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Ohne sie geht es nicht mehr – doch die Kammer fordert nun ein deutsches Staatsexamen für Ärzte

Hilfe aus dem Ausland

Jeder siebte berufstätige Mediziner in Niedersachsen stammt aus dem Ausland. Die Chefin der Landesärztekammer warnt davor, sich angesichts des Fachkräftemangels auf Zuwanderer zu verlassen. Das Gesundheitsministerium sieht dagegen keinen Änderungsbedarf.

veröffentlicht am 18.01.2018 um 12:51 Uhr

Der junge Arzt Kyril Halavach stammt aus Weißrussland – er arbeitet im Krankenhaus in Holzminden. In den letzten Jahren beschäftigen Kliniken auf dem Land vermehrt junge Ärzte aus dem Ausland, weil sich für die Stellen keine deutschen Bewerber mehr f

Autor:

Christina Sticht und Thomas Thimm
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Als argentinischer Arzt in einem niedersächsischen Krankenhaus hat Alvaro Navarro so manche Hürde zu überwinden. Die medizinischen Begriffe auf Latein sind kein Problem, aber Gespräche mit älteren Patienten machten ihn zunächst ratlos. „Plattdeutsch war ein Schock. Das klingt wie eine andere Sprache für mich“, sagt der 27-Jährige, der im August 2016 mit seiner Freundin Diana Grau (27) aus der bevölkerungsreichen Provinz Tucumán in die Kleinstadt Leer kam. Diana Grau, die deutsche Vorfahren hat, macht ihren Facharzt in der Gynäkologie, Navarro als Chirurg. Das örtliche Borromäus-Hospital wirbt seit fünf Jahren intensiv spanischsprechende Mediziner an.

Bundesweit hat sich die Zahl der ausländischen Ärzte binnen sieben Jahren mehr als verdoppelt. 2016 zählte die Bundesärztekammer 41 658 berufstätige ausländische Ärzte, das waren elf Prozent der Ärzteschaft. In Niedersachsen ist derzeit sogar etwa jeder siebte berufstätige Arzt Ausländer. Viele sind in Provinz-Krankenhäusern angestellt. Die meisten ausländischen Ärzte insgesamt sind Syrer, gefolgt von Rumänen, Russen und Iranern.

Kiryl Halavach etwa stammt aus Weißrussland und hat 2011 das Evangelische Krankenhaus Holzminden bei einem Studentenaustausch kennengelernt. Nach Abschluss seines Studiums in Minsk arbeitet der 29-Jährige seit 2013 im einzigen Krankenhaus der 20 000-Einwohnerstadt im Weserbergland. Patientengespräche machen ihm längst keine Mühe mehr. „Wie geht es Ihnen heute?“, fragt der junge Arzt einen Patienten auf der Chirurgischen Station, der am Tag zuvor am Magen operiert wurde. Nur sein Akzent verrät, dass der 29-Jährige nicht in Deutschland geboren wurde. Von den zehn Assistenzärzten in Halavachs Abteilung stammen neun nicht aus Deutschland.

Martina Wenker, Präsidentin der Ärztekammer Niedersachsen
  • Martina Wenker, Präsidentin der Ärztekammer Niedersachsen
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„Die junge deutsche Generation schielt auf die Work-Life-Balance und sucht sich Stellen in attraktiven Regionen ohne Nachtdienste“, meint der Holzmindener Klinikchef Ralf Königstein. Auch sein eigener Sohn habe Medizin studiert und jetzt eine Stelle an einer Universität in der Schweiz.

Die Prüfung für Bewerber aus dem Nicht-EU-Ausland ist hinsichtlich des Schutzes der Patienten nicht ausreichend.

Martina Wenker, Präsidentin der Ärztekammer Niedersachsen

Kiryl Halavach musste etwa vier Monate auf seine Berufserlaubnis und eineinhalb Jahre auf die Anerkennung der Approbation warten. Deutsch lernte er schon in der Schule und später am Goethe-Institut in Minsk. Das Krankenhaus in Holzminden hat er bewusst ausgewählt. „Es ist hier viel angenehmer als in einer großen Klinik“, meint der 29-Jährige. „Ich kann immer direkt mit dem Chef sprechen und viel lernen. Die medizinische Betreuung ist auf hohem Niveau.“ Auch Halavachs Frau arbeitet in der Klinik, als Gynäkologin. Der kleine Sohn des Paares wurde im benachbarten Höxter geboren. Dass er irgendwann zurück nach Weißrussland gehen oder „weiterwandern“ wird, wie er es ausdrückt, will der angehende Facharzt nicht ausschließen.

„Gerade in ländlichen Regionen leisten Ärzte aus dem Ausland einen wichtigen Beitrag zur Aufrechterhaltung der medizinischen Versorgung. In vielen Kliniken käme es ohne sie zu erheblichen personellen Engpässen“, sagt der Präsident der Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery. Jedoch sei auf diese Weise das Fachkräfteproblem nicht zu lösen. „Wir müssen in Deutschland die richtigen Weichen stellen“, betont der Ärztechef. Und: „Die Reform des Medizinstudiums muss zügig umgesetzt werden.“

Das Sana Klinikum Hameln-Pyrmont beschäftigt nach Aussage von Pressesprecherin Natalie Arnold aktuell 150 Ärzte, von denen 32 eine nicht-deutsche Staatsbürgerschaft besitzen. Arnold: „Hierzu zählen jedoch auch Ärzte, die bereits seit vielen Jahren in Deutschland leben, hier aufgewachsen sind oder an einer deutschen Universität studiert haben. Der deutschen Sprache sind alle unsere Ärzte mächtig. Grundsätzlich erhalten Ärzte, die sich aus dem Ausland bewerben nur eine Berufserlaubnis, wenn sich ihr Sprachniveau auf dem Level B2 des Goethe-Instituts befindet. In unserem Haus werden nur Ärzte eingestellt, die über ein C1-Zertifikat verfügen.“ Das Goethe-Zertifikat C1 setzt ein weit fortgeschrittenes Sprachniveau voraus und entspricht der fünften Stufe auf der sechsstufigen Kompetenzskala des europäischen Referenzrahmens für Sprachen.

41 658 ausländische Ärzte sind in Deutschland in Kliniken beschäftigt

Die Präsidentin der Ärztekammer Niedersachsen hat nun das deutsche Staatsexamen für ausländische Mediziner gefordert, die in Deutschland tätig werden wollen. Die derzeitige Prüfung für Bewerber aus dem Nicht-EU-Ausland sei „hinsichtlich der Sicherheit der Entscheidung und somit des Schutzes der Patienten nicht ausreichend“, sagt Kammerchefin Martina Wenker. Aktuell sei die Anerkennung von Ausbildungsnachweisen in den Bundesländern unterschiedlich geregelt, notwendig sei aber eine bundesweit einheitliche Lösung, betont die Präsidentin.

Niedersachsens Gesundheitsministerin Carola Reimann lehnt eine Verschärfung der bisherigen Regelungen ab. „Aufgrund des Bedarfs an Ärzten in Niedersachsen ist die Integration ausländischer Mediziner von großer Bedeutung, speziell auch hinsichtlich der Anerkennung der im Ausland erworbenen Berufsqualifikationen“, sagt die SPD-Politikerin. Die derzeitigen Anerkennungsregelungen bezeichne auch die Bundesregierung als gelungen, zudem seien Bund und Länder im ständigen Austausch, um eventuelle Schwierigkeiten in den Verfahren zu lösen. Die Deutsche Stiftung Patientenschutz begrüßt dagegen Wenkers Vorstoß. „Was für deutsche Ärzte im Ausland gilt, muss auch hier für ausländische Ärzte gelten“, sagt Vorstand Eugen Brysch. Es sei dringend notwendig, dass Nicht-EU-Ärzte hierzulande ein deutsches Staatsexamen ablegen. „Patienten müssen darauf vertrauen können, dass jeder Mediziner den nationalen Behandlungsstandard erfüllt“, betont Brysch.

Von den knapp 4600 in Niedersachsen tätigen ausländischen Medizinern stammen etwa 930 aus der EU. Da Arbeitnehmer innerhalb der EU ihren Arbeitsplatz frei wählen können, erfolgt bei ihnen die Anerkennung des Medizinstudiums quasi automatisch.

Das Anerkennungsverfahren der Abschlüsse von Nicht-EU-Bürgern ist dagegen kompliziert und dauert in der Regel mehrere Jahre. Es umfasst unter anderem eine Kenntnisprüfung sowie eine fachsprachliche Prüfung. Zuständig ist der Niedersächsische Zweckverband zur Approbationserteilung (Nizza). Im vergangenen Jahr gab es 783 fachsprachliche Prüfungen, nur 54,5 Prozent der Bewerber absolvierten sie erfolgreich. Bis Oktober 2017 wurden landesweit 334 Approbationen und 732 beschränkte Berufserlaubnisse erteilt.

Ärztekammerpräsidentin Wenker sagt: „Wenn wir das deutsche Staatsexamen für alle fordern, müssen wir aber auch sicherstellen, dass die ausländischen Bewerber entsprechend gefördert werden.“ In erster Linie sollten Bund und Länder endlich mehr Medizinstudienplätze schaffen. Es gebe genügend Menschen in Deutschland, die Arzt werden wollten. Es sei keine Lösung, aus ärmeren Ländern Mediziner abzuwerben, sagt sie.

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