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Warum der schönste Job der Welt so hässliche Züge haben kann

Hebammen in Not

Die erste Zeit mit dem neugeborenen Baby, die ist etwas ganz Besonderes, erklärt Ilka Niemeyer. Dass sie die Wochen nach der Geburt ihrer Tochter vor drei Jahren so entspannt und glücklich verbringen konnte, lag dabei vor allem an den Besuchen ihrer Hebamme Doris Wellenbrock. „Sie hat mich so gut begleitet, das hat vieles einfacher gemacht“, erinnert sich die 38-Jährige aus Vehlen.

veröffentlicht am 17.06.2015 um 00:00 Uhr

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Ob Beratung bei Stillproblemen, schnelle Hilfe gegen einen wunden Babypopo oder ein stets offenes Ohr für die Sorgen werdender und frischgebackener Eltern: Hebammen sind die zuverlässigen Begleiter in Schwangerschaft, Wochenbett und während der Geburt. Sie arbeiten auf Abruf, sind rund um die Uhr zu erreichen und kümmern sich als Ernährungsberater, Psychotherapeut, Krankenschwester und Eheberater in einer Person um Familien im Ausnahmezustand. Schwangerschaft und Wochenbett ohne Betreuung durch eine Hebamme? Was für Ilka Niemeyer unvorstellbar ist, könnte für viele Frauen bald Realität sein. Denn die flächendeckende Versorgung durch Hebammen steht auf der Kippe. Immer mehr freiberufliche Geburtshelfer geben ihren Job auf, sie klagen über zu hohe Prämien für die Berufshaftpflicht und über schwindelerregend niedrige Löhne. Zum heutigen Welthebammentag wollen Hebammenverbände deshalb mit bundesweiten Protestaktionen auf ihre Situation aufmerksam machen.

Auch in Schaumburg gibt es immer weniger freiberuflich arbeitende Hebammen, sagt Doris Wellenbrock. Seit zehn Jahren betreibt die 51-Jährige gemeinsam mit zwei Kolleginnen in Stadthagen eine Hebammenpraxis, bietet Geburtsvorbereitungskurse und Vorsorgeuntersuchungen an und macht Hausbesuche bei frisch entbundenen Müttern. „Viele Schwangere müssen sich derzeit auf der Suche nach einer Betreuung fürs Wochenbett die Finger wund telefonieren“, schildert die Meerbeckerin. Und wer sein Kind nicht in den Krankenhäusern in Stadthagen oder Bückeburg, sondern zu Hause auf die Welt bringen will, hat ganz einfach Pech gehabt. Denn zu Hausgeburten ist keine Hebamme im Landkreis mehr bereit. Der Grund: Sie können es sich schlicht nicht leisten.

Vor allem die stetig gestiegenen Kosten für die Haftpflichtversicherung sorgen dafür, dass es den Geburtshelferinnen immer schwerer fällt, wirtschaftlich zu arbeiten. Im Juli dieses Jahres sollen die Versicherungsprämien für mögliche Geburtsschäden erneut um 23 Prozent auf fast 6300 Euro jährlich steigen. Zum Vergleich: Vor 15 Jahren zahlten die in der Geburtshilfe tätigen Hebammen knapp 400 Euro pro Jahr.

Auch Karin Ziemer ist von der Kostenexplosion betroffen. Die 49-jährige Stadthägerin ist dienstälteste Hebamme im Bückeburger Krankenhaus. Seit 1994 bringt Ziemer dort als sogenannte Beleghebamme Kinder auf die Welt. Und weil sie nicht angestellt, sondern freiberuflich tätig ist, muss sie ab Juli tiefer in die Tasche greifen, um im Schadensfall abgesichert zu sein. Zwar übernimmt Klinikbetreiber Agaplesion die Hälfte ihrer Versicherungsprämie, trotzdem muss sie künftig zehn Geburten im Jahr begleiten, nur um die Versicherungskosten zu decken.

Die Erhöhung der Haftpflichtprämien ist für die Hebammen der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Denn die Arbeitsbedingungen sind hart und der Verdienst extrem niedrig. Rund 1200 Euro netto bleiben einer freiberuflichen Hebamme nach Angaben des Deutschen Hebammenverbandes im Monat, der Stundenlohn liegt bei etwa 7,50 Euro. „Wer wirklich davon leben will, muss sehr schwer arbeiten“, betont Wellenbrock.

Die Krankenkassen zahlen für eine Hausgeburt 835 Euro und für eine Geburt in der Klinik 284 Euro. Und zwar unabhängig davon, wie lange die Geburt dauert. Für einen Wochenbettbesuch bekommen Hebammen 31 Euro. „Damit der sich finanziell rechnet, darf er nicht länger als 15 Minuten dauern. Realistisch ist aber eine Stunde und länger“, erklärt Wellenbrock.

Schließlich geht es nicht nur darum, das Baby zu wiegen und den Nabel zu behandeln. Frischgebackene Eltern haben tausende Fragen, sind verunsichert, brauchen Zuspruch und ein offenes Ohr. „Wir sind Freundin, Mutter und Psychiater, wir müssen ein unheimlich breit gefächertes Wissen haben und uns mit Akupunktur, Homöopathie und Stillproblemen auskennen“, schildert die Hebamme aus Meerbeck. Dazu kommt die ständige Erreichbarkeit. Keiner weiß, wann das Baby kommt. Eine Bereitschaftspauschale gibt es dafür nicht, auch keine Erstattung der Fahrtkosten.

Wie wichtig die psychosoziale Seite ihrer Arbeit ist, schildert Karin Ziemer. Frauen hätten heutzutage ein großes Bedürfnis, alles in ihrem Leben zu kontrollieren. Aber Schwangerschaft und die Geburt seien gänzlich unkontrollierbar und die Ängste der Frauen vor dem Kontrollverlust entsprechend hoch. „Auf eine Geburt muss man sich einlassen, das können viele Frauen gar nicht mehr“, sagt Ziemer. Es sei dann Aufgabe der Hebamme, den Druck rauszunehmen, zu beruhigen und zu unterstützen. „Unsere Verantwortung ist sehr groß.“

Dass ihre Arbeit zwar gesellschaftlich geschätzt, aber nicht angemessen entlohnt wird, macht Wellenbrock und Ziemer wütend. „Da könnte man das große Heulen kriegen“, sagt die Meerbeckerin. Auch eine fünfprozentige Lohnsteigerung und der vor zwei Jahren von der Bundesregierung ausgehandelte Sicherstellungszuschlag (siehe Kasten) seien nur Tropfen auf den heißen Stein. „Viele Hebammen aus Schaumburg sind ausgestiegen, weil es sich nicht rentiert.“ Und immer weniger junge Frauen wollen den Beruf erlernen. „Unsere Situation ist extrem unsicher. Keiner weiß, was in einem Jahr ist“, schildert Wellenbrock ein Hauptproblem der Hebammen. Denn 2016 läuft der Vertrag mit den Versicherungen aus. Ohne gesetzlich vorgeschriebene Haftpflichtversicherung dürfen Hebammen formaljuristisch nicht mehr arbeiten. „Das gleicht einem Berufsverbot.“

Für Wellenbrock und Ziemer ist klar, wer die Leidtragenden der Entwicklung sind: die jungen Familien, die mit all ihren Unsicherheiten im Wochenbett allein gelassen werden. Und die Babys, die am Start ihres Lebens ohne Hebammen nicht optimal betreut werden können.

Sie haben den vielleicht schönsten Job der Welt. Und können fast nicht von ihm leben. Immer mehr Hebammen geben ihren Beruf auf. Gründe sind nicht nur die steigenden Prämien für die Haftpflichtversicherung, sondern die beschämend schlechte Entlohnung.



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