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Da sprach der Herr zu Moses: „Recke Deine Hand über Ägypterland, dass Heuschrecken kommen über Ägypterland und alles auffressen, was im Lande wächst, alles, was der Hagel übrig gelassen hat.“ Was Moses in seinem 2. Buch beschreibt, hat auch gut 3200 Jahre später nur wenig an Aktualität verloren. Zwar sind wir von der achten der insgesamt zehn Plagen, die sich in Ägypten zugetragen haben, heute weit entfernt und von biblischem Ausmaße kann nicht die Rede sein. Die Tiere sind größer und das Problem ist eher hausgemacht, aber es muss etwas passieren. So viel steht wohl fest – ansonsten könnten die Waschbären zur elften Plage werden.

veröffentlicht am 23.07.2012 um 00:00 Uhr

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Autor:

Uwe Engelhardtund Sarah Seitz

Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht besorgte und vor allem genervte Anrufer bei Jürgen Ziegler landen. Ziegler ist Kreisjägermeister des Landkreises Hameln-Pyrmont und wird dann um Rat gefragt. Axel Dreß, Mitarbeiter der Unteren Jagdbehörde beim Landkreis Holzminden, wird nicht minder häufig kontaktiert. Das Problem sind Waschbären, und die machen die Nacht zum Tag. Fühlen sie sich auf dem Dachboden erst mal heimisch, ist an Schlaf kaum noch zu denken. Aber das ist oft erst der Anfang. Guter Rat ist dann teuer. Die possierlichen Waschbären sind die Gewinner der Wegwerfgesellschaft. Es gibt wenig, was nicht auf ihrem Speiseplan steht. Zudem sind sie überaus geschickte Kletterer. Der Weg auf den Dachboden ist für den dämmerungs- und nachtaktiven Kleinbären kein Problem, führt oft über Dachrinnen, Zäune oder angrenzende Bäume. Haben sich die Kleinbären für ein Bleiben entschieden, sind die Konflikte programmiert.

Umgeworfene Blumenkübel, zerrissene Müllsäcke und ausgebuddelte Blumenbeete sind für den einen ein Ärgernis, für den anderen vielleicht noch hinnehmbar, aber die Liste der möglichen Schäden ist lang, und es kann ganz schnell ziemlich teuer werden. Und spätestens, wenn es zu nachtschlafender Zeit rund geht auf dem Dachboden, ist der süße Geselle mit der Zorromaske und dem Ringelschwanz schnell der ungeliebte Untermieter. Und in Windeseile potenzieren sich die Probleme. Der Ruf nach dem örtlichen Jäger wird dann laut. Holzmindens Kreisjägermeister Ludwig Hundertmark kennt die Thematik nur zu gut – wie auch die Jägerschaft Schaumburg. Allerdings sind den Jägern nicht selten die Hände gebunden – zumindest zur Schonzeit, die allerdings nicht für Jungtiere gilt. Zudem ist eine Bejagung innerhalb geschlossener Ortschaften schwierig und mit hohen Auflagen verknüpft. Fallenjagd wäre eine Alternative, löst das Problem aber auch nicht dauerhaft.

„Die Tiere leben flächendeckend im Landkreis Schaumburg und kriechen aus allen Löchern“, so Hermann Platte, Vorsitzender der Jägerschaft Schaumburg. „Momentan trennen sich die Jungtiere von ihren Eltern, wenn sie jetzt gefüttert werden, werden sie zahm und man bekommt sie nicht mehr los. So plüschig und niedlich sie auch sind, es bleiben Wildtiere, die alles, was sie brauchen in der Natur finden“, betont Jürgen Ziegler und appelliert an die Bürger, Dachböden und Schornsteine unzugänglich für die „Allesfresser“ zu machen.

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„Wenn überhaupt,“ ergänzt Hundertmark, „wird man dem Problem nur Herr, wenn man dem Waschbären konsequent die Nahrungsgrundlage entzieht. Mülltonnen und Komposthaufen müssen gesichert werden, Hunde- und Katzenfutter gehören ins Haus. Füttern oder sogar Junge aufpäppeln, ist unverantwortlich“, betont Hundertmark. Allein im Landkreis Holzminden sind im letzten Jahr 1000 Waschbären erlegt worden (2000/01 waren es 72) – Tendenz steigend. Im Landkreis Schaumburg wurden im letzten Jahr 77 Waschbären erlegt, im Kreis Hameln-Pyrmont knapp 500. „Und das ist nur die Spitze des Eisberges“, wie Hundertmark betont. „Sie sind überall, und gerade in Holzminden finden sie an den Teichanlagen optimale Bedingungen vor, da dort ständig Enten gefüttert werden und genug Futter übrig bleibt.“

Ein ausgewiesener Fachmann in Sachen Waschbären ist Ingo Bartussek aus Uslar. Der Buchautor und Naturfotograf sieht den Waschbären schon längst auf der Überholspur. „Man kann ihn nicht mehr aufhalten“, meint Bartussek. Er rät, Bäume, die am Haus stehen, zurückzuschneiden, Katzenklappen nachts zu schließen und Dachrinnen mit Metallmanschetten zu sichern. Zudem sind Metallgitter auf dem Schornstein sinnvoll. „Schließen Sie alle Eingänge konsequent mit soliden Baumaterialien“, rät Bartussek. Und noch einen guten Rat hält Bartussek bereit: „Waschbären sind wilde Tiere. Trennen Sie sich von der Illusion, den Neubürger als Haustier zu halten. Waschbären sind absolut unerziehbar und Ihre Wohnungseinrichtung wird schon nach kurzer Zeit nicht mehr wiederzuerkennen sein.“ Zudem beißen geschlechtsreife Waschbären blitzartig und ohne Vorwarnung zu.

Zudem können Waschbären Parasiten beherbergen. Daher sollten Hunde und Katzen gegen Staupe und Tollwut geimpft werden. Da Waschbären die Angewohnheit haben, bestimmte Orte als Toilette zu benutzen, sollten diese Latrinen regelmäßig unter Beachtung gewisser Vorsichtsmaßnahmen gesäubert werden. „Und halten Sie ihre Kleinkinder und Haustiere von diesen Latrinen fern“, so Bartussek.

Waschbären gehören der Familie der Kleinbären an. Sie sind etwa so groß wie eine Hauskatze und werden bis neun Kilo schwer. Als Erkennungsmerkmale dienen die typische schwarz-graue Gesichtszeichnung und der geringelte Schwanz. Waschbären haben eine gedrungene und buckelige Gestalt und bewegen sich eher behäbig. Sie können zwar nicht gut sprinten und schon gar nicht springen, dafür aber hervorragend klettern und schwimmen. Zudem ist der Waschbär in der Lage, einen Baum mit dem Kopf voraus hinunter zu klettern. Waschbären verfügen über einen hoch entwickelten Tastsinn, den sie zur Nahrungssuche einsetzen. Dieser Tastsinn funktioniert sogar dann, wenn der Waschbär stundenlang in weniger als zehn Grad kaltem Wasser ausharrt. Der Waschbär untersucht seine Nahrung ausgiebig mit den Vorderpfoten, ehe er sie verspeist. Er wäscht sie aber niemals. Mit den sogenannten Branten ist er sogar in der Lage, Schlösser zu öffnen.

Der Allesfresser ist zudem hochintelligent. Er gehört zu den intelligentesten Tieren, die in Europa leben. Die Lerngeschwindigkeit entspricht der von Rhesusaffen. Zudem verfügen Waschbären über ein hervorragendes Gedächtnis. Selbst Jahre später sind sie noch in der Lage, eine einmal gelernte Lösung bei Bedarf wieder abzurufen.

Procyon lotor, so sein lateinischer Name, hat in Europa keine natürlichen Feinde. Zwar liegt die Jungensterblichkeit bei 30 bis 50 Prozent, die Welpen stehen beim Fuchs oder Uhu auf der Speisekarte, einen entscheidenden Einfluss auf die Bestandsgröße haben sie aber nicht. Entscheidend in die Populationsentwicklung können nur seuchenartig verlaufende Krankheitsepidemien eingreifen. Besonders Staupe kann zu Kahlschlägen führen. Allerdings wird das alte Populationsniveau nach wenigen Jahren wieder erreicht. Der Waschbär unterliegt in Niedersachsen dem Jagdrecht, hat aber vom 1. April bis 15. Juli Schonzeit. Lediglich Jungwaschbären dürfen ganzjährig bejagt werden. Verwaiste, tote oder kranke Waschbären dürfen nicht mitgenommen werden. Wer das macht, macht sich der Wilderei schuldig. Der Jagdpächter hat die alleinige Befugnis, sich Wildtiere, die dem Jagdrecht unterliegen, anzueignen. Das betrifft übrigens alle Tiere, die in Feld oder Wald gefunden werden, ob lebend oder tot. Nur der Jagdpächter darf dem Finder das tote Tier überlassen, da es keiner weiteren Schutzbestimmung unterliegt. Laut Bundesnaturschutzgesetz ist es auch nur dem Jagdpächter erlaubt, verletzte oder kranke Tiere aufzunehmen, um sie gesund zu pflegen.

Unter bestimmten Voraussetzungen und nur nach Rücksprache mit dem örtlichen Jäger dürfen die Finder kleine Waschbären selbst aufziehen, allerdings muss der Waschbär dann so aufgezogen werden, dass er ausgewildert werden kann und er in der Natur zurecht kommt und sich selbstständig ernähren kann. Zur Auswilderung muss der Jagdausübungsberechtigte des jeweiligen Reviers sein Einverständnis geben.

Gefundene Waschbär-Waisenkinder dürfen außerdem nicht im Tierheim abgegeben werden. Tierheime sind für Haustiere zuständig und nicht befugt, Wildtiere aufzunehmen. In Niedersachsen gibt es spezielle Wildtierstationen, zum Beispiel in Sachsenhagen.

Waschbären sind für die einen faszinierende und hochintelligente Geschöpfe. Für die anderen sind sie nervige Plagegeister. Und sie werden immer mehr – auch im Weserbergland. Probleme sind unweigerlich programmiert.

Gefundenes Fressen: Abfälle locken Waschbären magisch an.

Fotos: Bartussek



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