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Es piept, es flattert und es raschelt. „Unten die Mönchsgrasmücke“, ist leise zu hören. Vorsichtig werden Ferngläser geschwenkt. In eine Stresssituation will das beobachtete Tier keiner bringen. Die Zuschauer wirken scheuer als die gefiederten Akteure, wenn sie aus Tarnzelten und Beobachtungshütten oder aus dem Dickicht heraus schauen, hören oder fotografieren. Sie sind dabei, wenn ein Sperber in atemberaubendem Tempo auf die Jagd nach Kleinvögeln geht, ein Mittelspecht sein Staccato in die Rinde einer Buche hämmert oder ein Feldlerchenpaar emsig seinen Nachwuchs in dem in Bodennähe befindlichen Nest mit Futter versorgt.

veröffentlicht am 19.11.2013 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 18:16 Uhr

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Frank Neitz

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Frank Neitz Reporter / Fotograf zur Autorenseite

Amsel, Drossel, Fink und Star – diese Vögel kennt eigentlich jeder. Doch Mönchsgrasmücken oder gar Krähenscharben? Unkundige mögen diese Namen für die von Insekten halten. Für routinierte Vogelbeobachter wie Armin Kreusel ist die Bestimmung des nur gut 15 Zentimeter großen Vogels aus der Familie der Fliegenschnäpper indes ein Klacks, allein schon wegen der dunklen Federkappe auf dessen Kopf. Es ist Kreusels große Leidenschaft, Vögel zu erspähen, zu beobachten und zu bestimmen. Er ist „Birdwatcher“, auch kurz „Birder“ genannt. So nennen sich die Hobby-Ornithologen.

„Die Vielfalt ist faszinierend. Kein Vogel gleicht dem anderen, auch nicht innerhalb einer Art“, schwärmt der 19-Jährige von den gefiederten Tieren. Wer sich im Freien mit Kreusel unterhält, darf sich nicht wundern, wenn sich dessen Blick ab und zu von seinem Gegenüber löst und er interessiert zum Himmel schaut. Das ist keine Unhöflichkeit, der Vogelfreund hat ein Flattern am Himmel wahrgenommen. Dann wird im Mann aus Hachmühlen die Neugier geweckt.

Schon seit seinem zwölften Lebensjahr ist er mit dem Virus „Vögeln zugucken“ infiziert. Damals hat er sich noch an Zuchtenten erfreut, die er nach Schulschluss beobachten konnte. „Die Natur habe ich schon immer gemocht, aber mit den Enten kam dann die Leidenschaft“, erzählt Kreusel.

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Der Kleiber kann als einziger Vogel Bäume kopfüber herunterlaufen.

Die ersten Beobachtungen von Wildvögeln machte der Enthusiast rund um seinen Hausberg, den Katzberg. Und Arten gibt es um Hachmühlen herum in einer ausgeprägten Vielfalt: Über 120 verschiedene Vogelarten entdeckte er dort schon als Schüler. Rot- und Braunkehlchen, Tannen- und Haubenmeisen, Winter- und Sommergoldhähnchen, Neuntöter und Schafstelzen – alle Funde hat er auf seiner Homepage im Internet veröffentlicht. Auch einen Bindenkreuzschnabel, den Kreusel im August 2011 dort im Wald gesehen hat. „Das ist eine Art, die weit nordisch in der Taiga brütet und nur selten mal nach Mitteleuropa kommt. Es war erst der 25. Nachweis für Niedersachsen“, erzählt der Vogelkundler stolz. Die Deutsche Avifaunistische Kommission hat den Seltenheitsnachweis offiziell anerkannt. Inzwischen ist aus dem Naturbegeisterten ein in der Szene anerkannter Experte geworden. In Internet-Foren, in denen sich Gleichgesinnte austauschen, hat seine Meinung Gewicht – nicht nur in der Artenbestimmung. Bei „Ornitho“ ist der Münderaner Regionalkoordinator für den Kreis Hameln-Pyrmont, überprüft gemeldete, hier gemachte Beobachtungen auf ihre Plausibilität.

Immer mehr Menschen gehen dem gleichen Hobby wie Kreusel nach. Vorbei ist die Zeit, als Nickelbrillenträger in Kniebundhosen mit am Hals hängenden Feldstechern auf der Suche nach gefiederten Freunden durch Wald und Wiesen streiften. Aus einem kauzig anmutenden Hobby ist eine Trendbewegung geworden. In Großbritannien ist diese Art von Wildtierbeobachtung seit Jahren populär. Über eine Million Birder sind mittlerweile auf den britischen Inseln im „Royal Society for the Protection of Birds“, einer Wildvogelschutz-Organisation eingetragen. Eine Mitgliederzahl, von der selbst der Fußballverband im Mutterland des Fußballs nur träumen kann. In Deutschland mögen Schätzungen zufolge 400 000 Vogelspäher unterwegs sein – die meisten unter ihnen weniger professionell. Doch rund 10 000 von ihnen geben ihre Meldungen auch an Organisationen weiter.

Viel mitbringen müssen sie zu ihrem Hobby nicht: Ein Fernglas reicht, dazu ein Bestimmungsbuch sowie Ausdauer und ganz viel Geduld. An einem Fleck ausharren muss man beim Birden nicht unbedingt. „Ich bin eigentlich nicht so der Wartemensch. Ich gehe so meine Runde. Was ich dann sehe, sehe ich. Bei gutem Zugwetter stehe ich auch schon mal auf einem Berg,“ erzählt der junge Birder aus Hachmühlen.

Dann hat Kreusel auch sein Spektiv im Gebrauch. Das hochleistungsfähige Fernrohr mit 40-facher Vergrößerung kam im letzten Jahr auf Helgoland häufig zum Einsatz. Auf der Hochseeinsel, wo schon rund 400 verschiedene Vogelarten nachgewiesen wurden, hat der Vogelspäher im Institut für Vogelforschung gerade ein freiwilliges ökologisches Jahr abgeleistet. Das Eiland mit der „langen Anna“ ist für den jungen Vogelspäher ein wahres Eldorado. In den Felsen brüten Seevögel wie Basstölpel und Trottellummen und während des Vogelzugs legen etliche Zugvögel auf der Insel einen Zwischenstopp ein. „Im Herbst war für einen Tag ein Kronenlaubsänger da. Das ist nach einer Sichtung im Jahr 1843 erst der zweite Nachweis dieser Vogelart in Deutschland.“

Ebenfalls erst die zweite Beobachtung in Deutschland machte Kreusel mit einem Steinortolan. Und den Buschrohrsänger, den er in einem Fanggarten zum Beringen in den Händen hielt, nennt der Vogelfreund den „Oberhammer“. Mit seinen vielen Beobachtungen ist der Hachmühler auf dem besten Weg, ein „Twitcher“ zu werden. Einer jener Beobachter, die mit fast schon sportlichem Eifer ständig unterwegs sind, um die Anzahl selbstentdeckter, seltener Vögel zu erhöhen.

Mit dem Briten Tom Gullick kann er sich noch nicht messen: Der durchbrach mit dem Fund einer Weißkehlfruchttaube die 9000er Schallmauer. Und nur in der Natur ist Kreusel dann doch nicht unterwegs. Denn wie es in einer Disco aussieht, weiß der Teenager auch. „Ich habe auch noch ein anderes Leben“, sagt er mit einem Lächeln. So, als wenn ihm gerade ein Löffelstrandläufer über den Weg gelaufen wäre – Kreusels Lieblingsvogel, den selbst er noch nie zu Gesicht bekam.

Rund 700 Vogelarten kommen in Europa vor, etwa 500 davon in Deutschland. Für viele Naturfreunde ist das Beobachten von Vögeln eine große Leidenschaft. Auch für Armin Kreusel. Er hat mit seinen 19 Jahren bereits ein enormes Fachwissen.

Fast schon majestätisch setzt ein Mäusebussard zur Landung an. Im Weserbergland ist diese Greifvogelgattung als Standvogel das ganze Jahr zu beobachten. In der kalten Jahreszeit gesellen sich Gäste hinzu. Bussarde aus Skandinavien sind Zugvögel und überwintern auch hier in der Region.Frank Neitz

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