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1983 gab es Interessenvertretung

Hamelner Sinti erwägen, Verein zu gründen

HAMELN. Viele Sinti fühlen sich von der Mehrheitsgesellschaft nicht anerkannt. Viele fühlen sich sogar diskriminiert und vor allem auf dem privaten Wohnungsmarkt benachteiligt, weil sie Sinti sind oder „Weiß“ heißen. Umstände, die eigentlich nach einer Interessenvertretung vor Ort schreien. Die gibt es so aber nicht. Das war nicht immer so. 1983 taten sich Sinti in Hameln zusammen und gründeten den Verein „Hamelner Sinti“.

veröffentlicht am 17.10.2017 um 14:15 Uhr
aktualisiert am 18.10.2017 um 16:14 Uhr

Ein Verein böte den Sinti auch die Möglichkeit, die eigene Kultur, wie etwa die Musik, zu pflegen und die Gemeinschaft der Hamelner Sinti wieder zu stärken, sagt Reilo Weiß (69). Foto: pk
Philipp Killmann

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Philipp Killmann Reporter zur Autorenseite

Familie Weiß ist in Hameln ein Begriff. Fast jeder hat von ihr gehört. Fast jeder hat eine Meinung über sie. Häufig ist sie negativ – selbst wenn es keinerlei Berührungspunkte mit der Sinti-Familie gibt. In der Serie „Familie Weiß“ hat die Dewezet Geschichte und Gegenwart der Hamelner Sinti beleuchtet. Mit diesem Teil endet die Serie.

Aus dem andauernden Gefühl heraus, als deutsche Sinti benachteiligt und nicht anerkannt zu werden, erwuchs damals die Idee für die Gründung eines Vereins, der für sie einsteht und eintritt. „In diesem Zusammenhang wurden insbesondere die Umgangsweisen mancher Sachbearbeiter von Ämtern des Landkreises und der städtischen Behörden kritisiert“, schrieb die Dewezet am 13. September 1983 über die Vereinsgründung. Für diese hatten sich 30 Angehörige Hamelner Sinti-Familien im „Freundschaftshaus“ in Bückeburg versammelt. Einer von ihnen war Hugo Steinbach.

„Wir haben den Verein gegründet, um unser Recht zu kriegen!“, sagt der heute 86-Jährige energisch. Sogar unter Sinti von außerhalb, habe man sich damals erzählt, dass die Behörden in Hameln „Haare auf den Zähnen“ hätten“, sagt er. Steinbach war damals Vorstandsmitglied in dem Verein. So auch Franz Laubinger.

Am 13. September 1983 berichtete die Dewezet über die Vereinsgründung der Hamelner Sinti. Repro: Archiv
  • Am 13. September 1983 berichtete die Dewezet über die Vereinsgründung der Hamelner Sinti. Repro: Archiv
Franz Laubinger Foto: pk
  • Franz Laubinger Foto: pk
Horst Rosenberg Foto: pk
  • Horst Rosenberg Foto: pk
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Reilo Weiß Foto: pk
  • Reilo Weiß Foto: pk
Rudolf Freiwald Foto: pk
  • Rudolf Freiwald Foto: pk
Am 13. September 1983 berichtete die Dewezet über die Vereinsgründung der Hamelner Sinti. Repro: Archiv
Franz Laubinger Foto: pk
Horst Rosenberg Foto: pk
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Reilo Weiß Foto: pk
Rudolf Freiwald Foto: pk

Laubinger, heute 53, wurde damals zum Vorsitzenden gewählt. „Dabei war ich erst 18 Jahre alt“, erzählt er. „Ich war noch so jung, ich wusste gar nicht richtig, was los war, aber ich verstand, dass es wichtig war.“ Er sollte den Vorsitz übernehmen, weil er als einer der wenigen Hamelner Sinti habe lesen und schreiben können. Der Analphabetismus vieler Sinti sei ein Grund gewesen, der zu vielen Konflikten mit den Behörden geführt habe. Zudem seien viele auf Sozialhilfe angewiesen gewesen. „Dann bekamen sie Post vom Amt, aber konnten sie nicht lesen oder richtig verstehen“, erklärt Laubinger. Infolgedessen seien Bescheinigungen oder Anträge nicht rechtzeitig eingereicht oder Termine nicht eingehalten – und die Sozialhilfe am Ende gekürzt worden. Andere Anträge, zum Beispiel für die Mietübernahme, seien vom Sozialamt abgelehnt worden, „obwohl sie die nötige Bescheinigung vorweisen konnten“, schildert Laubinger. „Da ist viel schiefgelaufen.“ Mit der Gründung des Vereins habe sich dies schlagartig geändert. „Dann lief es“, sagt der in Emmerthal lebende Sinto. „Da merkte man dann wohl auch auf dem Amt: ,Die ,Zigeuner’ wissen sich ja doch zu wehren!‘“

Neben der Interessenvertretung gegenüber den Behörden organisierte der Verein Hilfe zur Selbsthilfe, wie sich Rudolf Freiwald (70), ebenfalls damaliges Vorstandsmitglied, erinnert. „Es gab Deutschhilfe für die Sinti“, sagt er. „Sinti, die schon lesen und schreiben konnten, brachten es Sinti-Kindern bei.“ Seminare seien veranstaltet worden, es habe eine Beratungsstelle zur Sozialhilfe gegeben und auch über Wiedergutmachungsanträge sei aufgeklärt worden. Die älteren Sinti waren noch vom NS-Regime verfolgt worden. Dafür sei mit dem Verein für Sinti und Roma in Hannover zusammengearbeitet worden. „Für die Wiedergutmachung wendeten wir uns an den Rechtsanwalt Leo Öhle vom Sinti-Verband in Hannover“, sagt Freiwald. Auch Franz Laubinger erinnert sich, wie er den älteren Sinti beim Ausfüllen der Anträge auf Entschädigung behilflich war, nicht zuletzt seinem Schwiegervater, Peter Weiß, der in Nordhausen im Arbeitslager Zwangsarbeit verrichten musste. Ebenso seiner Schwiegermutter, Käthe Weiß, die in dem bereits 1936 für „Zigeuner“ eingerichteten Zwangslager Berlin-Marzahn war. Neben Leo Öhle haben auch Hamelner Nicht-Sinti den damaligen Verein unterstützt. „Mit in die Wege geleitet hat den Verein Gustav Begemann“, sagt Laubinger. Begemann, inzwischen verstorben, war Diakon des Kirchenkreises Hameln-Pyrmont und Mitbegründer des Weltladens Q’antati.

Selbsterklärtes Ziel des Vereins war es laut Satzung, „die Bedingungen zur Erhaltung der kulturellen Identität der Sinti in Hameln zu schaffen sowie insbesondere Hilfestellung in rechtlichen und sozialen Fragen zu geben“. Ein Teil dieses Ziel wurde offenbar relativ schnell erreicht. „Weil es mit dem Amt dann ja lief, wurde der Verein bald schon wieder aufgelöst“, sagt Laubinger.
Dies bedeute seiner Meinung nach aber nicht, dass ein Verein in Hameln nicht auch in der Gegenwart sinnvoll für die hiesigen Sinti wäre. „Auf jeden Fall wäre ein Verein auch heute noch nötig“, befindet der 53-Jährige. Zwar sei die Situation der Sinti heute etwas anders als damals, inzwischen könnten viele Sinti lesen und schreiben. Aber eben nicht alle. Und gerade die Älteren hätten bis heute Probleme mit dem Amt, etwa wenn es um ihre Altersversorgung, Rente oder Pflege gehe.

Doch seit es den Verein Hamelner Sinti nicht mehr gibt, müssen sie sich für diese Angelegenheiten an die „Niedersächsische Beratungsstelle für Sinti und Roma“ in Hannover wenden. Die wird in Hameln von Franz Laubingers Bruder Horst Rosenberg vertreten. Auch er würde eine Vereinsgründung Hamelner Sinti begrüßen, möglicherweise im Verbund mit der Beratungsstelle, wie er im Gespräch mit der Dewezet sagt.

Reilo Weiß (69), dessen inzwischen verstorbene erste Frau Hilde Weiß damals ebenfalls im Vorstand der Hamelner Interessenvertretung der Sinti saß, würde eine Neugründung eines Vereins ebenfalls befürworten. Das Verhalten, das einige Sachbearbeiter an den Tag legten, wenn sie merkten, dass manche Sinti, wie Weiß sagt, „keine Ahnung“ hätten, sei oft sehr „abwertend“. Mit einem Verein, der für alle da ist, könnte dagegen vorgegangen werden. Außerdem böte ein Verein die Möglichkeit, die eigene Kultur zu pflegen und die Gemeinschaft der Hamelner Sinti wieder zu stärken.

Nachdem sich viele Sinti im Zuge der Auflösung der Sozialbausiedlung „Hamelwehr“ in den 1970er Jahren auf einzelne Wohnungen im Stadtgebiet verteilten, hätten sich viele von ihnen auch gemeinschaftlich voneinander entfernt. „Ein Vereinsheim wäre ein Ort, an dem die Gemeinschaft wieder gepflegt werden könnte, sodass man einander wieder näherkommen könnte“, sagt Weiß.

Termin: Die Dewezet lädt gemeinsam mit Reilo Weiß herzlich zu einem zwanglosen Kennenlern-Treffen von Sinti und Nicht-Sinti ein: am Freitag, 27. Oktober, um 18 Uhr im Dewezet-Café. Um Anmeldung bis Mittwoch, 25. Oktober, wird gebeten, Telefon 0 51 51/ 200-420.

Eine Multimediapräsentation sowie alle Serienteile finden sich auf dewezet.de unter „Hintergrund“ im „Themendossier“.

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Selbstbestimmung und Selbstorganisation

Dem Hamelner Verein von 1983 waren auf Bundesebene bereits einige Versuche der Selbstorganisation von Sinti vorangegangen. Einer dieser Versuche geht auf den polnisch-stämmigen Rom Rudolf Karway aus Hamburg zurück.

„Am 2. und 10. November 1969 trafen in Hildesheim Vertreter von rund 350 Sinti-Familien aus Braunschweig, Hannover, Hildesheim, Celle, Hameln, Minden, Stade, West- und Süddeutschland zusammen, um die Frage einer einheitlichen Interessenvertretung zu diskutieren“, schreibt Ethnologe Rüdiger Vossen in seinem 1983 erschienenen Buch „Zigeuner“. „Doch der erwartete Zusammenschluss blieb aus. Rudolf Karway, der sich als ,Präsident‘ anbot, wurde nicht gewählt, da er als polnischer Zigeuner die deutschen Verhältnisse nicht kenne.“ Die Sinti distanzierten sich „auf das äußerste“ von Karway, schrieb damals die Hildesheimer Allgemeine Zeitung. Dieses Protokoll „eines der frühesten überregionalen Treffen der Zigeuner in Deutschland“, so Vossen, „gibt einen Eindruck von den Schwierigkeiten, die einem überregionalen und über-stammesmäßigen Zusammenschluß aller Roma und Sinti im Weg standen und noch heute z. T. stehen“.

Die Gründung des Vereins „Hamelner Sinti“ im Jahr 1983 schließlich fiel in eine Zeit, in der sich viele Sinti bundesweit tatsächlich zu organisieren begannen und öffentlich für ihre Rechte eintraten. Besonders nachhaltig tat dies die Bürgerrechtsbewegung um Romani Rose.

Rose gründete 1982 den „Zentralrat Deutscher Sinti und Roma“ mit, dem er seitdem auch vorsitzt. Er und andere Sinti waren 1980 an der Gedenkstätte des Konzentrationslagers Dachau in einen Hungerstreik getreten. Es war ein Protest gegen die rassistische Sondererfassung von Sinti durch Justiz- und Polizeibehörden auf Grundlage von NS-Dokumenten, der international Aufsehen erregte. Einen Monat nach Gründung des Zentralrats erkannte Bundeskanzler Helmut Schmidt die an den Sinti begangenen Verbrechen als Völkermord an. Der Zentralrat ist die größte Interessenvertretung von Sinti und Roma in Deutschland. Gleichwohl ist er unter Sinti nicht unumstritten. Neben dem Zentralrat gibt es weitere Verbände, wie etwa die „Rom und Cinti Union“ oder die „Sinti-Allianz Deutschland“, Die Sinti-Allianz gilt als eher traditionalistisch und fühlt sich von dem Zentralrat nicht richtig repräsentiert. So hat die Allianz sich etwa wiederholt öffentlich gegen das Begriffspaar „Sinti und Roma“ ausgesprochen sowie gegen den gemeinhin auch für Sinti geltenden Oberbegriff „Roma“ positioniert.

In Hannover befindet sich die „Niedersächsische Beratungsstelle für Sinti und Roma“. Lag der Schwerpunkt des Vereins zunächst auf der Beratung und Unterstützung von Sinti, die Entschädigungen oder Wiedergutmachungen für die Verfolgung im Dritten Reich beantragten, besteht die Hauptaufgabe inzwischen auf der Beratung im sozialen und rechtlichen Bereich. Erklärtes Ziel des Vereins ist „die Verbesserung der sozialen Lage, die Durchsetzung rechtlicher Ansprüche und der Abbau von Diskriminierungen und Vorbehalten“. Ansprechpartner für die Region Hameln ist der ehrenamtliche Mitarbeiter und Hamelner Horst Rosenberg.pk

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"Sie wären eine Bereicherung“

Für die Hamelner Sinti hat die Dewezet-Serie „Familie Weiß – Sinti in Hameln“ einen großen Schritt in die Öffentlichkeit bedeutet, in der sie – als Sinti erkennbar – sonst kaum in Erscheinung treten. Anders als etwa in Hildesheim, wo Sinti seit geraumer Zeit jährlich das Django-Reinhardt-Festival veranstalten. Die Musikveranstaltung ist nicht nur eine Begegnungsstätte für Musikliebhaber, sondern auch für Sinti und Nicht-Sinti. Für die Stadt Hameln und den Landkreis Hameln-Pyrmont wäre es hilfreich, einen Ansprechpartner zu haben, um auf die Sinti zugehen zu können, wie einzelne Vertreter der beiden Behörden in Gesprächen mit der Dewezet sagen. Dies wäre schon allein auch deshalb zu begrüßen, so Nina Weißer, die Leiterin des Kreisdezernats „Jugend/Bildung“, um auch die Sinti für öffentliche Veranstaltungen, wie etwa den vom Landkreis durchgeführten „Tag der Kulturen“ zu gewinnen. „Die Sinti wären eine willkommene Bereicherung für das öffentliche Kulturleben der Stadt“, so Weißer. Auch der Hamelner Oberbürgermeister Claudio Griese würde sich einen Ansprechpartner bei den Sinti wünschen, um künftig mehr aufeinander zugehen zu können. „Sowohl kommunikativ als auch integrativ besteht bislang eine Schwierigkeit darin, dass die Sinti in Hameln nicht in Form eines Verbandes vertreten sind“, so Griese. Dies könnte sich in absehbarer Zeit ändern, wenn die Überlegungen von Reilo Weiß, Horst Rosenberg und Franz Laubinger, einen Verein zu gründen, fruchten sollten.

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