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Wie funktioniert ein Umbau auf mehreren Tausend Quadratmetern Verkaufsfläche bei laufendem Betrieb?

Hinten Abriss, vorne Verkauf

Hey, zieh mal das Kabel lang“, ruft einer quer durch die zweite Etage. Es tönt etwas dumpf, hallt dann blechern zwischen blankem Mauerwerk, glänzenden Metallröhren und verstaubten Holzstapeln in Richtung des provisorischen Ausgangs. Zig Männer hauen hier rein; in blauen Anzügen, grünen Trägerhosen oder auch schwarzen Westen werkeln sie vor sich hin. Kreuz und quer sind sie am Machen, zwischen herunterhängenden Kabeln, alten Deckenverblendungen, neuen Lüftungsschächten. Sie stehen auf Leitern, hocken am Boden, hämmern hier, schneiden dort. Für jemanden, der hier nicht hingehört, sieht das alles danach aus, als ob sich dieses scheinbar heillose Durcheinander niemals auflösen würde. Heinz Mengkowski weiß es besser: „Machen Sie sich keine Sorgen. Ende September wird hier alles fertig sein, dann steht unser neuer, 25 300 Quadratmeter großer Möbelhauskomplex.“

veröffentlicht am 11.08.2014 um 00:00 Uhr

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Der Prokurist von Möbel-Heinrich sollte es wissen: Er hat den Erweiterungsbau des Hamelner Standortes in Klein Berkel drei Jahre lang geplant, mit allem Drum und Dran, also nicht nur die Vergrößerung des Hauses und der Verkaufsfläche um satte 10 000 Quadratmeter, sondern bis ins letzte technische Detail, wer wann was wo für den Bau braucht. Mengkowski als menschliches Planungsbüro samt Bauleitung inklusive Disposition sozusagen. Und das alles bei laufendem Betrieb. Denn das Möbelhaus hatte auch seit dem Beginn des Umbaus im September letzten Jahres nur sonntags geschlossen. Ansonsten wurde quasi hinten abgerissen und vorne weiter verkauft. Kunden profitierten von teils horrenden Rabatten, die Mitarbeiter standen aber Schicht um Schicht in Lärm und Staub. Eine Mitarbeiterin der Porzellanabteilung sagte vor Wochen zwischen hämmernder Pressluft und kreischenden Sägen: „Daran gewöhnt man sich nicht wirklich. Es ist schon nervig. Aber dafür haben wir es später alles schön modern und chic.“

Nun ist schon fast „später“: In etwa sieben Wochen werden die letzten Baumeister und Handwerker von dieser Großbaustelle abziehen. Dann werden zur Neueröffnung rund 120 Mitarbeiter bei Möbel-Heinrich arbeiten, in dem weniger als halb so großen Bau waren es zuvor nur 53. Dann werden die kleinen und großen Schwierigkeiten vergessen sein, die während der Bauphase hinter den Kulissen auftauchten. Zum Beispiel die Ladung Fenster, die mit sechs Wochen Verzug geliefert wurde. Oder die während des Baus eintrudelnde Anforderung des Bauamtes, dass das Parkdeck bitteschön bis zu 16 Tonnen tragen können muss. Oder auch der Bagger, der gleich am Tag des ersten Spatenstichs eine Wasserleitung zerriss. Oft wurden eben auch die Nachbarn von Möbel-Heinrich in Mitleidenschaft gezogen. Filialleiter Christian Krückeberg hat mehrfach Blumensträuße die Straße rauf und runter verteilt – ob nun wegen des Staubs, Lärms oder auch Schlamms auf der Werkstraße. „Die Nachbarn hatten schon viel Geduld mit uns.“

Vor allem aber lobt der Betriebswirt seine Kollegen: „Der Einsatz der Mitarbeiter ist enorm. Wir lebten und leben ja teilweise auf einer 24-Stunden-Baustelle. Und dieser Baulärm ist nicht ohne: Wenn du die Presslufthämmer hörst und Betonsägen dazu, dann schneidet noch einer mit einer Flex an irgendeiner Leitung rum, und dann stehen noch drei Leute vor dir und wollen was, dann ist das eben Stress.“

Baustelle über alle Etagen: Bevor etwas Neues entsteht, muss zunächst etwas Altes abgerissen werden – so wie das komplette alte Treppenhaus. wfx

Die große Herausforderung bei einer solchen 20-Millionen-Euro-Investition ist es, dass sich der Aufwand unter dem Strich rechnet. Möbel-Heinrich macht nach Aussage von Mengkowski einen Jahresumsatz von 100 Millionen Euro. Das Hamelner Haus hat bisher rund 16,5 Millionen Euro dazu beigesteuert, nach dem Umbau soll der Umsatz hier auf 25 Millionen Euro gesteigert werden. Dass der Umsatz während der Bauphase zunächst in den Keller rutschen würde, war von vornherein klar. Doch ganz zumachen, das geht ja nun doch nicht. „Time is money“ heißt es im Englischen so schön – „Zeit ist Geld“. Also bleibt das Möbelhaus während der kompletten Phase des Teilabrisses und des anschließenden An- und Umbaus geöffnet. Filialleiter Krückeberg: „Wir mussten unser Haus so gut wie leer machen. Das ganze Haus voller Möbel und jedes Stück musste aus der Ausstellung heraus verkauft, abgebaut, verpackt, disponiert und zum Kunden transportiert werden. Das ist ein viel höherer Aufwand, als wenn man das Ausstellungsstück im Haus behält und die Ware vom Auslieferungslager zum Kunden schicken lässt.“ Von September bis Mai haben Krückeberg und Kollegen den Warenbestand auf zehn Prozent runtergefahren – und so den Leuten vom Bau immer mehr Platz gemacht, den diese für die Erweiterung brauchen.

Tiefbauer, Betonbauer, Maurer, Elektriker, Installateure, Lüftungsbauer, Maler, Inneneinrichter und und und. Die meisten Unternehmen, die an dem Mammutbau mitgewirkt haben, kommen übrigens nicht aus dem Weserbergland. Mengkowski: „Die Volumina sind zu groß für hiesige Firmen.“ So kommt der Tiefbauer zum Beispiel aus Paderborn, und alles was mit Beton zu tun hat, kommt aus Melle. Nur wenige Aufträge sind in der näheren Region gelandet: So kommen lediglich die Fenster aus Bad Pyrmont und die Brandschutztüren aus Beckedorf bei Stadthagen.

Nach einer sechswöchigen Durststrecke geht mittlerweile aber „die Schlagzahl schon wieder nach oben“, so Mengkows-ki. Seit Mitte Juli verfügen die Verkäufer von Möbel-Heinrich über 12 000 Quadratmeter Verkaufsfläche, die Lieferungen der Hersteller mussten schon vorher eingetütet werden, die Logistik dafür musste schon Anfang Juni anlaufen – just zu einem Zeitpunkt, als fast das komplette Haus noch Baustelle ist. Dieses parallele Denken und Arbeiten ist es, was Krückeberg und Mengkowski herausgefordert hat, über Tage, Wochen, Monate. Hinzu kam, dass der Bau schneller vorankam als gedacht. Mengkowski: „Wir hatten mit viel Charme die Eröffnung für den 31. Oktober geplant. Doch dann fiel der Winter aus und wir brauchten keinen zweiten Räumungsverkauf. Somit wurden wir schneller fertig, insgesamt nun Ende September.“

Ein Möbelhaus wird teilweise abgerissen, erweitert, angebaut und umgebaut. Und das alles bei laufendem Betrieb. Ein Jahr lang leben die Mitarbeiter quasi auf einer Baustelle. Wie ist das, wenn man zwischen Presslufthammer und Flex ein Sofa verkaufen soll? Wie läuft solch ein Laden zur Bauzeit hinter den Kulissen? Wir haben dahintergeschaut.



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