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Heimkehr über die heiße Asche hinweg

Wie andere Kinder und Jugendliche auch, so vertraut der Schüler seinen Kummer einem Tagebuch an. Er schreibt: „Über die heiße Asche hinweg kehrten wir heim. Wo einst unser Haus gestanden hatte, erblickte ich geschwärzte Mauern und verkohlte Balken und weiße Asche, Bruder und Schwester fanden wir nicht, nur Asche. Gestern waren sie noch gesund mit uns zusammen, jetzt sind sie diese Asche. Ich hocke auf der Asche. Auf sie fallen meine Tränen.“

veröffentlicht am 26.06.2012 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 29.05.2017 um 17:46 Uhr

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Autor

Frank Westermann Redakteur zur Autorenseite

Seit den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki weiß die Menschheit, wie tödlich diese Massenvernichtungswaffen sind. Weniger bekannt ist, dass überlebende Strahlenopfer jetzt schon bis in die dritte Generation unter den Folgen leiden. Auch die „zivile Nutzung“ der Atomspaltung hat bis heute ihre Folgen, die uns allen von Tschernobyl bis Fukushima und an vielen anderen Orten auf der Welt begegnen. Die Ausstellung „Erinnerung an die Zukunft“ – Strahlenopfer von Hiroshima bis heute“ zeigt Bilder von Menschen, Städten und Landschaften, die an dieses Thema erinnern – auch für unsere eigene Zukunft.

Es sind bedrückende Bilder, die allesamt eines verbindet: eine einzige Anklage gegen die sogenannte Krone der Schöpfung. Angereichert werden die Aufnahmen mit Fakten, die betont nüchtern daherkommen, sie sprechen ja auch für sich selbst. So wurden nach der Tschernobyl-Katastrophe nach offiziellen Schätzungen 509 Millionen Curie freigesetzt. Die Halbwertzeit des hochgiftigen Plutoniums beträgt 24 360 Jahre. Nach 348 Generationen wird erst die Hälfte des radioaktiven Stoffs zerfallen sein.

Mit dem GAU einher geht die genetische Katastrophe. Pastor Herbert Schwiegk, der sich mit seiner Kirchengemeinden rund 20 Jahre an der Hilfe für weißrussische Kinder beteiligt hat, erzählt bei der Eröffnung der Ausstellung von einem Gespräch mit einem weißrussischen Arzt, in dem es um die Zahl der Krebserkrankungen geht, um Schilddrüsenkrebs, um Magen-Darm-Erkrankungen, Herz- und Bluterkrankungen, Leukämie, Brustkrebs, Jugend-Diabetes, Immunschwächen, um die Folgen der Katastrophe. Und der Arzt erzählt von zehn Prozent bei den Neugeborenen. Na gut, sagt Schwiegk, zehn Prozent, das ist ja nicht ganz so schlimm, bis er merkt, dass er und der Arzt aneinander vorbeireden: Der Arzt meinte, dass bei zehn Prozent der Geburten gesunde Kinder zur Welt kommen.

3 Bilder
6. August 1945, zwei Minuten nach dem Abwurf.

Zusammengestellt hat die Ausstellung die Friedensbibliothek Antikriegsmuseum, mit der der Altersheimverein Obernkirchen seit gut zwei Jahrzehnten zusammenarbeitet. Die Friedensbibliothek will durch Text und Bild vor den Gefahren kriegerischer Auseinandersetzungen warnen und Beispiele für die friedliche Lösung von Konflikten geben; sie ist eine Einrichtung der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg und besteht seit 1982 und versteht sich als Ausdruck des Christlichen Friedenszeugnisses, das seinen Grund in der Versöhnung hat, die von Gott geschenkt ist.

Jochen Schmidt von der Friedensbibliothek ist wieder einmal zur Ausstellungseröffnung angereist, er erzählt aus den späten Tagen der DDR, als man ein ähnliche Ausstellung gezeigt habe, die dem Staat nicht so besonders gut gefallen habe, sodass man Besuche der Stasi erhalten habe und in Gewahrsam genommen wurde; zu einer Zeit, als die ersten Bilder von den Folgen des Atombombenabwurfs über Nagasaki und Hiroshima an die Öffentlichkeit kamen, denn nicht einmal der Kameramann, der damals die Bilder machte, durfte sie sehen, geschweige denn die Bilder in die Öffentlichkeit tragen. Das Militär verhängte eine 40-jährige Sperrfrist, erst nach deren Ablauf habe man 1986 in der DDR eine kleine Ausstellung zusammengestellt, die die DDR-Oberen mächtig geärgert hat, erzählt Schmidt.

Das alles, der Schrecken, „das Geheul, Geschrei, Gewimmer und verstümmelten Gewimmel“, wie Friedensforscher Robert Jungk die Tage und Folgen in Hiroshima nach dem Abwurf beschrieben hat, das alles wird bestenfalls noch einmal im Jahr in Erinnerung gerufen, sagt Schmidt, nämlich dann, wenn der Jahrestag ansteht: Dann erscheint eine kleine Meldung in der Zeitung, in der nachzulesen ist, was es damals mit Hiroshima oder Tschernobyl und bald auch Fukushima auf sich hatte: Man müsste viel mehr nachdenken, und selbst wenn die Atomenergie verschwindet, dann bleibt ja noch der Müll, sagt Schmidt. Und mit den USA, Russland, Indien, Israel rüsteten ja zurzeit genug Staaten ihr Atomwaffenarsenal mächtig auf. Weil wir selten sagen, was wir denken, und zu sprechen einem manchmal auch recht schwer fällt, „deshalb haben wir Bilder sprechen lassen“, führt Schmidt aus.

Aber manchmal findet einer doch die richtigen Worte zur Atomkraft und deren Folgen: Menschlich zu leben, so hat es Elie Wiesel, der amerikanische Schriftsteller und Überlebende des Holocausts und Friedensnobelpreisträger für seine Vorbildfunktion im Kampf gegen Gewalt, Unterdrückung und Rassismus einmal formuliert, menschlich zu leben heißt genau dies: Nein zu sagen zu diesem Ende, auf das wir uns zu bewegen.

Dokumentiert ist in der Ausstellung auch die Reaktion der Amerikaner. US-Präsident Harry Truman freute sich zwölf Stunden nach dem Abwurf der Bombe auf Hiroshima, dass man nun eine „neue und revolutionäre Steigerung der Zerstörung erreicht“ habe, und Sam Cohen, der Erfinder der Neutronenbombe, beschreibt den Abend, als Oppenheimer in ganz groben Zügen die Katastrophe beschreibt: wie eine Bande von johlenden Wilden; „sie waren aus dem Häuschen. Hochzufrieden mit dem, was sie geleistet hatten. Dies war ein phantastischer Tag, unser Produkt war eingesetzt worden und offenbar mit großem Erfolg.“

Die Fotoausstellung in der Stiftskirche Obernkirchen dauert bis zum 18. Juli und ist dienstags und freitags von 10 bis 13 Uhr und samstags und sonntags von 15 bis 18 Uhr geöffnet. Gruppen und Klassen können sich für eine Führung an Friedhelm Voigt wenden: (0 57 24) 95 87 47.

Ein Nachtrag: Wer die Ausstellungseröffnung in der Obernkirchener Stiftskirche verlassen hat und daheim den Fernseher anschaltete, der konnte in den Nachrichten die Meldung des Tages finden: In Japan werden die ersten beiden Atommeiler wieder hochgefahren. Fukushima? Ist ja schon lange her. Vielleicht gibt es zum Jahrestag eine kurze Meldung.

Der Abwurf der Atombomben auf Nagasaki und Hiroshima hat unsere Welt für immer verändert. Unter dem Motto „Erinnerung an die Zukunft – Strahlenopfer von Hiroshima bis heute“ ist in der Stiftskirche Obernkirchen eine Ausstellung zu sehen, die auch die Folgen der zivilen Nutzung am Beispiel Tschernobyl zeigt. Tschernobyl gibt der Ausstellung auch den Titel: Eins zu einer Million. So hatte die Sowjetunion die Chancen einer Katastrophe beziffert. Zwei Monate später explodierte Tschernobyl.

Keine Bilder: Militär verhängte 40 Jahre Sperrfrist



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