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Sie wandelt auf den Spuren ihres verstorbenen Vaters, tritt ein in eine ihr fremde Welt. Unter Tage hat er geschuftet, im Osterwald und im Ruhrgebiet. Am 13. Juli 1993 ist Ewald Reuße in Drehbach im Erzgebirge gestorben. Der Bergmann ist nur 65 Jahre alt geworden. Er litt lange Zeit an Asthma – und zuletzt an Blutkrebs. Fast auf den Tag genau 19 Jahre nach seinem Tod betritt Astrid Seifert, geb. Reuße, (53) das Bergwerk in Osterwald, in dem ihr Vater von 1948 bis 1951 Steinkohle gehauen hat. Hans-Dieter Kreft (61), der Vorsitzende des Bergmannsvereins, begrüßt die Bergmannstochter mit einem herzlichen „Glück auf!“

veröffentlicht am 31.07.2012 um 00:00 Uhr

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Autor:

Ulrich Behmann

Durch den Eingang, den Bergleute Stollen-Mundloch nennen, geht es hinein in den Berg. Alle 20 Meter erhellen Lampen die 360 Meter lange Grundstrecke, die Bergleute in drei Jahren durch den Sandstein geschlagen haben. Es ist kühl hier unten – und feucht. 8 Grad Celsius, 90 Prozent Luftfeuchtigkeit. Die Luft, also das Wetter, riecht frisch und angenehm. Über Schächte, die kerzengerade nach oben zum Licht führen, werden die ehemaligen Förderstrecken bewettert. Auf Deutsch: Es wird von draußen Frischluft zugeführt. Erst ist der Stollen hoch und mit Hölzern oder alten angerosteten Eisenbahnschienen abgestützt, später wird er niedrig, steht er fest im Stein, müssen wir uns gebückt fortbewegen. Das geht tüchtig auf den Rücken. 450 Meter des Hüttenstollens sind begehbar gemacht worden. Mehr als 20 Jahre lang haben Freiwillige in mühevoller Arbeit Schlamm, Geröll und Felsbrocken aus dem 1954 aufgegebenen Bergwerk herausgeschafft. 90 Meter der Grundstrecke sind aus Sicherheitsgründen gesperrt worden. Dieser Gang durch Tongestein ist mit Steinen ausgekleidet worden. Aber der Berg drückt, hat die Wände mancherorts ausgebeult.

Nach 200 Metern sind wir 30 Meter unter Tage. Kreft, von Haus aus Vermessungsingenieur, zeigt an die Decke. „Hier, das ist ein versteinerter Baumstamm. Und dieses Exemplar soll eine Palme sein. Das haben uns jedenfalls Experten gesagt.“ 110 bis 140 Millionen Jahre alt sind die Fossilien. Sie zeugen von einem subtropischen bis tropischen Klima. Aus Farnen, Gras und Palmen ist der Torf entstanden, aus dem sich im Laufe der Jahrmillionen und unter dem großen Druck des Felsgesteins die Kohle bildete. Aus Braunkohle entstand Steinkohle und aus Steinkohle die härteste und wertvollste Kohle: Anthrazit. Aber auch Muschelbänke sind zu sehen. „Wir stehen hier unter einem ehemaligen Watt“, sagt Kreft. Seine Augen funkeln im Schein der Grubenlampen.

Von den Decken und Felsnischen herab hängen braune Fäden. Es sind wohl Pilze. Sie werden Bergmannsbärte genannt. Kreft zeigt uns eine Stelle, an der Wasser aus der Wand austritt. Sie ist leuchtend braun. „Das nennt man Ockersinterung“, erklärt der Fachmann. Im Sandstein ist Eisen enthalten. Es wird mit der Zeit ausgewaschen, zurück bleibt Rost.

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Und dann überrascht Hans-Dieter Kreft mit einer Geschichte, die unglaublich klingt. „Das Gebiet hier gehörte vor Millionen von Jahren zu Nordafrika.“ Gondwana umfasste in einer Landmasse die zusammenhängenden Kontinente Südamerika, Afrika, Antarktika, Australien, Madagaskar und Indien. „Als der Großkontinent auseinanderbrach, bildeten sich Kontinente.“

Die Flöze, die hier einmal abgebaut wurden, waren nicht gerade mächtig. Sie sind maximal 75 Zentimeter dick gewesen. „Das Kohlenfeld des Hüttenstollens maß 400 mal 600 Meter. Hier gab es 1,92 Millionen Zentner Steinkohle“, sagt Kreft. Im Vergleich mit dem Ruhrgebiet ein winziges Vorkommen. Heutzutage werden in einem Bergwerk pro Tag bis zu 12 500 Tonnen Kohle abgebaut.

Ohne Kohle würde es Osterwald wohl nicht geben. Mit der Regierungsübernahme durch Herzog Julius von Braunschweig-Calenberg begann man hier im Jahre 1585 nach Kohle zu schürfen, um diese als neuen Brennstoff zur Solegewinnung in Salzhemmendorf zu nutzen, heißt es in einem Buch, das 1985 anlässlich der 400-Jahr-Feier des Dorfes herausgegeben wurde. Die Autoren haben gut recherchiert und herausgefunden, dass der Herzog seinerzeit Bergleute aus dem Harz nach Osterwald holte und damit Begründer des Ortes geworden ist.

Die zur Belieferung des Salzhemmendorfer Salzwerks erschlossene Kohle am Osterwald sei später die Grundlage für einen neuen Industriezweig geworden. In der Osterwalder Glashütte, darauf sind die Dorfbewohner noch heute stolz, wurden die hochwertigen und berühmten „Lauensteiner Gläser“ geblasen. Was die Bergbaugeschichte angeht, gibt es jedoch verschiedene Versionen. Der Historiker Daniel Eberhard Baring beruft sich 1744 auf eine Notiz des südhannoverschen Chronisten Johannes Letzner (1596), nach welcher „Herzog Julius zu Braunschweig und Lüneburg auf dem Osterwalde nach Steinkohlen gebauet, damit Salz zu Hemmendorf gesotten und die Holzungen nicht möchten abgehen.“

Auch Hermann Wetenkamp, dessen „Ein kleines Buch über Osterwald“, erschienen 1953, sehr viel über den Bergort Osterwald und dessen Geschichte aussagt, führt aus: „Aus der ältesten Urkunde aus dem Jahre 1587 können wir entnehmen, dass bereits Ende 1586 gefördert worden ist, und zwar sowohl im Schacht- wie auch im Stollenbetrieb.“

Naheliegender sei aber folgende Auslegung, meinen die Autoren des Buches „400 Jahre Osterwald“. „Hirten und Holzhauer hatten im Osterwald am Ausgehenden der Flöze (also dort, wo Bodenschätze an die Erdoberfläche treten) Kohlen gefunden und zum Brennen benutzt. Es ist durchaus möglich, dass sich der Kohlenfund herumgesprochen hat; war doch das Vorhandensein von Steinkohle in der Grafschaft Schaumburg bekannt. Dort liegen die ersten urkundlichen Nachrichten über den Kohlenbergbau in Obernkirchen aus dem Jahre 1520 vor. Eine ungeregelte Entnahme von Kohlen wird sicher den Anfang im Osterwald gebildet haben, lagen diese doch an verschiedenen Stellen dicht unter der Oberfläche, traten vielleicht hin und wieder sogar offen zutage.“

Die Umstellung der Saline in Salzhemmendorf von Holz auf Kohle muss zwischen März und Oktober 1587 erfolgt sein. Das geht aus einem Bericht der nach Lauenstein abgeordneten Amtsvisitatoren an Herzog Julius vom 31.10.1587 hervor. Letztere berichteten, dass sie allhier (Salzhemmendorf) das Fürstliche Salzwerk und in Sonderheit das neu eingerichtete Salzsieden mit den Steinkohlen besichtigt haben.

Die Arbeit unter Tage war schwer und gefährlich: Astrid Seifert bekommt einen Eindruck davon, als sie in die kaum 50 Zentimeter hohen Strecken schaut. Darin lagen die Hauer, die mit Schlägel und Eisen die Kohle aus dem Berg schlugen. Ein jeder musste 1000 Kilo Kohle pro Schicht hacken. Diese Menge passte in vier Loren, die von Bergleuten als Hunte bezeichnet werden. Der Schlepper musste die schwarzen Brocken auf Mollen, kufenlosen Metallschlitten, an Ketten aus dem Spalt ziehen. „Der Papa hatte am Rücken und an den Armen Kohleeinschlüsse unter der Haut. Das war sein Markenzeichen.“ Jetzt versteht die Tochter, was ihr Vater hier unten durchgemacht hat. Aus der Osterwalder Zeit habe er gar nichts erzählt, sagt sie. „Da war das Ruhrgebiet schon eher ein Thema.“

Neben eher schlechter Kohle mit vielen Steinanteilen gab es auch gute Kohle im Osterwald. „Diese hier enthält nur 0,3 Prozent Schwefel“, erzählt Kreft und zeigt auf ein 35 bis 40 Zentimeter dickes Flöz, das sich zwischen Brandschiefer, Töpferton und Schieferton gebildet hat. Es sei an Schmiede geliefert worden. Man müsse wissen: Schwefel mache Metall spröde, sagt Kreft. Unter Tage spürt man, wie schwer, wie schmutzig und wie gefährlich die Arbeit damals war. Die Kumpel wurden nicht alt. Viele litten an Staublunge, Bronchialkatarrh, Lungenschwindsucht, Rheumatismus, Gicht, Tuberkulose oder Bleikoliken. Aber sie waren im Gegensatz zu anderen Berufsgruppen über eine Art Krankenversicherung abgesichert und keine Leibeigenen. „Bergluft macht frei“, habe es früher geheißen, erzählt Kreft. Auch Unfälle gab es: Von 1695 bis 1910 verloren 40 Bergleute ihr Leben. Dennoch waren die Kumpel angesehen und bei den Mädchen begehrt. „Die Väter haben ihre Töchter beiseite genommen und gesagt: ,Heirate einen Bergmann, dann bist Du versorgt‘“, erzählt Kreft. Astrid Seifert hat nach einer Stunde unter Tage genug gesehen. Sie ist auf den Spuren ihres verstorbenen Vaters gewandelt, versteht nun besser, wie hart der Hauer Ewald Reuße sein Geld verdient hat – im Osterwalder Revier.

1948 in Osterwald: Ewald Reuße schiebt die erste Schubkarre mit Kohle aus dem wiedereröffneten Hüttenstollen. 64 Jahre später wandelt seine Tochter Astrid Seifert auf seinen Spuren.Fotos: ube/Kreft



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