sie nicht ernst nehme.“ Doch der Förster nahm die Frau sehr wohl ernst. So ernst, dass er den genauen Ort der Sichtung nicht nennen möchte – denn auch wenn keine Gefahr für Menschen vom Wolf ausgeht, fürchtet er die Anrufe besorgter Anwohner.

Dabei wandern die Tiere in der Regel viele Kilometer in einer Nacht. Zwar könnte die Frau auch einen Hund beobachtet haben – doch seit gestern gibt es den wissenschaftlichen Beweis: Der Wolf hat sich im Mühlenkreis zurückgemeldet – nach rund 170 Jahren.

„Es könnte sein, dass Sie den ersten Wolf in Minden gesehen haben“, hat Förster Uhr der Frau gesagt. „Vielleicht schreibt da schon bald die Zeitung drüber.“ Das er damit recht haben würde, konnte er zu diesem Zeitpunkt jedoch noch nicht ahnen.

Am 28. Dezember erhielt der für die Kreise Minden und Herford zuständige Wolfsberater Horst Feldkötter einen Anruf. In Stemwede war ein gerissenes Schaf gefunden worden. Sein Expertenrat war gefragt: War es ein Hund? Oder doch ein Wolf?

„Als ich kam, lebte das Schaf noch. Und wie es aussah, hätte man eher auf einen Hund tippen können.“ Doch die tiefen Bissspuren machten ihn stutzig. „Ein Wolf beißt anders als ein Hund mit voller Kraft zu.“ Er veranlasste also eine DNA-Untersuchung von Speichelspuren.

Das Labor für Wildtiergenetik des Senckenberg-Institutes in Gelnhausen, das als nationales Referenzzentrum für genetische Analysen bei Wolf und Luchs auf derartige Nachweise spezialisiert ist, hat die Proben mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit einem Wolf zugeordnet.

Für Wolfsberater Jan Preller keine Überraschung. Der Experte vom Naturschutzzentrum Steimbke, das sich in NRW federführend mit der möglichen Rückkehr der Tiere beschäftigt, stellt nüchtern fest: „Mit der Rückkehr nach Ostwestfalen war zu rechnen.“ 1835 wurde das letzte Mal die Erlegung eines Wolfs in Nordrhein-Westfalen gemeldet, seither galten die Raubtiere als ausgestorben. In ganz Deutschland galt der Wolf ab 1904 als ausgestorben, als der vermutlich letzte wild lebende Wolf in der Lausitz erschossen wurde.

Erst um die Jahrtausendwende meldete sich das Tier zurück. Immer wieder waren einzelne Exemplare von Polen aus nach Deutschland gewandert. Vor 15 Jahren dann wurden die ersten wieder in Deutschland geborenen Wolfsjungen entdeckt – wieder in der Lausitz. „Dieser Wolf ist schon ein spannendes Tier, wenn man nur mal die Dynamik dieser Wolfspopulation betrachtet“, sagt Jan Preller. Denn von Sachsen aus breiteten sich die Tiere inzwischen durch mehrere Bundesländer bis nach Niedersachsen aus. Und nun also nach Nordrhein-Westfalen.

Umweltminister Johannes Remmel (Grüne) sieht das Bundesland auf die Rückkehr gut vorbereitet. „Wir bereiten uns seit 2010 auf den Wolf vor“, sagte der Minister gestern, als die Nachricht aus dem Kreis Minden-Lübbecke bekannt wurde.

Schon seit Jahren gibt es den Arbeitskreis „Wolf in NRW“, Wolfsberater wie Horst Feldkötter und Jan Preller wurden geschult. Doch problemlos ist sein Auftauchen auch nicht. „Die Rückkehr des Wolfes stellt für eine dicht besiedelte Region auch eine Herausforderung dar, denn wir müssen nach mehr als einem Jahrhundert wieder lernen, mit dem Wolf zu leben. Aber anders als in anderen Regionen Europas, in denen der Wolf gejagt wird, genießt er auch in NRW den höchstmöglichen Artenschutz“, stellte der Minister klar.

Mit Problemen rechnet auch Förster Markus Uhr. „Das ist ein mystifiziertes Tier, das da zurückkommt, da gibt es viele traditionelle Vorbehalte.“ Und auch Jan Preller weiß aus Erfahrung: Viele Menschen haben Angst.

„Keine Gefahr für Menschen“

„Der Wolf meidet den Menschen, aber er meidet nicht die menschlichen Strukturen. Er braucht zum Leben keine Wildnis.“ Es kann also immer wieder vorkommen, dass neugierige Tiere auf ihren Wanderungen einen genaueren Blick riskieren, ob nicht auch in besiedeltem Gebiet etwas für sie zu holen ist.

Eine Gefahr für Menschen aber geht von den Tieren nicht aus, darauf weisen alle Experten immer wieder hin. „Seit 15 Jahren haben wir Erfahrungen mit Wölfen in Deutschland – es hat noch nicht einen Fall gegeben, bei dem es Probleme mit Menschen gegeben hat“, sagt Jan Preller.

So zu tun, als würde die Rückkehr der Wölfe problemlos verlaufen, will aber keiner der Experten. Gefahr besteht auf jeden Fall für Tiere, wie jüngst in Stemwede. „Der Wolf unterscheidet nicht zwischen Haustier und Wildtier,“ sagt Jan Preller. Und das gilt nicht nur für Schafe: „Freilaufende Hunde ziehen in der Regel den Kürzeren, wenn sie auf einen Wolf treffen.“

Horst Feldkötter stellt klar: „Normalerweise hält der sich an Rehe oder Wildschweine – und da haben wir genug von. Das der Nutztiere reißt, ist nicht sehr häufig.“ Kotuntersuchungen hätten ergeben, dass zu etwa 90 Prozent Rehe auf der Speisekarte des Raubtieres stünden, gefolgt von Schwarzwild. „Da aber auch nur die kleineren, an die großen Wildschweine traut der sich nicht ran.“ Prozentual gesehen sind Nutztiere als Nahrungsanteil kaum messbar. Dennoch glaubt der Wolfsberater aus Bünde, dass er nun öfter im Einsatz sein wird, besonders im Kreis Minden-Lübbecke. Etwa zwei Mal im Monat musste er bislang in seinem Einsatzgebiet ausrücken, um gerissene Tiere zu begutachten. „In Zukunft wird das aber sicherlich öfter vorkommen.“

Ein wichtiger Teilaspekt des Programms „Der Wolf in NRW“ ist deshalb auch der Schutz von Nutztieren vor Wolfsangriffen. Insgesamt zwei sogenannte Wolfsnotfallsets stehen zur Verfügung, eines für den nördliche, eines für den südlichen Bereich des Bundeslandes. Enthalten sind ein Elektrozaun, ein Weidezaungerät und eine Fotofalle. „Elektrozäune sind ein sehr effektives Mittel gegen Wölfe“, sagt Jan Preller. „Die Wolfsschnauze ist etwa so empfindlich, wie eine Hundeschnauze. Wenn die mit 5000 bis 6000 Volt in Kontakt kommt, verliert der Wolf schnell die Lust.“ Ein Flatterband oberhalb des Zauns verleiht zusätzlichen Schutz. „Wölfe springen eigentlich nicht über Zäune, die versuchen eher drunter durch zu kriechen.“

Eigentlich sollte das Set für OWL in Bad Eilsen bereitgehalten werden. „Ab nächster Woche liegt es aber bei Förster Achim Büscher in Porta Westfalica bereit“, sagt Jan Preller. Das Set richtet sich in erster Linie an Hobbytierhalter, die keinen Elektrozaun haben. Kommt es zu einer Wolfssichtung oder sogar zu einem Riss, können sie ihre Tiere mit dem 800 Meter langen Elektrozaun schützen. Um finanzielle Verluste auszugleichen, werden die Halter übrigens vom Land für getötete Tiere entschädigt.

Ob der Wolf nun dauerhaft im Kreis Minden-Lübbecke heimisch wird, wissen auch die Fachleute nicht genau. Der gesichtete Wolf könnte einfach einen ausgedehnten Ausflug aus dem benachbarten Niedersachsen gemacht haben. „Ich könnte mir schon vorstellen, dass Wölfe in den nördlichen Bereichen wie dem Torfmoor und im Raum Uchte, Warmsen auch dauerhaft leben können“, sagt Markus Uhr. „Der südliche Teil des Kreises ist wegen seiner dichten Besiedelung eher nicht so geeignet. Das Wiehengebirge ist zu schmal und eher ein Korridor, um längere Strecken zurückzulegen. Jan Preller ist da skeptischer: „Ich persönlich glaube, dass es keine dauerhafte Besiedlung gibt.“ Fest steht aber auf jeden Fall: Vorbeischauen wird der Graupelz künftig öfter.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2020
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige
    Kontakt
    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt