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Heidnische Bräuche – christliche Tradition

Wer wie ich auf einem Dorf (in diesem Fall in Lauenstein) groß geworden ist, vermag sich vielleicht noch zu erinnern an den Brauch des Osterwasserschöpfens. In der Nacht zum Ostersonntag, pünktlich um null Uhr, machten meine Freundin und ich uns heimlich, still und leise auf den Weg zum Lauenteich, der damals von einer Quelle gespeist wurde. Wir waren 15 Jahre alt und hatten eigentlich nicht die Erlaubnis, uns um diese Zeit noch im Wald aufzuhalten. Vielleicht aber haben unsere Eltern damals einfach beide Augen zugedrückt. Jedenfalls marschierten wir los, zwei Kilometer weit in nächtlicher Stille, aber bei hellem Mondschein. Denn der Mond war ebenfalls wichtig, sollte die Prozedur funktionieren.

veröffentlicht am 07.04.2012 um 00:00 Uhr

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Die Prozedur – das hieß, sich um Mitternacht mit fließendem Quellwasser zu waschen und den Rest nach Hause zu tragen, um allerlei Schönheitsmakel loszuwerden, darunter etwa die verhassten Sommersprossen. Das Wichtigste aber: Man durfte dabei kein Sterbenswörtchen reden! Geholfen hat das Ganze natürlich mitnichten – meine Sommersprossen habe ich noch immer. Aber auch die Erinnerung an ein, wie wir Mädchen damals ernsthaft glaubten, großes Abenteuer. Auch wenn wir es mit Ostern nur ganz am Rande in Verbindung brachten. Heute hat sich der Brauch des Osterwasserschöpfens im Weserbergland offenbar lediglich in Klein Berkel noch erhalten. Hans Wilhelm Güsgen vom Heimatverein „Barchusen“, schränkt aber ein: „Das findet bei uns jetzt mehr oder weniger unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, weil die Teilnehmer älter geworden sind.“ Vermutlich möchte sich hier keiner des Aberglaubens bezichtigen lassen.

Im traditionsbewussten Hamelner Ortsteil Tündern hat der Heimatverein „Tundirum“ die Regie über die Osterbräuche übernommen. Mehrere Hundert Jahre gab es nach den Worten des Vorsitzenden Herbert Habenicht dort den Brauch des Pasche-Eier-Suchens (mit langem a!). In den 80er Jahren eingeschlafen, hat der Heimatverein diesen Brauch vor sechs Jahren mit Erfolg wiederbelebt. Auch an diesem Samstag ziehen 30 bis 40 Kinder ab 10.30 Uhr mit Bollerwagen durchs Dorf und sammeln rohe Eier ein, die ab 12.30 Uhr von den Vätern im Backhaus zu Rake-Eiern, einer Art Rührei mit Kräutern und Speck, verarbeitet werden; zum Essen ist der ganze Ort eingeladen. Habenicht: „Letztes Jahr hatten wir über 600 Eier, rund 300 haben wir verbraucht.“ Der Rest ging, wie auch in diesem Jahr geplant, an die Hamelner Tafel. Nach Angaben von Habenicht rührt der Name übrigens vom jüdischen Passa(h)- oder Paschafest her. Kreuzigung und Auferstehung Jesu Christi in Jerusalem zu Ostern fielen der Bibel nach in die damalige Passahwoche.

Einer der bekanntesten Osterbräuche der Region stammt aus Lügde: der Osterräderlauf.

Jedes Jahr am Sonntag nach dem ersten Frühlingsvollmond lässt man in der nordrhein-westfälischen Nachbarstadt von Bad Pyrmont, dem überlieferten Brauch der Väter folgend, am ersten Ostertag bei Einbruch der Dunkelheit sechs brennende Räder vom Osterberg ins Tal der Emmer rollen. Die Räder bestehen aus gelagertem Eichenholz mit einem Durchmesser (Höhe) von zirka 1,70 Metern. In vier Lagen ist das Eichenholz mittels Stahlbolzen zusammengeschraubt, sodass sich eine Raddicke von 26 bis 28 Zentimetern ergibt. Ausrichter dieses in der überlieferten Form einmaligen Brauchtums sind die sogenannten Dechen, ein Verein mit über 500 Mitgliedern. Kein anderer Brauch lebt im Weserbergland, der so klar und offensichtlich aus der tiefsten Naturverbundenheit, aus dem Glauben und Hoffen beziehungsweise dem Sehnen unserer Ahnen hervorgegangen ist.

Der heidnisch-germanische Sonnenkult wird als der Vorläufer für dieses Brauchtum bezeichnet, weil das Feuerrad ein Sinnbild der Sonnenscheibe war. Auch die germanische Frühlingsgöttin Ostara wird häufig mit dem Räderlauf in Verbindung gebracht – als Symbol des Frühlings, des neuen Wachsens und Werdens, des Sieges der Sonne über die kalte, trübe und dunkle Winterzeit.

Wie alt dieses Brauchtum ist, lässt sich nicht mit Sicherheit feststellen, da die geschichtlichen Aufzeichnungen in Deutschland erst spät begannen oder nicht mehr vorhanden sind. Vieles jedoch deutet darauf hin, dass der Räderlauf eine uralte Tradition aufzuweisen hat und schon vor etwa 2000 Jahren ausgeübt worden ist.

Offenbar geht auch der Brauch der Osterfeuer, die sich vor allem in ländlichen Gebieten finden, auf heidnischen Glauben zurück – mit ihnen soll der Winter endgültig vertrieben werden. Man glaubte vermutlich, dass der Schein des Feuers eine reinigende Wirkung hätte und die keimende Saat vor bösen Geistern schütze, außerdem galten Feuer auch als Kult zur Sicherung der Fruchtbarkeit, des Wachstums und der Ernte, wobei die Asche auf die Felder verteilt wurde. Später wurde dieser Brauch von den Christen übernommen. Naturschützer warnen übrigens alljährlich, dass in den zuvor aufgeschichteten Haufen Kleintiere und Nützlinge verbrennen können.

Aber nicht nur heidnische Bräuche prägen das Osterfest, auch die christliche Tradition spielt eine große Rolle. In Rinteln etwa wird alljährlich die Osternacht gefeiert – in diesem Jahr am Samstag, 7. April, um 22 Uhr in der St.-Nikolai-Kirche. Laut Andreas Kühne-Glaser, Superintendent des Kirchenkreises Grafschaft Schaumburg, ist sie ein Symbol dafür, dass es bei allem Schlechten, was passiert, doch immer weiter geht. Der Karfreitag stehe für das tiefste Leid, das geschehen könne, Ostern hingegen symbolisiere größte Hoffnung. Es gehe in der Osternacht darum, aus dem Dunkel des Todes langsam wieder ins Licht zu kommen. Und das geschieht während der Osternacht in St. Nikolai im wahrsten Sinne des Wortes. Zu Beginn ist die Kirche dunkel. Nur wenige Kerzen weisen den Besuchern den Weg zu ihren Plätzen. Dann wird die Osterkerze hereingetragen, an der nach und nach Hunderte Kerzen entzündet werden, die das Licht in die Kirche bringen. Während dieser Zeremonie singt der Kantor die Liturgie „Lumen Christi“, was so viel bedeutet wie „Licht Christi“.

Auch die orthodoxen Christen feiern Ostern als höchstes kirchliches Fest, allerdings zu einem anderen Termin. Für die im Weserbergland lebenden Russen und Griechen fällt Ostern in diesem Jahr auf den 15. April. Galyna Mehring aus Afferde, die aus der Ukraine stammt, hat zwar in eine evangelische Familie geheiratet, kennt aber die Bräuche ihrer Heimat: drei Stunden nächtlicher Gottesdienst, zu dem die Gläubigen Kuchen, Eier oder Wurst mitbringen und an dessen Ende der Priester Weihwasser verspritzt und das Abendmahl austeilt. Danach folgt das Frühstück zu Hause, das die Osterfeier einleitet und nach der langen Fastenzeit besonders genossen wird. Treffpunkt für alle ist dabei immer die Großmutter: „Die Familie“, sagt Mehring, „ist besonders wichtig.“

Warum färben wir zu Ostern, dem höchsten Fest der Christenheit, eigentlich Eier?

Warum entzünden wir in Dörfern und

Städten große Osterfeuer und gruppieren uns, oft mit einem Getränk in der Hand,

um den lodernden Scheiterhaufen? Osterbräuche gibt es im Weserbergland nach wie vor viele – und nicht selten sind sie heidnischen Ursprungs und wurden erst im Laufe der Jahrhunderte einfach als Tradition zu Ostern übernommen.

Während der Osternacht in der Rintelner St.-Nikolai-Kirche wird der Einzug neuer Hoffnung durch den Einzug des Lichts symbolisiert. Fotos: Archiv/ tol (1)



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