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Eine Rotwangenschildkröte aus Nordamerika im Hamelner Hafen, eine Krabbe aus China in der Weser bei Rinteln und eine Donau-Assel aus dem Gebiet des Schwarzen und Kaspischen Meeres – solche und andere Flussbewohner gibt es tatsächlich im Weserbergland. Wir nehmen sie nur nicht wahr. Es gibt verschiedene Gründe dafür, dass die teils winzigen „Ausländer“ in die Weser gelangt sind – und weshalb sie hier überleben. Es liegt vor allem daran, dass die Weser als Schifffahrtstraße starken anthropogenen, also von Menschen geschaffenen, Einflüssen unterworfen ist. Aber auch Fischzüchter und Aquarianer tragen dazu bei, dass Exoten in die Weser gelangen. „Unsere Mitglieder hatten schon Goldfische, Koi-Karpfen und Goldorfen, eine Mutation des Aland, am Haken“, sagt Wilhelm Wehrhahn, stellvertretender Vorsitzender des Sportfischervereins Hameln und Umgegend. Aber auch Rapfen werden gefangen. „Das ist ein Fisch, der in den 1970er Jahren von Anglern ausgesetzt wurde“, erklärt Wehrhahn. Welse, die aus Aquakulturen stammen, seien etwas später in die Weser gelangt. Die Berufsfischer Norbert und Alexander Meyer sind der Meinung, dass es den „Europäischen Wels schon immer in der Weser gab“. Dem widerspricht Wehrhahn: „Der Europäische Wels ist ausgesetzt worden und aus einer Aquakultur entwichen. Er wird erst seit Anfang der 1980er Jahre gefangen.“

veröffentlicht am 11.07.2012 um 00:00 Uhr

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Begünstigt wird das Vorkommen von nichtheimischen Arten nach Meinung von Forschern durch

die Salzfracht aus dem Kalibergbau im Einzugsgebiet der Werra,

Artenarmut aufgrund starker Gewässerverschmutzungen in früherer Zeit,

8 Bilder

Überformung der natürlichen Uferbereiche mit Steindeckwerken oder Buhnen,

direkte Anknüpfung an das europäische Binnenwasserstraßennetz über den Mittellandkanal,

den direkten Zugang zur Küste und Überseeschiffsverkehr über die Unterweser

und die Binnenschifffahrt.

Jede dieser Belastungen fördert auf ganz besondere Weise bestimmte Arten, oft sind dieses nichtheimische Arten, die damit besser zurechtkommen als ihre heimischen Verwandten. An der Weser profitieren aber auch einige heimische Arten, die sonst nur im Küstenbereich vorkommen, von der Versalzung.

Fremde Arten können das Ökosystem empfindlich stören: Insbesondere in der sogenannten ersten Etablierungsphase kann es bei diesen Neozoen durch eine oft anfängliche Massenvermehrung zur Verdrängung heimischer, aber auch anderer nicht-heimischer Arten kommen. Auf lange Sicht finden diese Arten Nischen, manche fügen sich stabil in das Artgefüge der Gewässer ein. Es sind häufig die naturnahen Gewässer, die eine stabile einheimische Artengemeinschaft beherbergen. In diese Flüsse haben es nichtheimische Arten schwerer, einzudringen. Als mögliche Wanderungswege und Quellen nichtheimischer Arten kommen in Frage:

Einschleppung über Ballastwasser,

Verschleppung als Aufwuchs oder in Ritzen von Binnenschiffen,

aktive Wanderung entlang von Schifffahrtsstraßen,

bewusste Aussetzung zum Beispiel als Fischnährtiere,

„Flüchtlinge“ aus Gartenteichen und Aquarien.

Im Bereich der Oberweser sind derzeit etwa 15 nichtheimische Arten bekannt, im Gesamtbereich der Weser sind es 25. Als nachgewiesen gelten:

Großer Höckerflohkrebs: Wie viele andere Einwanderer im Süßwasserbereich stammt diese Flohkrebsart aus den Unterläufen der in das Schwarze Meer mündenden Flüsse. In der Donau trat die Art lange Zeit nur bis zum Mittellauf auf. Nach der Eröffnung des Main-Donau-Kanals 1992 gelangte die Art in das Rhein-System. Von dort erfolgte eine sukzessive weitere Besiedlung über den Mittellandkanal bis zur Weser, Elbe und Oder. Die Art ernährt sich auch räuberisch und kann somit das Ökosystem der Weser stärker beeinflussen als die sich nur durch die Zerkleinerung organischer Substanz ernährenden heimischen Flohkrebse. Auffälliges Merkmal sind zwei Höcker auf dem Hinterleib.

Donau-Assel: Eine sehr kleine Assel, die ebenfalls aus dem Gebiet des Schwarzen und Kaspischen Meeres stammt. Wurde bereits 1958 im deutschen Teil der Donau entdeckt. 2003 wurde die Donau-Assel erstmalig in der Weser nachgewiesen. Besonders auf umströmten Steinpackungen am Ufer werden zum Teil sehr hohe Dichten mit mehreren Tausend Tieren pro Quadratmeter gefunden.

Tiger-Flohkrebs: Ursprünglich stammt diese Art von nordamerikanischen Ostküste. Sie wurde in den 1930er Jahren vermutlich mit Bilge- oder Ballastwasser in Großbritannien eingeschleppt. Das Vorkommen in der Weser geht auf eine bewusste Aussetzung als Fischnährtier im Jahr 1957 in der Werra zurück. Von dort aus hat sie sich über die Weser und die norddeutschen Kanäle in Ems, Rhein und in die Elbe ausgebreitet. Da die Art eigentlich eine Brackwasserart ist, kommt sie auch mit schwankenden Salzgehalten gut zurecht.

Süßwasser-Röhrenkrebs: Diese Krebsart stammt zwar auch aus dem Gebiet um das Schwarze Meer und das Kaspische Meer, wanderte aber über Dnjepr, Pripjet, Bug, Weichsel und Warthe nach Deutschland. Der Transport erfolgte hier vermutlich durch Schiffsverkehr, wo sich dieser Krebs Wohnröhren direkt auf den Schiffsrümpfen bauen konnte. Erster Nachweis in Deutschland war 1912 im Müggelsee bei Berlin. Von dort erfolgte die weitere Ausbreitung über norddeutsche Kanäle und auch in die Weser. Eine zweite Einwanderungswelle kam nach Eröffnung des Main-Donau-Kanals über die Donau. Nun vermischen sich beide Einwanderungsgruppen. Der Süßwasser-Röhrenkrebs baut Wohnröhren auf festen Materialien wie Steinen, Holz, Wasserpflanzen oder Muschelschalen. Als aktiver Filtrierer, ernährt er sich von Detritus und Plankton. Nachts weidet er die Algenbeläge der Röhrenumgebung ab. Verwandte heimische Arten leben in Küstengewässern und im Wattenmeer.

Nordamerikanischer Flusskrebs: Eine Flusskrebs-Art aus Nordamerika, die bewusst in unseren Gewässern ausgesetzt wurde, um die durch die Krebspest (eine Pilzerkrankung) sehr stark reduzierten heimischen Edelkrebs-Bestände zu ersetzen. Erster Besatz im Bereich der Oder zum Ende des 19. Jahrhunderts. Von dort breitete sich die Art weiter aus. Der Mittellandkanal, und somit vermutlich auch die Weser sind seit der Mitte des 20. Jahrhunderts besiedelt. Leider wird die Art aber nicht so groß wie der Edelkrebs, sodass eine Nutzung als Nahrungsmittel nicht weiter in Betracht gezogen wurde. Da dieser Flusskrebs selber immun gegen die Krebspest ist, wurden durch Wanderung der Tiere weitere Edelkrebsbestände in Mitleidenschaft gezogen. Funde im der Weser liegen derzeit nur für die Mittel- und Unterweser vor.

Dreikantmuschel: Sie hat einen sehr ähnlichen Einwanderungsweg wie der Süßwasser-Röhrenkrebs. Auch diese Art stammt aus dem Gebiet des Schwarzen und Kaspischen Meeres. Im Gegensatz zu unseren anderen einheimischen Süßwassermuscheln kann sich die Art über Haftfäden an Holz, Steinen oder Schiffsrümpfen festsetzen und dann über weite Strecken transportieren lassen. 1865 tauchte die Art in der Unterweser auf. Derzeit sind alle großen Flüsse und Schifffahrtskanäle, aber auch viele Seen besiedelt, in die die Art zum Beispiel über Boote eingeschleppt wurde.

Keulenpolyp: Ursprünglich ist der Keulenpolyp eine Brackwasserart, die bis ins Süßwasser vordringen kann. Aus ihrer Heimat, dem Kaspischen Meer und Schwarzen Meer, gelang ihr besonders unter Ausnutzung des internationalen Schiffsverkehrs eine weltweite Verbreitung. Erste Funde in Deutschland waren 1858 im Elbeästuar. Die Ausbreitung durch das europäische Kanal- und Flussnetz geschah vorwiegend durch Verschleppung der Tiere an Schiffsrümpfen, teilweise auch an Treibgut.

Wollhandkrabbe: Sie stammt aus China, von wo aus vermutlich Larven oder Jungtiere mit Ballastwasser in den Bereich der deutschen Küste gelangt sind. Erste Nachweise in Deutschland 1912 in der Aller und 1915 in der Elbe. Die Art kann Massenvermehrungen durchmachen. Wirtschaftliche Schäden werden durch das Anfressen von Fischen in Reusen oder die Anlage von Wohnröhren an Ufern verursacht. In ihrem Herkunftsgebiet wird sie als Delikatesse verzehrt. Derzeit kommt sie in der Unterweser vor. In den 1960er Jahren hat es sie auch in der Oberweser gegeben.

Sie sind eingewandert, aus Zuchtanlagen entwichen oder von Aquarianern ausgesetzt worden: Tiere, die aus fernen Ländern stammen und sich in der Weser angesiedelt haben. Gemeinsam mit dem Gewässerbiologen Dr. Thomas Ols Eggers vom Niedersächsischen Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz hat sich unsere Zeitung an der Oberweser auf die Suche nach Lebewesen mit Migrationshintergrund gemacht.

Die Exoten in der Weser



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