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Hat der Deutsche Schäferhund ausgedient?

Der Deutsche Schäferhund – ein Symbol für Stärke und ungebrochene Disziplin. Durch seine Bereitschaft, sein Dasein in unverbrüchlicher Treue der Einhaltung von Gesetz und Ordnung zu widmen, galt er als idealer Diensthund. Inzwischen aber hat eine andere Hunderasse den Deutschen Schäferhund fast verdrängt: der Belgische Schäferhund. Verhältnis zwischen Herr und Hund ist keine Liebesbeziehung. Als Belohnung wird gespielt.

veröffentlicht am 23.05.2012 um 17:03 Uhr
aktualisiert am 24.01.2019 um 14:23 Uhr

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Reporterin zur Autorenseite

Auf älteren Fotos von Polizeieinsätzen, an denen auch Diensthunde beteiligt sind, sieht man an der Seite der Polizisten fast immer den Deutschen Schäferhund, längst ein Symbol für angebliche aggressive Stärke, ungebrochene Disziplin und die Bereitschaft, sein Dasein in unverbrüchlicher Treue der Einhaltung von Gesetz und Ordnung zu widmen. Inzwischen aber hat eine andere Hunderasse den Deutschen Schäferhund fast verdrängt: Der Belgische Schäferhund (Malinois) nämlich, der schlanker und wendiger ist als sein deutscher Kollege und, da weniger überzüchtet, über eine robustere Gesundheit verfügt. "Das Wichtigste aber ist sein besonders stark ausgeprägter Spieltrieb", sagt Alfred Kaufhold, Leiter des Zentralen Diensthundwesens in Niedersachen, und er lächelt, weil er schon weiß, dass man als Laie wohl kaum darauf kommt, ausgerechnet der "Spieltrieb" sei ein wesentlicher Charakterzug für einen guten Polizeidiensthund.

Um zu verstehen, was dahintersteckt, fahren wir nach Ahrbergen nahe Hildesheim, wo bei der Zentralen Polizeidirektion auf einem riesigen abgelegenen ehemaligen Bundeswehrgelände die Diensthunde für ganz Niedersachsen ausgebildet werden, darunter auch diejenigen für die Diensthundstaffeln in Hameln und Nienburg. „Ja, wir sind hier quasi in der Wildnis“, sagt Kaufhold. „Das hat aber nichts mit einer Gefährlichkeit unserer Hunde zu tun, sondern hauptsächlich damit, dass es während der Schulungen ziemlich laut zugeht.“ Tatsächlich hört man sogar innerhalb des Gebäudes, wo wir uns unterhalten, ständig ein Rufen und Bellen, das herüberschallt vom Lehrgang für die Rauschgiftspürhunde, sechs Teilnehmer, sechs Hunde.

Seit 1976 bereits ist Alfred Kaufhold Diensthundeführer, ein alter Hase, Erster Polizeihauptkommissar, der miterlebte, wie sich der Umgang mit Polizeihunden im Laufe der Jahrzehnte grundsätzlich wandelte. „Früher waren wir Einzelkämpfer“, meint er. „Die Schutzhunde wurden in den Polizeihundevereinen vor Ort ausgebildet, und meistens folgte man dabei dem Prinzip: ,Wenn du gehorchst, bekommst du keine Strafe.‘ “ Als junger Polizist sei er einmal bei einem Dorfschützenfest allein mit dem Diensthund eines Kollegen im Auto zurückgelassen worden. Das Auto besaß keinen Beifahrersitz, dafür lag auf dem Boden ein Brett, darauf der ziemlich grimmig wirkende, unangebundene Hund. „Wohl fühlte ich mich dabei nicht!“

Ende der 1970er Jahre aber wurden zentrale Ausbildungsstätten eingerichtet, und insgesamt änderten sich nach und nach die Ausbildungsmethoden. Die Hunde wurden nicht mehr in Zwingern gehalten, sondern leben in den Familien ihrer Diensthundeführer. Das A und O der Erziehung ist nun das Lob, die positive Verstärkung eines gewünschten Verhaltens. „Hunde, die zu viel Druck bekommen, werden einerseits oft zu aggressiv, andererseits entwickeln sie sich kaum zu einer selbstbewussten Tierpersönlichkeit.“ Dominante Diensthundführer seien selten gute Welpenerzieher. „Wesensstärke entwickelt nur ein Tier, das auch einfach mal nur Hund sein durfte.“

Hier nun kommt der geforderte Spieltrieb zum Tragen, der in der Hundeausbildung eine so entscheidende Rolle spielt. „Die Tiere wissen ja nicht, dass sie Rauschgift oder Sprengstoffe suchen, dass es ein Verbrecher ist, den sie stellen sollen oder dass ein unter Eis oder Trümmern verschütteter Mensch Hilfe braucht“, erklärt er. „Was sie aber wissen ist: Es gibt eine Belohnung, wenn sie tun, was man von ihnen erwartet.“ Diese Belohnung ist zunächst ein Leckerli. Bei Personenspürhunden zum Beispiel reicht man Leckeres von unter den Trümmern nach oben, damit es mit der Konditionierung klappt. Später dann wird der Futterhappen ersetzt durch einen noch viel stärker wirkenden Anreiz: Das Versprechen, eine Runde mit dem Diensthundeführer herumtollen, spielen zu dürfen.

Es ist wirklich erstaunlich, wie diszipliniert auch noch ganz junge Hunde sind, sobald sie begriffen haben, dass Arbeit und Spiel untrennbar zusammengehören. Iso, ein wunderschöner schwarzer Deutscher Schäferhund (ja, es gibt sie noch unter den Diensthunden), er ist gerade mal 26 Monate alt, hat, wie alle Hunde, die spezielle Schulungen erhalten, bereits die Ausbildung zum Schutzhund hinter sich und ist sofort Feuer und Flamme, wenn sein Führer Winfried Hennies ihm ein orangefarbenes Halsband umlegt, das Zeichen für den Spielbeginn. Ein kleines Päckchen Heroin soll inmitten von Gerümpel vor einem Gebäude aufgespürt werden. Im Handumdrehen ist es entdeckt. Das Tier verharrt still vor der Fundstelle, die Schnauze auf Höhe des versteckten Päckchens.

Dann ein Knacksen, ausgelöst von einem metallischen Knicker in der Hand des Hundeführers. Sofort löst sich die Spannung, das Tier rennt beglückt zu seinem Herrn, springt an ihm hoch, darf ein Spielzeug fassen und mit dem Menschen darum rangeln. „Ja, Hunde sind Egoisten“, sagt Ausbilder Helmut Höveling. „Und treulose Gesellen dazu. Sie wollen einfach nur zufrieden sein und halten zu dem, der ihnen diese Zufriedenheit garantiert. Aber“, fügt er hinzu, „wir sind ja ebenfalls auf unseren Vorteil eingestellt: Für uns ist das Tier eine Art Werkzeug, das wir nach besten Möglichkeiten einsetzen.“ Alfred Kaufhold ergänzt: „Mir geht das Herz auf, wenn ich zum Zwinger gehe, und trotzdem: Das ist keine Liebesbeziehung. Wir nutzen einfach die Ressourcen.“

Das klingt im ersten Moment überraschend kühl, und sieht man den sechs Diensthundeführern zu, wie sie mit ihren jungen Hunden zusammenarbeiten, kann man ein derartig nüchternes Herr-und-Hund-Verhältnis kaum glauben. Doch schnell ist erklärt, wie diese Beschreibung gemeint ist. „Der Hund muss genau wissen, woran er ist, im Guten wie im Bösen. Da darf es keinerlei Inkonsequenz geben“, so Helmut Höveling. Was anderes sei es mit einem Tier, das nicht als eine Art Kollege fungiert. In seiner Familie lebt er mit einem Shepard, der ist fast blind und taub und wäre von rein pragmatisch denkenden Menschen gleich nach der Geburt dem Tierarzt zur Tötung übergeben worden. Stattdessen konnte er die Herzen seiner Besitzer erweichen, als radikales Gegenstück zu einem Diensthund, der funktionieren muss.

Diensthundeführer, die für einen Spürhund rund um Drogen, Personen, Sprengstoffe oder Leichen zuständig sind, nehmen einiges auf sich, damit ihr Hund – nach einer entsprechenden Eignungsprüfung in Ahrbergen – zum Spezialisten werden kann. Bis zu sieben Wochen dauert die Ausbildung der Tiere, eine lange Zeit, die auch ihre Führer auf dem Gelände des Zentralen Diensthundwesens verbringen. Zusammen mit den Kollegen wohnen sie dann getrennt von ihren Familien wie in einer Art Jugendherberge, trainieren tagsüber und sitzen dann abends zusammen in einer gemütlichen Stube, deren Wände über und über behängt sind mit Fotos aus vorherigen Lehrgängen, mit Abzeichen und Urkunden. Dreimal pro Jahr reisen sie danach aus ganz Niedersachsen an, um sich und ihre Hunde fortzubilden.

Die Zentrale Polizeidirektion garantiere mit ihrer Aus- und Fortbildungstätigkeit, dass der Landespolizei ständig optimal qualifizierte Vierbeiner zur Verfügung stehen, betont Polizeipräsident Uwe Lührig. Und nicht nur das: Manchmal kommen auch Diensthundeführer aus dem Ausland, aus Italien etwa, wo sie bisher noch keine Leichenspürhunde besitzen, aus Polen, die ihre Hunde noch, nicht zu deren Besten, in Massenzwingern halten, oder sogar aus dem Königreich Butan, die sich über Ausbildungen für Sprengstoff- und Rauschgiftspürhunde kundig machten. Gerade ist man außerdem dabei, Personenspürhunde für das Land Niedersachsen auszubilden, statt solche Spezialisten wie bisher im Bedarfsfall aus anderen Bundesländern anzufordern.

Auf die Deutschen Schäferhunde angesprochen, und ob sie tatsächlich ausgedient hätten im Polizeidienst, schüttelt Alfred Kaufhold den Kopf. Zwar seien unter den insgesamt 196 speziell ausgebildeten Diensthunden Niedersachsens nur noch 29 Deutsche Schäferhunde (gegenüber 138 Malinois), doch seien auch Riesenschnauzer im Team, dazu Holländische Hütehunde und verschiedene weitere Rassen. „Wir halten uns da an keine anderen Vorgaben als die, ob ein Hund sich für die duale Ausbildung, also vier Monate Schutzhundschulung und dann die Spezialisierung, eignet“, sagt er. „Was allerdings sehr für die Belgier spricht, ist, dass sie echte Gebrauchshunde sind, nicht so schwer wie die Deutschen Schäferhunde, und auch besonders widerstandsfähig.“ Gerade mal sieben Jahre Dienstzeit könne den Hunden nach der aufwendigen Ausbildung zugemutet werden, da käme es auf gute Gesundheit und Durchhaltevermögen jedes einzelnen Tieres an.



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