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Welche Autos sind vom VW-Abgasskandal betroffen? Es gibt dazu abweichende Antworten.

„Hilfe, mein Tiguan hat EA 189“

Fast 100 000 Kilometer hat mein Tiguan auf dem Tacho und mich zuverlässig immer von A nach B gebracht. Er läuft und läuft, was man von einem VW erwarten darf. Und jetzt das. EA 189. Hört sich an wie Ehec, A/H1N1, der Grippevirus, also wie eine Seuche. Und es ist wohl auch eine, aus der Perspektive der Amerikaner betrachtet, die jüngst den USA-VW-Chef in einer öffentlichen Anhörung gegrillt haben.

veröffentlicht am 14.10.2015 um 19:21 Uhr
aktualisiert am 19.12.2015 um 14:43 Uhr

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Ich habe, wie man das eben so macht, wenn Ungemach droht, die Sache erst einmal verdrängt, bis die tägliche Medienmassage ihre Wirkung tat. Also klappe ich die Motorhaube meines Autos auf und suche am Motorblock nach der verdächtigen Zahlenbuchstaben-Kombination EA 189. Ich finde sie nicht.

Das Internet muss helfen. Die VW-Hotline („Prüfen Sie, ob Ihr Fahrzeug betroffen ist“) will die FIN. Die Fahrzeugidentifizierungsnummer. Die soll im Serviceheft stehen. Dort lese ich ratlos eine Codesammlung mit Zahlen und Buchstaben, die ich nicht entwirren kann, bis ich den Aufkleber von der Seite rupfte. Den hat jemand vom Service wohl unbedacht über die Zeichenerklärungen geklebt. Jetzt bin ich schlauer.

Die Zahlenbuchstabenkombination tippe ich also bei der Internet-Hotline ein. Ergebnis: „Wir möchten ihnen mitteilen, dass das Fahrzeug mit der von Ihnen eingegebenen Fahrzeugnummer nicht von der Software betroffen ist.“ Da ich meiner Eingabe misstraue, rufe ich vorsichtshalber meine Werkstatt an, das Autohaus Söffker in Hessisch Oldendorf, und gebe die Motornummer des Tiguan durch. Die freundliche Dame am anderen Ende der Leitung ist ziemlich fix, sie hört das wohl nicht zum ersten Mal, tippt in ihren Computer und erklärt: Sie sind betroffen.

Zu Hause liegt der „Stern“, das Wochenmagazin, auf dem Tisch. Hier lese ich den bisher besten Witz zum Thema, gezeichnet vom Karikaturisten Gerhard Haderer. Ein Paar liegt im Bett. Meint die Frau: „Sag’ mir etwas Schmutziges“. Antwortet der Mann: „VW Diesel“.

Journalisten sind von Berufs wegen misstrauisch. So rufe ich noch eine weitere VW-Werkstatt an: Rostek in Rinteln. Auch hier kennt sich die Dame am Telefon mit solchen Anfragen wohl bestens aus und die Auskunft kommt sofort: Betroffen.

Jetzt schicke ich eine E-Mail an die VW-Presseabteilung in Wolfsburg. Die Auskunft ist ebenfalls eindeutig. Mein Tiguan-Motor hat Stickoxyd-Dünnschiss, EA 189. Jetzt steht es 3:1. Ich muss es wohl glauben.

Bin ich jetzt ein Umweltsünder? Einer von elf Millionen, die einen manipulierten Diesel fahren. Und mir fällt der Spruch des Kabarettisten Dieter Nuhr ein: „Jede Kuh furzt uns das Wetter warm“. Und wir alle trinken Milch.

Also lese ich mich erst einmal schlau. Und beginne zu verstehen, dass ohne Computersteuerung beim Dieselmotor, im Grunde ein Dinosaurier der Motortechnik, nichts mehr geht. Die Diesel mit Vorkammereinspritzung oder mechanischen Reiheneinspritzpumpen könnten nie die Leistung bringen, die heute erwartet wird. Vom Qualm aus dem Auspuff mal ganz abgesehen. Daher Software. Software, die man einfacher manipulieren kann als mechanische Teile.

Da fällt mir ein, der Tiguan war gerade beim TÜV. Keine Beanstandungen – noch bevor EA 189 in die Schlagzeilen geriet. Was ist mit Dieselfahrern, die jetzt erst zur Hauptuntersuchung müssen? Ich lese im Internet, bei der Hauptuntersuchung mit der sogenannten ASU, wie die Abgasuntersuchung bis 2012 hieß, gibt es nur ein einfaches Prüfverfahren. Der Wagen kommt nicht auf einen Rollenprüfstand. Und solange das deutsche Kraftfahrtbundesamt keine Zulassungsänderung verfüge, gelten die bisherigen Regeln, sagen unisono TÜV wie Dekra. Am Telefon habe ich jetzt das aufgeregte Geschnatter von Bekannten, die mit E-Mobilen liebäugeln, die sie sich nicht leisten können, die Vegetarier sind, nur fair gehandelten Kaffee trinken. Doch solange die auf ihrem Kreuzfahrtschiff die Lagune von Venedig verpesten, mit ihren Fliegern an den Thai-Strand mehr Schadstoffe emittieren, als das der Tiguan in den nächsten zehn Jahren schafft; solange sie sich jedes Jahr das neueste Smartphone kaufen und der Elektroschrott nach Afrika verklappt wird und dort die Flüsse verseucht – also solange lässt mich ihr Geschnatter ziemlich kalt.

Was ich von VW unendlich dämlich finde, ist, wie hochintelligente Ingenieure glauben können, dass so ein Schwindel nicht irgendwann auffliegt. Und unverzeihlich finde ich, dass man die Diesel hätte sauberer machen können, wohl aber aus Kostengründen darauf verzichtet hat. Dafür wird es jetzt richtig teuer.

Ich kann aber auch meine Berufskollegen nicht verstehen, diese politisch Korrekten, die sich geradezu genüsslich darin suhlen, dass ein deutsches Unternehmen Bockmist gebaut hat. Da kommt mir doch glatt das Bobby-Car von Christian Wulff wieder hoch. Da sind mir die Verschwörungstheoretiker sympathischer, die überzeugt sind, das Ganze sei nur eine Intrige von US-Sammelklage-Anwälten mit Dollarzeichen in den Augen und einer US-Industrie, die den VW-Konzern am Boden sehen will.

Die Frage ist, wie geht es weiter? Meine Nachfragen bei den Werkstätten ergeben, die wissen genauso viel wie der Rest der Welt oder sie halten lieber gleich den Mund. Die VW-Presseabteilung schreibt mir: „Leider können wir im Moment noch keine Aussagen treffen, wann Sie über weitere Maßnahmen informiert werden.“

Dann lese ich die Meldung, dass wohl auch in den meisten Polizei-Passats die Schummelsoftware eingebaut ist. Ein Schenkelklopfer. Dann die Breaking News: Die kalifornische Umweltbehörde CARB will auch die Dieselfahrzeuge anderer Hersteller überprüfen. Das wird lustig. Dann geht bald halb Deutschland zu Fuß.

Also rufe ich den Anwalt meines Vertrauens an, Thomas Grell, der ist immer für einen zitierfähigen Satz gut. Der lacht am Telefon. Jetzt klagen? Davon hält er gar nichts. Abwarten sei die Devise. „Da musst Du erst mal klären, ob Dir überhaupt ein Schaden entstanden ist.“ Und vielleicht sind die VW-Ingenieure ja so pfiffig und bauen eine neue Software, die sowohl die Abgasnorm erfüllt, wie auch die Leistung des Tiguan erhält. Oder sie lassen sich noch was Besseres einfallen. Dann wäre die Sache doch geklärt. Oder? Recht hat er. Vertrauen wir also auf die deutsche Ingenieurskunst: trotz alledem.



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