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Heimat ist ihre Leidenschaft

Es ist noch nicht lange her, da verließen junge Menschen Elternhaus und Heimatdorf, sobald es möglich war. Heute suchen sie die Nähe ihrer Eltern und interessieren sich für Traditionen und Brauchtum. Unsere Zeitung hat mit drei jungen Leuten gesprochen, die genau da bleiben wollen, wo sie sind: zuhause.

veröffentlicht am 19.10.2015 um 00:00 Uhr

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Roter Rock und schwarze Mütze. Solange sie denken kann, gehört die Lindhorster Tracht zur Standardgarderobe im Kleiderschrank von Pia Böhnisch. Für die 17-Jährige ist es alles andere als ein Widerspruch, sich als junger Mensch mit Traditionen und Brauchtum zu beschäftigen. Trachten und Volkstänze sind ihr großes Hobby. Statt sich im Sportverein oder beim Reiten zu engagieren, verbringt Pia einen Großteil ihrer Freizeit mit Fabian Koschnick und den anderen Mitgliedern der Trachtengruppe Lindhorst.

Pia und Fabian gehören zu einer Altersgruppe, die Soziologen Generation Y nennen. Keine andere Generation zuvor ist so behütet aufgewachsen, hat sich angepasster gezeigt und aufgeklärter über das, was los ist in der Welt.

Per Smartphone erfahren Jugendliche und junge Erwachsene, wie globalisiert die Gesellschaft ist, wie vielfältig die Möglichkeiten und wie groß die damit einhergehenden Unsicherheiten. Kein Wunder also, dass diese digitalisierte Generation eine neue Leidenschaft hat: Heimat.

Das zeigt sich schon in den Werten der jungen Leute. „Die heutigen Jugendlichen präsentieren sich kontrolliert, vernünftig und zielstrebig“, schreibt die Konrad-Adenauer-Stiftung in ihrer Veröffentlichung „Wie tickt die Jugend?“. Eine gute Ausbildung und finanzielle Sicherheit stünden ebenso hoch im Kurs wie Familie, Stabilität, Respekt, Leistung und Ordnung. Junge Leute besinnen sich auf ihre Herkunft, fühlen sich mit Traditionen und Brauchtum verbunden, identifizieren sich stark mit der Region, in der sie leben. Trachten- und Dorfjugendgruppen sowie Heimatinitiativen erleben vor allem auf dem Land eine Renaissance.

Wie in Wölpinghausen, wo seit 2011 eine Gruppe junger Leute maßgeblich das Zusammenleben im Ort prägt, Veranstaltungen organisiert und beim Umbau des Dorfgemeinschaftshauses anpackt. Oder eben in Lindhorst, wo Jugendliche wie Pia und Fabian nicht nur die Schaumburger Tracht und alte Volkstänze vor dem Vergessen bewahren, sondern das Erntefest als lebendiges Kulturgut gestalten.

Erklärungen für den Trend, sich auf die Heimat zu konzentrieren, statt die weite Welt zu entdecken, gibt es viele. Experten sehen vor allem die Globalisierung als Grund. In Zeiten rasanter gesellschaftlicher Veränderungen suchen junge Leute Zuflucht in der Beständigkeit, haben Sehnsucht nach Übersichtlichkeit, Zugehörigkeit und Identität.

Das Bewusstsein für Herkunft und Heimat als Gegenpol zur hypermobilisierten und globalisierten Gesellschaft? Für Pia und Fabian spielt das schon eine Rolle. Die beiden Lindhorster sehen Heimat zum Teil als Grundbedürfnis, das wohl jeder Mensch hat. Auf der anderen Seite könne die vertraute Umgebung, die Gemeinschaft in der Trachtengruppe und die eigene Familie einen Halt im sich rasch verändernden Leben geben.

Im Gegensatz zu Pia, die schon als kleines Mädchen im roten Rock zum Erntefest gegangen ist, interessiert sich der 18-jährige Fabian seit 2007 für Tracht und Tanz. „Klar, ich war beim Fußball oder im DRK. Aber bei der Trachtengruppe bleibt man einfach dabei“, erklärt der Auszubildende. Die Gemeinschaft sei ausschlaggebend, die Gruppe von Menschen, die nicht nur das Interesse am Brauchtum gemeinsam haben, sondern auch Neuankömmlinge mit offenen Armen empfangen. „Ich fühle mich einfach super aufgehoben“, sagt Fabian.

Beide sind stolz darauf, die Traditionen im Dorf zu bewahren, das Erntefest in Tracht zu feiern und Achttourige zu tanzen. „So wurde früher gefeiert. Es ist doch toll, dass es heute noch so ist und weiter Bestand hat“, meint Pia. Die Tracht fördere den Zusammenhalt in der Gruppe und stifte Identifikation mit der eigenen Heimat. Das erfahre Fabian vor allem bei großen Veranstaltungen wie der Grünen Woche in Berlin, beim Münchener Oktoberfest oder beim Tag der Niedersachsen. „Überall werden wir gefragt, woher wir kommen. Dann bin ich stolz auf unsere Tracht und aufs Schaumburger Land.“

Ob sie sich vorstellen können, woanders zu leben? „Ich bleibe lieber hier“, betont Pia, die ihre Ausbildung als Sozialassistentin in Hannover macht. „Hier ist meine Heimat, die Leute, die mich kennen, die mich verstehen und respektieren.“

Und Fabian? Dem 18-Jährigen ist bewusst, dass er als angehender Veranstaltungstechniker in Großstädten wie Köln, Berlin oder München wesentlich bessere Berufschancen hat. Weggehen will er trotzdem nicht. „Das Gefühl, dass hier meine Heimat ist, dass ich mich hier geborgen fühle, kann ich erst mal nirgendwo anders wiederfinden.“

Mit Mama, Papa und Oma unter einem Dach: Lena Römke zieht es nicht in die große, weite Welt. „Heimat ist für mich da, wo ich immer hin kommen kann und keine Landkarte brauche, um klarzukommen“, erzählt die 19-Jährige. Es ist Sonnabend, später Nachmittag, die Sonne scheint. Ein wenig kühl ist es draußen trotzdem. Lena sitzt am Küchentisch im Haus der Familie Römke am Rande von Sachsenhagen und rührt in ihrem Tee. „Familie ist mir wichtig. Ich mag das Gemeinsame. Es ist einfach schön, wenn wir zusammensitzen, uns unterhalten und dabei auch gegenseitig necken“, sagt Lena.

Warum also ausziehen und die Heimat verlassen? Lena hat darauf keine Antwort. Nach ihrem Fachabitur ist sie einfach in ihrem Jugendzimmer wohnen geblieben. Zurzeit macht sie eine Ausbildung zur Gärtnerin mit der Fachrichtung Obstbau in Leese. Eine Entfernung, die von Sachsenhagen jeden Tag bequem mit dem Auto zurückzulegen ist. Eine Auszubildende, die sich im Hotel Mama verwöhnen lässt, ist Lena aber ganz und gar nicht: „Hotel Mama gibt es hier nicht. Es ist nicht so, dass meine Eltern alles machen und ich mich einfach bedienen lasse. Das funktioniert so nicht. Ich packe mit an, im Haushalt und auch im Garten. Wenn zum Beispiel der Rasen gemäht werden muss und ich gerade Zeit habe, mache ich das. Darum müssen meine Eltern mich nicht extra bitten.“ Natürlich sei sie auch ab und an genervt von ihrer Familie, gibt Lena zu. „Ich denke, das ist normal und gehört auch dazu.“ Wenn sie die Küche aufgeräumt hat und nach dem nächsten Kochen wieder alles stehen gelassen wird zum Beispiel. Dann wünscht sie sich wenigstens für einen Moment, doch nicht mehr zu Hause zu wohnen.

Grundsätzlich abgeneigt, sich eine eigene Wohnung zu suchen, ist Lena nicht, aber das Thema Geld spielt bei der Entscheidung eine große Rolle: „Ich verdiene bei meiner Ausbildung nicht so viel und müsste mich vermutlich entscheiden – Auto oder Wohnung.“ Aber sie könnte sich nicht vorstellen, weit weg zu ziehen. Schon gar nicht in eine Großstadt. „Weg von zu Hause? Ja okay, aber nicht so weit“, sagt Lena lachend. „Außerdem macht meine Oma die beste Tomatensuppe der Welt! Ohne die könnte ich gar nicht leben“, meint die 19-Jährige.

Manchmal ertappe sie sich sogar selbst dabei, wie sie im Kopf Pläne schmiedet für Umbaumaßnahmen im Haus der Familie. Da sei sie ganz anders als ihre jüngere Schwester Antje, die in diesem Jahr ihr Fachabitur gemacht hat und vor ein paar Wochen für ihren Bundesfreiwilligendienst nach Rotenburg gezogen ist.

Vor Kurzem war Lena in den Niederlanden gefahren, erzählt Lena. „Auf dem Weg nach Maastricht bin ich an ganz vielen Plantagen vorbeigekommen. In solchen Momenten packt mich dann ein bisschen das Fernweh, und ich denke darüber nach, ob ich vielleicht ein Auslandsjahr machen sollte. Das würde ich auch durchhalten, Heimweh bekomme ich eigentlich nicht. Aber nur, wenn ich weiß, dass ich danach wieder nach Hause komme.“vh



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