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Hamelner brauchen keinen Mülltourismus

Rund 150 Millionen Euro hat die Enertec Hameln in den vergangenen sieben Jahren in den Ausbau, die Erneuerung und die Effizienzsteigerung des Kraftwerkstandortes Afferde investiert. Mit Erfolg. 281 000 Tonnen Abfall sind allein im vergangenen Jahr in der Müllverbrennungsanlage ins Feuer gekippt worden. „Ein sehr, sehr guter Wert, denn damit haben wir eine Auslastung von über 90 Prozent erzielt“, sagt Rainer Müller, Geschäftsführer der Enertec Hameln GmbH. Er beziffert die Gesamtkapazität der Verbrennungsanlage mit 300 000 Tonnen. Ein Anteil von 130 000 Tonnen des gesamten Müllaufkommens ist allein über die neue vierte Verbrennungslinie entsorgt worden. Stillgelegt wurde zwischenzeitlich die Verbrennungslinie 2, die nach den bisherigen Enertec-Plänen nach dem Ende der Nutzungsdauer auch nicht ersetzt werden soll.

veröffentlicht am 08.02.2011 um 15:48 Uhr
aktualisiert am 12.01.2017 um 22:09 Uhr

Hans-Joachim-Weiß-Redakteur-Lokales-Hameln-Dewezet

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Hans-Joachim Weiß Reporter zur Autorenseite

Rund 40 Tonnen Unrat werden allein von der Kreisabfallwirtschaft Hameln-Pyrmont pro Jahr durch die Müllverbrennungsanlage in Afferde entsorgt. 100 000 Tonnen kommen aus dem benachbarten Ostwestfalen-Lippe, wie Müller berichtet. „Dort gibt es mehr Abfall als Verbrennungskapazität“, weiß der Geschäftsführer und betont, dass etwa 90 Prozent des Verbrennungsgutes aus einem Umkreis von 100 Kilometern um den Anlagenstandort angeliefert werden. Dazu gehören auch die Landkreise Hannover und Holzminden. Etwa 7000 Tonnen kommen aus anderen Bundesländern nach Hameln. Dazu zählen neben dem Haus-, Gewerbe- und Sperrmüll auch Privatabgaben und die Verbrennung von Altholz.

Der ursprünglich von Gegnern der vierten Verbrennungslinie befürchtete Import von Abfällen aus dem Ausland ist ausgeblieben. „Mülltourismus findet definitiv nicht statt und ist im Moment auch nicht erforderlich“, betont Müller, schickt aber hinterher: „Letztendlich sind wir darauf angewiesen, kaufmännisch zu handeln.“

Doch den möglichen Bau einer fünften Linie, was von der Geländekapazität entlang der Fluthamelstraße möglich wäre, schließt Müller kategorisch aus: „Eher würden wir die stillgelegte Linie 2 modernisieren und wieder ans Netz bringen. Aber das ist ebenfalls derzeit kein Thema.“

Die weltweite Wirtschafts- und Finanzkrise im Jahr 2009 hat auch Enertec zu spüren bekommen – der Gewerbemüll wurde weniger. „Erst im zweiten Quartal 2010 war für uns der Aufschwung spürbar“, sagt Müller. Deshalb werde auch der demografische Wandel die Müllverbrennungsanlage nicht unberührt lassen. „Abfall-Prognosen sagen voraus, dass es bis zum Jahr 2020 einen Rückgang von zehn bis 15 Prozent geben wird. Wir müssen abwarten, ob das eintrifft, denn im Moment haben wir ein recht konstantes Aufkommen“, berichtet der Geschäftsführer. Er vermutet vielmehr, dass sich die Verbrennungskapazität in Deutschland verringern wird. „Viele Müllverbrennungsanlagen sind älter als 30 Jahre und stehen vor der Stilllegung. Ich gehe eher davon aus, dass die Menge konjunkturbedingt steigen wird“, vermutet Müller. Aber auch, wenn sich das Müllaufkommen in Afferde langfristig verringern sollte, werde von Enertec kein Müll aus dem Ausland importiert: „Dann erweitern wir unseren Aktionsradius zum Akquirieren von 100 auf 150 Kilometer“, versichert Rainer Müller und schließt befürchteten Mülltourismus einmal mehr aus: „Die aktuelle Entwicklung der Gesellschaft belegt, dass das mit der hohen Investitionstätigkeit verbundene Bekenntnis zum Standort Hameln eine richtige Entscheidung war und die Enertec heute gut für die anstehenden Aufgaben sowohl im Bereich der Abfallwirtschaft als auch bei der Strom- und Fernwärmeversorgung gerüstet ist.“

Denn bei der thermischen Abfallbehandlung wird die im Müll enthaltene Energie im Wege der Kraft-Wärme-Kopplung zur Erzeugung von Strom und Fernwärme genutzt. Zusammen mit dem in Afferde zusätzlich betriebenen Biomassekessel zur Verwertung von Altholz sind im vergangenen Jahr rund 148 Millionen Kilowattstunden Strom und 244 Millionen Kilowattstunden Fernwärme erzeugt worden.

Das entspricht dem durchschnittlichen Energiebedarf von etwa 33 000 Haushalten an Strom und rund 24 000 Haushalten an Wärme. „Und das auf umweltverträgliche Weise, denn im Vergleich zu einer Erzeugung in konventionellen Kraftwerken beziehungsweise in dezentralen Gasheizungen werden hierdurch etwa 50 000 Tonnen Kohle und rund 30 Kubikmeter Gas eingespart sowie über 75 000 Tonnen klimarelevante CO2-Emissionen vermieden“, erläutert Müller.

Die aus der Müllverbrennung gewonnene Fernwärme bezeichnet der Enertec-Geschäftsführer als wichtigen Standortfaktor. Allerdings sei der Kundenbestand mit 1200 abnehmenden Privathaushalten, Gewerbe- und Industriebetrieben sowie einigen kommunalen Einrichtungen in der Hamelner Kernstadt und in Afferde auch im vergangenen Jahr relativ konstant geblieben. Das liege am bestehenden – 60 Kilometer langen – Netz, das sehr wartungsintensiv sei.

Neue Investitionen müssten sich rechnen. „Wir versuchen ständig, im bestehenden Netz neue Kunden zu akquirieren. Die Grenzen sehe ich eher im Netz als in der Erzeugung“, sagt Müller und fügt hinzu: „Trotzdem können wir uns nicht zufrieden zurücklehnen. Wir müssen sehen, dass wir die Wirtschaftlichkeit unseres Unternehmens erhalten und Renditen auf das eingesetzte Kapital erzielen.“

Dabei verweist der Geschäftsführer nicht ohne Stolz auf einen unabhängigen Preisvergleich, der im vergangenen Oktober seitens der Arbeitsgemeinschaft Fernwärme in Auftrag gegeben wurde und die Enertec auf Platz 20 ausweist. „Von insgesamt 178 verglichenen Fernwärmeversorgern in Deutschland“, wie Müller betont.

Der Enertec-Geschäftsführer sieht nicht zuletzt wegen der umfangreichen Investitionen sein Unternehmen für die Zukunft gut aufgestellt. Rund 100 Personen haben inzwischen bei der Müllverbrennungsanlage in Afferde einen Arbeitsplatz gefunden – Arbeiter, Auszubildende, Techniker, kaufmännische Angestellte und Ingenieure. Rainer Müller: „Die in Afferde getätigten Investitionen sind von besonderer und langfristiger Bedeutung. So wird durch die effektiven Rauchgasreinigungsanlagen gewährleistet, dass die gesetzlich zulässigen Grenzwerte nicht nur eingehalten, sondern sogar noch deutlich unterschritten werden. Dadurch ist auch die vorwiegend aus der Müllverbrennung gewonnene umweltverträgliche Energieform Fernwärme langfristig gesichert.“

Bei der Verbrennung der Abfälle in der Müllverbrennungsanlage Afferde entsteht eine Temperatur von rund tausend Grad Celsius. Doch nur wenig dringt durch den mit einer modernen Rauchgasreinigungsanlage versehenen Schornstein. Mit der durch die Müllverbrennung gewonnenen thermischen Energie wird 400 Grad heißer Dampf mit einem Druck von 40 bar erzeugt. Damit werden Turbinen mit nachgeschalteten Generatoren angetrieben. Die Restenergie des Dampfes wird über Wärmetauscher geführt und zur Fernwärmeerzeugung genutzt. Die Verteilung des Dampfes auf die beiden Nutzungsarten Strom und Fernwärme kann Enertec flexibel steuern. Foto: Wal

Die Enertec Hameln GmbH ist ein Unternehmen mit Tradition im Hamelner Ortsteil Afferde. Seit der Erschließung des Standortes im Jahre 1912 hat sich der Betrieb bis heute zu einem modernen und zukunftsorientierten Kraftwerk entwickelt. Schwerpunkte bilden dabei die Erzeugung von Energie aus Abfall, die Biomasseverstromung sowie die Versorgung von Industrie, öffentlichen Einrichtungen und privaten Haushalten mit Fernwärme.



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