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Heute müssen Führungen ein Erlebnis sein

Die klassische Stadtführung, bei der eine Gruppe von Touristen durch Straßen und über Plätze einer fremden Stadt wandert und dabei dem ununterbrochen Namen, Daten und Fakten dozierenden Stadtführer folgt, sie ist oft mehr Pflichtprogramm als wirklich ein Vergnügen.

veröffentlicht am 27.04.2012 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 24.01.2019 um 14:39 Uhr

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Reporterin zur Autorenseite

„Die Ansprüche haben sich geändert“, meint Karin Gerhardt, eine der Stadtführerinnen in Rinteln. „Die Leute wollen keine trockene Geschichtsstunde, sondern eher so etwas wie eine Show. Sie wollen spannende Geschichten hören und Persönlichkeiten kennenlernen, deren Schicksal sie nicht kalt lässt.“

Das ist leicht gesagt. Städte wie Hameln etwa besitzen ihren weltberühmten Rattenfänger, um den herum sie Historisches aufleben lassen können. Dort begann man bereits Anfang der 90er Jahre damit, dass nicht mehr einfach ein Herr in Anzug und Krawatte die Gäste herumführte, sondern ein wilder Kerl mit langer Mütze, Schelmenkragen und der Flöte im Gürtel – der Rattenfänger höchstpersönlich eben, der, indem er über seinen Beruf erzählt und die Hintergründe der alten Sage erläutert, vielerlei Aufhänger dafür findet, vom mittelalterlichen Leben in der Stadt zu berichten und von den harten Zeiten, die junge Bürger zum Auswandern in den Osten zwangen und sie dazu brachten, sogar einem heilsversprechenden Rattenfänger zu vertrauen.

In Städten wie Rinteln oder Stadthagen, in weniger spektakulären Städtchen gar wie Obernkirchen oder Hessisch-Oldendorf, da gibt es aber auf den ersten Blick keine überregional bekannten Persönlichkeiten, keine wirklich herausragenden Ereignisse, die Ortsfremde tiefer berühren könnten. Konnten die Rintelner Stadtführer früher immerhin mit der Geschichte der Universität und dem Anteil ihrer Juristen an den Hexenprozessen punkten, stand Hessisch-Oldendorf, ohnehin nicht gerade von Touristen überschwemmt, lange Zeit nur mit den üblichen, eher trockenen lokalen Daten und Fakten da.

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17 Führungen pro Woche koordiniert Michael Boyer in Hameln. Er selbst ist dabei als Rattenfänger flötend unterwegs.

Die guten Erfahrungen der Hamelner aber mit ganz neuen Konzepten erreichten nach und nach auch die anderen Städte ringsum. Es begann mit der gezielten Schulung von Stadtführern in speziellen Volkshochschulkursen und entwickelte sich dahin gehend, dass die Stadtführer in den letzten zehn Jahren zu regelrechten Schauspielern wurden, die ihre eigenen kleinen Stücke aufführen.

Den Anfang machten die „Nachtwächter“ in Rinteln und Stadthagen, die bekleidet mit weitem Hut und schwarzem Umhang, jetzt auch Anekdoten erzählten, von Verbrechen und ihren Strafen, von betrunkenen Studenten, denen sie zu ihrem Ärger nichts zu sagen hatten, von Bürgern, die sich nachts in das Viertel mit dem Hurenhaus begaben.

Auf dem Stadtführungsprospekt, den die Rintelner Touristeninformation herausgibt, sieht man inzwischen eine Reihe recht fantastisch gekleideter Damen, die die Touristen teils als klatschsüchtige Bürgersmadam, teils als charmante Adelige oder ausgestoßene Kräuterkundige an die Hand nehmen. Ihr Leben, ihre jeweilige Sicht auf die Dinge, erschließt den Gästen der Stadt die Geschichte von Henkersgasse und prachtvollen Bürgerhäusern, von Kerker und Universität, von Krieg und Pest, Besatzung und Handel.

„Wir werden dabei zu Historikern und Geschichtenschreibern“, sagt Karin Gerhardt, die zusammen mit zwei Kolleginnen den „Weiberschnack“ gründete – ein Trio, das sich immer Neues einfallen lässt, um Touristen oder auch Interessierte aus der eigenen Stadt und dem Landkreis Schaumburg zur Führungsbuchung zu animieren.

Ein Beispiel ist die amüsante „Sprichwörterführung“, bei der altbekannte aber niemals recht durchschaute Sprichworte und Redewendungen an passenden Orten in der Stadt erläutert werden: „Stadtluft macht frei“ zum Beispiel nahe der Stadtmauer, wo man hört, dass entflohene Leibeigene, denen es gelang, sich ein Jahr innerhalb der Mauern aufzuhalten, zu freien Bürgern erklärt wurden. Andere Führungen wählen ein Schwerpunktthema: Die Geschichte der Stadtapotheken etwa oder der Ablauf der jahreszeitlichen Feste, das Leben der Frau des verachteten Henkers, der doch oft zugleich der einzige Medizinkundige in der Stadt war, oder die Gefahren, denen Menschen sich stellen mussten, die man als Hexen verdächtigte.

Helge Heinke-Nülle, ebenfalls Stadtführerin in Rinteln, verbringt oft ganze Tage forschend im Stadtarchiv, um immer neue Alltagszusammenhänge zu entdecken, die als Material für die Themenführungen dienen können. „Das ist viel Arbeit, bis die Drehbücher feststehen, viel Herumdiskutieren und Ausprobieren“, sagt sie. „Mehrmals im Jahr heuern wir uns dazu Gastführer an, die mitspielen in selbst entworfenen Kostümen. Übrigens muss da immer mindestens ein Mann dabei sein, damit es den Frauen unter den Touristen noch mehr Spaß macht.“

Während nun jede Menge Touristen das mittelalterliche Rinteln besuchen, sei es, dass sie am Doktorsee campieren, sich Ferienwohnungen mieten und auf den Weserradtouren hier einen Halt einlegen, hatte Hessisch-Oldendorf lange Jahre ein Problem damit, überhaupt Gäste in ihr zwar hübsches, aber auch etwas verschlafenes Städtchen zu locken.

Zwei Dinge aber waren es dann, die eine Wende brachten: Die Eröffnung der nahen Schillathöhle vor acht Jahren, die bisher an die 250 000 Besucher verzeichnen konnte, und, mindestens genau so bedeutsam: die Erfindung beziehungsweise Ausgestaltung einer schon seit Jahrhunderten existierenden charismatischen Person, dem Baxmann.

„Wir mussten etwas finden, dass die Leute auf unsere Stadt aufmerksam macht“, so Stadtführer und Baxmann-Darsteller Lutz Armin Simon, 2. Vorsitzender des städtischen Verkehrsvereins. „Den Baxmann, diesen wohl zu Unrecht des Mordes verdächtigten knorrigen Kerl, der als Untoter noch herumgeistern soll, kam zwar auch in den früheren Führungen schon vor. Nur machte es jeder Stadtführer auf seine eigene Weise, es entstand dabei kein Bild einer echten Persönlichkeit.“

Inzwischen aber hat man sich auf die Biographie des Türmers, Wirtes und reichen Kaufmannes geeinigt, der einst in den Süntel verbannt wurde, wo er nun die Blutbachquelle mit einem Fingerhut ausschöpfen soll. Nicht mit böser Absicht taucht er regelmäßig zusammen mit seiner Begleiterin Anna von Bismarck in Hessisch-Oldendorf auf, sondern um die Gäste der Stadt herumzuführen und ihnen, indem er von seinem langen Leben erzählt, zugleich die Stadtgeschichte lebendig vor Augen zu führen. Lutz Armin Simon, dessen ganzes Herz an dieser Figur hängt, war schon auf unzähligen Touristikmessen, auf denen er den Baxmann vorstellte. Der Verkehrsverein macht so viel Werbung für diese spannende Figur, dass inzwischen ganze Busse von der Schillathöhle aus noch Station in Hessisch-Oldendorf einlegen und auch die Radwanderer gern noch eine Stadtführung mitmachen, bevor sie Richtung Rinteln oder Hameln weiterradeln.

Die Hamelner nun, sie haben das Stadtführen längst zur Perfektion gebracht. „Man könnte fast sagen, wir haben hier eine Art Stadtführungsindustrie“, meint Michael Boyer aus der Touristik-Information, der nicht nur die 17 Führungen pro Woche koordiniert, sondern auch selbst als Rattenfänger von Hameln die Gäste der Stadt begrüßt.

An die 60 Stadtführer teilen sich die Aufgabe, Hameln-Touristen aus Deutschland und der Welt mit regelrechten Shows zu unterhalten. Das umfangreiche Angebot an „Erlebnisführungen“ beschränkt sich keinesfalls auf die Inszenierung der Rattenfängersage. Der „Türmer“ führt die Menschen durch Nacht und Geheimnis, Marktfrauen plaudern über Handel, Wandel, Stadtgeschichten, besonders Wissensdurstige erhalten Lehrstunden in Sachen Weserrenaissance und für Kinder gibt es spezielle Stadt-Abenteuerführungen.

„Die Zeiten haben sich geändert und die meisten Leute wollen unterhalten werden, sonst buchen sie keine Führungen mehr“, diese Aussage können alle Stadtführungsverantwortlichen unterschreiben. Um dieses Bedürfnis zu erfüllen, begeben sich die Städte nicht in Konkurrenz zueinander, im Gegenteil, man holt sich voneinander Anregungen, unterstützt sich, arbeitet sogar manchmal direkt zusammen, und vor allem weist man den Touristen den Weg in die jeweilige Nachbarstadt.

„Natürlich erzähle ich allen Gästen, dass Rinteln der Nabel der Welt sei“, sagt Helge Heinke-Nülle. „Aber gerade deshalb gehört es dazu, davon zu berichten, wie viele Wege von hier aus in die umliegenden Städte führen, wo es ebenfalls so viel zu Erleben gibt.“

Trockene Vorträge über die Historie sind bei Gästeführungen nicht mehr gefragt. Die Ansprüche von Stadtbesuchern haben sich verändert. Für Touristiker gilt es, Menschen mit spannenden Geschichten und Persönlichkeiten für die Stadtgeschichte zu begeistern. So haben Städte der Region auf die veränderten Bedürfnisse ihrer Gäste reagiert.



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