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Wie eine Legalisierung von Rauschgift der Kriminalität Einhalt bieten könnte

Harte Drogen für alle?

Ein unbescholtener Chemielehrer erfährt von seiner tödlichen Krebserkrankung und beschließt, aufs Ganze zu gehen, um seiner verschuldeten Familie Geld hinterlassen zu können. Er nutzt sein Fachwissen, um die begehrte harte Droge „Crystal Meth“ herzustellen und steigt in dem blühenden Wirtschaftszweig rund um illegale Drogen rasend schnell zu einem Boss auf, der innerhalb eines Jahres zwar Millionen scheffelt, zugleich aber zum Lügner, Verräter und Mörder wird, der alles ruiniert, wofür es sich zu kämpfen gelohnt hätte. Davon erzählt die faszinierende US-Serie „Breaking Bad“ und wirft damit die alte und ewig aktuelle Frage auf, ob man das kriminelle Drogengeschäft nicht durch die Legalisierung aller Drogen zum Erliegen bringen sollte.

veröffentlicht am 03.04.2013 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 24.01.2019 um 14:12 Uhr

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Was wäre, wenn man auch harte Drogen ganz legal in speziellen Läden einkaufen könnte, zu einem fairen Preis, der niemanden zu Beschaffungskriminalität und -prostitution zwingt, und in einer geprüften Qualität, die dafür sorgt, die gesundheitlichen Schäden zu minimieren? Würden vor allem Jugendliche in diesem speziellen experimentierfreudigen Alter die Läden stürmen, um endlich mal auszuprobieren, wie sich ein Kokain-, Heroin- oder „Crystal Meth“-Rausch anfühlt? Gäbe es dann neben den Alkohol-, Nikotin- und Cannabissüchtigen im Land zusätzlich unzählige neue Süchtige, die nach harten Drogen gieren?

„Bevor man solche dramatischen Fragen beantworten kann, muss man genau differenzieren, was man unter ,Freigabe‘ und ,Legalisierung‘ verstehen will“, so Lennart Westermann, Leiter des Drogenberatungszentrums „Drobs“ in Hannover und als Fachbereichsleiter „Prävention & Beratung“ der STEP gGmbH auch zuständig für die Drobs-Beratungsstelle Hameln. „Ohne eine gut durchdachte Regulierung geht gar nichts. Und diese Regulierung würde sich nicht nur auf die potenziellen Käufer beziehen, also darauf, ob und wie man sie mit persönlichen Daten registrieren sollte, oder wie man verhindert, dass die Drogen an Minderjährige weitergegeben würden, sondern ganz klar auch auf die Lieferanten der chemischen Zutaten, die man für die Herstellung der Drogen braucht.“ Regulierungen aber, die liebe die deutsche Wirtschaft ganz und gar nicht. „Der Aufschrei der Industrie wäre mindestens ganz genauso laut wie derjenige besorgter Bürger.“

Man brauche ja nur auf den Umgang mit Volksdrogen wie Nikotin und Alkohol zu blicken und darauf, wie viele intensive Verhandlungen über Jahre hinweg nötig gewesen seien, um Jugendschutzgesetze durchzusetzen, ein System der Besteuerung zu entwickeln, festzulegen, welche Zusatzstoffe erlaubt, welche verboten sind und die Offenlegung aller Zutaten zu fordern. „Was man braucht, um zum Beispiel eine fürchterliche Droge wie Methamphetamin, also ,Crystal Meth‘, herzustellen, das kann man alles völlig legal einkaufen. Die Hersteller dieser chemischen Zutaten müsste man in ein Regulierungskonzept einbinden. Und man müsste dafür sorgen, dass die Steuereinnahmen aus dem staatlichen Drogenverkauf für Bildung, für Prävention, Aufklärung und Gesundheitsförderung eingesetzt würden.“

Trotzdem führe um die Frage der Legalisierung auch harter Drogen auf Dauer kein Weg vorbei, sagt er. „Wir leben in der Zeit der Globalisierung und so berührt es auch uns, wenn in Brasilien oder Mexiko immer mehr starke Stimmen laut werden, die den Drogenkrieg mit seinem Mord und Totschlag und den immensen Kosten, die er verursacht, dadurch beenden wollen, dass die Staaten die Drogenwirtschaft übernehmen und der Konsum legal wird.“ Er fürchte schon jetzt, dass „Crystal Meth“ illegal verstärkt zum Beispiel aus Tschechien auf den deutschen Markt vordringen könnte. In Thüringen und Brandenburg sei diese extrem süchtig machende und vor allem in verunreinigter Form extrem gesundheitsschädliche Droge bereits aufgetaucht, auch in Goslar habe es schon Meth-Abhängige in den Beratungsstellen gegeben. Solange harte Drogen in zusätzlich giftiger Form von Dealern verkauft würden, hätte man nur begrenzte Möglichkeiten, Konsumenten vor ihnen zu schützen.

„Viele der Drogen, die bisher streng verboten sind, passen sehr gut in das Grundschema unserer Gesellschaft, in der das Leistungsprinzip an erster Stelle steht, zusammen mit der Forderung, im Interesse des Binnenmarktes möglichst viel zu konsumieren“, so Lennart Westermann. „Sie putschen auf, erhöhen kurzfristig die Leistungsfähigkeit, unterdrücken Hunger und Schlafbedürfnis und spielen nicht umsonst speziell in Kriegen eine große Rolle, gerade auch das Methamphetamin, das im Zweiten Weltkrieg in Unmengen an die Soldaten ausgegeben wurde.“ Die Kehrseite: Der Körper verlernt sehr schnell, die für Hochgefühle benötigten Botenstoffe selbst herzustellen – die Drogenabhängigkeit wird zementiert.

Wie aber soll denn all das unterbunden werden können, indem man solche Drogen legalisiert? „Man kann Drogenkonsum nicht unterbinden, man kann die Sehnsucht nach dem Rausch nicht einfach abschalten, und es ist auch unmöglich, jeden Menschen vom Drogenmissbrauch abzuhalten“, sagt er. Doch die Dosis mache das Gift. „Was uns fehlt, was viele junge Leute kaum kennen, ist etwas, das in früheren Kulturen unbedingt dazugehörte: ein gemeinsames Ritual, das den Konsum zu etwas Besonderem macht und dafür fest umrissene Grenzen setzt. Wir aber leben in einer rundherum entgrenzten Welt, in der jeder selbst entscheiden muss, wie weit er gehen will.“

Bewusstseinsverändernde Drogen, die auf der Stelle und in gravierender Weise in den Hirnstoffwechsel eingreifen, sie jedoch seien gerade nicht dazu geeignet, sie sich einfach so „reinzuziehen“. Dann entwickelten sie nur rasend schnell ihr zerstörerisches Potenzial. „Die Frage ist: Warum will ich Drogen nehmen und um welche Art der Erfahrung geht es mir?“

Diese Fragen könne man nur beantworten, wenn man sich den gemachten Erfahrungen dann auch stelle. „Bewusstseinserweiterung und Selbsterkenntnis, das kommt ja erst bei der Aufarbeitung des Erlebten, so ähnlich, wie ein Traum ins Nichts verfliegt, wenn man nicht die Kraft aufbringt, sich an ihn zu erinnern.“

Die allermeisten Menschen, die in die Drogenberatungen kämen, weil sie süchtig geworden sind, sie suchten in den Drogen eine Möglichkeit, mit Problemen umzugehen oder ihnen auszuweichen. Von der Sucht könnten sie sich nur dann wieder lösen, wenn sie selbst in ihrem Leben etwas ändern wollen, statt sich das von den Drogen zu erhoffen. „Diejenigen, die zu uns kommen, wissen fast immer, was sie tun müssen, und die Kunst der Beratung besteht darin, dass sie es selbst sagen, statt dass wir es ihnen vorgeben. Es geht darum, ihnen zu vermitteln, Selbstverantwortung zu übernehmen, sich nicht mehr als Opfer zu betrachten, sondern als handelnde Person.“

Wenn der Drogenkonsum legalisiert und man das Gewünschte in lizenzierten Läden kaufen könnte, möglicherweise würden dann auch solche Menschen mit ihnen experimentieren, die ansonsten den Weg in die kriminelle Szene gescheut hätten. Das müsse bedacht werden – auch wenn das nicht in jedem Fall bedeutete, dass diese Konsumenten dann sofort der Sucht verfallen würden. „Fast immer stehen psychische Probleme hinter dem Begehren nach dauerhafter extremer Drogenwirkung“, so Westermann.

Der große Vorteil, Drogen kontrolliert zu verkaufen, bestünde deshalb darin, dass der Verkauf zugleich mit einer Beratung verbunden wäre und Konsumenten so automatisch an das Beratungs- und Hilfssystem herangeführt würden. „Das wäre schon ein Gewinn in Bezug auf Cannabis, obwohl dessen Konsum sich trotz Gefahr in einer ganz anderen Dimension abspielt. Erst recht aber würde dies natürlich bei Drogen wie Kokain, Heroin und besonders Methamphetamin greifen, die aufgrund ihres Suchtpotenzials und ihrer Auswirkungen auf Körper und Seele einen echten Alltagsgenuss gar nicht ermöglichen. Ich meine, man sollte umsichtig und weitblickend alles dafür tun, dass sie nicht von skrupellosen Kriminellen angeboten werden, sondern vielmehr in einer Art Apotheke mit geschultem Personal.“

Was wäre, wenn harte Drogen wie Kokain, Heroin oder die neue Droge „Crystal Meth“ legalisiert würden?

Befürworter erhoffen sich davon eine Eindämmung der Drogenkriminalität. Auch Lennart Westermann, Leiter des Drogenberatungszentrums in Hannover und zuständig für die Drogenberatungsstelle („Drobs“) in Hameln, hält eine Legalisierung für sinnvoll – allerdings nur im Verbund gut durchdachter Regularien.



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