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Heimische Störche wechseln ihre Flugroute

Erst vor wenigen Tagen fand Hans Jürgen Behrmann das erste Todesopfer in diesem Jahr. Noch ist die Todesursache unbekannt, doch eine Untersuchung wird hoffentlich bald Aufschluss darüber geben. Behrmann muss sich zunächst aber um die Kinder des Opfers kümmern.

veröffentlicht am 10.05.2012 um 00:00 Uhr

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Was klingt wie der Beginn eines Krimis, ist in Wahrheit Teil der täglichen Arbeit eines Naturschützers. Denn bei dem Opfer handelt es sich um eine Weißstorchendame, die tot in ihrem Nest aufgefunden wurde. Behrmann beobachtete sie noch am Tag zuvor und ihm fiel dabei auf, dass sie sich in einem sehr schwachen Zustand befand. „Vielleicht innere Verletzungen nach einem Aufprall in der Nähe“, rätselt der Sprecher der Landesarbeitsgemeinschaft (LAG) Weißstorchschutz des Nabu für Niedersachsen und Bremen. Die noch im Nest liegenden Storcheneier wurden umgehend geborgen, damit sie nun auch ohne eigene Mutter in einer Brutstation ausgebrütet werden können. Ihr männlicher Lebenspartner kann die Kinder nämlich alleine nicht aufziehen, sagt Behrmann.

Derzeit befinden sich viele dieser Vögel noch auf ihrem Rückflug aus ihrem Winteraufenthalt. Da dieser schon mal rund 10 000 Kilometer in Richtung Süden entfernt ist, kann man bei den Tierschützern nur abwarten, ob schließlich alle im vergangenen Herbst Abgewanderten wieder in ihr Nest zurückkehren. Bei ihren Flugrouten wird im Allgemeinen zwischen Ost- und Westziehern unterschieden. Eine Zugscheide trennt die Population in einer Art imaginären Linie. Sie verläuft von Holland über den Harz, hinunter nach Bayern bis zu den Alpen. Wer nordöstlich der Zugscheide gebrütet hat, fliegt über Kleinasien, Syrien und Ägypten nach Ost- und Südafrika. Die Westzieher nehmen den Weg über Spanien, überqueren bei Gibraltar das Mittelmeer und lassen sich den Winter über in der Sahelzone Westafrikas nieder.

Auf so einer langen Reise warten auch eine Menge Gefahren auf die sogenannten Schreitvögel: In Ländern wie dem Libanon werden viele durchziehende Vögel von schießwütigen Jägern getötet. Riesige Wüstengebiete müssen überquert werden und ungünstige Winde können Storchtrupps in lebensfeindliche Gebiete verwehen, wo Nahrung und Wasser knapp sind. Auch Stromstöße von Oberleitungen und giftige Düngemittel können den durchziehenden Schwärmen zum Verhängnis werden.

Aber des Öfteren geben sich die Störche auch schon mit Südeuropa zufrieden. Es ist warm genug, und auf den Mülldeponien Südspaniens finde sich genug Nahrung, so Behrmann. Allerdings ist dies nicht ganz ungefährlich: Das dortige Fressen kann ungeheuer schädlich sein für die Störche.

Hans Jürgen Behrmann kümmert sich derweil um die Störche, die schon wieder aus ihrem „Urlaub“ zurück sind. Zu seinen Aufgaben gehören dabei die Pflege der Tiere und deren Nester. Derzeit ist er täglich unterwegs und hält Ausschau. „20 bis 25 Prozent fehlen noch“, so der ehemalige Pastor über die noch nicht wieder gelandeten Vögel. Für ihn kein Grund zur Sorge, denn zuletzt herrschte einige Tage lang ein Regensturm auf dem Balkan. Die Störche nämlich, deren Routenplan sie dort lang führt, verhalten sich ähnlich wie Segelflugzeuge. Sie sind auf Wind angewiesen und nutzen den Auftrieb, sodass sie an guten Tagen locker 300 Kilometer hinter sich lassen. Der Regen auf dem Balkan allerdings zwang sie zu einer Zwischenpause. „Wenn sie innerhalb der nächsten Tage nicht wieder ihr Nest erreicht haben, ist es für dieses Jahr zu spät zum Brüten“, sagt der Weißstorchexperte.

Doch nicht nur um die Tiere und deren Wohlsein kümmert sich Behrmann. Auch mit den menschlichen Nestbesitzern steht er in Kontakt. Regelmäßig besucht er Nester, schaut sich an, ob es den Störchen gut geht oder ob deren Wohnzimmer in luftiger Höhe gut gebaut ist. Mittlerweile rufen bei ihm Menschen an, die Masten bei sich für die Zugvögel aufstellen möchten, so der Hobby-Tierpfleger. Dann gibt er ihnen seine Einschätzung, ob überhaupt Storche diesen Platz für ein neues Nest ansteuern werden: „Wenn es in der Nachbarschaft schon Storche gibt, dann macht das natürlich wenig Sinn. Denn jeder Storch hat sein eigenes Revier, das er ungern mit anderen teilt.“

Zugleich räumt Behrmann auch mit dem Mythos auf, dass sich Storchenpaare ein Leben lang treu seien. „Die sind nur ihren Nestern treu“, stellt er klar. Storchenpartner fliegen nämlich im Herbst getrennt voneinander gen Süden. Hat der erste Storch im Frühling sein Nest wieder erreicht, wartet er nicht lange auf seinen Partner. Falls dieser nicht wenige Tage später da ist, sucht er sich einen neuen Brutpartner zur Nachwuchsgewinnung – die Arterhaltung steht an erster Stelle.

Ein Beispiel dafür findet sich auch im Leben des wohl in Deutschland bekanntesten Storches, der Storchendame Prinzesschen. Die um 1990 geborene Störchin wurde drei Jahre später mit einem Sender versehen und konnte bis zum Ende ihres Lebens kurz vor Weihnachten 2006 beobachtet werden. Ihren Sommeraufenthalt hatte der Vogel im sachsen-anhaltinischen Loburg verbracht. Dort genoss sie einige glückliche Jahre mit ihrem männlichen Partner Jonas. Doch als dieser sich, nachdem sich Prinzesschen auf dem Rückflug aus Afrika verspätete, auf einmal eine neue Brutpartnerin gesucht hatte, war das eigenwillige Prinzesschen nicht sonderlich entzückt davon: Mehrere Male versuchte sie ihre Nebenbuhlerin Novi vom Nest zu verscheuchen, letzten Endes musste sie sich aber ein neues Nest samt Partner suchen. Per Internetkamera war dieser Vorfall zu jedem Zeitpunkt von ihrer immer größer werdenden Fangemeinde zu beobachten. Als Ostzieherin verbrachte sie die Wintermonate in Ost- und Südafrika. Einen Tag vor Weihnachten im Jahre 2006 fand ein Farmer das tote Prinzesschen. Mit ihren rund 16 Jahren war sie einer der am längsten beobachteten Storche überhaupt. Deshalb wurde ihr nach ihrem Tod nicht nur ein Denkmal in Loburg gesetzt, sondern sogar schon zu Lebzeiten eine Briefmarke gewidmet.

Im letzten Jahr konnte die LAG Weißstorchschutz eine gute Nachricht mitteilen: Mit 495 Paaren gab es in Niedersachsen und Bremen so viele Storche wie seit 40 Jahren nicht mehr. Dazu kommen noch einmal rund 85 fütterungsabhängige Paare, die in Zoos oder Vogelstationen leben. Ob dieser positive Trend anhält, lässt sich allerdings für dieses Jahr noch nicht abschließend feststellen. Denn besonders schwierig gestalten sich bei Störchen die ersten drei Lebensjahre. Viele in diesem Alter überleben die Flüge gen Süden und zurück nicht, sie sind noch zu schwach.

In Hessisch Oldendorf ist das Nest nun auch wieder besetzt. Ob es die gleichen Störche wie aus dem Vorjahr sind, dazu kann Dietmar Meier, der die Störche im Landkreis Hameln-Pyrmont betreut, noch keine Angaben machen: „Bis jetzt konnte der Ring am Fuß der Störchin noch nicht abgelesen werden.“ Wie viele Junge dieses Paar in diesem Jahr aufziehen wird, ist auch noch unklar. „Noch befinden sie sich in der Brutzeit“, weiß der Experte. Zum derzeitigen Zeitpunkt gebe es ansonsten keine weiteren Störche. Ein Paar, das sich im letzten Jahr in Bad Pyrmont aufhielt, ist dieses Jahr nicht wieder da. In Großenwieden und Rumbeck wurden deshalb Nesthilfen errichtet, um wieder mehr Zugvögel im Landkreis zum Brüten zu bringen. Bis jetzt stehen diese aber noch leer.

Für den Landkreis Schaumburg sieht die Situation derzeit stabil aus. Reinhard Löhmer, Naturschutzbeauftragter für die Weißstorchbetreuung vom Bund für Umwelt und Naturschutz in Deutschland (BUND) ist sogar vorsichtig optimistisch. „Letztes Jahr zählten wir acht Paare im Landkreis, die 17 Junge brüteten“, so Löhmer, der sich bereits seit 45 Jahren für den Schutz der Vögel einsetzt. „Und dieses Jahr sind schon jetzt alle Nester wieder besetzt.“

Nach so einer langen Zeit pflegt er natürlich auch beste Kontakte zu den Horstbesitzern. Als sich im letzten Jahr in Pollhagen ein Storchenpaar einfach auf einem noch in Benutzung befindlichen Schornstein ein Nest erbaute, sorgte er dafür, dass man dieses auf eine Vorrichtung setzte. So konnte der Rauch künftig unter dem Nest abziehen. Die Vögel hatten damit kein Problem und auch die Besitzer konnten weiter ihr Haus erwärmen. Dabei sollte nicht vergessen werden: Löhmer, der bis zu seiner Rente am Institut für Zoologie in Hannover arbeitete, macht das, wie Hans Jürgen Behrmann und Dietmar Meier, alles ehrenamtlich.

In diesem Jahr hat sich erstmals ein Storch in Rehren niedergelassen. „Da muss man mal abwarten, ob er noch eine Partnerin findet“, hofft Löhmer. Unwahrscheinlich wäre das nicht, immerhin bietet das Auetal ein gutes Angebot an Ackern und Wiesen – beste Voraussetzungen für die Jagd auf Regenwürmer, Mäuse und andere Delikatessen.

Auch in Hagenburg gab es dieses Jahr schon eine kleine Überraschung: Dort hat sich ein Storch ins Nest gesetzt, der wohl eigentlich aus Dänemark stammt. Löhmer ist aber noch nicht nah genug an ihn herangekommen, um anhand seiner Beringung die genaue Herkunft zu klären.

Eine interessante Veränderung hat Löhmer in den letzten 15 Jahren beobachtet: Immer mehr Störche fliegen im Winter nach Spanien. „Eigentlich gehören unsere Störche ja zu den Ostziehern“, erläutert er. Doch mittlerweile nähmen die heimischen Zugvögel den kürzeren Weg nach Spanien. Beobachten könne man das daran, dass sie im Frühling viel früher als zuvor bereits wieder hier seien. Solange sie aber jedes Jahr wiederkommen, dürfte es wohl auch einem so passionierten Storchenbetreuer wie Reinhard Löhmer egal sein.

Der männliche Partner der toten Storchendame hielt es mit der Trauerzeit übrigens nicht ganz so eng: Eineinhalb Tage später hatte er bereits eine neue Dame zum Brüten in seinem Nest. Arterhaltung steht bei Störchen auch in solchen Situationen an erster Stelle.

Störche, die sich jetzt in der Region niederlassen, haben eine lange Reise voller Gefahren hinter sich. Es wird höchste Zeit, um sich Nester zu suchen und zu brüten. 2011 gab es in Niedersachsen so viele Zugvögel wie lange nicht mehr. Für dieses Jahr sind Experten wieder optimistisch – aber nicht überall sind die Störche an ihre angestammten Plätze zurückgekehrt.

Immer mehr zieht

es im Winter nach Spanien



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