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Benjamin Krämer und Ellada Azoidou sind auf ihrer Weltreise im Inselstaat Indonesien angekommen

Hamelner auf Weltreise: Durch Sumatras wilde Mitte

Der Kontrast könnte nicht größer sein: Vom tosenden Leben Saigons führt Benjamin Krämers Weltreise mit dem Motorrad in einen der letzten großen Regenwälder dieser Welt – nach Sumatra.

veröffentlicht am 22.05.2017 um 09:20 Uhr

Benjamin Krämer und Ellada Azoidou sind mittlerweile im indonesischen Regenwald gewesen – mit ihrem Begleiter Raza Jack und wilden Tieren. Foto: Ellada Azoidou

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Benjamin Krämer (Text) und Ellada Azoidou (Fotos)
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Sumatra ist die Heimat eines der letzten drei großen Regenwälder und damit Teil der Lunge unserer Welt“, heißt es in Leonardo DiCaprios neuer Klimawandel-Doku „Before the Flood“. Da wir uns in Vietnam so nahe an Indonesien befinden wie noch nie, beschließen wir kurzerhand, dorthin zu fliegen. Über das südostasiatische Drehkreuz Kuala Lumpur fliegen wir nach Medan und weiter nach Banda Aceh, in die Hauptstadt der Provinz Aceh, in der eine strenge Form der Scharia gilt.

Noch vor etwas mehr als zehn Jahren befand sich diese streng islamische Region im Bürgerkrieg mit der Zentralregierung in Jakarta. Heute ist von all dem freilich nichts mehr zu sehen. Stattdessen finden sich überall Zeugen und Mahnmale des verheerenden Tsunamis von 2004, der laut Provinzverwaltung über 300 000 Menschenleben allein in Aceh gefordert hat. Brisant: Da der Tsunami inmitten des Bürgerkrieges über die Küste Nordsumatras hinweggefegt war, soll die Zentralregierung in Jakarta absichtlich Hilfslieferungen verzögert haben, um sich der islamistischen Rebellen zu entledigen. Ob das Fakten oder Verschwörungstheorien der Einheimischen sind, lässt sich nicht mit letzter Sicherheit sagen.

Sicher ist für uns jedoch, dass diese Region sehr speziell ist. Zum einen sind da die streng-religiösen Regeln: Kopftuch reicht nicht, es muss ein Tschador sein. Frauen dürfen nicht Roller fahren und als Sozia nur, wenn sie seitwärts auf dem Rücksitz sitzen, mit geschlossenem Rock. Auf der anderen Seite sind die Menschen hier sehr höflich und freundlich und all die Regeln gelten nur für Einheimische, nicht für Touristen – damit können wir leben! Dank der Hilfsbereitschaft einer Ladenbesitzerin in Banda Aceh, die gutes Englisch spricht, finden wir heraus, dass wir mit einem Minibus nach Ketambe, einem winzigen Ort inmitten des Regenwalds, fahren können. Die Fahrt kostet umgerechnet etwa 20 Euro für uns beide und dauert stolze 24 Stunden. Dafür gibt es in Ketambe keine Touristen und stattdessen wilde Orang-Utans – neben Borneo der einzige Ort auf dieser Welt, an dem die Menschenaffen noch wild leben. Die Entscheidung fällt uns also leicht und die Tickets sind schnell gekauft.

Begegnung am ersten Tag: einer der letzten Menschenaffen in freier Wildbahn. Foto: Ellada Azoidou
  • Begegnung am ersten Tag: einer der letzten Menschenaffen in freier Wildbahn. Foto: Ellada Azoidou
Der Tsunami von 2004 ist überall präsent. Foto: Ellada Azoidou
  • Der Tsunami von 2004 ist überall präsent. Foto: Ellada Azoidou

Es fällt dagegen schwer, diese endlose Fahrt über rumpelige Bergpisten und verschlungene Straßen in einem Wort zusammenzufassen. Hölle wäre vielleicht recht treffend. Ja, wenn es in der Hölle öffentlichen Fernverkehr geben würde, sähe er sicherlich ganz ähnlich aus: Ein Minibus mit zehn Sitzen, ohne Anschnallgurte, der mit 16 Personen vollgestopft ist. Davon sind etwa die Hälfte Männer, die indonesientypisch alle rauchen, und zwar Kette. Im Fahrzeug. Genau wie der Fahrer übrigens. Dabei zumindest die Fenster zu öffnen, fällt niemandem ein. Als wäre das nicht genug, dröhnt die vollen 24 Stunden lang laute Techno-Musik aus dicken Boxen im Kofferraum.

In Aceh ist Musik in der Öffentlichkeit verboten – einzige Ausnahme: Autos. Das wird also ausgiebig genutzt. An Schlaf, ein gutes Buch, oder gar eine Unterhaltung ist bei all dem nicht zu denken. Zu allem Überfluss haben wir noch zwei Reifenpannen und müssen im Nieselregen des Dschungels darauf warten, dass der Fahrer einen neuen Reifen aufzieht. An einer Stelle öffnet sich gar die Kofferraumtür bei voller Fahrt und wir müssen eine Frau festhalten, die dort gekauert hatte, weil sie fast auf die Straße gefallen wäre. Wir waren noch nie so glücklich, an ein Ziel gelangt zu sein, wie nach dieser Fahrt. In Ketambe, das aus etwa 20 Hütten und zwei kleinen Gästehäusern besteht, atmen wir erst einmal tief die frische Luft des Regenwaldes ein, der uns auf hohen, sattgrünen Berghängen umgibt.

Noch bevor wir uns Gedanken über einen Guide machen können, treffen wir Raza Jack, einen örtlichen Ranger. Er bietet uns an, ihn für einige Tage in den Dschungel zu begleiten, was wir dankend annehmen. Nach nur einer Nacht im sehr einfachen, aber wunderschön gelegenen Gästehaus brechen Elli und ich also auf, durch die „grüne Wand“. Raza Jack gibt uns noch ein paar „Leech Socks“ (dt. Blutegel-Socken), die bis zu den Knien reichen und dort fest verschnürt werden. Denn bereits auf den ersten Metern krabbelt gleich ein halbes Dutzend der kleinen Blutsauger an unseren Beinen empor.

Damit haben wir gerechnet. Womit wir nicht gerechnet hatten, ist, dass es erstaunlich wenige Moskitos unter dem dichten Blätterdach gibt und der Dschungel auch nicht so laut ist, wie wir dachten. Eine neue Erfahrung war auch der spezielle Geruch, der sich als Mischung aus verrottendem Holz, Kompost und frischem Grünschnitt um die Nase legt. Überhaupt wirkt der Regenwald auf uns wie das Sinnbild des Kreislaufs des Lebens: Sattes, junges Grün, das sich über morsches Holz emporhebt, eingegangene Pflanzen, deren matschige Überreste als Dünger für neue Sprösslinge dienen, die sich kräftig durch das Erdreich recken, um einen Platz an der Sonne zu ergattern. Die Sonne ist allerdings immer weit entfernt, über dem dichten Blätterdach, das die Feuchtigkeit einschließt, die hier allgegenwärtig ist. Bereits nach wenigen Minuten sind wir von oben bis unten durchgeschwitzt und versuchen unseren Puls unter Kontrolle zu bekommen, als keine zwei Meter vor uns ein riesiges Wildschwein unseren Weg kreuzt und wie wahnsinnig und mit lautem Krach davonläuft. Der „Weg“, den wir nehmen, könnte mit viel Fantasie als Trampelpfad durchgehen – meist jedoch streifen wir einfach mitten durch das dichte Unterholz. Raza Jack scheint sich aber tatsächlich gut auszukennen und gesteht uns alle paar hundert Meter eine kurze Pause zu. Spaßeshalber fragen wir ihn, ob es hier den Sumatra-Tiger gebe. „Ja, die Gegend hier um Ketambe ist eines der Hauptverbreitungsgebiete des Sumatra-Tigers“, antwortet Jack und wir fragen uns kurz, ob er uns spaßeshalber Angst einjagen will, weil wir Touristen sind. Doch weit gefehlt: Im weiteren Gespräch stellt sich heraus, dass schon öfter Tiger auch in der Nähe des Dorfes gesehen wurden. Gerade vor zwei Wochen wurde ein Waldarbeiter in der Nähe von einem Tiger getötet. Was wir denn tun sollen, wenn uns eine der Raubkatzen über den Weg laufe, fragen wir. „Weglaufen!“, kommt die Antwort, erneut frei von Ironie oder Schalk. Um unser Unbehagen noch weiter anwachsen zu lassen, eröffnet er uns auch noch, dass er selbst Angst vor den Tigern hat, die hier durch den Dschungel streifen. Besonders, weil sich in der dichten Vegetation auch ein zwei Meter entfernt geparkter Reisebus unbemerkt verstecken könnte.

Mit reichlich Unbehagen streifen wir also durch den Dschungel und haben großes Glück, als der Ranger plötzlich anhält, einen Finger an seine Lippen legt und nach oben deutet: Keine 20 Meter entfernt hängt eine Orang-Utan-Mutter mit ihrem Jungen in den Bäumen und mustert uns. Welch ein Glück! Gleich am ersten Tag sehen wir einen der letzten lebenden Menschenaffen in freier Wildbahn. Wir sind entzückt von dem friedvollen Wesen dieser menschenverwandten Tiere. Ein Blick in ihre dunklen Augen könnte auch ein Blick in menschliche sein. Da Raza Jack in der Nähe eines Flusses unser Nachtlager aufschlagen will, müssen wir jedoch bald weiter, sehen den Rest des Tages nicht mehr viel und verbringen eine Nacht in der Nähe eines Weißwasserflusses. Auf dem Boden wird eine Plastikplane ausgebreitet und über unseren Köpfen eine zweite Plastikplane gespannt. Dann legen wir uns auf den harten Waldboden und nutzen unsere angewinkelten Arme als Kopfkissen. Erholsam ist das nicht, zumal wir nach den Tigergeschichten und unserem vor Schlangen und Raubtieren absolut ungeschützten Schlafplatz kaum ein Auge zubekommen.

Am nächsten Morgen kämpfen wir uns durch die kräftige Strömung des Flusses, um auf der anderen Seite einige heiße Quellen zu besuchen, die ihre Hitze direkt aus dem Vulkan unter uns beziehen. Und dieser Marsch hat es in sich: Wir sehen eine Viper, einen riesigen Nashornvogel, putzige Thomas-Languren, die es ausschließlich in dieser Region gibt, getarnte Frösche und jede Menge Makaken-Affen, die mir zu allem Überfluss auch noch meine Unterwäsche stehlen, die ich zum Trocknen in die Sonne gehängt hatte. Nach diesen zwei Tagen beschließen wir, dass diese Dschungelerfahrung ein tolles Abenteuer war, das wir auf keinen Fall missen möchten – wieder tun werden wir es aber nicht. Die Angst vor gefährlichen Tieren ist hier nicht eingebildet, sondern absolut real und das sollte jedem bewusst sein. Unser nächster Stopp heißt darum: Toba-See, der größte Vulkansee der Welt – ganz ohne Tiger. Doch dazu beim nächsten Mal mehr.

Online: Benjamin Krämer und Ellada Azoidou berichten regelmäßig über ihr Abenteuer Weltreise auf www.horizonride.de, auf dem Dewezet-Blog und auf www.facebook.com/horizonride



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