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Wenn ungewöhnliche Musikwünsche Organisten in den Streik treten lassen

„Highway to Hell“ in der Kirche?

„Highway to Hell“ von AC/DC in der Kirche auf der Orgel gespielt, Dixieland bei Trauerfeiern – bei Hochzeiten und Trauerfeiern sind immer häufiger moderne Klänge zu hören. Brautpaare und Angehörige von Verstorbenen pfeifen auf traditionelle Kirchenmusik, wünschen sich etwas anderes. Doch nicht alle freut das.

veröffentlicht am 04.02.2016 um 17:48 Uhr
aktualisiert am 13.01.2017 um 09:16 Uhr

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Cornelia Kurth Reporterin zur Autorenseite

Wenn ein Brautpaar wünscht, dass beim Einzug in die Kirche die „Bonanza“-Titelmusik auf der Orgel gespielt wird oder Trauernde bei einer Beerdigung den DJ-Ötzi-Song „Ein Stern, der deinen Namen trägt“ einfordern, dann tritt so mancher Organist in den Streik. Oder er klagt sein Leid in einer Gruppe von Kirchenmusikern auf Facebook. „Zwei Jahre lang jede Woche das Hallelujah von Helene Fischer, jetzt reicht es, ich verweigere konsequent diese entsetzlichen Anfragen“, schreibt einer. Andere erzählen, dass sie mit Familienmitgliedern, die selbst singen wollen, Proben abhalten sollen, dass von heute auf morgen eine Wagner-Ouvertüre von ihnen verlangt wird oder dass man ihnen sagt: „Zu diesem Lied brauchen Sie nicht zu spielen, ich habe meine Gitarre dabei.“

„Solche Konflikte gibt es schon lange“

Hubertus Böer (53) aus Steinbergen bei Rinteln lacht, als er von diesem Organisten-Frust hört. Hauptberuflich ist er Diplom-Ingenieur und Bausachverständiger, sein „Brotberuf“, wie er sagt. Im Nebenamt aber arbeitet er ebenfalls als Organist, seit über 30 Jahren abwechselnd in fast allen Gemeinden zwischen Hameln und dem Steinhuder Meer, wobei er bereits als 13-jähriger Gottesdienste an der Orgel begleitete. „Solche Konflikte gibt es schon lange“, sagt er. „Auf der einen Seite sind wir Organisten. Auch wenn die allermeisten nur nebenamtlich tätig sind, haben wir doch eine Ausbildung gemacht, komponieren gelernt, uns mit Theologie beschäftigt. Wir sind Kirchenmusiker. Auf der anderen Seite kommen Menschen, die uns in erster Linie als Dienstleister für ihre besonderen Lebensmomente sehen.“

Er kenne Kollegen, die auf die Frage, was ihnen ihre Arbeit bedeute, antworten, dass sie „zur Ehre Gottes“ musizieren. In Rinteln habe sich vor Jahren ein Organist geweigert, auch nur das Lied „Der Mond ist aufgegangen“ zu spielen. Zu kirchenfern. Manche ertrügen kaum, wenn fremdsprachige Kirchenlieder gesungen würden, geschweige denn Popsongs oder überhaupt Musik, die man nicht eindeutig als „geistlich“ einstufen könne. „Aber wir sind eben auch Dienstleister“, sagt er. „Wir dienen der Kirche, die uns angestellt oder unter Honorarvertrag genommen hat. Und wir dienen auch den Menschen, deren Hochzeiten oder Beerdigungen wir musikalisch begleiten.“ Er selbst sieht die Sache mit den besonderen Musikwünschen ganz gelassen und habe zum Beispiel auch schon bei einer Bestattung im Friedwald den Dudelsack mitgebracht oder bei einer Trauerfeier auf der Orgel das gewünschte Karnevalslied gespielt für einen Verstorbenen, der den Karneval liebte. „Solange die Musik nicht gerade von der Gruppe ,Unheilig‘ kommt, bin ich offen für alles“, sagt er. Das letzte Wort darüber, was geht und was nicht geht, das habe allerdings der jeweilige Pastor, der eigentliche Herr über den Ablauf des Gottesdienstes.

Und da sieht es, zum Kummer mancher Organisten, so aus, als seien die meisten Pastoren und Pastorinnen ähnlich aufgeschlossen, wie zum Beispiel Heiko Buitkamp von der Jakobi-Kirche in Rinteln. „Für mich ist wichtig, dass die Musik zur Person passt, um die es dabei geht“, sagt Buitkamp. „In unserer Gemeinde sind wir verwöhnt mit einer Organistin, die fast alles möglich macht und die auch nichts dagegen hat, wenn Songs von den ,Beatles‘ oder wie schon einmal geschehen von der linksalternativen Rockband ,Ton Steine Scherben‘ von einer CD eingespielt werden.“ Er gibt dabei zu, dass die Pastoren bei ihrer Gottesdienst-Regie oft nicht allzu viel Rücksicht nehmen auf die Befindlichkeit der Organisten. „Man nimmt es als selbstverständlich hin, dass die Organisten zur Verfügung stehen und alles machen, worum man sie bittet, selbst dann, wenn man ihnen erst in letzter Sekunde darüber Bescheid gibt, was für Lieder in einem Gottesdienst an der Reihe sind.“

Und was ist mit dem Honorar?

Was nun Gesänge betrifft, die in keinem Gesangbuch stehen und Musikrichtungen, die nicht zum Standard-Repertoire von Organisten gehören, da solle man, so sieht es Hamelns Marktkirchen- und Kreiskantor Stefan Vanselow, eine wichtige Sache bedenken: „Die Musik ist die Schnittstelle zwischen Kirche und den Menschen, die ja meistens gar nicht mehr regelmäßig den Gottesdienst besuchen“, sagt er. „Wenn man nur Choräle spielt, die kaum einer mehr kennt und wo niemand mitsingen kann, erreicht man nur wenige. Wir wollen ja aber auch diejenigen erreichen, die nur bei den besonderen Anlässen in die Kirche gehen.“

Stefan Vanselow selbst hat allerdings mit dem Gottesdienst-Alltag nebenamtlicher Organisten nicht so viel zu tun. Er gehört zu den wenigen hauptamtlichen Kirchenmusikern mit dem breitgefächerten Aufgabenbereich eines Kreiskantors, der Konzerte gibt, Chöre leitet und insgesamt das kirchenmusikalische Leben im Kirchenkreis organisiert. Die Orgelbegleitung bei den sogenannten „Kasualien“ etwa, also Taufe, Hochzeit, Beerdigung, das ist längst nicht mehr seine Sache. Fast überall sind es die nebenamtlichen Organisten, die für die regelmäßigen Dienste zuständig sind.

Nebenamtlich, das bedeutet für die meisten, dass sie entweder als geringfügig Beschäftigte mit einem 450-Euro-Vertrag eingestellt wurden oder dass sie auf Honorarbasis arbeiten, also von Fall zu Fall bezahlt werden. „Genau das wissen die meisten Menschen gar nicht“, meint Hubertus Böer. „Sie glauben, dass sie uns schon über die Kirchensteuer bezahlt haben, inklusive aller Extrawünsche.

Und sie denken sich: Das sind doch Musiker, die können sowieso alles.“ In Wirklichkeit muss für ungewöhnliche Musik entsprechend geübt und extra bezahlt werden. Das Bezahlen kommt vor allem bei Beerdigungen zum Tragen. Friedhofskapellen befinden sich fast immer in städtischer, nicht in kirchlicher Hand. Wer einen Musiker engagiert, muss mit ihm das Honorar aushandeln.

„Was mich betrifft, so fällt mir als selbstständigem Bauingenieur das Verhandeln nicht so schwer“, sagt Hubertus Böer. „Bei vielen meiner Kollegen sieht das aber anders aus. Man muss einem ,Kunden‘ erläutern, was für Arbeit mit gewissen Wünschen verbunden ist, zum Beispiel, wenn jemand eine Solistin kennt, die man an der Orgel begleiten soll. Dafür sind ja Proben nötig, Autofahrten auch, oftmals das umständliche Beschaffen der Noten. Manche Organisten sind auch deshalb frustriert, weil sie das nicht zu sagen wagen: Leistung nur gegen Geld.“ Wenn der Organist gar nicht zur Gemeinde gehört, sondern auf Honorarbasis engagiert wird, bezahlt die Gemeinde nur das Übliche. Dabei betrage der Stundenlohn bei den Katholiken gerade mal 20 Euro, bei den Lutheranern so um die 30 Euro, wobei die Vorbereitung natürlich nicht zählt. Wer da nicht nur aus Spaß an der Freude arbeite, müsse sich positionieren.

„Meine Frau hat mich schon manchmal gefragt, ob es mir nicht peinlich sei, mit Hochzeitspaaren oder den Angehörigen eines Verstorbenen um das Honorar zu feilschen“, sagt Hubertus Böer. „Ich antworte dann immer: Nein, ich habe eine Familie zu ernähren.“

Gudrun Strahte, ehrenamtliche Organistin in der Klosterkirche Möllenbeck (ansonsten Bio-Landwirtin) gehört zu den Organisten, die aus Spaß an der Freude dabei sind. „Ich übe auch umsonst mit Kindern, die singen oder Flöte spielen wollen“, sagt sie. „Ja, die Gefahr besteht, dass ich damit die Preise kaputtmache. Aber mir macht es eben Spaß, neue Leute und neue Musik kennenzulernen. Wir haben so viele kirchenferne Menschen, soll ich sie da zurückstoßen, wenn sie sich an uns wenden?“

Sie versuche, möglichst jeden Wunsch zu erfüllen, sei es nun, dass die Musik aus „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ gespielt werden soll, oder ein Song aus der „Dreigroschen-Oper“ oder etwas von den Rolling Stones. Bei der Aschenbrödel-Melodie musste sie allerdings absagen: „Das ging auf unserer mächtigen Orgel aus technischen Gründen nicht. Nun gut, dann mache ich eben einen anderen Vorschlag.“

Solche Organisten-Klagen wie diejenigen, die manchmal in der Kirchenmusik-Gruppe auf Facebook auftauchen, die hat sie schon häufig auch von ihren Kollegen gehört. „Das Problem ist: Viele verstehen sich als Künstler, gegen deren Ehre es verstößt, auch mal profane Musik zu spielen. Ich glaube aber, wer sich hauptsächlich als Künstler sieht, der wird oft Grund zur Unzufriedenheit haben. Ich sehe es so, dass es bei unserer Tätigkeit um die Bedürfnisse der Gemeinde geht. Und die zu erfüllen, das hat für mich etwas sehr Befriedigendes. Ich denke nicht daran, ob die Musik auch meinem Niveau entspricht, ich freue mich einfach nur, wenn die Menschen nachher sagen: Oh, Sie haben ja so schön gespielt!“



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