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Warum einfache Botschaften, halbgare Informationen und Lügen bei uns so große Chancen haben

Hauptsache simpel

Die Presse, der Journalismus – was darf man 2017 darunter verstehen? In Zeiten, in denen Schlagwörter wie Fake News und Lügenpresse ein schlechtes Licht auf Medien werfen, macht unsere Zeitung ihr tägliches Tun in der Serie „Nichts als die Wahrheit“ öffentlich. Hier: Fake News sind eines der großen Themen dieser Tage. Wir sind der Frage nachgegangen, warum sich Lügen und Halbwahrheiten so gut in unser Hirn einbrennen und dort zu subjektiven Wahrheiten avancieren.

veröffentlicht am 05.05.2017 um 12:22 Uhr
aktualisiert am 13.06.2017 um 14:34 Uhr

Dorothee Balzereit

Autor

Reporterin / ViaSaga zur Autorenseite

Wissenschaftler sagen: Der Mensch ist nur bedingt in der Lage, falsche von richtigen Botschaften zu unterscheiden. Weil sich Aussagen und deren Quellen im Hirn entkoppeln. Hängen bleibt nur: „Hab‘ ich schon mal irgendwo gehört“. Ein Mechanismus, der in der Steinzeit dem Überleben diente. Heute erfreut er vor allem Werbeexperten und Populisten. Sie nutzen simple Botschaften, um eine Illusion der Wahrheit zu erzeugen. Wie das funktioniert? Gehen wir zurück in die 80er Jahre.

„Sie baden gerade ihre Hände drin“ – „Was, in Spülmittel?“ – „Nein, in Palmolive“. Der Werbespot aus den 80ern, in dem eine junge Frau vertrauensvoll ihre Finger in ein Schälchen mit grünem Glibber steckt, hat sich auf nachhaltigste Weise in die Windungen meiner Hirnsub-stanz gebrannt. Die Frage, ob wirklich, wie behauptet, Proteine in Palmolive waren, glitt vorbei. Ich habe sie mir zum ersten Mal im Rahmen dieser Serie gestellt. Hat Tilly etwa Fake News verbreitet?

Die im Internet aufgeführten Inhaltsstoffe erstaunen: Zwei werden als sehr bedenklich eingestuft, von Allergien und hormonellen Störungen ist die Rede. Von Proteinen keine Spur. Vielleicht sind sie in den 80ern verloren gegangen. Immerhin: Bei Stiftung Warentest gilt Palmolive als gut verträglich, ist wahrscheinlich alles eine Frage der Dosierung. Viel entscheidender ist heute: Warum hat mich das nie interessiert? Habe ich Tilly etwa geglaubt? Wer weiß.

Dafür, dass Abwehrmechanismen wie Logik und Vernunft, Abwägen und Kontrollieren oft nicht greifen, haben Experten mehrere Erklärungen, für die wir bis in die Steinzeit zurückgehen müssen. Damals verließen sich unsere Vorfahren auf ungefähre, schnell abrufbare Regeln zur Gefahrenabwehr, um ihr Überleben zu sichern. „Verarbeitung, Bewertung, Speicherung und Abruf von Informationen aus dem Gedächtnis wurden auf Effizienz getrimmt“, sagt David Rapp von der North-Western-University in Evanston in einem Artikel der Zeitschrift „Psychologie heute“. Diese intuitiven Daumenregeln, heißt es dort, hätten zwar nicht immer funktioniert, aber meistens. Wie fest sich eine Information in unserem Gedächtnis verankert, hängt zudem davon ab, wie vertrauenswürdig die Person erscheint, die sie verbreitet, wie gut das Gesagte in unser Weltbild passt und wie relevant es für uns ist. Und es kommt noch besser: Je besser und simpler wir uns an etwas erinnern, desto wahrscheinlicher glauben wir, dass es wahr ist“, sagt der Psychologe Tom Stafford von der University of Sheffield.

Gefahr durch Raubtiere oder kriegerische Nachbarstämme droht zwar heute nicht, doch der Mechanismus, simple Botschaften abzuspeichern und ihnen Glauben zu schenken, ist geblieben.

Das passiert nicht nur in der Werbung. Es passiert auch in der Politik, auf Partys, beim Friseur, am Gartenzaun oder wo sonst Gerüchte gut gedeihen. Dort, wo wir uns mit Vorliebe eine Meinung bilden, ohne die geringste Grundlage. Vielleicht, weil wir uns einbilden, zu allem etwas sagen zu müssen. Aber auch bei anderen Gelegenheiten entsteht unsere Meinung aus dem Bauch heraus, weil uns schlicht die Zeit fehlt, die Fakten zu checken.

Je besser wir uns an etwas erinnern, desto wahrscheinlicher glauben wir, dass es wahr ist.

Tom Stafford, Psychologe

Die Sozialen Medien haben diesen Umstand verschärft. Und mehr denn je muss der Mensch mit seinen Ressourcen haushalten – er kann nicht alles überdenken. „Würden wir das tun, hätten wir beim Abendessen noch mit den Morgennachrichten zu tun“, sagt Tom Stafford.

Kritisch wird es, wenn sich zur Denkfaulheit die Wiederholung gesellt. Wenn eine Lüge so oft erneuert wird, dass sie zur illusionären Wahrheit avanciert, spricht man in der Psychologie vom „Wahrheitseffekt“. Dazu gibt es eine ganze Reihe von Experimenten. Bereits 1977 vermuteten drei Forscher, dass die Häufigkeit des Hörens und Lesens einer Aussage den Glauben an ihren Wahrheitsgehalt stärkt.

Zu dem gleichen Ergebnis kamen Lisa Fazio von der Vanderbilt Universität und ihr Team, die den Versuch verfeinerten. Das Interessante: Auch wenn die Probanden es eigentlich besser wussten, griff der Effekt. Bei Teilnehmern, die die Frage, „Wie heißt der Rock, den die Schotten tragen“ richtig beantworten konnten, erhöhte die Wiederholung des Statements „Ein Sari ist der Rock, den die Schotten tragen“ (falsch) den Wahrheitsgehalt des Satzes.

Aussagen, auch wenn sie falsch sind, schleifen sich eben durch Wiederholung ein. Das liegt daran, dass das Hirn einmal Gehörtes flüssiger verarbeiten kann. Das gilt auch für Farben: Eine Überschrift in Rot prägt sich besser ein als eine in Blassgelb. Das heißt, wir erinnern uns an eine gelogene Schlagzeile in großen, roten Lettern eher als an die Wahrheit. Was schnell in den Kopf geht, bleibt hängen. Die Experten haben auch hierfür einen Fachbegriff: „Perzeptuelle Flüssigkeit“. Das Gemeine ist, dass Aussage und Bewertung der Quelle in der Erinnerung nicht Hand in Hand gehen. Die Meldung im Hirn lautet lediglich: „Schon mal gehört“.

Wichtiger als die Info, ob das Erinnerte stimmt, ist für uns die Frage, wo die neue Info angedockt werden kann. Die negativen Wirkungen eines unglaubwürdigen Kommunikators gehen also mit der Zeit verloren, sie schlafen ein. In der Sozialpsychologie spricht man vom „Sleeper-Effekt“. Richtig durcheinander kommen wir dann , wenn sich richtige und falsche Informationen mischen – egal, ob aus einer oder mehreren Quellen. Etwas, das nach Aussage von Rapp in den Sozialen Medien ständig passiert.

Gegenwärtig, so glaubt Jason Reifler, Politikprofessor an der Universität Exeter, gewinnen Lügen bei der politischen Willensbildung an Boden. Bedenklich für die Demokratie findet er, dass „jahrelang akzeptierte Fakten abhanden kommen“. Auf diese Weise sei eine demokratische Debatte nur schwer zu führen, sagt er in „Psychologie heute“.

Dabei lohnt es sich, den Wahrheitsgehalt von Informationen zu hinterfragen, auch wenn es manchmal 36 Jahre später geschieht: Ein Anruf bei Palmolive ergab, dass „es weder damals noch heute Proteine in Palmolive gab“. Und eine andere brennende Kindheitsfrage – warum steckt die Frau überhaupt ihre Finger unkommentiert in die Schale mit dem grünen Glibber? – ist auch beantwortet: Die Nägel müssen vor der Maniküre einweichen.

Information

Psychische Zermürbung mit „Gaslighting“

Eine besonders tückische Manipulationstechnik ist das sogenannte „Gaslighting“ (deutsch „gaslichtern“). Der Begriff geht zurück auf das amerikanische Theaterstück „Gas Light“, in dem ein Mann versucht, seine Frau durch geschicktes Manipulieren in den Wahnsinn zu treiben. In einer Schlüsselszene redet er ihr eine gestörte Wahrnehmung bezüglich des Lichts im Raum ein, obwohl er selbst die Gaslampe gedimmt hat. Ziel ist die bewusste Desorientierung des Opfers. Das Vertrauen in die eigenen Sinne, die eigene Erinnerung und Umgebung wird erschüttert. Gaslighting ist ein Phänomen, dass in der Psychologie vor allem im Zusammenhang mit destruktiven Paarbeziehungen bekannt ist. Der Täter verbreitet Halbwahrheiten, schafft Feindbilder und stilisiert sich selbst zum Rettenden, während das Opfer immer abhängiger wird und die Realität infrage stellt.

Immer häufiger hört man diesen Begriff in letzter Zeit im Zusammenhang mit politischen Ereignissen. Unter anderem, wenn es um den US- Präsidenten Donald Trump und seinen viel kritisierten Umgang mit Fakten geht. Dass er mit seiner Methode dennoch Erfolg hat, lässt sich zum Beispiel daran ablesen, dass tatsächlich viele seiner Anhänger glauben, dass die Menschenmenge bei seiner Amtseinführung größer war als die bei Obamas.



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